Vitamin-D-Tabletten Wie sinnvoll sind Ergänzungsmittel?

Zur Vorbeugung gegen Diabetes, Depression oder sogar Krebs: Das "Sonnenvitamin" D wurde lange als Wundermittel gepriesen. Eine Fachärztin warnt vor überzogenen Erwartungen.

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Ein Interview von Lea Wolz


SPIEGEL ONLINE: Frau Mühlhauser, beim Einkaufen habe ich den "Plus Sonnenvitamin D"-Saft entdeckt. Auf dem Etikett ist zu lesen: "Für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit". Stimmt das?

Mühlhauser: Ich kenne keine wissenschaftlichen Studien, die das belegen. Ein angeblicher Vitamin-D-Mangel wird immer wieder für alle möglichen Beschwerden ursächlich verantwortlich gemacht - etwa Krebs, Diabetes, Depressionen, Herzinfarkt oder auch Schwächen des Immunsystems. Darüber hinaus wird suggeriert, dass man durch die Gabe von Vitamin D auch Alltagsbeschwerden wie Müdigkeit behandeln könnte.

Aber es gibt bislang weder einen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass eine unzureichende Versorgung die Ursache solcher Beschwerden ist, noch dass man einen Nutzen davon hat, wenn man Vitamin-D-Supplemente einnimmt. Das sind alles Spekulationen und Vermutungen.

SPIEGEL ONLINE: Gerade in den vergangenen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass Vitamin D immens wichtig und eine Unterversorgung häufig ist. Etwa jeder Zweite erreicht nach einer Erhebung des Robert Koch-Instituts keine optimalen Werte. Ist das kein Problem?

Zur Person
  • Felix Faller/ Alinea
    Ingrid Mühlhauser ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie. Sie ist Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg. Im Rowohlt Verlag ist 2017 ihr Buch "Unsinn Vorsorge-Medizin" erschienen.

Mühlhauser: Hier bezieht man sich auf Messwerte und kategorisiert, dass etwas normal ist oder nicht. Aber das reicht nicht, um einen Nutzen und eventuell unerwünschte Wirkungen von solchen Zusätzen beurteilen zu können. Ich brauche gute Interventionsstudien, um feststellen zu können, dass die zusätzliche Gabe von Vitamin D sinnvoll ist: Ich muss also einer Gruppe Menschen Supplemente in einer bestimmten Dosis geben und einer anderen nicht - und dann vergleichen, was passiert.

Wenn ich allein einen Wert im Blut messe, heißt es nicht, dass dieser ursächlich für irgendwelche Beschwerden oder Krankheitszustände ist. Und es bedeutet auch nicht, dass es von Vorteil ist, wenn ich diesen Wert manipuliere.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es solche Untersuchungen nicht?

Mühlhauser: Zum Teil schon. Einige große Untersuchungen sind auch noch nicht abgeschlossen. Was bislang an Ergebnissen vorliegt, ist allerdings enttäuschend. Zum Beispiel wurde immer wieder behauptet, dass sich Krebs durch die Gabe von Vitamin D verhindern ließe. Mittlerweile zeigen die Daten ganz klar, dass das sehr unwahrscheinlich ist.

Auch Schwangeren wurde geraten, Vitamin D einzunehmen. Mittlerweile machen gute Untersuchungen deutlich: Nutzen und Sicherheit sind noch viel zu unklar, um eindeutige Empfehlungen zu geben. Für unspezifische Symptome wie Müdigkeit und ein Leistungstief gibt es gar keine Daten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn belegt?

Mühlhauser: Unser Körper braucht Vitamin D für stabile Knochen. Gebildet wird es über die Haut. Wer über längere Zeit überhaupt keine Sonne sieht, bei dem leidet die Knochengesundheit. Älteren Menschen etwa, die pflegebedürftig sind oder kaum mehr ins Freie kommen, rät man zu Tabletten. Wenn sie Vitamin D zusammen mit Kalzium einnehmen, stürzen sie seltener und ziehen sich auch weniger Knochenbrüche zu.

Vitamin D härtet nicht nur die Knochen, es wirkt sich vermutlich auch positiv auf die Muskelkraft aus. Allerdings muss man da auch aufpassen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Tabletten den gegenteiligen Effekt haben, wenn sie zu hoch dosiert sind: Die Senioren stürzen dann häufiger, das Risiko für Knochenbrüche steigt.

SPIEGEL ONLINE: Routinemäßig wird Vitamin D auch bei Neugeborenen und Säuglingen eingesetzt.

Mühlhauser: Ja, das hat sich etabliert. Vor etwa 150 Jahren ließ sich beobachten: Kinder, die in den dunklen Slums von London aufgewachsen sind, hatten weiche Knochen. Um das zu vermeiden, erhalten Säuglinge im ersten Lebensjahr das Vitamin. Darüber hinaus gibt es einzelne Erkrankungen, wie chronisches Nierenversagen, bei denen die Gabe von Vitamin-D ebenfalls wichtig und sinnvoll sein kann. Aber das sind spezielle Krankheitsbilder. Bei gesunden, jüngeren Menschen und älteren Erwachsenen ab 50 Jahren ist noch nicht einmal der Nutzen von Vitamin-D-Zusätzen für die Knochengesundheit nachgewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Muss ich also keine Bedenken haben, dass ich unterversorgt bin?

Mühlhauser: Gesunde, aktive Menschen müssen sich in der Regel keine Sorgen machen. Wer von März bis Oktober ausreichend Sonne abbekommt und nicht nur drinnen war, hat vorgesorgt und ein Depot für den Winter angelegt.

Der Körper speichert Vitamin D in Fett und Muskeln und von diesen Reserven lässt sich im Winter zehren. Wer dennoch Bedenken hat, dass sein Körper zu wenig des Vitamins zur Verfügung haben könnte, sollte das einmal bei seinem Hausarzt abklären lassen. Und nicht einfach Tabletten auf eigene Faust einnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn der Blutwert ärztlich abgeklärt und nachweislich zu niedrig ist. Was soll ich dann tun?

Mühlhauser: Lediglich für einen schweren Mangel ist ein ursächlicher Zusammenhang zu Erkrankungen wie Rachitis oder Osteomalazie belegt. Ein solcher schwerer Mangel, der zu Knochenerweichungen führen kann, ist allerdings extrem selten. Fachgesellschaften empfehlen, ihn zu behandeln. Üblicherweise ist ein erniedrigter Vitamin-D-Spiegel aber keine Krankheit und muss daher auch nicht behandelt werden.

Ich betone immer wieder: Es geht Ihnen nicht schlecht, weil Ihr Vitaminspiegel zu niedrig ist. Dass manche Menschen sich nach der Gabe von Vitaminen dennoch besser fühlen, ist Ausdruck von Suggestion. Der Effekt wäre auch zu beobachten, wenn man Placebos verabreichen oder andere Rituale anwenden würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie den Rummel um Vitamin D einordnen?

Mühlhauser: Bei Vitaminen folgt ein Hype auf den anderen und natürlich geht es auch darum, die Produkte zu verkaufen. Vor Jahrzehnten drehte sich alles um Vitamin A und seine Vorstufe Beta-Carotin. Als Nahrungsergänzungsmittel sollte es für die Haut und das Immunsystem gut sein. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es schädlich ist, wenn man es supplementiert - und zu große Mengen auf Dauer etwa die Leber schädigen können.

Danach begann der Siegeszug von Vitamin E. Das Antioxidans wurde als Zellschutz und als "Rohrputzer" für die Blutgefäße bejubelt. Es sollte Herzinfarkte verhindern, die kognitiven Funktionen verbessern und Demenz vorbeugen. Auch bei Krebserkrankungen kamen Antioxidantien wie ACE-Vitamine zum Einsatz. Dabei bewirken sie nichts oder schaden schlimmstenfalls sogar mehr, als sie nützen.

In Deutschland leidet in der Regel niemand an einem Vitaminmangel. Wer müde und schlapp ist, ist meist überarbeitet, hat zu viel Stress oder schläft zu wenig. Die Leute sollten sich nicht so viel um ihren Vitamin-D-Spiegel sorgen.

Das Geschäft mit der Pharmawerbung

SPIEGEL ONLINE: Kann ich mir durch die Einnahme der Tabletten schaden?

Mühlhauser: In den gängigen Dosierungen mit etwa 800 Einheiten ist das - nach allem, was man bislang weiß - nicht der Fall. Wer Vitamin D in zu hohen Dosen einnimmt, tut sich keinen Gefallen: Übelkeit und Erbrechen können die Folge sein. Wer es zu lange zu hoch dosiert schluckt, riskiert Nierenleiden wie Nierensteine oder sogar Herzrhythmusstörungen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ich nun den Saft trinke und mich danach fit und wohl fühle?

Mühlhauser: Dann hat der Saft vielleicht Glücksmomente hervorgerufen oder Erinnerungen an schöne Erlebnisse wie den vergangenen Urlaub geweckt. Dann fühlen Sie sich besser. Mit Vitamin D hat das nichts zu tun.

Ab wann besteht ein Vitamin-D-Mangel?
    Vitamin D ist ein fettlösliches Vitamin, das im Körper wie ein Hormon wirkt. Es reguliert den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel und sorgt etwa dafür, dass Kalzium aus der Nahrung aufgenommen werden kann und aus dem Dünndarm ins Blut gelangt. Ein schwerer Mangel kann zur Entkalkung der Knochen führen. Ob der Körper ausreichend mit Vitamin D versorgt ist, lässt sich mit einem Bluttest bestimmen. Die Kosten dafür (20 bis 30 Euro) übernehmen die Krankenkassen in der Regel nur, wenn der begründete Verdacht auf einen schweren Mangel besteht. Mit folgenden Richtwerten lässt sich einschätzen, wie die Vitamin D-Versorgung im Blut ist (Quelle: Robert Koch-Institut/RKI):

  • Schwerer Vitamin-D-Mangel: unter 12,5 Nanomol pro Liter (nmol/l) - Gefahr der Knochenerweichung (Osteomalazie bei Erwachsenen, Rachitis bei Kindern - beides nur noch selten) und Osteoporose

    Moderater Mangel: 12,5 bis unter 25 nmol/l - erhöhtes Risiko für osteoporotische Knochenbrüche (Oberschenkelhalsfrakturen)

    Suboptimale Versorgung: 25 bis unter 50 nmol/l - mögliche negative Auswirkungen auf den Knochenstoffwechsel

    Ein schwerer, behandlungsbedürftiger Mangel ist relativ selten. Laut RKI-Schätzung sind davon etwa 2,2 Prozent der Männer und 1,9 Prozent der Frauen betroffen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sieht einen Wert ab 50 nmol/l als optimal an. Allerdings sind sich Experten hier uneins.
Wie nehmen wir Vitamin D auf?
Über Sonnenlicht
Den größten Teil des Vitamins bildet der Körper mithilfe des Sonnenlichtes (genauer der UVB-Strahlen) über die Haut. Je nach Hauttyp ist die Fähigkeit unterschiedlich gut, auch im Alter lässt sie nach. Im Winter reicht die Sonneneinstrahlung nicht aus, um genügend Vitamin D zu bilden. Allerdings: Wer im Sommer ausreichend Sonne getankt hat, hat vorgesorgt.

Fachgesellschaften haben sich darauf geeinigt, dass es dafür nach derzeitigen Erkenntnissen reicht, Gesicht, Hände und Arme unbedeckt und ohne Sonnenschutz zwei- bis dreimal pro Woche der Sonne auszusetzen - und zwar "die Hälfte der Zeit, in der man sonst ungeschützt einen Sonnenbrand bekommen würde. Je nach Hauttyp und der Intensität der Strahlung sind das einige Minuten. Im Zweifel geht der Sonnenschutz allerdings vor. In der prallen Mittagssonne sollte besser niemand ohne Schutz Vitamin D tanken. "Die Haut bildet auch im Schatten, früh morgens oder abends und selbst bei bedecktem Himmel Vitamin D", schreibt Stiftung Warentest.
Über die Nahrung
Bis zu 20 Prozent des Vitamin-D-Bedarfs lässt sich über die Nahrung decken. Gute Vitamin-D-Lieferanten sind Fettfische wie Hering, Aal, Lachs oder Makrele. Auch in Pilzen, Eier, Butter, Margarine und Milch ist das Vitamin enthalten, wenn auch in geringem Maß.
Über Vitamintabletten?
Bei fehlender körpereigener Bildung ist der DGE zufolge der Schätzwert für die optimale Zufuhr an Vitamin D 20 Mikrogramm (800 I.E.) pro Tag. Allerdings: "Eine generelle Empfehlung für eine Supplementierung zusätzlich zur Ernährung kann derzeit nicht gegeben werden", schreibt das RKI. "Ob und in welcher Höhe eine zusätzliche Einnahme von Vitamin-Tabletten notwendig ist, sollte ärztlich auf der Basis der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse entschieden werden." Zur Vorsicht raten Experten bei Präparaten aus dem Internet: Hier ist die empfohlene Tagesdosis mitunter um ein Vielfaches überschritten.
Weiterführende Informationen
Das RKI beantwortet häufig gestellte Fragen zu Vitamin D.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung hat gemeinsam mit der DGE und dem Max Rubner-Institut ein FAQ zu dem Thema erstellt.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "test" hat sich Stiftung Warentest ebenfalls mit dem Thema Vitamin D beschäftigt ("Das entzauberte Vitamin"). Ausführliche Fragen und Antworten dazu finden sich auf www.test.de.
insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
touri 05.03.2018
1.
Nun dazu kann ich nur sagen, dass meine Chefin über Wochen aussah, als wäre sie kurz vorm Zusammenbruch. Müde, unkonzentriert, gereizt, alles nicht ihre Art. Dann hat ein Arzt einen Vitamin D Mangel festgestellt und ihr ein entsprechendes Präparat verschrieben. Danach ging es wieder deutlich aufwärts.
bertlinx 05.03.2018
2. Trauen würde ich keinem,
weder der Vitamin-Industrie, noch einer Ärztin, die ein Buch mit dem Titel "Unsinn Vorsorge-Medizin" geschrieben hat. Verkaufen wollen wohl beide. Es gibt auf jeden Fall vernünftigere Quellen als diesen Artikel, wenn man erfahren will, wie man sich vernünftig (Zusatz-)ernährt.
ProbeersEinfach 05.03.2018
3.
Wieder etwas Panikmache, zwar sind die fettlöslichen Vitamine (sog. EDEKA) durchaus überdosierbar, aber selbst mit zusätzlichen Vitaminpräparaten muss man es lange und eifrig übertrieben. Die Aussage, dass die Menschen ausreichend mit Vitaminen versorgt sind, stimmt so auch nicht. Alleine schon, weil es den Standardmenschen nicht gibt. Bes. Sportler laufen öfters durchaus mal "leer" Zum Thema Vit D, das ist leider nicht so klar wie es die Fachärztin fesstellt, die Studien haben sich praktisch nur mit homöopatischen Einsatzmengen befasst und die haben natürlich keine Auswirkungen.
UnitedEurope 05.03.2018
4.
Endlich! Ich kann es nicht mehr hören, man bekommt langsam den Eindruck wir würden in einem dritte Welt Land leben, ständig sind wir mit irgendwas unterversorgt. Und wenn ich müde bin, dann sollte ich zu aller erst meinen Schlaf hinterfragen, nicht im Bett noch ins Handy schauen, mehr Sport treiben. Aber ich weiss, hier werden gleich wieder Leute mit Einzelfall Geschichten kommen, wo bei der Tante die Nachbarin deren Dackel aber ein Vitamin D Mängel ursächlich für seine Flöhe waren ...
UnitedEurope 05.03.2018
5.
@bertlinx: ich denke von dem Geld was man für Vitamin-D Präparate das Jahr über ausgibt kann man sich auch eine Woche Urlaub in der Sonne gönnen, davon hat man dann mehr. Und klar will die Ärztin auch ihr Buch verkaufen, aber ich denke als Fachärztin und einem Lehrstuhl ist sie kaum auf die paar Euro angewiesen, während die Pharmaindustrie und die Heilpraktiker Milliarden mit ihren Supplements verdienen.
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