Fleischlose Ernährung: Vegetarier erleiden weniger Herzinfarkte
Bei Vegetariern sinkt das Risiko um ein Drittel, an den Herzgefäßen zu erkranken. Das ist das Ergebnis einer aktuellen britischen Studie. Doch nach wie vor wissen Forscher nicht: Liegt es tatsächlich am Fleischverzicht - oder leben Vegetarier einfach insgesamt gesünder?
Die richtige, gesunde Ernährungsweise ist für viele Menschen eine Glaubensfrage: Fleischreich, Fleischarm, fleischlos, ohne tierische Fette oder gar nur bestimmte Pflanzenbestandteile, Energie überwiegend aus Kohlenhydraten oder lieber reich an Fetten und vor allem Proteinen? Die jeweiligen Anhänger streiten leidenschaftlich. Alle Glaubensrichtungen argumentieren mit wissenschaftlichen Studien, manche von zweifelhafter Qualität. Den Schlüssel zu der einen, umfassend gesunden Ernährung hat noch niemand gefunden.
Eine neue Studie liefert jetzt Argumente, die für eine vegetarische Ernährungsweise sprechen: Denn bei Vegetariern, so das Ergebnis einer Analyse der großen europäischen Ernährungsstudie Epic (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), sinkt das Risiko deutlich, an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße zu leiden oder daran zu sterben.
Wie die Forschergruppe um Francesca Crowe von der University of Oxford im "American Journal of Clinical Nutrition" berichtet, war das Risiko für ein herzbedingtes Engegefühl in der Brust (Angina pectoris) oder einen Herzinfarkt um etwa ein Drittel (32 Prozent) bei jenen Studienteilnehmern niedriger, die sich mehrheitlich über einen langen Zeitraum fleischlos ernährten.
Weniger Cholesterin, niedrigerer Bluthochdruck
Die britischen Wissenschaftler analysierten die Daten von mehr als 44.000 Männern und Frauen, die zwischen 1993 und 1999 einen Ernährungsfragebogen für die Epic-Studie ausgefüllt hatten. Der Anteil der Vegetarier unter den Studienteilnehmern war mit einem Drittel (34 Prozent) hoch. Anhand der Identifikationsnummern im britischen Gesundheitssystem konnten die Forscher das Schicksal der Menschen verfolgen. Bis 2009 wurden mehr als tausend von ihnen wegen Herzbeschwerden in einer Klinik behandelt, 169 starben nach einem Herzinfarkt.
Beim Vergleich der Studienteilnehmer zeigte sich: Die Vegetarier hatten nicht nur einen niedrigeren Body-Mass-Index (BMI), der das Körpergewicht zur Körpergröße ins Verhältnis setzt, sondern auch niedrigere Cholesterinwerte und niedrigere Blutdruckwerte. Auch wenn die Forscher möglicherweise verzerrende Faktoren wie Geschlecht, Alter, BMI, Rauchen oder andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten einrechneten, blieb der statistische Gesundheitsvorteil der Vegetarier erhalten.
Zu Studienbeginn füllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu 130 verschiedenen Lebensmitteln aus, der danach fragte, wie häufig und in welcher Menge sie in den vorausgegangenen 12 Monaten welches Lebensmittel zu sich genommen hatten.
Als Vegetarier gilt in der Studie, wer weder Fisch noch Fleisch isst.
Zu Studienbeginn gaben die Teilnehmer Körpergewicht und -größe an, woraus der Body-Mass-Index berechnet wurde. Außerdem fragten die Forscher nach Rauchverhalten, Schulbildung, Wohlstand, körperlicher Aktivität, bei Frauen nach hormonellen Verhütungsmitteln und Krankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes.
Als ischämische Herzkrankheit galten verschiedene Diagnosen wie zum Beispiel Angina pectoris (Brustschmerzen) und Herzinfarkt. Ein Teil der Studienteilnehmer gab zu Studienbeginn auch Blutproben und einen einmal gemessenen Blutdruckwert ab. Aus der Blutprobe ermittelten die Forscher unter anderem Cholesterinwerte.
Fünf Jahre nach Studienbeginn wurden die Teilnehmer erneut mit einem Fragebogen zu ihrem Ernährungsverhalten befragt.
34 Prozent der Teilnehmer waren zu Studienbeginn Vegetarier, 85 Prozent von diesen 34 Prozent waren es auch fünf Jahre später noch. 76 Prozent der Vegetarier waren Frauen. Die Vegetarier waren durchschnittlich jünger als Nichtvegetarier, tranken weniger Alkohol und hatten einen niedrigeren BMI. Das allgemeine Risiko für eine ischämische Herzkrankheit war bei allen Studienteilnehmern niedrig.
Die Vegetarier unter den Studienteilnehmern erschienen auch bei den Probanden, die Blutproben und Blutdruckwerte abgegeben hatten, gesünder als Fleisch essende Teilnehmer: sie waren jünger, hatten einen niedrigeren BMI, tranken weniger Alkohol, rauchten seltener.
Die Cholesterinwerte der Vegetarier waren niedriger als die der Fleischesser. Die Werte der für das Herzkrankheitenrisiko ebenfalls wichtigen Apolipoproteine waren zwischen den Gruppen dagegen nicht statistisch auffallend unterschiedlich. Der Blutdruck der sich fleischlos ernährenden Teilnehmer war niedriger als der der Fleischesser.
Die Vegetarier hatten verglichen mit Fleischessern ein um 32 Prozent niedrigeres Risiko für eine ischämische Herzkrankheit. Der Wert wurde um verzerrende Faktoren wie Alter, Rauchverhalten, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität, Bildungsstand und sozioökonimischen Status sowie bei Frauen die Einnahme hormoneller Medikamente bereinigt. Das Gesamtrisiko für eine ischämische Herzkrankheit im Alter zwischen 50 und 70 Jahren lag bei Vegetariern bei 4,6 Prozent, bei Fleischessern dagegen bei 6,8 Prozent.
Auch wenn die Wissenschaftler den BMI berücksichtigten, blieb der Gesundheitsvorteil der Vegetarier erhalten: Das Herzkrankheitsrisiko reduzierte sich immer noch um 28 Prozent.
Fragebögen, die von Studienteilnehmern selbst ausgefüllt werden, sind fehleranfällig. Es ist in der Ernährungswissenschaft seit langem bekannt, dass Teilnehmer die Fragebögen nicht immer wahrheitsgemäß ausfüllen. Die Forscher versuchen, das bei der statistischen Analyse zu berücksichtigen, doch die Methode hat Grenzen.
Die Daten wurden in Großbritannien erhoben, ob sie ohne weiteres auf Deutschland und zum Beispiel das allgemeine Verhalten deutscher Vegetarier im Vergleich zu britischen Vegetariern übertragen werden können, ist unklar.
Das Ernährungsverhalten der Studienteilnehmer wurde nur zu zwei Zeitpunkten abgefragt: Einmal zu Studienbeginn und dann fünf Jahre später.
Die Wissenschaftler fragten einmal zu Studienbeginn, ob und seit wann die Teilnehmer Fleisch aßen: Zwei Drittel der Vegetarier ernährten sich bereits mehr als fünf Jahre lang fleischlos. "Fünf Jahre nach Studienbeginn haben die Teilnehmer wieder einen Fragebogen bekommen. Ungefähr 85 Prozent waren nach wie vor Vegetarier", sagt Crowe.
Welche Rolle spielt der Lebensstil?
Anhand von Blutproben und Blutdruckwerten, die ein Teil der untersuchten Personen abgegeben hatte, konnten die Wissenschaftler auch analysieren, ob sich das Ernährungsverhalten der Studienteilnehmer in Cholesterin und Blutdruck niederschlug. Tatsächlich hatten die Vegetarier bessere Werte. So konnten die Wissenschaftler berechnen, wie sehr sich die niedrigeren Cholesterin- und Blutdruckwerte auf das theoretische Risiko für Herzkrankheiten auswirken müssten: Nach Ergebnissen anderer Studien wäre ein Effekt von etwa 24 Prozent zu erwarten gewesen. Der Wert liegt im Fehlerbereich des in der Epic-Studie tatsächlich beobachteten Effekts eines um 32 Prozent niedrigeren Risikos. Das ist ein Hinweis darauf, dass tatsächlich die Ernährung der entscheidende Faktor für den Gesundheitsvorteil der Vegetarier sein könnte.
Eine Frage können allerdings auch die britischen Forscher mit ihren Daten nicht beantworten: Liegt das niedrigere Risiko der Vegetarier tatsächlich am vollständigen Fleischverzicht - oder geht es viel allgemeiner um einen gesunden Ernährungs- und Lebensstil?
"Wir wissen nicht, ob der letzte Schritt, der Verzicht auf das Fleisch, eine entscheidende Rolle spielt", sagt Heiner Boeing, der am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Potsdam für den deutschen Teil der Epic-Studie zuständig ist. "Die vegetarische Ernährung kommt der empfohlenen pflanzenbetonten Ernährungsweise sehr nahe. Aber man kann die Ergebnisse nicht darauf verkürzen, dass es um das Weglassen des Fleischs alleine geht."
Francesca Crowe und ihre Kollegen versuchten, den Lebensstil der Menschen bei ihrer Datenanalyse zu berücksichtigen. Doch das Verfahren stößt an Grenzen. "Der Lebensstil ist einer der am schwierigsten zu messenden Parameter", erklärt sie. "Es ist sehr schwierig, die Effekte der vegetarischen Ernährung vom vegetarischen Lebensstil zu trennen."
Crowe hofft auf weitere Erkenntnisse aus noch nicht analysierten Daten: Die Forscher können in der Epic-Studie auch zwischen Menschen unterscheiden, die viel oder wenig oder kein Fleisch, dafür aber Fisch essen. Diese Daten will Crowe als nächstes auswerten.
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- Donnerstag, 31.01.2013 – 17:28 Uhr
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- Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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