Mäkel-Kinder: Nein, meinen Brokkoli ess' ich nicht!

Von Jan Spielhagen

Sie gehen zum Frühyoga, lernen im Kindergarten Englisch und essen Gurkensalat - aber nur ohne Dill. Der Individualisierungsehrgeiz vieler Eltern verwandelt ihre Kinder in Mäkel-Monster, die man am liebsten zu einem Monat kaltem Spinat verurteilen möchte. Wenn sie ihn nur äßen.

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Corbis

Mädchen beim Essen: Kein Bock auf Grünzeug!

"Ich trinke meine Apfelschorle nur mit stillem Wasser", erklärt die zehnjährige Göre unmissverständlich, während ihr kleiner Bruder akribisch die Petersilie von seinen Kartoffeln pult. Das Teenie-Mädel verzieht ebenfalls das Gesicht angesichts der grünen Spuren und sagt: "Ich ess' das auch nicht." Ebenso übrigens wie Rote Bete, Lachs, Rosenkohl, Gouda, Spargel, Feldsalat, Sauerkraut, Leberwurst, Quark und vieles andere. Die drei sind übrigens meine Kinder, und ich esse alles. Naja fast. Von mir können sie es also nicht haben. Was haben wir nur falsch gemacht?

Alles hatte so gut angefangen. Wie schön waren doch die Zeiten, als meine Frau und ich den Inhalt der wöchentlichen Biokiste zu graugrünem Brei zerschreddert den Kindern in die zahnlosen Münder schoben und verzücktes Lächeln ernteten. Steckrüben, Mangold, Kartoffeln, Rot-, Weiß- und Blumenkohl, Kohlrabi - alles ging problemlos rein. Jeder Happen eine Freude, jede Windel ein Vergnügen. Wie gerne erinnere ich mich an das Frühstück zurück, bei dem unsere damals einjährige Tochter begeistert an einem in Knoblauchöl eingelegten Tintenfischbein zuzelte und mein Hobbykochherz begeistert schneller pochte. Ja, genau solche Kinder wollte ich: neugierig, aufgeschlossen, ausgestattet mit dem Marschgepäck für die Wanderung durch den Garten Eden der Aromen. Und jetzt das!

Aus Obst und Gemüse wurden verhandelbare Einheiten

Mit den Zähnen müssen die Bedenken gekommen sein, die Zurückhaltung, der Kampfeswille. Allerdings ohne dass unsere Bissigkeit in der gleichen Geschwindigkeit mitgewachsen wäre. Die Wenn-Dann-Zeit begann. "Wenn du das Obst nicht isst, gibt's auch keine Süßigkeiten." Oder "Wenn du deinen Kartoffelbrei aufisst, bekommst du hinterher auch ein Eis." Schlechte Idee, falscher Weg. Obst und Gemüse mutierten von Lebensmitteln zu zählbaren Einheiten und waren fortan verhandelbar. Essen wurde zum Tauschgeschäft. Zwei Kiwis statt Wirsing, ein Apfel statt der Erbsen. Basarszenen am Esstisch.

Jetzt haben wir den Salat - allerdings ohne Zwiebeln.

Man muss mit den Kindern auf den Markt gehen, steht in den Erziehungsratgebern, Bauernhöfe besuchen, mit ihnen kochen, sie am Kreislauf aus Produzieren, Kaufen, Zubereiten, Essen und Verdauen beteiligen. Super Plan, er ging nur nicht auf. Die drei kennen heute jeden Verkäufer auf unserem Markt mit Vornamen, sie können Kühe melken, Schalotten von Zwiebeln unterscheiden, ebenso wie Dorade von Wolfsbarsch, und die Älteste hackt die Petersilie inzwischen schneller als ich. Sie isst sie nur nicht. Der Fehler liegt woanders: Wir haben den Kindern die Wahl gelassen.

Die Kinder von heute haben die Wahl. Fast überall und viel zu oft. Besonders in den Großstädten. Kinderyoga oder Krümelfußball? Geige oder Blockflöte? Oma oder Opa? Dreirad oder Roller? Kein Kind soll tun, was nicht zu ihm passt, keines drangsaliert werden. Wir wollen fördern und fordern und vergessen dabei, wer der Chef am Topf ist. Maximale Individualisierung, in Kindergarten und Schule sowieso. Malgruppe oder Bücherecke? Filzen oder Trommeln? Humanistisch-altsprachlich oder bilingual-sportorientiert? Wenn in der Schule nicht mehr gelernt wird, was bei allen auf dem Pult liegt, warum soll zu Hause gegessen werden, was auf den Tisch kommt?

Ich will aber keinem die Schuld in die Schuhe schieben, wir haben's selber verbockt. Wir hätten strenger sein können, konsequenter, gelassener, weniger verhandlungsbereit.

Zum Glück geht's ja immer noch schlimmer. Wie bei unserem 14-jährigen Nachbarssohn. Der hat es nach dem Abstillen mit einer konsequenten Toastbrot- und Nudeln-ohne-alles-Diät auf 1,94 Meter Körpergröße und Schuhgröße 48 geschafft. Ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen. Stellen Sie sich mal vor, der hätte auch noch Rotkohl gegessen.

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insgesamt 391 Beiträge
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1. Wie die Eltern, so die Kinder!
suplesse 07.01.2013
Bei gestörten Eltern, können auch die Kinder nur gestört sein. Wie soll es anders sein? Wenn die kleinen Bälger einem schon auf der Nase herum tanzen, wie soll es dann in der Pubertät werden. Ich glaube diese Eltern können dann komplett einpacken.
2. Applaus
zickezackehoihoihoi 07.01.2013
Zitat von sysopSie gehen zum Frühyoga, lernen im Kindergarten Englisch und essen Gurkensalat - aber nur ohne Dill. Der Individualisierungsehrgeiz vieler Eltern verwandelt ihre Kinder in Mäkel-Monster, die man am liebsten zu einem Monat kalten Spinat verurteilen möchte. Wenn sie ihn nur äßen. Warum Kinder viele Dinge nicht essen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/warum-kinder-viele-dinge-nicht-essen-a-876064.html)
für diesen Artikel. Grüße Vater einer 2-jährigen Tochter
3.
boeseHelene 07.01.2013
Zitat von sysopSie gehen zum Frühyoga, lernen im Kindergarten Englisch und essen Gurkensalat - aber nur ohne Dill. Der Individualisierungsehrgeiz vieler Eltern verwandelt ihre Kinder in Mäkel-Monster, die man am liebsten zu einem Monat kalten Spinat verurteilen möchte. Wenn sie ihn nur äßen. Warum Kinder viele Dinge nicht essen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/warum-kinder-viele-dinge-nicht-essen-a-876064.html)
ich esse bis heute einiges nicht, Blumenkohl zum Beispiel ist mir bis heute ein Greuel. Ich würde sagen wer dieses und jenes nicht isst hat halt später hunger und muss bis zur nächsten Mahlzeit warten, wenn die Kinder größer sind geht halt ein Teil des Taschengelds dann drauf für einen Döner. Ich bin ansonsten nicht dafür Kindern die Wahl zu lassen aber jemand ein Essen, dass er nicht mag herein zu zwingen halte ich für grausam und widerlich. Ich kann mich noch gut an ein Essen bei Verwandten erinnern bei dem ich zwei Stunden vor Brokkoli sass und mich geweigert habe es zu essen, irgendwann habe ich es dann doch versucht aber mir wurde einfach nur schlecht davon und das Zeug landete im Klo.
4. Null Problemo!
Andreas Rolfes 07.01.2013
Zitat von sysopSie gehen zum Frühyoga, lernen im Kindergarten Englisch und essen Gurkensalat - aber nur ohne Dill. Der Individualisierungsehrgeiz vieler Eltern verwandelt ihre Kinder in Mäkel-Monster, die man am liebsten zu einem Monat kalten Spinat verurteilen möchte. Wenn sie ihn nur äßen. Warum Kinder viele Dinge nicht essen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/warum-kinder-viele-dinge-nicht-essen-a-876064.html)
Kommt alles. War bei mir damals auch nicht anders.
5.
Rainer Helmbrecht 07.01.2013
Zitat von sysopSie gehen zum Frühyoga, lernen im Kindergarten Englisch und essen Gurkensalat - aber nur ohne Dill. Der Individualisierungsehrgeiz vieler Eltern verwandelt ihre Kinder in Mäkel-Monster, die man am liebsten zu einem Monat kalten Spinat verurteilen möchte. Wenn sie ihn nur äßen...........
Man weiss oftmals erst viel später was gut für einen ist. Ich bin mit Hunger groß geworden, die Frage war nicht, was gibt es zu essen, sondern, ob es etwas zu essen gibt. Nicht, dass ich jeden Fraß mit Begeisterung gegessen hätte, aber ich hatte nie ein Problem mit einem Essen. Der Spruch Hunger ist der beste Koch, enthält eine tiefe Wahrheit. Zusätzlich ist das rum mäkeln ein Zeichen, dass es uns zu gut geht. MfG. Rainer
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Zum Autor
  • Ralf Gellert für BEEF!
    Speis und Zank: Alle Kolumnen
  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
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