Test auf Unverträglichkeiten Plötzlich intolerant

Keine Kirschen, keine Kuhmilch: Mit zum Teil esoterischen Diagnoseverfahren werden Menschen Nahrungsmittelunverträglichkeiten zugesprochen. Wie schnell das geht, zeigt ein Selbstversuch von Susanne Schäfer - diesmal beim Vegatest.

Kirsche am Baum: Nach Testergebnis aufs Obst verzichten?
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Kirsche am Baum: Nach Testergebnis aufs Obst verzichten?


Im Behandlungszimmer der Heilpraktikerin stehen mehrere Geräte, die an den Physikunterricht erinnern: Kästen aus Plastik mit Displays, an den Seiten treten Kabel aus. Vor einem der Kästen stehen zwei Stühle. Ich bin gespannt, was hier mit mir passieren wird.

Bei meinen Selbstversuchen habe ich immer nur unspezifische Beschwerden angegeben - gelegentliche Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme und Müdigkeit - und anschließend die Ärzte und Heilpraktiker machen lassen. Mein persönliches Ergebnis: Sie dichteten mir so viele verschiedene Unverträglichkeiten an, dass ich heute fast nichts mehr essen dürfte.

Nachdem ich von meinen üblichen Beschwerden erzählt habe, beginnt der Vegatest. In der linken Hand halte ich eine Elektrode, die über ein Kabel mit einem der Kästen verbunden ist. Mit einer zweiten Elektrode, ebenfalls an das Gerät angeschlossen, drückt die Heilpraktikerin auf einen Punkt in meiner rechten Handfläche. So werde ein leichter Stromkreislauf durch mich durch errichtet, erklärt die Heilpraktikerin.

Der Vegatest basiert auf der Elektroakupunktur nach Voll. Demnach ist die Stelle in meiner Handfläche ein Akupunkturpunkt und über Meridiane, also Energiebahnen, mit meinen inneren Organen verbunden. Indem man den Widerstand der Haut an diesem Punkt misst, erfährt man der Theorie zufolge etwas über den Zustand der Organe. In dem Gerät sollen Schwingungen gespeichert sein, zum Beispiel von bestimmten Lebensmitteln. Die bringt das Gerät jetzt nach und nach in den Messkreislauf ein.

Auf diese Weise testet die Heilpraktikerin diverse Nahrungsmittel. Auf einer Skala von 0 bis 100 schlägt ein Zeiger aus. Dazu ertönt ein sirenenartiges Geräusch, das immer höher wird, wie nerviges Kinderspielzeug. So spüre das Gerät auf, wo bei mir etwas gestört ist, sagt die Heilpraktikerin: "Das ist reine Physik."

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Bei den meisten Lebensmitteln schlägt der Zeiger offenbar so aus, wie es richtig ist. Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln seien bei mir kein großes Thema, sagt die Heilpraktikerin, bei anderen gebe es da ganz andere Störungen. Trotzdem verlasse ich die Praxis mit drei neuen Unverträglichkeiten: Kuhmilch, Orangen und Kirschen.

Natürlich gibt es echte Allergien und Unverträglichkeiten

Mit passenden, seriösen Tests können Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption und andere Beschwerden diagnostiziert werden. Zusätzlich ist aber ein ganzer Markt mit dubiosen Methoden entstanden, die vermeintliche Unverträglichkeiten diagnostizieren. Für die Untersuchung habe ich 40 Euro gezahlt, andere Anbieter verlangen für Elektroakupunktur bis zu 200 Euro.

Wissenschaftler der University of Southampton berichteten 2001 im "British Medical Journal", wie sie den Vegatest als Diagnosemethode für Allergien auf die Probe gestellt haben. Die Hälfte ihrer 30 Testteilnehmer hatte eine Allergie gegen Staub oder Katzenhaar, die andere Hälfte reagierte nicht auf diese Allergene - das war durch einen seriösen Hauttest belegt. Drei erfahrene Vegatester sollten bestimmen, wer Allergien hat und wer nicht. Doch ihre Treffsicherheit war nicht mehr als zufällig. Die Autoren folgern, das Verfahren sei ungeeignet, jegliche Arten von Hypersensibilität zu erkennen.

Elektrische Tests wie der Vegatest seien "ungeeignet für die allergologische Diagnostik", sagt auch Jörg Kleine-Tebbe, Arzt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie, der die Studienlage zu der Diagnosemethode verfolgt. Die zugrunde liegenden irrationalen Gedankenmodelle, das Versagen in kontrollierten Studien und die fehlende Übereinstimmung mit klinisch gesicherten Diagnosen zeigten, dass der Vegatest und ähnliche Verfahren für die Abklärung von Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen unbrauchbar seien.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft weist ebenfalls darauf hin, dass der Vegatest sich nicht zur Bestimmung einer Unverträglichkeit eignet.

Die Heilpraktikerin reagiert nicht

Mit diesen Einwänden konfrontiere ich die Heilpraktikerin per Mail. Warum sie den Test trotzdem anwendet, möchte ich wissen. Außerdem wundere ich mich darüber, dass ich bei jedem Test ein anderes Ergebnis bekomme. Ein Speicheltest ergab zum Beispiel, dass ich Haushaltszucker nicht vertrage - laut Vegatest habe ich damit keine Probleme. Wie lässt sich das erklären? Sie antwortet mir nicht.

Auch dem Geschäftsführer eines Anbieters von Vegatest-Geräten schicke ich die Kritik der Experten. Warum er die Instrumente trotzdem verkauft, verrät er mir nicht.

Immerhin: Die Heilpraktikerin gab mir am Ende meines Besuchs mit auf den Weg, mein Körper werde seine Abneigung gegen Milch, Orangen und Kirschen irgendwann vergessen. Ich solle eine Weile darauf verzichten und die Lebensmittel dann wieder probieren. Vielleicht bin ich ja bis zur Kirschenzeit kuriert.

Susanne Schäfers Buch "Der Feind in meinem Topf" beschäftigt sich mit dem Thema Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dieser Text ist kein Auszug aus dem Buch, sondern beruht auf einer zusätzlichen Recherche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
aladar_m 27.01.2015
1. Völlig falscher Ansatz
Wenn ich den Beitrag richtig überflogen haben, hat Frau Schäfer keine Probleme und wollte mal gucken, was auf ein paar Allgemeinplätze hin rauskommt. Wer allerdings Probleme hat und vermutet, dass Lebensmittel dahinter stecken, sollte nicht solche Beiträge lesen, sondern lieber zeitweise die üblichen Verdächtigen ausschließen. Je nach Beschwerdegrad mal 8 Wochen Gluten weglassen, danach mal Laktose, dann mal Histamin (in schlimmen Fällen erst mal die drei rauslassen). Es ist dabei egal, was Ärzte oder Heilpraktiker diagnostizieren, der Körper sagt schon selber Bescheid. Wenn Frau Schäfer zu den Glücklichen gehört, die mit allem klarkommen, ist es schön für sie. Wer weiß, dass er was nicht verträgt, merkt gewöhnlich erst hinterher, wie mies es ihm tatsächlich ging und will es nie wieder haben.
ruhepuls 27.01.2015
2. Glaube an die Unfehlbarkeit von Diagnosen...
Es gibt leider einen weit verbreiteten Glauben an die Unfehlbarkeit diagnostischer Methoden. Nicht nur bei "esoterischen" Methoden kommt es zu eigenartigen Widersprüchen, auch konventionelle sind keineswegs so eindeutig oder gar fehlerfrei. Ein Prick-Test (Hauttest) in mehreren Wochen Abstand bringt auch nicht immer die gleichen Ergebnisse (nur überprüft das selten jemand...) Allergien (und noch mehr Unverträglichkeiten) können sich verändern, vermindern oder verstärken. Manchmal treten neue auf - und alte verschwinden manchmal von selbst. Leider neigen wir alle dazu eine Diagnose als Etikett zu akzeptieren - und dann nicht mehr zu hinterfragen.
wollexxxx 27.01.2015
3. Äpfel mit Birnen
Und wieder einmal werden hier, wie so häufig bei der Bewertung alternativer Heilmethoden Äpfel mit Birnen verglichen. Beim Vegatest handelt es sich um eine bioelektrische Methode, die eine bioelektrische Belastung des Körpers misst. Das hat mit echten Allergien überhaupt nichts zu tun. Der Fehler der gemacht wird ist rein sprachlicher Natur. Der Test wird als "Allergietest" vermittelt, was er eben nicht ist. Und trotzdem kann eine Meidung bioelektrischer Belastungen dem Körper helfen, gesund zu werden. Bioelektrische Belastungen sind viel variabler, gerade was Nahrungsmittelunverträglichkeiten angeht, daher findet man auch so häufig wechselnde Messergebnisse. Der Vegatest ist nicht schlecht - muss aber immer im Kontext und natürlich nur innerhalb des ihm eigenen medizinischen Denksystems bewertet werden. Bewerten Sie doch in Zukunft bitte lediglich die Unterschiede zweier Versuchsgruppen. Die eine lässt sich konsequent nur rein schulmedizinisch betreuen und die andere Gruppe konsequent alternativmedizinisch. Vergleichen sie dann bitte beide Gruppen nach mindestens 10 Jahren in bezug auf die allgemeine gesundheitliche Entwicklung. (Das Einzige Problem dieser Untersuchung wäre die fehlende Doppelverblindung - was aber selbstverständlich genau dieses Wissenschaftsparadigma endlich mal zur Diskusson bringen würde) Dann werden sie zu einer vernünftigen Aussage betreffend alternativer Methoden kommen. Alles andere, so wie z.B. auch dieser Artikel ist reine Polemik.Nicht mehr und nicht weniger.
Tobsen666 27.01.2015
4. Bioelektrische Belastungen
Zitat von wollexxxxUnd wieder einmal werden hier, wie so häufig bei der Bewertung alternativer Heilmethoden Äpfel mit Birnen verglichen. Beim Vegatest handelt es sich um eine bioelektrische Methode, die eine bioelektrische Belastung des Körpers misst. Das hat mit echten Allergien überhaupt nichts zu tun. Der Fehler der gemacht wird ist rein sprachlicher Natur. Der Test wird als "Allergietest" vermittelt, was er eben nicht ist. Und trotzdem kann eine Meidung bioelektrischer Belastungen dem Körper helfen, gesund zu werden. Bioelektrische Belastungen sind viel variabler, gerade was Nahrungsmittelunverträglichkeiten angeht, daher findet man auch so häufig wechselnde Messergebnisse. Der Vegatest ist nicht schlecht - muss aber immer im Kontext und natürlich nur innerhalb des ihm eigenen medizinischen Denksystems bewertet werden. Bewerten Sie doch in Zukunft bitte lediglich die Unterschiede zweier Versuchsgruppen. Die eine lässt sich konsequent nur rein schulmedizinisch betreuen und die andere Gruppe konsequent alternativmedizinisch. Vergleichen sie dann bitte beide Gruppen nach mindestens 10 Jahren in bezug auf die allgemeine gesundheitliche Entwicklung. (Das Einzige Problem dieser Untersuchung wäre die fehlende Doppelverblindung - was aber selbstverständlich genau dieses Wissenschaftsparadigma endlich mal zur Diskusson bringen würde) Dann werden sie zu einer vernünftigen Aussage betreffend alternativer Methoden kommen. Alles andere, so wie z.B. auch dieser Artikel ist reine Polemik.Nicht mehr und nicht weniger.
Da Sie hier so sicher und versiert über bioelektrische Belastungen sprechen hätte ich ein paar Fragen, da ich hierzu absolut keine Vorstellungen habe. Wie werden diese denn gemessen und in welcher Einheit ausgedrückt? Wie kann man sich eine solche Belastung denn vorstellen? Wie spürt man das, bzw. wie wird man davon beeinträchtigt? Danke für Ihre Antworten
JaguarCat 27.01.2015
5. Esoterik
Wer keine wirklichen Sorgen hat, weil er/sie dank Unterhalt (vom Ex, Hartz IV, Invalidenrente etc. pp. - gibt da viele Möglichkeiten) ein gesichertes Auskommen hat, der/die redet sich in der Folge oft genug Sorgen ein. Und dann ist doch gut, wenn der "Vegatest" tatsächlich ein Problem erkennt. Das kann man dann kurieren, und man hat wieder was zu tun. Als Hypochonder hingegen zum echten Arzt zu gehen, der einem dann sagt, dass man nichts hat, ist echter Frust. Klar, noch schlimmer ist der Fall, dass man mit einem echten Leiden zum Arzt geht und von diesem zum Hypochonder abgestempelt wird. Aber auch hier tun die zahlreichen Heilpraktiker ihr gutes - senken sie doch die Hypochonder-Quote bei den echten Ärzten. Fazit:Bitte die Bevölkerung aufklären, aber auf keinen Fall verbieten!
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