Fleischfreie Tage: Vegetarier missionieren Deutschlands Fleischesser

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Deutsche Vegetarier-Initiativen fordern einen komplett fleischfreien Tag pro Woche, die Grünen schließen sich der Bewegung an. Manche Firmen verordnen ihren Kantinen bereits solche Veggie-Tage. Gut gemeint, sagen Ernährungswissenschaftler - aber wenig zielführend.

Gemeinsames Essen: Fast überall gibt es jeden Tag Fleisch Zur Großansicht
dapd

Gemeinsames Essen: Fast überall gibt es jeden Tag Fleisch

Pferdefleisch in der Lasagne? Für Vegetarier kein Problem - wer grundsätzlich kein Fleisch isst, muss sich keine Sorgen über falsch deklarierte tierische Produkte machen. Doch dabei soll es nicht bleiben, denn Deutschlands Vegetarier gehen in die Offensive: Überall im Land werden Appelle laut, einen fleischfreien Tag pro Woche einzuführen.

Die Initiative "Donnerstag ist Veggie-Tag" zum Beispiel ruft die Deutschen auf, an eben diesem Wochentag komplett auf Fleisch und Fleischprodukte zu verzichten. Rund 30 Städte, darunter Bremen und Magdeburg, unterstützen bereits das Projekt. Die Grünen rufen sogar auf Bundesebene dazu auf, im ganzen Land einen Veggie-Tag einzuführen. Die Idee dahinter: das Klima schonen, ein Zeichen gegen Massentierhaltung setzen, die Gesundheit der Deutschen fördern.

Keine Frage: Die Deutschen sollten weniger Fleisch essen. Wer zu viel davon isst, erhöht unter anderem sein Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten. "Zur Prävention von ernährungsmitbedingten Erkrankungen ist daher eine Reduzierung des Verzehrs an Fleisch, Fleischerzeugnissen und Wurstwaren zu empfehlen", sagt Christina Zimmermann von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

So bietet die Versicherungskammer Bayern in München jeden Donnerstag nur Vegetarisches an, bei Puma gibt es in den Kantinen in Herzogenaurach und Ho-Tschi-minh-Stadt montags ausschließlich fleischfreie Gerichte (Fisch ist aber erlaubt). Der Sportartikelhersteller hat sich den "Meat Free Monday" zum Vorbild genommen, eine Kampagne von Paul McCartney und seinen Töchtern. Puma geht es um einen Beitrag zum Klimaschutz, der Versicherungskammer sowohl um Klima als auch um die Gesundheit der Mitarbeiter.

Das Verhalten von Menschen lässt sich nur schwer berechnen

Theoretisch macht das Konzept Sinn: Männer essen jede Woche im Schnitt mehr als ein Kilogramm Fleisch und Wurst, Frauen knapp 600 Gramm, wie die Nationale Verzehrsstudie II zeigte. Die DGE empfiehlt den Verzehr von 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche. Die Realität ist vom Idealzustand also gerade bei Männern ziemlich weit entfernt.

Geht man davon aus, dass jeder an jedem Tag gleich viel Fleisch isst, würde ein Veggie-Tag den Fleischverzehr um ein Siebtel reduzieren. Die Durchschnittsfrau, die jetzt an der oberen Grenze des empfohlenen Verzehrs liegt, würde so in den grünen Bereich rücken. Der Durchschnittsmann, nun ja, würde es immerhin vom alarmroten in den hellroten Bereich schaffen.

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Veggie-Donnerstag

Würden Sie die Einführung eines bundesweiten fleischfreien Tages, an dem in öffentlichen Einrichtungen und Kantinen gänzlich auf Fleisch verzichtet wird, begrüßen?

Das Problem: Viele mögen das Prinzip Verzicht nicht - und Verbote schon gar nicht. Die Reaktion ist Trotz. "Sicherlich gibt es aus ernährungsphysiologischer Sicht gute Gründe dafür, einen solchen Tag durchzuführen", sagt Zimmermann. "Es besteht aber die Möglichkeit, dass sich die Menschen bevormundet fühlen."

Wenn das passiert, reagieren Menschen leicht mit Ablehnung. Das belegt eine Studie von Ayelet Fishbach, Professorin für Verhaltensforschung und Marketing an der University of Chicago. Fishbach und ihre Kollegen gaben zwei Gruppen von Probanden identische Müsliriegel zu essen. Der einen Gruppe beschrieben sie den Snack als einen Gesundheitsriegel, der anderen als Schokoriegel. Einige Versuchspersonen durften selbst aussuchen, ob sie den gesunden oder lieber den schokoladigen probieren wollten, die anderen bekamen einen zugeteilt. Diejenigen, die den angeblich gesunden Riegel essen mussten, klagten hinterher mehr über Hunger als die Mitglieder der anderen Gruppe. Diesen Effekt gab es dagegen nicht bei denen, die freiwillig den gesunden Riegel gewählt hatten.

Bevormundung stößt auf Ablehnung

Übertragen auf den erzwungenen Fleischverzicht am Arbeitsplatz könnte das bedeuten: Wer das gesündere Essen vorgesetzt bekommt, gleicht den Verzicht an den nächsten Tagen womöglich mit einer Extraportion Fleisch wieder aus. Zwar hat die Versicherungskammer Bayern zwar offenbar kein Problem damit: "Wir haben genau diese Frage untersucht und festgestellt, dass dieser Effekt definitiv nicht eingetreten ist", sagt Thomas Bundschuh von der Kammer. "Somit sparen wir an jedem Veggie-Tag rund 250 Kilogramm Fleisch". Aber ob die Mitarbeiter den Veggie-Tag abends mit einem Stück Schweinebauch ausklingen lassen, weiß die Firma nicht.

Zudem stoße der fleischfreie Tag mitunter auf Ablehnung, erzählt Bundschuh. "Einige Mitarbeiter sagen uns, dass sie sich nicht bevormunden lassen. Andere, dass sie auf Fleisch einfach nicht verzichten möchten." So besteht das Risiko, dass die Angestellten am fleischfreien Tag gar nicht erst in die Kantine gehen. "Derzeit kommen am Veggie-Tag rund fünf Prozent weniger Mitarbeiter in die Kantine."

Die umliegende Gastronomie hat sich auf den fleischfreien Donnerstag bei der Versicherungskammer eingestellt - mit besonders fleischlastigen Gerichten auf der Karte. Auch Puma beobachtete anfangs Ablehnung: "Zu Beginn der Initiative 2009 besuchten montags rund 20 Prozent weniger Mitarbeiter die firmeneigene Kantine im Vergleich zu anderen Wochentagen", sagt Unternehmenssprecherin Kerstin Neuber. "Aktuell gibt es jedoch keinen Unterschied mehr."

Um Trotzreaktionen von vornherein zu vermeiden, setzt Christina Zimmermann von der DGE eher darauf, Mitarbeiter zum freiwilligen Verzicht zu animieren. Die DGE empfiehlt Betrieben, den Gästen in der Kantine die Wahl zu lassen. Täglich sollten vegetarische Gerichte im Angebot sein, durch Information solle den Mitarbeitern die gesunde Alternative schmackhaft gemacht werden. "Die letzte Entscheidung liegt aber immer beim eigenverantwortlich handelnden Tischgast."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 576 Beiträge
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1.
boeseHelene 28.02.2013
Zitat von sysopdapdDeutsche Vegetarier-Initiativen fordern einen komplett fleischfreien Tag pro Woche, die Grünen schließen sich der Bewegung an. Manche Firmen verordnen ihren Kantinen bereits solche Veggie-Tage. Gut gemeint, sagen Ernährungswissenschaftler - aber riskant. Vegetarier fordern einen fleischfreien Tag pro Woche - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/vegetarier-fordern-einen-fleischfreien-tag-pro-woche-a-884786.html)
dann sollte ich werten Missionare mal einladen bei meinem Freund und mir gibt es heute Rumpsteak. Zum Arbeitsplatz wenn es in der Kantine eben kein Fleisch geht holt man sich halt einen Döner oder geht woanders essen, ich finde es schon sehr befremdlich wie weit diese Nanny Mentalität inzwischen geht. Damit hilft man weder den Vegetariern noch den Veganern akzeptiert zu werden im Gegenteil, sie werden eher gemieden und gelten ganz schnell als nervige Gesundheitsapostel die man meiden muss. Ansonsten noch ein Link Vegetarismus als Weltrettung? - Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. (http://www.euleev.de/video/327-udo-pollmer-rettet-der-vegetarismus-unseren-planeten)
2. Wenn ich...
KnoKo 28.02.2013
...nur "Die Grünen fordern..." lese, dann setzt in mir eine automatische Abwehrreaktion ein. Dieser Verein hat ein dermaßen übersteigertes Sendungsbewußtsein alle Menschen auf ihre Linie zu bringen, dass es mich an die schlimmsten Zeiten der deutschen Geschichte erinnert.
3. Warum nicht der fleischfreie Freitag....
glass88 28.02.2013
... oh ja, ich vergaß, das kommt ja aus dem Christentum, bzw. von der Kriche. Kann folglich nicht gut sein, liebe Frau Schäfer, oder?
4. Die haben ein Problem mit den Einheiten
Fricklerzzz 28.02.2013
300 - 600 Gramm Fleisch pro Tag muss da stehen
5.
sexobjekt 28.02.2013
Zitat von sysopdapdDeutsche Vegetarier-Initiativen fordern einen komplett fleischfreien Tag pro Woche, die Grünen schließen sich der Bewegung an. Manche Firmen verordnen ihren Kantinen bereits solche Veggie-Tage. Gut gemeint, sagen Ernährungswissenschaftler - aber riskant. Vegetarier fordern einen fleischfreien Tag pro Woche - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/vegetarier-fordern-einen-fleischfreien-tag-pro-woche-a-884786.html)
ich fordere einen gender-öko-vegetarierer-nichtraucher-Political correctness freien Tag um dann wenigstens einmal pro Woche das Leben genießene zu dürfen.
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    Susanne Schäfer schreibt über Körper, Geist und Gesellschaft. Sie war auf der Deutschen Journalistenschule in München und lebt in Hamburg. Sie findet, dass die Wissenschaft helfen kann, die Fragen des Alltags und des Lebens zu klären.

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