Analyse: Gesundheitsprogramme für Mitarbeiter bringen wenig

Mit Gutscheinen für Sportkurse und hauseigenem Fitnessstudio werben Firmen um Mitarbeiter. Doch eine Analyse im Auftrag des US-Parlaments ergibt jetzt: Die teuren Gesundheitsprogramme nutzen zumindest kurzfristig wenig. Eventuelle Langzeiterfolge sind schwer zu messen.

Gymnastik im Büro: Mitarbeiter profitieren nur selten vom Firmenangebot Zur Großansicht
Corbis

Gymnastik im Büro: Mitarbeiter profitieren nur selten vom Firmenangebot

New York - Die Sportanlagen von Unternehmen aus dem kalifornischen Silicon Valley wie Google, Yahoo oder Microsoft sind legendär: Mitarbeiter können auf dem Firmengelände Volleyball spielen, ihre Muskeln trainieren oder Gesundheitskurse absolvieren. Das alles mit freundlicher Unterstützung und auf Kosten des Arbeitgebers. Auch in Deutschland bietet eine wachsende Zahl von Firmen ihren Arbeitnehmern solche Programme, bis hin zum hauseigenen Fitnessstudio.

Doch die Gesundheitsprogramme für Angestellte laufen einer US-Studie zufolge weitgehend ins Leere. Weder seien die Mitarbeiter deutlich gesünder noch gebe es geringere Ausgaben bei der medizinischen Versorgung, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht des US-Forschungsinstituts Rand Corporation. Für die vom US-Kongress in Auftrag gegebene Studie wurden die Gesundheitsprogramme von etwa 600 Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten sowie die abgerechneten medizinischen Leistungen ausgewertet.

In dem Geschäft mit "Workplace Wellness" werden in den USA inzwischen rund sechs Milliarden Dollar umgesetzt. Etwa 500 Anbieter verkaufen den Firmen solche Vorsorgeprogramme. Mehr als jeder zweite Arbeitgeber mit mehr als 50 Angestellten hat der Rand-Studie zufolge schon entsprechende Projekte aufgelegt, die auch bei der Anwerbung von Mitarbeitern eine Rolle spielen.

Mittlere bis große Unternehmen geben den Rand-Ergebnissen zufolge pro Jahr im Schnitt 521 Dollar pro Mitarbeiter für Gesundheitsprämien aus. Das ist doppelt so viel wie noch vor vier Jahren, wie eine Studie von Fidelity Investments ergab. Darunter fallen etwa Geschenkgutscheine für Mitarbeiter, die Gewicht verlieren.

In der Rand-Studie heißt es unter anderem, die beteiligten Mitarbeiter würden im Schnitt nur ein halbes Kilo Gewicht im Jahr verlieren. Nach drei Jahren sei damit bereits wieder Schluss. Auch eine Senkung des Cholesterinspiegels werde durch eine Teilnahme an betrieblichen Vorsorgeplänen nicht erreicht. Anti-Raucher-Programme haben der Studie zufolge höchstens einen kurzfristigen Effekt.

Für die Firmen scheinen die Programme damit finanziell kaum attraktiv: Die Gesundheitskosten liegen im ersten Jahr pro Monat nur um 2,38 Dollar unter den Ausgaben der übrigen Mitarbeiter. Die Abweichung ist so gering, dass sie statistisch nicht signifikant ist, also auch rein zufällig aufgetreten sein kann und nicht auf das Programm zurück geht.

Der verhinderte Herzinfarkt in 20 Jahren taucht in der Statistik nicht auf

Damit stehen die Ergebnisse der Studie, die dem US-Arbeits- und Gesundheitsministerium seit längerem vorliegt, im Kontrast zur Wahrnehmung in den Firmen. "In den Unternehmen gibt es vom Firmenchef bis hinunter zum einfachen Mitarbeiter die Ansicht, dass die Programme einen Mehrwert haben", sagte Maria Ghazal, Vize-Präsidentin einer Vereinigung von Führungskräften großer Konzerne. Arbeitgeber gingen davon aus, dass sich die Gesundheit ihrer Mitarbeiter verbessere und die medizinischen Kosten sinken oder zumindest gedeckelt würden. Die Ergebnisse der Studie seien daher überraschend.

Andere Untersuchungen bestätigen die Ergebnisse der Rand-Studie. So kamen Wissenschaftler der University of California zu dem Ergebnis, dass die Firmenprogramme nicht zu niedrigeren Blutdrücken oder Cholesterinwerten führen und Mitarbeiter nur selten abnehmen.

Dass die Kosten gleich blieben, könnte allerdings durch gegenläufige Effekte ausgelöst sein, sagen Experten. Wenn bei einem Vorsorgeprogramm etwa Bluthochdruck festgestellt werde, fielen zunächst Kosten für eine Behandlung an. Zugleich erspare der durch den Arbeitgeber angeregte Arztbesuch dem Mitarbeiter aber vielleicht einen Herzinfarkt in 20 Jahren. Das tauche aber in keiner Kostenrechnung auf.

dba/Reuters

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Es geht den Firmen ja nicht nur um die Gesundheitskosten
martinherwartz 29.05.2013
...sondern auch darum, im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter mithalten zu können, corporate identity zu entwickeln und das Image nach außen zu verbessern.
2. Alter Hut
gerald246 29.05.2013
Zitat von sysopMit Gutscheinen für Sportkurse und hauseigenem Fitnessstudio werben Firmen um Mitarbeiter. Doch eine Analyse im Auftrag des US-Parlaments ergibt jetzt: Die teuren Gesundheitsprogramme nutzen zumindest kurzfristig wenig. Eventuelle Langzeiterfolge sind schwer zu messen. Vorsorge: Programme für Mitarbeiter sind nach RAND-Analyse nutzlos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/vorsorge-programme-fuer-mitarbeiter-sind-nach-rand-analyse-nutzlos-a-902373.html)
Das ist doch ein alter Hut. Ernst Heinkel war ein Anhaenger Kneipp's und ein Fan organischer Lebensmitel und hat fuer das Werk Rostock drei Bauernhoefe gekauft von denen die organischen Lebensmittel fuer die Arbeiter und Angestellten kamen. Ausserdem hat er seinen Mitarbeitern Kneipp'sche Wellnessprogramme verordnet, aber wie es in einer Biographie heisst, nicht alle Angestellten 'teilten seinen Enthusiasmus dafuer'. Vorbeugende Gesundheitpflege ist sicher ein sehr wichtiges und heute nicht sehr gut organisiertes Thema, das laesst sich aber innerhalb einer Firma wohl kaum durchdringend einfuehren. Dafuer sind breitere Programme notwendig auf denen dann Firmenprogramme aufbauen koennten.
3.
renee gelduin 29.05.2013
In Studien die auf Eigeneinschätzungen basieren kommt immer wieder heraus für wie fit sich die Menschen doch halten, welch ach so tolle Vorsätze sie doch haben und was sie nicht alles (Gutes) tun würden, wenn man ihnen doch nur die Möglichkeit gäbe... Studien die realistische Zustände objektiv dokumentieren, zeigen genau das gegenteil. Nämlich dass die meisten Menschen alles andere als fit, viele rauchen oder sonstwie abhängig sind und ihre Vorsätze grundsätzlich für den Ar*** sind... Wann kommt endlich die längst überfällige Erkenntnis dass die meisten Menschen Schwätzer vor dem Herrn sind ?
4.
visitor_2007 29.05.2013
---Zitat--- ...Doch die Gesundheitsprogramme für Angestellte laufen einer US-Studie zufolge weitgehend ins Leere. Weder seien die Mitarbeiter deutlich gesünder noch gebe es geringere Ausgaben bei der medizinischen Versorgung, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht des US-Forschungsinstituts Rand Corporation. Für die vom US-Kongress in Auftrag gegebene Studie wurden die Gesundheitsprogramme von etwa 600 Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten sowie die abgerechneten medizinischen Leistungen ausgewertet... ---Zitatende--- Ich würde gern mal die Original-Studie lesen. Wie ist denn der Autor des Artikels an den "unveröffentlichten Bericht" gelangt?
5. Falsche Schlussfolgerung
prefec2 29.05.2013
Es gibt Mitarbeiter, welche an Fitnessprogrammen teilnehmen und welche die dies nicht tun. Es ist schön wenn das Unternehmen dies bezahlt. Würde das Unternehmen dies jedoch nicht bezahlen, würden jene, welche sich sowieso für ihre Fitness interessieren, dies an anderer Stelle selbst tun. Schlussendlich würden damit die Kosten nur vom Unternehmen auf die Mitarbeiter verlagert. Das wiederum führt dazu, dass die Mitarbeiter nach mehr Gehalt verlangen werden. Die Vorteile der betriebsinternen Gesundheitsversorgung sind also eher in der besseren Anbindung an das Unternehmen sowie die Zeitersparnis für den Arbeitnehmer zu sehen. Letztere erhöht auch die Möglichkeit freiwillig Überstunden zu leisten. Sprich man muss das Gesamtsystem betrachten. Da dies mal wieder eine Studie von Rand ist, wundert es mich nicht im Geringsten, dass sie das nicht tun. Das passt schließlich nicht in ihr ideologisches Bild. Und einen holistischen Ansatz haben die noch nie verfolgt.
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