Weitsprunglegende Bob Beamon: "Ich habe gejubelt - und bin dann kollabiert"

8,90 Meter weit bugsierte sich Bob Beamon 1968 über den Sand Mexikos - der Jahrhundertsprung machte ihn berühmt. Im Interview mit Achim Achilles erzählt der 66-Jährige von seinem Weltrekord und dem Kollaps danach.

Heute 66 Jahre alt: Bob Beamon vor einem Foto seines Jahrhundertsprungs Zur Großansicht
Getty images for adidas

Heute 66 Jahre alt: Bob Beamon vor einem Foto seines Jahrhundertsprungs

SPIEGEL ONLINE: Herr Beamon, Ihr Jahrhundertsprung am 18. Oktober 1968 in Mexiko gehört zu den herausragenden Momenten im olympischen Sport. Dabei wäre es beinahe gar nicht zum Weltrekord gekommen.

Beamon: Richtig. Es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte. Ich hätte mich beinahe nicht für das Finale qualifiziert, weil ich Probleme mit meinen Schuhen und dem Absprungbalken hatte. Alles kam auf den letzten Sprung an. Ich wechselte die Schuhe. Das neue Paar saß besser - und es klappte.

SPIEGEL ONLINE: Im Finale gelang Ihnen dann das Unmögliche. Sie übertrafen die Weltrekordmarke um 55 Zentimeter. Danach tänzelten Sie geradezu aus der Sprunggrube. Sie hatten gleich ein gutes Gefühl, oder?

ZUR PERSON

Bob Beamon, Jahrgang 1946, aufgewachsen in New York, ist ein ehemaliger US-Weitspringer. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko überbot er den Weltrekord um unglaubliche 55 Zentimeter. Der "Jahrhundertsprung" gilt als einer der größten Momente in der olympischen Geschichte. Beamon ist heute Geschäftsführer der "Art of the Olympians"-Stiftung.

Beamon: Naja, ehrlich gesagt befürchtete ich zunächst, dass die rote Fahne für einen Fehlversuch hochschnellen würde. Doch es kam die weiße Fahne. Mein Versuch war gültig. Dann aber passierte erst mal lange nichts.

SPIEGEL ONLINE: Man hat eine ganze Zeit gebraucht, um die Weite zu messen.

Beamon: Richtig. Die Messinstrumente haben nicht ausgereicht. Sie gingen bloß bis 8,50 Meter, glaube ich. Der Weltrekord lag bei 8,35 Metern. Die Weitenrichter mussten ein Maßband holen. Bestimmt 20 Minuten lang gab es keine Anzeige von meiner Sprungweite.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen in der langen Wartezeit durch den Kopf?

Beamon: Ich hatte Angst, dass meine Teamkollegen noch weiter springen würden als ich. Doch in diesen Minuten gab es plötzlich einen Wolkenbruch überm Stadion, es wurde total dunkel und regnete stark. Ich habe nicht dafür gebetet, aber mir schien es so, als würde der Allmächtige ein bisschen auf Bob aufpassen (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Dann erschien der Wert: 8,90.

Beamon: Mir war nicht klar, dass die Ziffern meine Weite darstellen sollten. Ich dachte, sie hätten was mit dem Diskuswerfen oder Kugelstoßen zu tun (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Sie kannten sich nicht aus mit dem metrischen System.

Beamon: Mein Teamkollege Ralph Boston kam zu mir und sagte mir, dass ich gerade 29 Fuß und 2,5 Inch gesprungen sei. Ich habe gejubelt - und bin dann kollabiert. Ärzte sagten mir hinterher, dass ich einen kataplektischen Anfall gehabt haben muss, ein emotional bedingter Zusammenbruch. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich war irgendwo zwischen Raum und Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind immer noch sehr aktiv in der olympischen Bewegung und vertreten die Werte des Sports. Was hat Ihnen der Sport gegeben?

Beamon: Eine Goldmedaille (lacht). Im Ernst, ich habe durch den Sport das Gefühl bekommen, das nichts unmöglich ist. Träume können wahr werden - wenn du an dich glaubst. Es gab Zeiten, da habe ich nicht an mich geglaubt. Glücklicherweise hatte ich großartige Leute um mich herum, die mich angetrieben haben, das Beste aus mir herauszuholen. Diese Erfahrungen habe ich in meiner Hosentasche und immer, wenn ich sie brauche, hole ich sie heraus.

SPIEGEL ONLINE: 1991 hat Mike Powell Ihren Weltrekord gebrochen. Er ist 8,95 Meter gesprungen. Haben Sie jemals mit ihm darüber gesprochen?

Beamon: Natürlich, ich habe ihm einen auf den Deckel gegeben (lacht). Ich fand das nicht so nett. Er hat mir mein Herz gebrochen. Aber ich wusste immer, dass Mike es schaffen könnte, er hatte ein natürliches Talent zu springen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Powell jemals bei ihnen dafür entschuldigt, dass er Ihren Rekord und Ihr Herz gebrochen hat?

Beamon: Nein, Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Ein anderer Weitspringer sagte mal zu mir: Weltrekorde sind nicht wichtig, auf die Goldmedaille kommt es an. Daran musste ich immer denken. Bei den Olympischen Spielen 1996 hat Mike Powell gegen Carl Lewis verloren. Im Interview danach sagte er: Ich hätte lieber die Goldmedaille als den Weltrekord. Außerdem steht mein olympischer Rekord ja noch.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie sich fit?

Beamon: Naja, ich mache ein bisschen Fitness und spiele ab und zu etwas Golf. Jetzt, mit 66 Jahren, sollte ich langsam anfangen, mein Leben zu genießen. Also versuche ich, jegliche Art von Stress zu vermeiden. Weniger Arbeit, mehr Golf spielen. Ich wohne in der Nähe eines Golfplatzes. Alles, was ich tun muss, ist aus der Haustür zu treten und den Ball ins Grün zu schlagen. Ich muss nicht mal in mein Auto steigen. Wunderbar.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Beamon: Heutzutage sind wir uns ja viel mehr darüber bewusst, was uns guttut und was uns schadet. Darauf sollte man achten. Ich muss etwa bestimmte Nahrungsmittel zu mir nehmen und meine Diät einhalten (Bob Beamon hat Diabetes Typ II - d. Red.), dann geht's mir gut. Und jetzt gehe ich raus und arbeite an meinem Weitsprung (lacht).


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Das Interview führte Frank Joung

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1. Beamon hatte einen lichten Moment
cafe_kehse 18.07.2013
Zitat von sysop8,90 Meter weit bugsierte sich Bob Beamon 1968 über den Sand Mexikos - der Jahrhundertsprung machte ihn weltberühmt. Im Interview mit Achim Achilles erzählt der 66-Jährige von seinem Weltrekord und dem Kollaps danach. Weitsprunglegende Bob Beamon im Interview mit Achim Achilles - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/weitsprunglegende-bob-beamon-im-interview-mit-achim-achilles-a-911807.html)
...nämlich den damaligen 8,90m-Jahrhundertsprung 1968 in Mexiko City, immer vorausgesetzt, die Weitenmessung funktionierte. Ich habe da immer noch Zweifel, weil Beamon vorher und nachher nie mehr nur annähernd an 8,90 m heran kam. Nehmen wir mal an, es war wirklich so. Mexiko City liegt sehr hoch über dem Meeresspiegel, wo bekanntlich die Luft und damit der Sauerstoff schon sehr dünn sind. Und das bedeutet, dass man durchaus Gesundheitsprobleme bishin zum Tod im Extremfall erleiden kann nach Ausnahmesituationen wie z. B. ein ungeheures Glücksgefühl. Ich vergleiche das mit den Bergsteigern auf den Mount Everest, wo viele bezeichnenderweise im Abstieg sterben wegen Erschöpfung und vermutlich wegen des psychischen Ausstoßes von Glücksharmonen. Im Internet sind einige Schicksale beschrieben wie jene z. B. des Schweizers Gianni Goltz, der 2008 wegen Erschöpfung beim Abstieg vom Mount Everest starb oder von Hannelore Schmatz aus Deutschland 1979. Bei Bob Beamon dürfte gesundheitlich die beiden Besonderheiten Erschöpfung wegen dünner Höhenluft/Glücksgefühle ebenso gewesen sein. Aber er lebt Gott sei Dank nach 45 Jahren noch.
2. Im Juli 2014
weisser_uhu 18.07.2013
ist der Rekord von Powell älter als der Rekord von Beamon...
3.
lexel 18.07.2013
Zitat von cafe_kehse...nämlich den damaligen 8,90m-Jahrhundertsprung 1968 in Mexiko City, immer vorausgesetzt, die Weitenmessung funktionierte. Ich habe da immer noch Zweifel, weil Beamon vorher und nachher nie mehr nur annähernd an 8,90 m heran kam.....
Klugschwätzer.... einen 8800 meter hohen Berg mit 2300 meter hoher Stadt vergleichen... Hauptsache mal was geschwafelt....
4. ...
perello 19.07.2013
Zitat von cafe_kehse...nämlich den damaligen 8,90m-Jahrhundertsprung 1968 in Mexiko City, immer vorausgesetzt, die Weitenmessung funktionierte. Ich habe da immer noch Zweifel, weil Beamon vorher und nachher nie mehr nur annähernd an 8,90 m heran kam.
Man muss kein dauerhaft guter Musiker sein, um einmal im Leben einen Nr-1-Hit zu landen. Manchmal passt einfach alles zusammen. Ihre Zweifel finde ich daher schon ziemlich anmaßend. Ich bin mir sicher, dass die Kampfrichter damals ebenso ungläubig wie Sie waren, als sie das Maßband ausrollten und daher vermutlich mehrfach die Weite kontrolliert haben, um auch wirklich sicher zu sein. Und was soll an einem Maßband und einem Abdruck im Sand bitteschön nicht funktionieren?
5. Beitrag von Cafe_kehse:
Thunder79 19.07.2013
...Ihr Beitrag ist typisch für die Sorte Dauerskeptiker, welche 9/11, die Mondlandung oder die wahre Herkunft der Kondensstreifen die Flugzeuge hinter sich herziehen, anzweifeln. Und Ihr Beispielt zeigt: Es werden nicht stichhaltige oder abenteuerliche Erklärungen versucht oder vergleiche gezogen, um seine Skepsis zu untermauern. Aber das schöne ist: Verschenke Mühe und Energie, nach 45 Jahren....
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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.