Schutz vor Schadstoffen "Ein bisschen mehr wie Oma kochen"

Blei im Blut, Weichmacher im Urin - seit gut drei Jahrzehnten dokumentiert das Umweltbundesamt, wie stark die Deutschen mit Schadstoffen belastet sind. Ein Anruf bei den Giftwächtern.

Wer mit frischen Zutaten kocht, nimmt weniger Schadstoffe auf (Archivbild)
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Wer mit frischen Zutaten kocht, nimmt weniger Schadstoffe auf (Archivbild)

Ein Interview von


Das Giftgedächtnis der Deutschen liegt in einem alten Militärbunker im Münsterland. Die Umweltprobenbank des Bundes ist die weltweit größte und genaueste Sammlung menschlicher Körperflüssigkeiten. Fast 200.000 Blut- und Urinproben von Studenten aus Deutschland haben Experten hier seit 1981 eingelagert.

Jeder Probenjahrgang liefert Hinweise auf die Schadstoffe, die zum jeweiligen Zeitpunkt in die Körper der Deutschen gelangten. So zeigt das Giftarchiv etwa, wie nach dem Verbot von Blei in Benzin Ende der Achtziger die Schwermetallbelastung sank. Gleichzeitig sind in den Proben seitdem immer mehr Weichmacher aus Plastikverpackungen zu finden.

Besteht Grund zur Sorge? Was können Verbraucher tun, um sich vor Schadstoffen zu schützen? Ein Anruf bei der Toxikologin Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt (Uba).

Zur Person
  • Umweltbundesamt
    Marike Kolossa-Gehring leitet das "Fachgebiet Toxikologie, gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung" am Umweltbundesamt. In mehreren Studien hat sie seit 1992 die Schadstoffbelastung der Menschen in Deutschland untersucht. Sie setzt sich dafür ein, die Veränderungen künftig europaweit zu dokumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kolossa-Gehring, nehmen die Deutschen zu viele Schadstoffe auf?

Kolossa-Gehring: Das kann man so pauschal nicht sagen. Was uns aber Sorgen macht, sind die Phthalate, eine große Gruppe von Weichmachern, die häufig in Plastik enthalten sind. Einige von ihnen stehen im Verdacht, ähnlich wie Hormone zu wirken und damit die Entwicklung von Hoden und Spermien zu beeinträchtigen, also unfruchtbar zu machen, oder Fettsucht und Diabetes zu begünstigen. Die vier kritischsten DEHP, DnBP, DiBP und BBzP dürfen in Europa zwar seit Februar 2015 nur noch nach einer aufwendigen Zulassung verwendet werden - wir finden sie aber immer noch in jedem Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen die Substanzen dort hin?

Kolossa-Gehring: Sie waren früher zum Beispiel in Verpackungen für Lebensmittel, in Kosmetika und in Spielzeug enthalten. Außerdem gilt die Zulassungspflicht nicht für importierte Produkte. Auch lagern sich die Weichmacher aus älteren Gegenständen wie Duschvorhängen, Kabelverkleidungen und Lichtschaltern im Hausstaub ab. Das kann für krabbelnde Kinder problematisch werden, weil sie alles in den Mund nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark sind die Menschen in Deutschland belastet?

Kolossa-Gehring: 2015 haben wir in keiner Probe gesundheitsbedenkliche Mengen eines Weichmachers gefunden. Allerdings wurden die Stoffe bislang nur einzeln bewertet. Inzwischen wissen wir aber von vielen dieser Substanzen, dass sich ihre schädliche Wirkung addiert. Ungewiss bleibt, ob die Gesamt-Phthalatmenge, die wir heute in den Menschen finden, kritisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Erschrecken Sie angesichts solcher Wissenslücken?

Kolossa-Gehring: Nein, wir haben das Problem erkannt und sind dabei, Grenzwerte für die Gesamtbelastung zu entwickeln. Außerdem haben wir bei der EU beantragt, die Schadstoffbelastung künftig europaweit zu erfassen und damit den Verbraucherschutz zu verbessern. Bisher spielt die tatsächliche Belastung der Bevölkerung in den europäischen Schadstoffgesetzen keine richtige Rolle. Ich bin aber optimistisch, dass sich das bald ändert.

SPIEGEL ONLINE: Zeigt die Probenbank auch positive Entwicklungen, was unsere Belastung mit Schadstoffen angeht?

Kolossa-Gehring: Der Klassiker ist das Verbot von bleihaltigem Benzin im Jahr 1988. Seither sind die Menschen in Deutschland kaum noch mit dem Schwermetall belastet. Dazu beigetragen hat auch, dass in der Bundesrepublik seit Anfang der Siebziger keine Trinkwasserrohre aus Blei mehr verlegt werden, in den ostdeutschen Bundesländern seit 1989. Wer in einem alten Haus wohnt, sollte sein Leitungswasser aber auch heute noch auf Blei prüfen, bevor er es trinkt. Der Stoff kann unfruchtbar machen und die Intelligenzentwicklung beeinträchtigen.

SPIEGEL ONLINE: 2004 wurden weltweit gleich zwölf Giftstoffe gleichzeitig verboten, auch bekannt als das Dreckige Dutzend. Hat das was gebracht?

Kolossa-Gehring: Wir haben in der Probenbank die Belastung mit Hexachlorbenzol über die Zeit verfolgt. In Deutschland durfte der Stoff schon ab Anfang der Achtziger nicht mehr im Pflanzenschutz eingesetzt werden, seitdem ist die Konzentration in den Proben gesunken. In geringen Mengen nachweisen kann man ihn aber bis heute, weil er sich langfristig im Fettgewebe von Menschen und Tieren anreichert.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit wird wieder über das Verbot eines Pflanzenschutzmittels diskutiert. Für wie gefährlich halten Sie den Unkrautvernichter Glyphosat?

Kolossa-Gehring: Die ganze Auseinandersetzung ist ein Beispiel dafür, dass die Bewertung einzelner Stoffe nicht mehr zeitgemäß ist. Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa, hat Glyphosat als wahrscheinlich nicht krebserregend eingestuft, die Internationale Agentur für Krebsforschung, kurz IARC, kommt zu dem gegenteiligen Schluss. Allerdings gehen die Organisationen bei der Bewertung unterschiedlich vor.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Kolossa-Gehring: Die Efsa hat Glyphosat als Wirkstoff im Rahmen des EU-Genehmigungsverfahren bewertet. Das Vorgehen dabei ist sehr genau durch gesetzliche Rahmenbedingungen vorgegeben. Der Fokus lag auf Glyphosat als Reinstoff. Die IARC kann bei der Bewertung flexibler entscheiden und hat eher Studien betrachtet, in denen die Mischungen untersucht wurden, in denen Glyphosat aufs Feld kommt. Mir scheint die Bewertung der Präparate sinnvoller, wenn es darum geht, die Menschen vor Gesundheitsschäden zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Werden heute denn mehr Menschen durch Schadstoffe krank als früher?

Kolossa-Gehring: Einen direkten Zusammenhang mit einzelnen Substanzen zu belegen, ist schwierig. Die Frage ist, ob man ausprobieren will, ob die Toxikologen mit ihren aktuellen Bewertungen richtig liegen oder ob man lieber vorsorgt. Ein Beispiel: Mit DEHP gab es seit 1985 ein Auf und Ab: DEHP ist ein Problem, ist kein Problem, ist ein Problem, ist kein Problem, oh, ist doch ein Problem und zwar ein ziemlich großes. Es hat mal locker 30 Jahre gedauert, bis im Februar 2015 die Zulassungspflicht eingeführt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie Verbrauchern?

Kolossa-Gehring: Sie sind gut beraten, sich zu überlegen, was sie tun. Wir wissen aus einer ersten europaweiten Studie, dass Menschen, die viel Fastfood, Eis und Kaugummi essen, viele Weichmacher aufnehmen. Eine Empfehlung ist deshalb, mehr wie die eigene Oma zu kochen, mit frischen Zutaten, gerne unverpackt, saisonal und regional, wenn möglich aus ökologischem Landbau. Außerdem lässt sich die Schadstoffbelastung durch Lüften reduzieren, mindestens zweimal am Tag zehn Minuten Durchzug. Und man sollte die Innenräume feucht reinigen, um Staub zu entfernen und nicht nur aufzuwirbeln.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie sich selbst immer daran?

Kolossa-Gehring: Fastfood und Convenience Food meide ich, soweit es eben geht. Bei stichprobenartigen Untersuchungen haben wir in den Produkten wirklich ungewöhnlich hohe Phthalatgehalte gefunden. Da weiß niemand mehr, was diesen Lebensmitteln auf dem Weg zum fertigen Produkt zugestoßen ist.

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Seite 1
muellerthomas 18.05.2016
1.
"Eine Empfehlung ist deshalb, mehr wie die eigene Oma zu kochen, mit frischen Zutaten, gerne unverpackt, saisonal und regional, wenn möglich aus ökologischem Landbau." Ich weiß oft nicht, von welchen Omas da die Rede ist. Von denen, die in den 1950er und 1960er Jahren mit Maggi, Konserven und Brühwürfeln gekocht haben, vorzugsweise viel Schweinefleisch und am Wochenende eine Buttercremetorte?
PeterKern 18.05.2016
2. Unverantwortlicher Umgang mit Giften
Zitat: "Allerdings wurden die Stoffe bislang nur einzeln bewertet. Inzwischen wissen wir aber von vielen dieser Substanzen, dass sich ihre schädliche Wirkung addiert." Ich staune immer wieder, wie einfältig das akademische Denken sich darstellt. Ich jedenfalls habe meine Achtung vor der sogenannten Wissenschaft schon lange verloren, und solche Aussagen bestärken mich in meiner Haltung. Unterm Strich liest sich auch hier die Industriefreundliche Haltung der "Giftwächterin" Marike Kolossa-Gehring leicht heraus. Ihr Ratschlag, "ein bisschen mehr wie Oma kochen" ist doch der blanke Hohn. Wäre ich Chef ihrer Behörde, oder was immer das auch sein mag, sie hätte heute Nachmittag die Kündigung auf dem Tisch. So ein naives Denken darf im Umgang mit weltweit verbreiteten Giftstoffen nicht eine Minute vorherrschen.
ruhepuls 18.05.2016
3. Wissenschaft?
Das Problem der Wissenschaftler liegt darin, dass - je mehr Einflussfaktoren da sind - es desto schwieriger wird, sie zu bewerten. Beispiel aus der Medizin: In der täglichen Praxis hat man immer einen Mix an Einflussfaktoren (das Gespräch, eine Ernährungstipps, Medikamente usw.). Daher kann man in der Praxis eigentlich nie sagen, was von den verschiedenen Dingen nun eigentlich welche Wirkung hatte. In Studien versucht man daher, alle Faktoren auszuklammern, um herauszufinden, welche Wirkung beispielsweise ein bestimmter Wirkstoff hat. Nur, damit erzeugt man Ergebnisse, die dann in der Praxis oft nicht wiedergefunden werden, weil da eben alle möglichen Faktoren reinspielen. Ist halt der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. So auch bei "Giftstoffen". Wir werden ständig mit Substanzen konfrontiert, sowohl natürlicher, als auch künstlicher Herkunft. Deren Wechselwirkungen kann kein Mensch wirklich beurteilen. Und die Dame hat durchaus recht: Sehr viele der Giftstoffe könnte man vermeiden, wenn man achtsamer mit Nahrung, Kosmetik, Putzmitteln usw. umginge. Verzicht ist da oft der einzige Weg, denn ganz harmlos ist keine Substanz, wenn sie auch noch eine Wirkung (z.B. als Konservierungsstoff) haben soll.
ruhepuls 18.05.2016
4. Oma...
Zitat von muellerthomas"Eine Empfehlung ist deshalb, mehr wie die eigene Oma zu kochen, mit frischen Zutaten, gerne unverpackt, saisonal und regional, wenn möglich aus ökologischem Landbau." Ich weiß oft nicht, von welchen Omas da die Rede ist. Von denen, die in den 1950er und 1960er Jahren mit Maggi, Konserven und Brühwürfeln gekocht haben, vorzugsweise viel Schweinefleisch und am Wochenende eine Buttercremetorte?
Die "Oma" steht hier als Synonym für eine Lebensweise, die noch weitgehend ohne "convenience food", also Fertigprodukten auskam. Klar gab es Konserven schon lange und auch Maggi. Nur, wenn man sich heute so umschaut, dann gibt es praktisch nichts mehr, das nicht als Halb- oder Fertiggericht verfügbar wäre. Natürlich alles mit Zusatzstoffen, denn haltbar soll es ja sein.
af17555 18.05.2016
5.
Mein Tipp wäre, gar nichts mehr zu essen, denn das ist dann garantiert "gift"frei
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