Ex-Alkoholiker und Ultraläufer Charlie Engle "Laufen hat mein Leben gerettet"

Charlie Engle war alkohol- und drogenabhängig. Heute ist der 55-Jährige einer der besten Ultraläufer der Welt. Ein Gespräch über Sucht, Komfortzonen und Selbsterkenntnis beim Laufen.

Charlie Engle beim Badwater Ultramarathon (2013)
Getty Images

Charlie Engle beim Badwater Ultramarathon (2013)

Ein Interview von Frank Joung


Zur Person
    Charlie Engle, Jahrgang 1962, ist seit der Dokumentation "Running the Sahara" einer der bekanntesten Ultraläufer der Welt. Seinen Werdegang hat Engle in seinem Buch "Running Man" zusammengefasst.
  • charlieengle.com

SPIEGEL ONLINE: Herr Engle, haben Sie schon mal Strandurlaub gemacht?

Engle: Oh nein. Ich verstehe überhaut nicht, was daran toll sein soll, am Strand herumzuliegen.

SPIEGEL ONLINE: Zur Entspannung vielleicht?

Engle: Ich relaxe auch gern, aber ich verstehe nicht, dass Menschen ihr Leben damit verbringen, alle möglichen Arten von Bequemlichkeiten zu finden. Für mich ist Komfort überbewertet. Niemand hat je etwas gelernt in seiner Komfortzone. Ich gehe lieber ein Risiko ein und erfahre in einem Ultralauf in wenigen Stunden die komplette Gefühlspalette: von total super bis ganz mies.

SPIEGEL ONLINE: Bei ihrem Lauf durch die Sahara vor rund zehn Jahren sind Sie mit zwei Partnern über 111 Tage täglich zwei Marathons gelaufen, insgesamt fast 7000 Kilometer. Das ist nicht nur ein bisschen Risiko, das war extrem.

Engle: Ja, das war es. Viele fanden sogar, es sei eine ausgesprochen dumme Idee. In diesen Monaten bin ich jeden Tag aufgewacht mit dem Gedanken: Es ist unmöglich. Aber wir haben es geschafft, und es hat sich mehr als gelohnt. Wenn alle Gründe dagegen sprechen, und man es trotzdem durchzieht - das sind die Erfahrungen, von denen wir später erzählen. Außerdem ist aus der Aktion für "H20 Africa" von Matt Damon später "Water.org" entstanden, eine Non-Profit Organisation, die weltweit für sauberes Wasser sorgt. Das ist sehr befriedigend. Die besten Storys sind immer über Momente, in denen man zu scheitern droht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie zum Laufen?

Engle: Laufen hat mein Leben gerettet. In meinen Zwanzigern war ich alkohol- und drogenabhängig. Als ich 29 war, kam mein erster Sohn zur Welt, und ich wollte am Leben bleiben. Nach einem Treffen der Anonymen Alkoholiker habe ich mir Laufschuhe angezogen und bin joggen gegangen - danach bin ich drei Jahre lang jeden Tag laufen gewesen. Und dann wollte ich es weiter treiben und schauen, wie weit ich komme: Irgendwas hat mich gereizt, 50, 100, 1000 Kilometer zu laufen. Ich wollte schauen, wie ich mich fühle.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt sind Sie süchtig nach dem Laufen?

Engle: Vielleicht. Der entscheidende Unterschied aber ist: Als Süchtiger habe ich mich vor allem versteckt. Mein Ziel war, keine Gefühle zu spüren. Ich wollte unsichtbar sein. Als Läufer gibt es kein Verstecken. Wenn du hundert Kilometer am Stück läufst, fühlst du alles: gut und schlecht. Wenn ich einen Lauf habe, antizipiere ich den Moment, an dem ich aufhören will. Ich will zu diesem Punkt kommen: leer, nichts mehr übrig - und dann finde ich trotzdem einen Weg weiterzumachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie laufen bewusst in die schmerzhafte Zone - wollen Sie sich für etwas bestrafen?

Engle: Vielleicht will ich den Schmerz spüren und so eine Art Wiedergutmachung betreiben, aber das Faszinierende ist: Ich sammle immer auch neue Erkenntnisse über mich. Erst dachte ich, dass ich meine Suchtanteile ablegen muss. Dann habe ich verstanden, dass es meine Veranlagung ist, die mich zu einem guten Läufer macht.

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SPIEGEL ONLINE: Sie waren 16 Monate unverschuldet in Haft - aber selbst das hat Sie nicht abgehalten vom Laufen.

Engle: Ja. Eines meiner Lieblingsrennen ist der Badwater Ultramarathon im Death Valley in Kalifornien. Da ich nicht mitmachen konnte, entschied ich mich am Tag des Rennens, die Strecke in dem kleinen Gefängnishof zurückzulegen. 540 Runden bin ich gelaufen. Um mich nicht zu verzählen, habe ich nach jeder Runde einen Kieselstein von einem Haufen auf den anderen gelegt: Die anderen dachten, ich sei verrückt. Im Gefängnis ist auch mein Spitzname entstanden - "Running Man".

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen permanent an Ihre körperlichen und mentalen Grenzen - ist das nicht ungesund?

Engle: Ja, manchmal schon, aber gefährlich ist es nicht. Mittlerweile bin ich ein erfahrener Läufer. Ich weiß ungefähr, was ich durchmachen werde. Wenn ich mich schlecht fühle, liegt es meist daran, dass mir Brennstoff fehlt. Dann muss ich essen oder trinken, dann geht's wieder.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr nächstes Ziel?

Engle: Ich will vom Toten Meer zum Gipfel des Mount Everest laufen. Vom niedrigsten zu höchstem Punkt der Erde. Das ist eine gute Metapher für mein Leben. Kein Geld der Welt ersetzt die Erfahrungen, die du machst. Du musst rausgehen und die Welt erleben.

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