US-Studie Dicke Kindergartenkinder werden oft dicke Schulkinder

Sind die Speckröllchen einmal da, verschwinden sie nur schwer wieder. Eine US-Studie zeigt jetzt, dass dies bereits für Fünfjährige gilt. Die Forscher glauben, dass sich das Schicksal, ob jemand übergewichtig wird oder nicht, oft schon sehr früh im Leben entscheidet.

Zuckrige Limonade und ungesunde Snacks: Viele Kinder sind zu dick
Corbis

Zuckrige Limonade und ungesunde Snacks: Viele Kinder sind zu dick


Während dicke Schulkinder, die den Fußball nie bekommen oder beim Gummitwist versagen, oft gehänselt werden, haben übergewichtige Kindergartenkinder oft noch einen Niedlichkeitsbonus: Der kleine Pummel hat noch ein wenig Babyspeck, das verwächst sich schon! Eine Studie aus den USA zeigt jetzt, wie falsch und verharmlosend solche Annahmen häufig sind.

In einer umfassenden Analyse kamen Forscher zum Ergebnis, dass übergewichtige Kindergartenkinder (in den USA handelt es sich dabei um Fünfjährige) ihre Speckrollen oft mit in die Schulzeit tragen. Auch als Teenager sind sie im Vergleich zu ihren Mitschülern, die im Kindergarten normalgewichtig waren, deutlich häufiger viel zu dick, schreiben die Forscher um Solveig Cunningham von der Emory University im "New England Journal of Medicine".

Dass viele Kinder zu viele Kilos auf die Waage bringen, ist ein altbekanntes Problem. In den USA ist rund ein Drittel der US-Kinder übergewichtig oder sogar fettleibig, in Deutschland haben 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen ein zu hohes Gewicht. Trotzdem sei bisher erstaunlich wenig darüber bekannt, in welchem Alter das Dilemma beginne, begründen die Forscher die Motivation zu ihrer Studie.

Für die Untersuchung begleiteten sie 7700 Kinder, die 1998 in USA in den Kindergarten kamen, vom Kindergarten (als Fünfjährige) bis in die achte Klasse (als 14-Jährige). In der Zeit erfassten sie siebenmal die Größe und das Gewicht der Kinder. Als sie in den Kindergarten kamen, waren 12 Prozent fettleibig und 15 Prozent übergewichtig. In der achten Klasse hatten sich 21 Prozent zu fettleibigen Kindern entwickelt (mehr als jedes Fünfte), 17 Prozent waren übergewichtig.

Aus den Daten lässt sich viel über die Entwicklung ablesen:

Welche Kinder wurden übergewichtig? Fast die Hälfte der Kinder, die übergewichtig in den Kindergarten starteten, wurden fettleibige Teenager. Damit hatten Kinder, die schon als Fünfjährige übergewichtig waren, ein vierfach höheres Risiko, sich zu einem viel zu dicken Schüler zu entwickeln, als normalgewichtige Kindergartenkinder (32 Prozent im Vergleich zu acht Prozent).

Wann legten die Kinder so stark zu? Einen Großteil der überschüssigen Pfunde sammelten die Kinder schon sehr früh. Während des Kindergartenjahrs entwickelte jedes 20. Kind, das zu Beginn nicht fettleibig war, starkes Übergewicht. Die größte Gewichtszunahme dokumentierten die Forscher bei den Fünf- bis Achtjährigen. Im Alter von elf bis 14 änderte sich nur noch wenig am Übergewicht.

Wie wirkte sich die soziale Herkunft aus? Kinder reicher Familien litten vergleichsweise selten unter starkem Übergewicht, Kinder armer Familien am häufigsten. Diese Ergebnisse decken sich mit Deutschland, hierzulande haben Kinder aus Familien mit einem niedrigen Sozialstatus laut einer RKI-Studie ebenfalls ein höheres Risiko für Übergewicht und Fettleibigkeit.

Welchen Einfluss hatte das Geburtsgewicht? In allen Altersstufen waren Kinder, die schon bei der Geburt ein hohes Gewicht hatten (vier Kilogramm oder mehr), häufiger übergewichtig als Kinder mit einem normalen oder niedrigen Geburtsgewicht. Rund 36 Prozent der stark übergewichtigen Grundschüler waren große Neugeborene.

Die Ergebnisse sollen dabei helfen, Programme gegen Übergewicht in Zukunft besser auf besonders gefährdete Kinder abzuzielen. "Ein Großteil des Risikos für Übergewicht scheint zum Teil schon sehr früh im Leben festgelegt zu werden", sagt Cunningham. "Wir sind dabei, diesen kritischen Abschnitt immer weiter nach vorne zu verschieben."

Dies bedeute jedoch nicht, dass es in der Schule nicht mehr möglich sei, etwas gegen das Übergewicht zu tun, so Cunningham. Die beste Taktik sei dann jedoch wahrscheinlich, sich auf die übergewichtigen Kinder zu konzentrieren und zu versuchen, sie von Sport, Obst und Gemüse zu begeistern.

"Mit Bewegung und gesunder Ernährung kann man bereits ganz früh im Leben sein Schicksal verändern", glaubt auch Stephen Daniels, der als Kinderarzt an der University of Colorado arbeitet und nicht an der Studie beteiligt war. "Wenn sie einmal da ist, lässt sich die Fettleibigkeit jedoch nur schwer wieder bekämpfen. Deshalb sollten wir wirklich hart daran arbeiten, von Anfang an vorzubeugen."

Trotzdem hat die aktuelle Studie auch Schwächen: Da die Forscher keine Daten zum Gewicht der Kinder zwischen der Geburt und Beginn des Kindergartens hatten, ist unklar, wann die zu Beginn Übergewichtigen ihre überschüssigen Pfunde entwickelten. Daneben beschränkt sich die Untersuchung ausschließlich auf Schüler, die zwischen 1998 und 1999 in den Kindergarten kamen. Genau diese sind allerdings Teil der Generation, in der Übergewicht in den USA zunehmend zum Problem wurde.

irb/AP

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insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
lachina 30.01.2014
1. Wow
Fünfjährige dicke Kindergartenkinder sind, wenn sie mit sechs Jahren eingeschult werden, immer noch dick - wow, ohne diese Studie wäre ich nie drauf gekommen. Ansonsten leider nur das Altbekannte: " Die beste Taktik sei dann jedoch wahrscheinlich, sich auf die übergewichtigen Kinder zu konzentrieren und zu versuchen, sie von Sport, Obst und Gemüse zu begeistern." Auf soziale, genetische, sonstige Faktoren wie beispielsweise den erhöhten Cortisolspiegel wird nicht eingegangen. Und wenn Armut dick macht - wäre es dann nicht besser, die Armut zu bekämpfen, als dicke Kinder zu beschämen und ihnen zu sagen, dass sie so wie sie sind, nicht in Ordnung sind. Damit züchtet man dann die zukünftigen Patienten der Psychotherapeuten ran.
westerwäller 30.01.2014
2. SPON sucht doch immer 'pfiffige' ...
Zitat von sysopCorbisSind die Speckröllchen einmal da, verschwinden sie nur schwer wieder. Eine US-Studie zeigt jetzt, dass dies bereits für Fünfjährige gilt. Die Forscher glauben, dass sich das Schicksal, ob jemand übergewichtig wird oder nicht, oft schon sehr früh im Leben entscheidet. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/us-studie-dicke-kindergartenkinder-werden-dicke-schulkinder-a-946338.html
Überschriften für Examensarbeiten oder Wissenschaftsslang ... Wie wär's damit: "Vor drei Jahren dick, wahrscheinlich immer noch dick"
BettyB. 30.01.2014
3. Waaahnsinn
Die dicken Kinder werden zwischen dem letzten Tag im Kindergarten und dem ersten Schultag nicht plötzlich wieder schlank? Wie das? Wie hat man das festgestellt? Und wie ist das zwischen letzten Schul- und erstem Arbeitstag? Verlieren die da auch nicht plötzlich an Gewicht. Irre, einfach irre! Was Wissenschaftler nicht alles herausfinden!
cassandros 30.01.2014
4. Ran an den Speck
Zitat von lachinaFünfjährige dicke Kindergartenkinder sind, wenn sie mit sechs Jahren eingeschult werden, immer noch dick - wow, ohne diese Studie wäre ich nie drauf gekommen. Ansonsten leider nur das Altbekannte: " Die beste Taktik sei dann jedoch wahrscheinlich, sich auf die übergewichtigen Kinder zu konzentrieren und zu versuchen, sie von Sport, Obst und Gemüse zu begeistern." Auf soziale, genetische, sonstige Faktoren wie beispielsweise den erhöhten Cortisolspiegel wird nicht eingegangen. Und wenn Armut dick macht - wäre es dann nicht besser, die Armut zu bekämpfen, als dicke Kinder zu beschämen und ihnen zu sagen, dass sie so wie sie sind, nicht in Ordnung sind. Damit züchtet man dann die zukünftigen Patienten der Psychotherapeuten ran.
Bewegungsmangel und falsche Ernährung sind keine sozialen Faktoren? Genetische Faktoren spielen hierbei keine Rolle. Wenn man fetten Kindern sagt, daß es in Ordnung ist, daß sie fett sind, züchtet man die zukünftigen Patienten der Internisten "ran".
widower+2 30.01.2014
5. 15 Prozent?
Angeblich haben nur 15 % der 3- bis 17-jährigen In Deutschland ein zu hohes Gewicht? Das halte ich für sehr stark untertrieben. 60 Prozent sind wohl eher realistisch. Vielleicht kommt man wenn man streng nach dem BMI geht und 25 noch als normal betrachtet auf nur 15 %. Sehr oft sind als normalgewichtig geltende Kinder regelrecht schwabbelig. Nach meinen Beobachtungen als langjähriger Fußballjugendtrainer haben vielleicht 25% eine sportliche Figur. Und das ist traurig.
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