Vegan-Koch Attila Hildmann "Zwang hat in der Ernährung nichts zu suchen"

Attila Hildmann ist die populärste Reizfigur, wenn es um vegane Ernährung geht. Der Koch und Bestseller-Autor spricht im Interview über Motivation, Leistungsdruck und Besserwisserei.

Justyna Krzyzanowska

Zur Person
  • Justyna Krzyzanowska
    Attila Klaus Peter Hildmann, Jahrgang 1981, ist einer der erfolgreichsten Kochbuchautoren in Deutschland. Seine veganen Kochbücher haben sich laut Verlag mehr als 1,1 Millionen Mal verkauft.

    Homepage von Attila Hildmann
SPIEGEL ONLINE: Herr Hildmann, Sie haben es sich auf die Fahne geschrieben, Deutschland gesünder zu machen. Warum eigentlich?

Hildmann: Das ist mir aufgrund meiner Familiengeschichte ein persönliches Anliegen. Mein Vater starb am Herzinfarkt. Meiner Meinung nach hätte er nur seine Ernährung für einige Wochen umstellen müssen, aber man hat ihm Beta-Blocker verschrieben und den Brustkorb aufgesägt. Hunderttausende sterben jedes Jahr an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ernährungsbedingten Krankheiten.

SPIEGEL ONLINE: Ist gute Ernährung eine Sache der Bildung?

Hildmann: Es ist nicht so, dass man dafür einen Abschluss braucht. Eigentlich muss man nur den richtigen Wissenschaftlern und Ärzten zuhören und bei Werbung wegschalten. Wenn der Nobelpreisträger Harald zur Hausen den Verdacht äußert, dass rohes Fleisch Darmkrebs begünstigen könnte, sollte sich jeder Gedanken über bewusste Ernährung machen. Es macht sehr wohl einen Unterschied, was wir essen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden von der veganen Szene oft wegen Ihres Leistungsdenkens und Ihrer angeblichen Oberflächlichkeit angegriffen.

Hildmann: Ich bin ein leistungsorientierter Mensch. Ich fahre einen Porsche 911, weil er meiner Meinung nach der beste Sportwagen ist. Ich optimiere meinen Körper und versuche, meinen Kopf zu bilden. Leistung ist für mich wichtig, sie hält mich produktiv. Das ist das Geheimnis meines Erfolges.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Optimierungswahn stresst viele Menschen. Wird Essen immer mehr zur Imagesache?

Hildmann: Ich habe nicht angefangen, vegan zu essen, um zu einer Gruppe zu gehören. Ich weiß auch nicht, ob ich in 20 Jahren wieder ein Schnitzel esse. Ich arbeite hart an meiner Sache und habe zehn Jahre lang nichts verdient. Von der veganen Szene habe ich keine Unterstützung bekommen, nur Gegenwind und Hass-Mails, weil ich nicht ins typische Schema passe.

Dabei haben meine Bücher so viele Menschen für vegane Ernährung begeistert und Millionen von Tieren das Leben gerettet. Dem Tier ist es scheißegal, aus welchem Grund es nicht gegessen wird - ob Fitness- oder Ethikmotive. Ich hab mich früh von der Szene und diesen leidigen Diskussionen über meinen Lebensstil verabschiedet. Meine Zielgruppe ist der Mainstream.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen kein Besserwisser sein, schreiben aber Ratgeberbücher. Sie möchten sich keiner Ideologie unterordnen, aber auf allem, was Sie tun, prangt der Stempel "vegan". Wie passt das zusammen?

Hildmann: Ich sehe das als Hilfestellung, als positiven Anschubser. Ich bin nicht derjenige, der sagt: Du bist zu fett, du musst Veganer werden. Ich sage: Das hier können wir probieren, und wenn du Lust hast, assistiere ich dir dabei. Viel schlimmer als Leistungsdruck ist doch der Leidensdruck, der dadurch zunimmt, dass man jahrelang nichts ändert.

SPIEGEL ONLINE: Viele Veganer sind der Meinung, dass die richtige Ernährung keine reine Privatsache ist.

Hildmann: Das ist Quatsch. Was ich esse, ist meine Privatsache. Ich akzeptiere jede andere Form der Ernährung. Zwang und Fanatismus haben in der Ernährung überhaupt nichts zu suchen. Dieser Gruppendruck und dieser Wettbewerb "Wer ist der bessere Veganer?" - das ist doch Kindergarten.

SPIEGEL ONLINE: Wie begeistern Sie Menschen dafür, sich dauerhaft fleisch- und milchfrei zu ernähren?

Hildmann: Am Anfang steht der Geschmack. Meine Rezepte sind leicht nachzukochen und schmecken. Ein gutes Rezept ist wie Kunst, jeder Künstler malt ein Bild anders. Viele haben sich vorher mit "Gemüsefresserei" nicht identifizieren können. Wenn man leckere Gerichte essen kann, sich wohl dabei fühlt, gleichzeitig was für seine Gesundheit tut, den Tier- und Umweltschutz damit unterstützt und positive Aspekte auf der Waage sieht, motiviert das automatisch zu bewussterem Essverhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft kommt es vor, dass jemand zu Ihnen sagt: Deine Rezepte schmecken mir nicht?

Hildmann: Selten, aber das würde ich auch akzeptieren. Meine Ernährung ist bunt. Genauso bunt können die Meinungen sein. Deutschland würde es guttun, wenn alle bewusster konsumieren und wieder anfangen würden, selbst zu kochen. Erst mal unabhängig davon, ob vegan oder nicht.

Interview: Frank Joung



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 30.01.2015
1. Vegan verbraucht mehr Tiere
Auf Gemüse- und Getreideäckern kommen zigfach mehr sensible Säugetiere um, als auf Viehweiden oder mit Maisanbau zur Ernährung gezüchtet werden. Pro Kalorie hat man vegan einen wesentlich höheren Tierverbrauch, als beispielsweise beim Genuss von Rindfleisch. Auf Protein bezogen und bei Bio wird's noch dramatischer. http://theconversation.com/ordering-the-vegetarian-meal-theres-more-animal-blood-on-your-hands-4659 Außerdem ist rein vegane Ernährung sehr ungesund, wenn man nicht höllisch aufpasst brav seine Pillen schluckt.
joco0708 30.01.2015
2. gefällt mir :)
auch wenn ich selbst nicht vegan lebe. Sich interessieren und zumindest mal reinschnuppern sollte man ja. sonst kann man sich kein objektives Bild machen.
uventrix 30.01.2015
3. Vegan
"Deutschland würde es guttun, wenn alle bewusster konsumieren und wieder anfangen würden, selbst zu kochen. Erst mal unabhängig davon, ob vegan oder nicht." Damit hat der Mann vollkommen recht. Wenn ich mir ansehe was die Leute im Supermarkt alles für einen Sondermüll in ihren Einkaufswagen schaufeln muss man sich über ernährungsbedingte Krankheiten wirklich nicht mehr wundern. Ich selber habe eines der Bücher von Herrn Hildmann. Darin gibt es wirklich leckere Gemüsegerichte. Seine Süßspeisen sind mir allerdings viel zu fettig und die ganzen veganen Ersatzprodukte sind ziemlich teuer!Geschmackssache. Ein Tipp von mir: schöne vegane Gemüserezepte passen wunderbar zu einem guten Stück Fleisch! ;)
spon-facebook-10000637209 30.01.2015
4.
Herr HIldmann, die Aerzte, Pharmaindustrie muss auch was verdienen. Deshalb hat man ihn aufgeschnitten - nicht weil es medizinisch angesagt war. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass Aerzte, die was-weiss-ich wie lange studieren, nicht solch Grundlegendes ueber die Ernaehrung wissen. Natuerlich reicht eine Ernaehrungsumstellung aus. Aber das will 'niemand' weil es kein Geld einbringt. Die Welt ist einfach.
UCL 30.01.2015
5. Sich
Zitat von joco0708auch wenn ich selbst nicht vegan lebe. Sich interessieren und zumindest mal reinschnuppern sollte man ja. sonst kann man sich kein objektives Bild machen.
Dieser Kommentar von joco0708 gefällt mir -- sehr gut. Alles weitere dann, einmal mit den Themata vegetarisch und vegan sich beschäftigend, wird dann ja Jeder selbst sorgsam für sich selbst weiterentwickeln können. 'Komme verdammt gut zurecht, vegetarisch, aber leider noch nicht so vegan, wie wünschenswert. Das Vegane ist für mich Ziel. 'Habe großen Respekt für jeden, der umsichtig vegan konsumiert !
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