Vibrationstraining: Zittern, bis das Fett schmilzt

Von

Power Plate: Rütteln für mehr Muskeln und weniger Fett Fotos
Almut von Pusch

Dieses Fitnessgerät scheint wie für Faulpelze gemacht: Beim Training auf vibrierenden Platten sollen Pfunde schmelzen, Dellen in der Haut verschwinden und Muskeln gestählt werden. Marcus Schenkenberg bietet sich per Video als Coach an. Wie gut ist Power Plate wirklich?

In die Knie, Po raus, Bauch rein, Schultern nach hinten. Das hier ist kein normales Bauch-Beine-Po-Programm. Der Untergrund zittert, auf einer Leinwand turnt Model Marcus Schenkenberg, während der echte Kerl neben mir steht und meine Übung korrigiert. Schon nach wenigen Sekunden auf der sogenannten Power Plate spüre ich ein ordentliches Ziehen in den Oberschenkeln.

Der Hersteller der vibrierenden Platte verspricht Großes: Das Training auf dem Gerät helfe etwa bei der Gewichtsreduktion, stärke den Rücken und unterstütze das "Bodyforming", wie es auf der Website heißt. Auch gegen Cellulite soll die Platte vorgehen, und das alles durch nur zehn Minuten Training am Stück. Was ist dran an den Versprechen?

Das Prinzip des Vibrationstrainings ist simpel: "Gegen das Rütteln wehrt sich der Körper mit den Muskeln", erklärt Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln. Doch schnell steht fest: Auch die Power Plate oder andere Vibrationstrainer, wie Galileo oder XSAM, zaubern die gute Figur nicht herbei. Sich einfach kräftig durchrütteln lassen und nach zehn Minuten schlank und durchtrainiert wieder absteigen, klappt leider nicht.

Stattdessen gilt es, den Körper auf dem Gerät kontrolliert zu bewegen. Dreißig Sekunden lang, dann eine halbe Minute Pause und nochmal von vorn, anschließend die nächste Übung. Das ist schweißtreibend, hat dafür aber einen Effekt: "Ich habe das Training entdeckt, als ich in einem Hotel war", erzählt Marcus Schenkenberg. "Eigentlich wollte ich mich nur aufwärmen, aber die Übungen auf der Platte waren so anstrengend, dass ich das Training nach zehn Minuten beendet habe."

Stabile Muskeln für einen gesunden Körper

Froböse erklärt, warum: "Vibrationstraining hat den Vorteil, dass es auch die unwillkürliche Muskulatur in der Körpertiefe anspricht." Der Durchschnittsmensch könne nur etwa 60 Prozent seiner Muskeln bewusst steuern, die anderen würden durch die Vibration in das Training einbezogen. Das gibt Muskelkater an Stellen, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sich dort Muskeln befinden. Einer Studie zufolge kann das Gerüttel tatsächlich langfristig beim Abnehmen helfen. "Der Grund dafür ist klar", sagt Froböse. "Viele Muskeln verbrauchen auch viel Energie, nicht nur während des Trainings."

Für entscheidend hält der Sportwissenschaftler aber etwas anderes: Das Training stabilisiert das Skelett. "Wir alle, auch die Wissenschaft, haben Muskeln lange unterschätzt." 640 von ihnen ziehen sich durch den ganzen Körper. Allein 140 stabilisieren den Rücken. "Die Muskeln innen an der Wirbelsäule etwa halten Wirbel in der richtigen Position", erklärt Froböse. Sie zu trainieren, schütze vor Bandscheibenvorfällen und Rückenschmerzen.

Heute weiß man auch, dass Muskulatur und Gehirn eng verknüpft sind: "Stress macht sich etwa in Verspannungen bemerkbar", sagt Froböse. Muskeltraining kann auch vor ernsthaften Krankheiten schützen, denn in Bewegung schütten die Muskelzellen sogenannte Myokine aus. Diese hormonähnlichen Botenstoffe sollen vor Diabetes Typ II schützen sowie Herz-Kreislauf-System, Fettstoffwechsel, Gehirn und Gefäßwände positiv beeinflussen.

Wo ein Nutzen, da auch ein Risiko

Froböse warnt aber vor zu viel Euphorie: Anfängern rät er sogar vom Training auf der Power Plate ab. "Sind die Muskeln zu schwach, federn sie die Vibrationskräfte nicht ab." Dann können Knorpel oder sogar innere Organe Schaden nehmen. Couchpotatos sollten daher zuerst mit Übungen wie Kniebeugen auf ruhigem Untergrund beginnen. "Man darf die Vibration lediglich leicht verspüren", sagt Froböse. "Kontrolle durch einen Fachmann ist gerade zu Beginn wichtig."

Vergangene Woche hat Marcus Schenkenberg deshalb in Hamburg das Power Plate Cyber Training vorgestellt: Fitnessstudios streamen sich einen Film auf eine Leinwand im Studio, in dem das Topmodel Übungen etwa für Bauch, Beine, Rücken, Arme und Po vormacht, während ein Trainer vor Ort kontrolliert, dass die Teilnehmer alle Aufgaben richtig ausführen.

Nicht geeignet ist das Vibrationstraining, um die Ausdauer zu verbessern. "Man sollte die Methode lediglich als Ergänzung zum normalen Sportprogramm betrachten", rät Froböse. Und auch eine andere große Hoffnung muss der Experte zerschlagen: "Cellulite ist zu 60 bis 80 Prozent genetisch bedingt. Das Training strafft zwar das Gewebe und kann verhindern, dass sich die Dellen weiter ausbreiten", so der Sportwissenschaftler. "Weg bekommt man sie aber auch mit Vibrationstraining nicht."

Neu kostet eine Power Plate ab 3000 Euro aufwärts. Entsprechend bieten Fitnessstudios das Training meist nur gegen einen satten Aufpreis zum Monatsbeitrag an. Froböse rät in dem Fall in der Gruppe zu trainieren, um Geld zu sparen. Wer sowieso wenig Sport macht, kann seinem Körper aber auch schon mit kräftigenden Übungen im Sportverein etwas Gutes tun.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness
RSS
alles zum Thema Trainingsmethoden
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: