US-Studie: Leichtes Übergewicht verlängert das Leben
Wer leicht über dem Normalgewicht liegt, lebt länger. Erst deutliches Übergewicht führt zum früheren Tod. Das ergibt eine Studie, für die Daten von fast drei Millionen Menschen ausgewertet wurden. Sie facht den Streit darüber neu an, was eigentlich die Norm für das Gewicht sein sollte.
Mit einer einfachen Formel kann jedermann schnell errechnen, ob das eigene Gewicht noch normal ist: Wer seinen sogenannten Body-Mass-Index, kurz BMI, wissen will, nimmt sein Gewicht in Kilogramm und teilt es durch seine Körpergröße in Metern zum Quadrat. Heraus kommt eine Zahl, die bestenfalls zwischen 20 und 25 liegen sollte, denn da liegt definitionsgemäß die Norm. Darüber beginnt das Übergewicht, jenseits der 30 sagen Mediziner vornehm Adipositas und meinen: Fettsucht.
Doch seit Jahren gibt es ernstzunehmende Kritik am BMI: Er vereinfache zu stark, sagen Kritiker, für Kinder sei er sowieso ungeeignet. Der BMI berücksichtige nicht, dass Fett am Bauch schädlicher sei als an den Oberschenkeln, und überhaupt: Wo geht Übergewicht eigentlich los?
Eine neue Übersichtsarbeit nährt jetzt die Zweifel an dem, was derzeit als Normalgewicht definiert wird. Jahrzehntelang galt als ausgemacht, dass man mit einem Normalgewicht wohl am gesündesten leben sollte. Bereits 2007 rüttelte die US-Epidemiologin Katherine Flegal am Dogma, dass man normalgewichtig am längsten lebt: Ihre Untersuchung von Sterberegistern ergab damals, leicht Übergewichtige hätten ein niedrigeres Risiko an verschiedenen Krankheiten zu sterben.
Länger leben mit einem BMI zwischen 25 und 30
Jetzt legt Flegal nach. In einer neuen Übersichtsarbeit hat sie gemeinsam mit Kollegen 97 Studien mit insgesamt 2,88 Millionen Teilnehmern ausgewertet. Im Ergebnis haben Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 30 ein niedrigeres Risiko, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, als die sogenannten Normalgewichtigen, berichten die Forscher im Fachmagazin "JAMA". Erst ab einem BMI von über 30 steigt das Risiko an. Im Klartext: Ein kleiner Rettungsring verlängert das Leben.
Nach den Studienergebnissen ist das Sterblichkeitsrisiko bei übergewichtigen Menschen (BMI zwischen 25 und 30) sechs Prozent niedriger als bei normalgewichtigen Menschen (BMI zwischen 18,5 und 25), bei leicht Fettleibigen (BMI zwischen 30 und 35) ist es fünf Prozent niedriger. Bei Fettleibigen (BMI über 35) dagegen steigt das Risiko um 29 Prozent an. An den Ergebnissen änderte sich auch nichts, als die Wissenschaftler verzerrende Faktoren wie Rauchen, Krankheiten oder die Art und Weise, wie Körpergewicht und -größe in unterschiedlichen Studien ermittelt wurden, berücksichtigten.
In einer Literaturrecherche fanden die Autoren zunächst 7034 Veröffentlichungen, übrig blieben schließlich 141, in denen über 97 Studien berichtet wurde. Diese 97 Studien schlossen die Autoren in ihren Review ein. Die Daten stammen von insgesamt 2,88 Millionen Menschen, von denen mehr als 270.000 in den untersuchten Studienzeiträumen starben.
- Normalgewicht: von 18,5 bis 25
- Übergewicht: von 25 bis 30
- Fettsucht ersten Grades: von 30 bis 35
- Fettsucht zweiten und dritten Grades: über 35.
Die Abweichungen für das Sterblichkeitsrisiko beziehen sich auf den Wert für die definitionsgemäß Normalgewichtigen. Gegenüber diesen sinkt das Risiko um sechs Prozent für Übergewichtige und steigt um 18 Prozent für alle Fettsuchtgrade zusammengenommen.
Bei der Fettsucht ersten Grades alleine sinkt das Sterblichkeitsrisiko ebenfalls um fünf Prozent, für die Fettsucht zweiten und dritten Grades steigt es allerdings um 29 Prozent an.
Der sogenannte Publication Bias kann ebenfalls eine Rolle spielen: Studien, die keinen oder nur einen geringen Zusammenhang zwischen Übergewicht, Fettsucht und Sterblichkeit entdecken, werden entweder gar nicht veröffentlicht oder präsentieren die Ergebnisse weniger prominent.
Die Autoren haben nur die allgemeine Sterblichkeit betrachtet, ohne Rücksicht auf die Todesursache der verstorbenen Studienteilnehmer. Es spielte auch keine Rolle, wie das Fett im Körper verteilt war. Schließlich haben sie wenig Informationen zum Alter der Teilnehmer ermittelt und die im Review untersuchten Studien decken nicht alle Kontinente und Hautfarben ab.
Werden Dicke einfach nur häufiger untersucht?
Auf der Suche nach einer Erklärung für ihre Ergebnisse mutmaßen die US-Wissenschaftler, Menschen mit einem BMI über 25 würden möglicherweise besser medizinisch betreut - gerade weil sie sich der höheren Krankheitsrisiken Übergewichtiger bewusst seien. Oder das beim Gesunden überflüssige Fett könnte zum Beispiel bei akuten Krankheiten eine wichtige Energiereserve sein, wodurch möglicherweise weniger Patienten sterben würden.
Liegt Ihr Gewicht im normalen Bereich? So hoch ist Ihr Body-Mass-Index
23,3
Zwar decke der Body-Mass-Index etwa zwei Drittel der Unterschiede zwischen dem Körpergewicht verschiedener Menschen ab - doch Faktoren wie Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Fitness flössen überhaupt nicht in den BMI ein. Diese Faktoren spielten aber eine Rolle sowohl für Krankheitsrisiken als auch die Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Zeitraum zu sterben. Und auch die Verteilung des Körperfetts - was für Erkrankungsrisiken wichtig ist - unterscheide sich zwischen Menschen, die für sich denselben BMI errechnen.
Möglicherweise wird es Zeit, einen neuen Standard für das Übergewicht zu suchen. Mit Hilfsmitteln wie dem Hüftumfang, der zusätzlich zum BMI gemessen wird, versuchen Ärzte bereits gegenzusteuern.
Verräterisch ist auch die Entstehungsgeschichte des BMI: Nicht etwa Mediziner oder Epidemiologen entwickelten ihn, sondern ein Statistiker in Diensten der US-Lebensversicherung Metropolitan Life Insurance. Er hatte 1942 einen statistischen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und dem Körpergewicht festgestellt.
Die Versicherung stellte Tabellen für das Idealgewicht auf - später wurde relativ willkürlich festgelegt, dass als übergewichtig gilt, wer ein Fünftel über dem Idealgewicht liegt. Schließlich flossen diese Werte in den neu geschaffenen BMI ein - dessen Stufen die Weltgesundheitsorganisation WHO 1997 noch einmal verschärfte. Obwohl sich das Überleben von Studienteilnehmern an diese Grenzen nicht hält, gilt man bis heute ab einem BMI von 25 als übergewichtig. Möglicherweise ließen sich durch andere Grenzen jedoch deutlich besser zusammenhängende Gruppen beschreiben, für die ähnliche Krankheits- und Sterblichkeitsrisiken definiert werden könnten.
In ihrem Kommentar schließen die Ärzte Heymsfield und Cefalu: Anhand der neuen Studienergebnisse erscheine es fraglich, ob alle als übergewichtig oder leicht fettsüchtig eingestuften Patienten abnehmen sollten - insbesondere bei Menschen mit chronischen Krankheiten sei das unklar.
Mit Material von AFP
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- Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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