Übergewicht bei Kindern Gezielte Vorbeugung kann Fettsucht-Welle stoppen

Erst gilt es bloß als Babyspeck, doch irgendwann ist klar: Das Kind ist zu dick. Vorbeugende Programme zielen darauf, dass es gar nicht so weit kommt - denn Übergewicht bei Kindern ist ein immer weiter verbreitetes Problem. Forscher haben jetzt geprüft, was die Projekte taugen.

Mittagessen in der Schule: Gesund oder süß und fettig?
Corbis

Mittagessen in der Schule: Gesund oder süß und fettig?

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Hamburg - Übergewicht ist ein globales Problem. Anderthalb Milliarden Menschen gelten als zu dick, 500 Millionen sogar als fettleibig, zeigte jüngst eine Studie. Der Grundstein fürs spätere Gewicht wird in der Kindheit gelegt. Wer schon in der Grundschule zu viel auf die Waage bringt, hat es später enorm schwer, abzuspecken. Zwar zeigte sich in Deutschland in diesem Jahr der erfreuliche Trend, dass weniger Schulanfänger übergewichtig waren als in den Jahren zuvor - doch der Anteil lag je nach Bundesland dennoch bei rund acht bis zwölf Prozent.

Zahlreiche Projekte zielen darauf ab, dass Kinder sich gesund ernähren und ausreichend bewegen, damit sie ein normales Gewicht halten - denn Übergewicht erhöht das Risiko für so schwerwiegende Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Doch wie erfolgreich sind solche Programme tatsächlich? Um die Frage zu beantworten, haben Wissenschaftler um Elizabeth Waters von der University of Melbourne, Australien, eine Reihe von Studien ausgewertet, an denen insgesamt knapp 28.000 Kinder teilgenommen hatten. Zwar existiere bereits ein sogenannter Cochrane-Bericht zu diesem Thema - doch seit dieser Analyse aus dem Jahr 2005 waren zahlreiche neue Studien erschienen. Die Cochrane Collaboration ist ein von der Industrie unabhängiges Netzwerk von Forschern, die Übersichtsarbeiten zu medizinischen Fragen erstellen. Sie fassen darin den gesicherten Stand des Wissens zusammen, was Ärzten und Patienten bestmögliche Entscheidungen ermöglichen soll.

Auch Untersuchungen aus Deutschland eingeflossen

Die meisten Daten des aktuellen Berichts stammen aus Industrienationen, allen voran aus den USA, aber auch aus Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie Australien und Neuseeland. Analysiert haben die Forscher nur Programme, die mindestens zwölf Wochen dauerten und sich an Kinder und Jugendliche richteten, die nicht zu dick waren - es ging ja um Vorbeugung. Der größere Teil der Projekte zielte darauf, körperliche Aktivität und Ernährungsweise der Kinder zu beeinflussen, einige Programme hatten jedoch nur einen dieser Punkte zum Ziel.

Beispielsweise floss eine am Uniklinikum Leipzig durchgeführte Studie ein: In dieser wurden Familien beraten, deren Kinder im Vorschulalter zwar nicht übergewichtig waren, aber in letzter Zeit deutlich zugenommen hatten. Die Forscher forderten Eltern und Kinder auf, fünf Tage lang ein Esstagebuch zu führen. Anschließend beriet ein Ernährungsberater auf Basis dieser Einträge die Familie - auch der Kinderarzt gab Hinweise, wie sich die Ernährungstipps im Alltag umsetzen lassen.

Die gute Nachricht des neuen Cochrane-Berichts: Die Programme sind sinnvoll. Im Schnitt sank der Body-Mass-Index der Kinder, die an einem Projekt teilnahmen um 0,15 im Vergleich zu dem von Kindern aus einer Kontrollgruppe. Der Body-Mass-Index (BMI) errechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm, geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat.

Die Zahl klingt erst einmal niedrig. Aber daraus ergebe sich eine kleine, aber wichtige Veränderung im BMI der Bevölkerung, wenn dieser Effekt über einige Jahre beibehalten werde, schreiben die Wissenschaftler. Dass es sich um vorbeugende Maßnahmen handelt, die zudem meist kürzer als ein Jahr lang liefen, erklärt zusätzlich, wieso der beobachtete Unterschied eher klein ist.

Allerdings gab es deutliche Unterschiede bei der Erfolgsquote der Studien, was nach Angaben der Forscher schwer zu erklären ist. Es sei daher möglich, dass der Erfolg insgesamt doch bescheidener ausfällt, als sie angeben. Die Wissenschaftler können daher auch nicht mit Sicherheit sagen, welche einzelnen Programminhalte einen positiven Effekt erzielten. Sie nennen jedoch einige Richtlinien, die sie für besonders erfolgversprechend halten:

  • Lehrpläne, in denen Informationen über gesunde Ernährung, Bewegung und das eigene Körperbild auftauchen,
  • mehr Sportunterricht in der Schule,
  • hochwertigeres Schulessen,
  • gezielte Unterstützung für Lehrer und Erzieher, diese Maßnahmen umzusetzen,
  • Hilfe und Information für Eltern, damit diese entsprechende Aktivitäten zu Hause fördern, damit Kinder sich mehr bewegen, gesünder essen und weniger Zeit vorm Fernseher oder Computer verbringen.

Nichtstun verschlimmert die Lage

Die Übersichtsarbeit enthält eine weitere gute Nachricht: Frühe Ernährungsberatung oder Sportprogramme führen laut dem Bericht nicht dazu, dass Kinder das Essen oder ihren Körper als problematisch empfinden - was im Extremfall zu Essstörungen führen könnte. Solche möglichen negativen Konsequenzen wurden in einem Teil der Studien untersucht.

"Inzwischen gibt es überwältigende Beweise, dass gezielte Programme helfen können, die Verbreitung von Übergewicht bei Kindern aufzuhalten", sagt Forscherin Elizabeth Walters. "Wir wissen, dass Nichtstun sehr wahrscheinlich dazu führt, dass Übergewicht und Fettsucht weiter zunehmen."

Im Prinzip ist die Empfehlung der Forscher also banal: Kinder brauchten generell eine Umgebung, die körperliche Aktivität und eine gesunde Ernährung fördert. Das dürfte niemanden überraschen. Die Herausforderung bleibt, dies im Alltag umzusetzen. Elizabeth Waters betont zudem, dass Eltern allein nicht alles lösen können - das größere Umfeld der Kinder sei ebenfalls enorm wichtig.

Dass im Alltag einiges schiefläuft, zeigt eine Studie aus den USA, die Forscher um Eliana Perrin von der University of North Carolina in dieser Woche veröffentlicht haben. Weniger als ein Viertel der Eltern von übergewichtigen Kindern gaben in der Befragung an, dass ihnen ein Arzt gesagt hätte, ihr Sprössling habe ein Gewichtsproblem. "Eltern waren vielleicht eher motiviert, Ernährungstipps zu befolgen, wenn ihnen wirklich klar ist, dass ihre Kinder zu dick sind", sagt Perrin, deren Studie im Fachmagazin "Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine" veröffentlicht wurde.

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