Achilles' Verse: Oh Leberwurst, ab jetzt ohne dich

Die Leberwurst gehört für Achim Achilles' dazu. Doch für die Zeit von Aschermittwoch bis Ostern gelobt er, vegetarisch zu fasten. Nicht aus religiösen Gründen, sondern als Test, ob man als Freizeitsportler auch ohne Fleisch durchs Leben kommt.

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Julia Schweinberger

Achilles ohne Fleisch: Eier und Milch erlaubt er sich, einmal wöchentlich Fisch

Liebe Leberwurst,

es war schön mit Dir. Wir hatten ein paar wirklich gute Jahre. Dein warmer Teint hat mich immer angemacht. Sanft hast Du Dich auf meine Stulle geschmiegt, Dein Hausmacher-Style hat unser Miteinander so herrlich unkompliziert gemacht. Doch jetzt legen wir mal eine Pause ein, nicht für immer, nicht aus religiösen Gründen, sondern einfach mal bis Ostern, um zu gucken, wie wichtig wir uns wirklich sind. Gibt es ein Leben ohne Fleisch? Werde ich jede Nacht an Dich denken? Oder sind wir uns egal?

Ja, ich gestehe, der gesellschaftliche Druck spielt auch mit. Die Nachbarn gucken schon komisch, wenn sie Deine Verpackung im Müll finden. Deinen großen Bruder, das Steak, kann ich nur noch im Schutz der Dunkelheit nach Hause tragen. Auf der Straße muhen die Menschen manchmal anklagend, wenn ich eine Tüte vom Metzger trage. Stimmt, ich will schon mal üben für den Tag, da Fleischesser zur Suchtberatung müssen. Früher gab es die Volksdroge Methadon, dann Ritalin für alle und künftig das Brutzelgeräusch von Bratwürsten auf den Kopfhörer, zur Entwöhnung. Ja, mir fällt der Gedanke an Pommes ohne etwas dazu schwer. Grünzeug bedeutete mir stets Deko fürs Gewissen. Außerdem fürchte ich, dass die Pestizid-Rückstände auf Obst und Gemüse allemal giftiger sind als Trichinen oder Salmonellen oder was sonst noch alles an der Schweinebacke klebt.

Ja, liebe Wurst, ich weiß, was Du denkst: Ich stehe nicht zu Dir, in guten wie in vegetarischen Zeiten. Stimmt. Du bist eben doch nicht so toll wie Deine fotoromantisch aufgerüschte Verpackung verspricht. Ich habe außerdem "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer gelesen, jedenfalls die drei Seiten, bis mir schlecht war. Und komischerweise erinnere ich mich immer mal wieder an die Fotoreportage, die ich als Journalistenschüler in einer Schlachterei machen durfte. Diese feuchtwarme Blutluft bleibt lange im Gedächtnis. Stimmt es eigentlich, dass auf US-Schlachthöfen die Kadaver mit Salzsäure abgespritzt werden, um all die resistenten Keime fortzuspülen, die auf den künftigen Steaks lagern?

Mir ist einfach nur schlecht

Wurstilein, damit mal eines klar ist: Hier läuft keine Sektennummer. Mir ist neuerdings einfach nur schlecht, manchmal. Nein, ich finde Kichererbsen nicht komisch. Essensgespräche sind anstrengend und Vegetarier wie Waldorfschüler - immer ein sicherer Lacher. Veganer machen mir Angst, gegen den militanten Tofu-Block ist Opus Dei ein Swingerclub. Ich werde auch niemals ein Buch von Barbara Rütting lesen oder stundenlang durch die Stadt geigen auf der Suche nach der letzten Zucchini, die einen Brandenburger Vornamen trägt. Hunde werde ich auch weiterhin sanft treten, sobald sie meiner Wade zu nahe kommen. Ich habe null Ahnung vom Gemüseleben und fürchte mich vor Überbananisierung.

Nein, liebe Wurst, es geht hier nicht um ein politisches Statement, sondern schlicht um ein persönliches kleines Experiment für Körper und Geist. Ich will wissen: Was passiert mit mir? Muss man ein Paralleluniversum betreten? Wie reagiert der Magen, die Geldbörse, die Bekanntschaft? Gibt es ein Leben ohne den schnellen Stütz-Burger für zwischendurch? Werde ich an Übervitaminisierung sterben, also dem Gegenteil des Skorbuts? Wird es jene Leistungsexplosion geben, auf die ich seit über zehn Jahren vergeblich warte? Oder geschieht fast gar nichts - wovon ich ausgehe?

Mediziner raten, mit ein paar Pillen nachzusteuern, Eisen, Selen, Kalzium und B12. Ich versuche es erst mal ohne. Eier und Milch werde ich allerdings weiterhin konsumieren und als Joker einmal Fisch die Woche. Jajaja, ich weiß, liebe Hardcore-Honks, das gilt nicht. Mir egal. Ich mache die Regeln, okay? Weitergrasen!

Heute Abend könnte ich mich beim Drive-in noch mal mit achtstöckigen Hamburgern vollstopfen. Ich könnte es aber auch lassen. Ab Aschermittwoch habe ich dann den Salat.

7 Wochen ohne. Achim Achilles wird Vegetarier und verzichtet ab Aschermittwoch auf Fleisch. Zum Blog.

Achilles Live: Mehr lustige Ernährungstipps gibt Achim Achilles persönlich bei seiner Lesung am Samstag, 16. Februar, 20 Uhr, im BKA-Theater in Berlin .

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Sehr gut
kaffee-junkie 12.02.2013
Finde ich gut, mache ich seit Jahren auch genau so. Ebenso nicht auch religiösen oder Tierschutz Gründen. Ich finde es bemerkenswert wie selbstverständlich einige Sachen im Alltag geworden sind. Darunter z.B. auch Fleisch. Eine Zeit lang gezielt darauf zu verzichten zeigt einem erst wie sehr es so ist. Nach der Fastenzeit fällt mir besonders auf, wie sehr man sich dann auch wiedre über die vermeintlich "einfachen" Gerichte freuen kann. Zu Anfang denkt man noch an das dicke Steak womit das Ende der Fastenzeit eingeläutet wird aber zum Schluss hat man viel mehr Lust auf eine gute Bolognese. Ich halte es zusätzlich auch noch so mit Süßspeisen und Alkohol. Aber da soll jeder machen wie er will. Das Ergebnis ist immer ähnlich.
2. keine Angst
lc2010 12.02.2013
Es wird Ihnen nichts fehlen, objektiv zumindest. Ihre Blutwerte bleiben stabil, vorausgesetzt Sie ernähren sich ausgewogen. Den Rat von Medizinern können Sie dann getrost vergessen, denken Sie an 30 Millionen Inder. Ich selbst ernähre mich seit über 30 Jahren vegetarisch und habe immer Sport betrieben, aber vielleicht lag es am isotonischen Gerstensaft, auch vegetarisch.
3. Ps
lc2010 12.02.2013
Schinken essen ist besser als Schinken denken
4. Ich finde es schon komisch
supersmith 12.02.2013
wie wichtig es Menschen ist zu betonen, dass Sie irgend etwas nicht aus religiösen Motiven tun - gerade beim Fasten hört und liest man das oft. Blos nicht als Christ wahrgenommen zu werden scheint heute sehr wichtig zu sein. Da kann man die Bischöfe schon verstehen, wenn Sie von Katholikenphobie sprechen...
5.
agua 12.02.2013
Ein lustiger Artikel gewuerzt mit Ironie.Aber eine fleischlose Zeit auszuprobieren hat noch keinem geschadet,um dann anschliessend das richtige Gleichgewicht in seiner Ernaehrung zu finden.Bezogen auf US Schlachthoefe habe ich ein altes Buch herausgekramt mit dem Titel:Der Dschungel von Upton Sinclair.Der Autor arbeitete 1905 fuer einige Wochen in den Schlachthoefen Chicagos.Seine gewonnenen Erfahrungen spiegeln sich in diesem Roman wieder.Sinclair wollte auch auf die schlechten Arbeitsbedingungen Aufmerksam machen und kam zu dem Schluss,als nach der Veroeffentlichung des Buches in Europa der Fleischverbrauch zurueckging:"Ich zielte auf das Herz der Menschen,aber ich traf sie nur in den Bauch"
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.