Übergewichtige Eltern Kinder auf dick programmiert

Ob Kinder dick werden oder nicht, kann sich schon im Bauch ihrer Mutter entscheiden - darauf weisen aktuelle Studien hin. Sind die Eltern übergewichtig, prägt ihr Lebensstil demnach den Stoffwechsel des noch ungeborenen Kindes.

Von

Übergewicht bei Kindern: Wie der Stoffwechsel funktioniert, kann von den Eltern vererbt werden
DPA

Übergewicht bei Kindern: Wie der Stoffwechsel funktioniert, kann von den Eltern vererbt werden


Döner, Burger, und noch ein Döner: Viele ihrer Mitschüler können vertilgen, was sie wollen. Sandra nicht. Obwohl sie sich bei Süßigkeiten zurückhält und versucht, kleine Portionen zu essen, wird sie einfach nicht dünner. Ihr Schicksal teilt sie mit einer ganzen Reihe Jugendlicher. Ursache ist vermutlich nicht ihr Verhalten. Forscher Martin Wabitsch glaubt, dass Sandras Stoffwechsel schon vor der Geburt auf dick programmiert wurde - im Bauch ihrer stark übergewichtigen Mutter. Und damit ist er nicht allein.

"Die Kinder und Jugendlichen sind oft nicht die Schuldigen, sondern die Leidtragenden", sagt Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Ulm. Mit seinen Kollegen hat er in der im September 2014 erschienenen Ulmer Kinderstudie rund tausend Kinder in ihren ersten Lebensjahren begleitet und untersucht, wovon das Gewicht in diesem Alter abhängt.

Die Ulmer Kinderstudie
Wabitschs Team hat etwa tausend Kindern aus allen Bevölkerungsschichten einige Jahre begleitet. Alle wurden zwischen November 2000 und November 2001 an der Ulmer Universitätsfrauenklinik geboren. Die Epidemiologen sprechen von einer Geburtskohorte. Nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Mütter und Väter wurden untersucht. Bei 422 der mittlerweile achtjährigen Kindern wurde unter anderem die Nüchterninsulinkonzentration im Blut bestimmt. Kinder von Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes wurden nicht in die Studie mit einbezogen.
"Sowohl die Stilldauer als auch das Bildungsniveau und der Sozialstatus hatten einen gewissen Einfluss. Aber als viel bedeutender und ganz unabhängiger Faktor entpuppte sich das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft", so Wabitsch. Waren die Mütter vor der Schwangerschaft übergewichtig, hatten ihre Kinder häufig bereits im Grundschulalter einen veränderten Zuckerstoffwechsel.

Problematisches Insulin

Ihr Insulinspiegel - das Hormon Insulin sorgt dafür, dass der Körper Zucker aus dem Blut in die Zellen schleusen kann - lag 40 bis 50 Prozent höher als bei Kindern von normalgewichtigen Müttern. Ein Warnzeichen für einen späteren Diabetes-Typ-2, bei dem die Zellen nicht mehr richtig auf Insulin reagieren. Neben dem Gewicht hing auch der Insulinspiegel der Mütter mit dem Zuckerstoffwechsel ihrer Kinder zusammen.

Wurden Kinder schon über die Nabelschnur mit viel Insulin versorgt, war ihr Risiko, später auch selbst und abseits der Mahlzeiten einen hohen Insulinspiegel zu haben, um mehr als das Doppelte erhöht. Zusätzlich lag ihr Body-Mass-Index (BMI) sowohl bei der Geburt als auch mit acht Jahren über dem BMI von Kindern, deren Mütter keinen erhöhten Insulinspiegel hatten. Sie waren also dicker.

"Das Milieu, in dem die Kinder neun Monate lang heranwachsen, spielt für ihre spätere Gesundheit eine wichtige Rolle", sagt Wabitsch. Ist die Mutter übergewichtig, strömen während der Schwangerschaft große Mengen an Kohlenhydraten, Fett, Glukose und Aminosäuren in den Organismus des ungeborenen Kindes.

Verrutschtes Sättigungsgefühl

Die Folge: Die Kinder bilden bereits als Embryos mehr insulinproduzierende Zellen in ihrer Bauchspeicheldrüse, so die Theorie. Außerdem scheint es zu Veränderungen in einem bestimmten Gehirnbereich zu kommen, dem Hypothalamus, wodurch der Körper den Kindern und Jugendlichen ständig signalisiert, dass sie mehr essen müssten, um genügend Energie aufzunehmen.

"Diese Zusammenhänge wurden schon lange vermutet, zumal tierexperimentelle Studien in diese Richtung weisen", sagt Wabitsch. "Unsere Studie konnte nun einen starken Hinweis dafür liefern, dass es auch beim Menschen eine vorgeburtliche Programmierung auf 'dick' gibt." Einen endgültigen Beweis dafür bieten die Ergebnisse allerdings nicht, stellt er klar.

Die Basis für die Programmierung "auf dick" vermutet Wabitsch im Erbgut. Zwar könne die Ernährung der Mutter die Gene des Kindes nicht verändern, so Wabitsch. Sie könne aber beeinflussen, welche für den Stoffwechsel relevanten Gene des Kindes aktiviert werden und welche nicht. Zu solchen sogenannten epigenetischen Veränderungen beim Kind kommt es demnach schon während der Schwangerschaft.

Der Einfluss der Mütter auf die Gene der Kinder
Für die Theorie, dass die Verfassung der Mutter während der Schwangerschaft die Aktivität der Gene ihres Kindes beeinflussen, spricht auch eine kanadische Studie aus dem Jahr 2013. Für ihre Untersuchung analysierte ein Team um Ernährungsforscherin Marie-Claude Vohl von der Universität in Quebec epigentische Marker am Erbgut von 50 Kindern, die von 20 verschiedenen Mütter stammten. Alle Mütter waren fettleibig und hatten in der Studienzeit einen Magen-Bypass erhalten, mit dem sie ihre Ernährung reduzierten und an Gewicht verloren.

Die Kinder, die vor dem Eingriff geboren wurden, waren einer größeren Nahrungsflut ausgesetzt als ihre jüngeren Geschwister, die erst nach dem Bypass geboren wurden. Sie waren später häufiger übergewichtig und hatten einen ungünstig veränderten Stoffwechsel. Zusätzlich unterschieden sich die epigenetischen Markierungen an vielen - auch für den Stoffwechsel relevanten - Genen bei den älteren und jüngeren Geschwistern systematisch.
Gewicht vor dem Kinderwunsch zu normalisieren

Die Kinder selbst können laut Wabitschs Ergebnissen an dieser Programmierung kaum etwas ändern, da die Zahl der insulinproduzierenden Betazellen längst festgelegt ist. "Damit müssen sie auch später als Erwachsene klarkommen", warnt er. Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass durch große Disziplin, familiäre Unterstützung und den entsprechenden Lebensstil ein erhöhtes Risiko für Übergewicht nicht zwangsläufig zu Übergewicht führen muss.

"Es gilt in der Epigenetik, dass grundsätzlich alle Veränderungen - zumindest theoretisch - umkehrbar sind", sagt Johannes Bohacek, Experte auf dem Gebiet der transgenerationellen Epigenetik an der ETH Zürich. Gleichzeitig sei es jedoch möglich, dass Veränderungen in bestimmten Entwicklungsphasen dramatischere Auswirkungen hatten, die schwerer korrigierbar seien.

Wabitsch rät Paaren mit Kinderwunsch dazu, lange vor einer Schwangerschaft ihr Gewicht durch Bewegung und eine abwechslungsreiche Ernährung zu normalisieren. Aber auch während der Schwangerschaft sollte die Gewichtszunahme der Frau nicht zu groß sein. "Stark übergewichtige Frauen sollten nicht mehr als zehn Kilogramm zunehmen", empfiehlt Wabitsch.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jens_78 23.12.2014
1.
Mir stellt sich da eine Frage: Wenn denn die Kinder und Jugendlichen epigenetisch auf Übergewicht "programmiert" sind und - so wie es im Artikel vermittelt wird - nichts für das Übergewicht können und auch an dieser Programmierung größtenteils wenig ändern können sollen ... wie sollen sie dann selber "lange vor einer geplanten Schwangerschaft" ihr eigenes Gewicht normalisieren? Klingt paradox
7eggert 23.12.2014
2.
Nicht nur das. Das Umfeld bestimmt auch, welcher Typ von Bakterienkultur sich in der Verdauung breitmacht, und diese beeinflußt nicht nur durch ihre Effektivität bei der Verdauung die Energiegewinnung, sondern auch durch verhaltensbeeinflussende Botenstoffe die Ernährung. Und als dritten Faktor mache ich die allumfassende Präsentation von Nahrungsmitteln aus. Nicht nur morgens, mittags, abends zu den Mahlzeiten, sondern auch beim Einkaufen, oder abends in der Werbung. Der Mensch ist darauf programmiert, das knappe Essen zu nutzen, wo lange es verfügbar ist und er es sieht, aber das Essen ist nicht knapp, nicht hier. Die Nahrungsmittelindustrie weiß das, und sie nutzt das. Nicht als globale Verschwörung, sondern jeder aus sich heraus. Filmtip: "The Men who made us fat" / "Die Fettmacher"
GrinderFX 23.12.2014
3.
Zitat von Jens_78Mir stellt sich da eine Frage: Wenn denn die Kinder und Jugendlichen epigenetisch auf Übergewicht "programmiert" sind und - so wie es im Artikel vermittelt wird - nichts für das Übergewicht können und auch an dieser Programmierung größtenteils wenig ändern können sollen ... wie sollen sie dann selber "lange vor einer geplanten Schwangerschaft" ihr eigenes Gewicht normalisieren? Klingt paradox
Es gibt immer noch sowas das nennt sich Disziplin.
Axel B. 23.12.2014
4.
---Zitat--- *Der Einfluss der Mütter auf die Gene der Kinder]* Für die Theorie, dass die Verfassung der Mutter während der Schwangerschaft die Aktivität der Gene ihres Kindes beeinflussen, spricht auch eine kanadische Studie aus dem Jahr 2013. Für ihre Untersuchung analysierte ein Team um Ernährungsforscherin Marie-Claude Vohl von der Universität in Quebec epigentische Marker am Erbgut von 50 Kindern, die von 20 verschiedenen Mütter stammten. Alle Mütter waren fettleibig ---Zitatende--- Es wundert mich grundsätzlich schon, dass es überhaupt (schon vor Zeugung) fettleibige Mütter gibt. Denn dann müsste sich ja erst einmal ein Mann finden, der den Zeugungsakt durchführt. Ist der Mann genetisch nicht darauf programmiert, Frauen eines ganz bestimmten Typs (Sanduhr-Form) zu schwängern? ---Zitat--- Wabitsch rät Paaren mit Kinderwunsch dazu, lange vor einer Schwangerschaft ihr Gewicht durch Bewegung und eine abwechslungsreiche Ernährung zu normalisieren ---Zitatende--- Wenn es denn so einfach wäre, durch abwechslungsreiche Ernährung Gewicht zu "normalisieren". Morgens Nutellabrote und Croissants, Mittags Schnitzel mit Sahnesoße und Pommes, Nachmittags Sahne- und Linzertorte, Abends leckere Nudeln mit Käasesoße, vor dem Fernseher dann Erdnüsse und Erdnussflips mit dem ein oder anderen Likör. Bewegung gibt es natürlich auch: Einkaufen gehen, 2 Treppen hochsteigen und ab und zu mal aufstehen, um das Fernsehprogramm zu per Hand zu wechseln, weil die Fernbedienung kaputt ist. Das soll helfen?
7eggert 23.12.2014
5.
Zitat von GrinderFXEs gibt immer noch sowas das nennt sich Disziplin.
Was meinen Sie mit Disziplin? "Einfach" nur weniger essen? Glauben Sie, das würde keiner versuchen? Nein, man braucht eine andere Art von Disziplin. Nämlich einen eingespielten, erlernten Lebenswandel. Und auch das reicht nur, wenn der Körper und das Umfeld mitspielt. Sie können ja mal die nächsten Tage angesichts der Weihnachtsgans bei Ihren Verwandten versuchen, nur eine halbe Portion zu essen - Sie haben gerade Diät. Oder gehen Sie durch eine Einkaufsmeile oder einen Weihnachtsmarkt, ohne an einem Fressalienstand vorbeizukommen. Und schauen Sie Abends einen Film, ohne Conveniece-Food- oder Snack-Werbung zu sehen. Disziplin fordern ist einfach - man braucht nur den Mund aufmachen. Aber dem Nächsten auch diese Disziplin ermöglichen, statt sie ihm oft sogar kaputtzumachen, das ist eine Aufgabe, für die die Meisten selbst nicht die Disziplin aufbringen. Und dann gibt es noch den Körper. Ich habe das Glück, daß mir nur der Waschbrettbauch abhanden kam, als ich mit Sport aufhören mußte. Andere haben Schilddrüsenoperationen gehabt. Das ist wirklich unschön, was dann mit den Leuten passiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.