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Mexikanischer Kinderarzt: "Kuchen geht bei uns als gesund durch"

Ein Interview von

"Einjährige mit krankhafter Fettsucht": Solche Patienten behandelt Salvador Villalpando häufig. Um das Übergewicht in Mexiko zu reduzieren, fordert der Klinikleiter drastische Maßnahmen - alles Süße muss vom Markt.

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Übergewichtiges Kind (Symbolbild): Mexiko auf Platz eins beim Übergewicht weltweit

Zur Person
  • Klaus Ehringfeld
    Salvador Villalpando (44), Kinderarzt und Kinder-Gastroenterologe. Er leitet die "Clinica de Obesidad", die Übergewichtsklinik im Kinderkrankenhaus Federico Gómez in Mexiko-Stadt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Villalpando, wie schwerwiegend ist das Problem von Fettleibigkeit und Zuckerkrankheit in Mexiko?

Villalpando: Die Zahlen sind katastrophal. 70 Prozent der Mexikaner sind dick oder fettleibig, bei Frauen sind es bis zu 80 Prozent. Und bei Diabetes sieht es nicht besser aus. 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind zuckerkrank - international sind es nur zwischen vier bis sechs Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Und die Kinder?

Villalpando: Da ist die Situation besonders alarmierend. Wir behandeln hier Einjährige mit krankhafter Fettsucht. Jedes dritte Kind über fünf Jahren ist dick oder fettleibig. Je älter sie werden, desto dicker sind sie. Alarmierend ist, dass 70 Prozent unserer Patienten Typ-2-Diabetes haben - durch ungesunden Lebenswandel und falsche Ernährung.

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Ernährung in Mexiko: Schweinehaut und Chips
SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass gerade Mexiko Weltspitze bei dieser Volkskrankheit ist?

Villalpando: Zum einen natürlich an der Armut. Je geringer das Einkommen, umso höher das Körpergewicht. Zuckerbrausen und süße Snacks haben traditionelles und gesundes Essen verdrängt. Aber es hat auch mit unserer Geschichte zu tun. Wir hatten bis in die Siebzigerjahre ein massives Problem von Unterernährung. Und daher denken die Eltern und selbst einige Kinderärzte heute noch, dass ein rundes Kind ein gesundes Kind ist. Wir müssen die Gewohnheiten und Überzeugungen von mindestens drei Generationen brechen. Aber auch unsere kulturellen und genetischen Belastungen bedingen die Fettleibigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Villalpando: Zum einen essen wir heute noch wie unsere aztekischen Vorfahren. Die hatten nicht das ganze Jahr über Nahrungsmittel zur Verfügung. Also futterten sie, wenn es etwas gab - bis sie nicht mehr konnten. Und auch unsere spanischen Wurzeln helfen nicht. Die Spanier lieben es, gerade bei Festen ordentlich reinzuhauen. Auch das haben wir übernommen. Und dann noch die Nähe zu den USA, die dazu führt, dass im Leben der Menschen gesüßte Getränke, Instantsuppen und industriell gefertigte Nahrung präsent sind. Und es gilt als chic, sie sich leisten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Aufklärung für die Kinder zum Thema Übergewicht?

Villalpando: Nein, dabei sollte Ernährungskunde mindestens in der Mittelstufe verpflichtend sein. Aber nicht mal an den Unis werden Ernährungswissenschaften angeboten, selbst im Medizinstudium ist es nicht vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Nun greift der Staat regelnd ein, um der Fettsucht Herr zu werden. Verbraucherschützer kritisieren, das Werbeverbot sei zu lax.

Villalpando: Mexiko lässt Werbung für Produkte zu, deren Zuckergehalt dreißig Prozent höher ist, als es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. So ein kleiner süßer Kuchen-Snack für Kinder oder ein Nektar in einem Tetrapak gehen bei uns als gesund durch und dürfen beworben werden. Dabei sind sie voller Zucker und Kalorien.

SPIEGEL ONLINE: Und was bringt die Steuer auf Zuckerbrausen und Snacks aus medizinischer Sicht?

Villalpando: Gute Idee, aber viel zu wenig. Man müsste eigentlich alles Süße oder zumindest die gigantischen Portionen vom Markt nehmen. Hier werden ja Zuckerbrausen in Zwei-Liter-Flaschen verkauft. Und schon eine 600-Milliliter-Flasche von Coca-Cola enthält 14 Löffel Zucker. Es ist ein Unterschied, ob das ein Kind von acht Jahren oder ein Erwachsener zu sich nimmt. Und die Gewinne aus der Gesundheitssteuer sollten zum Beispiel für eine Versorgung mit Trinkwasser für Schulen und öffentliche Einrichtungen verwendet werden. Das passiert aber nicht. Stattdessen machen hier die multinationalen Lebensmittel- und Getränkekonzerne den Reibach, weil sie auch noch Flaschenwasser anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Aber immerhin ist der Verkauf von Junkfood in den Schulen eingeschränkt worden...

Villalpando: Die Packungen sind verkleinert worden. Aber es werden noch immer Süßigkeiten, Chips und Nüsse verkauft. Und nur in den Grundschulen ist der Verkauf von Zuckerbrausen ganz verboten. Der Staat verdient halt zu gut daran, dass die Multis in den Schulen ihre Produkte anbieten dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Mexiko steht trotz aller Verbesserungen vor einer ungesunden Zukunft?

Villalpando: Ich halte folgendes Katastrophenszenario für wahrscheinlich: Wir haben im Jahre 2030 die ersten Fälle von Frühverrentung und Berufsunfähigkeit wegen Fettsucht, Zuckerkrankheit und den Folgeerkrankungen. Sie müssen sich klarmachen, dass die heute 10- bis 15-Jährigen die erste Generation sein werden, deren Lebenserwartung geringer ist als die ihrer Eltern. Der Staat wird erst dann nachhaltig eingreifen, wenn ihm die Kosten über den Kopf wachsen, weil das Gesundheitssystem implodiert.

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1.
kumi-ori 02.01.2015
Leider sind wir hier in Deutschland auch nicht gar so weit von solchen Zuständen entfernt. Einen einzigen wirklichen Vorteil vor den meisten andern Ländern haben wir jedoch: wir haben ausreichend Trinkwasser von höchster Qualität fast flächendeckend und sind nicht auf kommerziellen Zuckerpapp zum Trinken angewiesen. Dieses verdanken wir wohl hautpsächlich den heute überall wüst beschimpften Umweltschützern. Ich bin sicher, der Schlüssel zum Problem Adipositas liegt in den kommerziellen Fertigprodukten. Modifizierte Nährstoffbausteine triggern die Regulation des Metabolismus und können doch nicht abgebaut werden. Das ist wie ein Kühlschrank, der einfriert, wenn man mit dem heißen Fön auf den Temperatursensor hält.
2. Auch Europa ist vom Zuckerüberfluss betroffen
Affenhirn 02.01.2015
Z.B. in Dänemark gibt es einen erheblichen Anteil an Fettleibigkeit. Unsinnigerweise haben die Dänen daraufhin eine Fettsteuer eingeführt, die zum Glück wieder verschwunden ist. Denn die Fettleibigkeit wird nicht durch Fette, sondern durch Zucker ausgelöst. Die Politik traut sich nicht an eine Regulierung der Zuckerindustrie - dafür ist die viel zu groß. Wer mal ins Regal schaut und die Inhaltsstoffe der industriellen Produkte liest, wird feststellen, dass es praktisch keine Produkte ohne Zuckerzusatz gibt. Der Mensch wird auf süß getrimmt. Statt Zucker kommt eben Zuckerersatzstoff zum Einsatz, mit ganz anderen Problemen. Aber ein Leben ohne Zucker scheint für viele nicht vorstellbar. Medizinische Studien, die belegen, dass Rückstände der Glukoseernährung für das Entstehen von Alzheimer verantwortlich sind, dass also z.B. eine ketogene Ernährung Alzheimer vermeiden hilft (und vieles andere auch), werden leider nicht genügend bekannt gemacht.
3. Zucker
hemithea 05.01.2015
Ich weiss nicht, aber hier ist doch auch das gleiche Problem. In vielen Lebensmittel ist Zucker oder Zuckeranaloga drin und in großen Mengen. Wenn ich Cola oder Eistee kaufe, erwarte ich, dass diese Plörre eklig schmeckt. Aber, wenn man Saft kaufen möchte, wurde auch da Zucker hinzugefügt und das in großen Mengen (2./3. aufgelistete Zutat). Wieso eigentlich? Wieso muss man in Apfelmus, Müsli, Konserven so viel Zucker reinmachen? Wurst, Joghurt usw enthalten oft mehrere Sorten Zucker.
4. Wie so oft...
HesaLhaina 05.01.2015
... wird die Geschwindigkeitsbegrenzung erst eingeführt, wenn das dritte Kind überfahren wurde... (im übertragenen Sinne). Langfristige Probleme werden für kurzfristige Vorteile in Kauf genommen - es ist nicht erkennbar, wie viel des "guten alten" Kapitalismus mit in diese unglaublichen Mengen und Portionen an Junkfood/Zuckerzeug aus dem Nachbarland spielt. Bedarf erkannt - Markt überrannt. Und alles, auch wie so oft, auf dem Rücken der Kinder.
5.
Thunder79 05.01.2015
Echt krass, wie sich so etwas liest. Erschreckend zugleich, zumal sich die Fettsäuche gerade in Ländern wie Mexiko nur sehr schwer eindämmen lassen.
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