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Schulsport: Das Geheimnis des weiblichen Kurzwurfs

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Weitwurf: Mädchen können's einfach nicht Fotos
Corbis

Für viele Mädchen ist es der blanke Horror: das Werfen in der Schule bei den Bundesjugendspielen. Selbst der Sportlehrer muss sich manchmal ein Grinsen verkneifen. Warum stellen sich die Mädchen so schlecht an? Hinter dem Phänomen stecken nicht nur körperliche Ursachen.

Was unterscheidet Männer und Frauen? Diese Frage wird bereits seit Adam und Eva diskutiert. Dabei weiß schon jeder Grundschüler, dass es Unterschiede gibt - spätestens wenn seine Mitschülerinnen im Sportunterricht zum Weitwurf antreten müssen. Dann lacht im schlimmsten Fall die ganze Klasse - für viele Mädchen eine Qual.

Bei Mädchen fliegt der Schlagball in der Regel deutlich weniger weit als bei Jungen. Einige Mädchen werfen gar in eine andere Richtung als die gewünschte, oder der Ball schlägt schon kurz nach der Linie wieder auf den Boden. Warum haben so viele Mädchen koordinative Schwierigkeiten beim Werfen?

Dass die Unterscheide beim Ballwerfen kein Vorurteil sind, gilt als wissenschaftlich bewiesen. Eine US-Studie etwa kommt zu dem Ergebnis, dass der physische Leistungsunterschied zwischen Mädchen und Jungen nahezu nirgendwo so groß ist wie beim Weitwurf. Dabei unterscheiden sich die Geschlechter körperlich erst ab einem Alter von ungefähr zehn, elf Jahren, wenn die Pubertät einsetzt.

In Kindergärten und Grundschulen sind Mädchen in koordinativen Übungen den Jungs sogar ein wenig voraus, dafür hat der männliche Nachwuchs bei Kraftaufgaben die Nasenspitze etwas weiter vorn. Auswirkungen auf den Weitwurf hat dies aber nicht.

Der schlechteste Junge übertrumpft das beste Mädchen

Um das Phänomen zu ergründen, verglich der Sportwissenschaftler Jerry Thomas von der University of North Texas die Wurftechnik fünf Jahre alter US-Boys und US-Girls. Bereits hier beobachtete er große Unterschiede: Die Jungs beschleunigten einen Tennisball im Durchschnitt auf etwa 42 Kilometer pro Stunde, die Mädchen brachten es auf nur knapp über 30.

Mit wachsender männlicher Kraft und dem Alter wurde der Unterschied noch größer. Mit 13 warfen Jungs im Schnitt mit 85 Kilometer pro Stunde, die Mädchen hingegen nur mit 61. Mit 15 Jahren warf selbst der schlechteste Junge noch weiter und härter als das beste Mädchen in seiner Klasse, fand Thomas heraus.

In Deutschland könnten die Unterschiede sogar noch größer sein, vermutet der Sportpsychologe Heinz Krombholz. "Das hat sicher eine kulturelle Komponente. In den USA werden eher Ballsportarten gespielt, bei denen der Ball geworfen wird. Bei uns wird mehr Fußball gespielt", sagt der Experte vom Staatsinstitut für Frühpädagogik.

Vor allem in der Technik unterscheiden sich die Geschlechter. Bis zu einem Alter von vier Jahren werfen Jungen und Mädchen beide mit einem recht steifen Arm. Um mehr Schwung und damit auch größere Weiten zu erzielen, muss aber eine koordinativ schwierigere Bewegung ausgeführt werden - eine sehr komplexe Angelegenheit, die Jungen ab etwa vier Jahren besser beherrschen.

Viele Frauen: Schlechtes Timing, wenig Wumms

Experten unterteilen Würfe in drei Phasen. Dabei werfen Rechtshänder im Idealfall, indem sie zunächst den linken Fuß vorsetzen. Während des Ausholens rotiert die Hüfte, in der letzten Phase die Schulter. Der ganze Körper ist im Einsatz, der Arm vollführt eine Bewegung wie eine Peitsche, bevor der Ball die Hand verlässt.

Bei den meisten Mädchen ist die Wurfbewegung statischer. Viele Rechtshänderinnen stellen statt den linken Fuß automatisch den rechten voran. Die Bewegung kommt nur aus dem Arm. Aber das Hauptproblem ist: Das Timing bei der Schulter-Hüft-Rotation stimmt nicht. Wenn überhaupt erfolgt es oft gleichzeitig - eine gute Beschleunigung ist so nicht möglich. Sogar bessere und ältere Sportlerinnen haben dieses Problem oft.

Warum stellen sich viele Mädchen so schlecht an? Eine befriedigende Antwort darauf hat die Forschung noch nicht gefunden. "Für den deutlichen Unterschied beim Werfen gibt es eigentlich keine überzeugende Erklärung - viele sind wissenschaftlich nicht belegt und spekulativ", sagt Krombholz. An mangelnder Übung allein sei das Problem aber nicht festzumachen.

Ein Relikt aus der menschlichen Urzeit?

Jerry Thomas vermutet die Ursache im weiblichen Nervensystem. Auch evolutionsbiologische Erklärungen könnten möglich sein: Während der männliche Urmensch auf der Jagd seine Wurffähigkeiten trainiert habe, hätten die Frauen den Urzeit-Haushalt geschmissen und den Nachwuchs aufgezogen. Mit einem Baby auf dem Arm sei eine einwandfreie Schulter-Hüft-Rotation nicht möglich gewesen, mutmaßt Thomas. Wissenschaftlich gesichert ist das nicht.

Ein Vergleich mit Aborigine-Kindern dürfte den Mädchen aber Mut machen: In der Kultur der australischen Ureinwohner werden von Beginn an beide Geschlechter für die Jagd trainiert. Entsprechend besser werfen die Mädchen, fand Thomas heraus. Kaum irgendwo auf der Welt kommen sie so nah an die Leistungen der Jungen heran - bei den Tests von Thomas erreichten sie immerhin 78,3 Prozent der Wurfgeschwindigkeit ihrer männlichen Konkurrenz.

Dass Übung den Unterschied zumindest eingrenzen kann, glaubt auch Krombholz: "Schon im frühen Kindesalter könnten in den Kindergärten und Grundschulen spezielle Übungen gemacht werden, bei denen Mädchen das Werfen trainieren." Um bei Mädchen den Spaß am Werfen und damit die Grundlage für viele Ballsportarten zu erhalten, empfiehlt er Sportlehrern: weniger Wettkampf, mehr individuelles Training. Denn auch für beide Geschlechter gilt: Übung macht Meister und Meisterinnen.

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insgesamt 174 Beiträge
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1. Ein X für ein Y
carolane 15.09.2012
Ich will nicht glauben was die Studie aussagt. Denn meiner Erfahrung nach darf so sowieso eh nicht stimmen. Sogar bei uns in der Schule hat unsere Lehrerin nie Ballweitwurf gemacht, weil das unfair für Mädchen ist, hat sie gesagt. Auch Fußball haben wir nie gespielt. Eher schon so Sachen wie Volleiball. Ich denke wegen dem Gendermainstreaming werden so Sachen wie Weitwurf eh in Zukunft nicht mehr in Schulen gemacht. Auch Fußball sollte dann durch etwas für Mädchen faires ersetzt werden. Ich denke dann auch daran, dass Sportarten wo Frauen im Nachteil sind bei Olympia nicht mehr gemacht werden sollen. Denn schon bald wird ja auch bei allen Berufen, wo Frauen im Nachteil sind, eine Quote eingeführt. Ich hoffe ja dass man das irgendwann mit Gentechnik in den Griff bekommen kann. So irgendwie aus einem Y ein X machen, oder so. Denn irgendwie müssen wir ja die letzten paar Millionen Jahre Evolution zurückdrehen. Ob Mann will oder nicht.
2. ...
lapaz 15.09.2012
Zitat von sysopCorbisFür viele Mädchen ist es der blanke Horror: das Werfen in der Schule bei den Bundesjugendspielen. Selbst der Sportlehrer muss sich manchmal ein Grinsen verkneifen. Warum stellen sich die Mädchen so schlecht an? Hinter dem Phänomen stecken nicht nur körperliche Ursachen. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,855798,00.html
Das ist in der Tat ein Phänomen. Auch mit der Kombination von Wurf und Sprung, wie beim Hand- oder Basketball, haben Mädchen große Probleme. In meiner früheren Schulklasse haben die meisten vor dem Wurf angehalten, um sich aufs Werfen zu konzentrieren. Das Ergebnis war trotzdem nicht berauschend. Meine damalige Freundin, die beste Sportlerin der Klasse, meinte nur lapidar: Die können das nicht.
3. ...
Newspeak 15.09.2012
Ich konnte als Junge auch keine Bälle werfen. Ist das jetzt wichtig fürs Leben? Der Sportunterricht sollte von solchen pseudowissenschaftlichen Ansätzen lieber ganz verschont bleiben. Warum reicht es nicht aus, Kindern die Freude an der Bewegung zu vermitteln, egal in welcher Sportart? Warum muß es vor allem um Wettkampf gehen, um Benotung, um Uniformität, darum Schüler zu Sportarten zu zwingen, auf die sie keine Lust haben, während man gleihchzeitig ausblendet, was ein Schüler vielleicht außerhalb der Schule sportlich macht oder wie die Lebensumstände sind.
4. Frauen sehen das anders
carolane 15.09.2012
Nein das darf doch nicht wahr sein. So ein Artikel kann doch nur ein Mann schreiben. Eine Frau hätte da doch geschrieben, dass Frauen da eindeutig im Vorteil sind. So wie, dass Frauen keinen Speer werfen können ist doch viel friedensliebender und sozial fördernder für die Gesellschaft, also eindeutig den Männern überlegen.
5. und nun?
clamat 15.09.2012
Mich hätten ja jetzt mal die neurologischen Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen interessiert - leider nur kurz erwähnt und drüber weggewischt... ansonsten bringt der Artikel nichts wirklich Erhellendes... ich bin ein Mädchen und zufälligerweise eins, das recht gut fangen und werfen kann. Haben dann meine weiblichen Vorfahren auch an der Jagd teilgenommen und die Männer aufs Baby aufpassen lassen? Wie fortschrittlich...
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Auf einen Blick
Nur Mut!
  • Erstens: Kinder bevorzugen natürlicherweise Spielsituationen, in denen sie ihre physischen Grenzen ausloten können.
  • Zweitens: Psychologen vermuten, dass die Konfrontation mit einem gewissen Maß an Gefahr notwendig ist, um Ängste abzubauen und Sicherheit im Abwägen von Risiken zu erlangen.
Drittens: Die Gelegenheit dazu bieten vor allem komplexe Spielumgebungen, wie sie sich in der Natur oder auf naturnahen Spielplätzen finden.

  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.
Wer wagt, gewinnt: Tipps für Eltern
  • DPA


    - Achten Sie darauf, wo das Kind in seiner Entwicklung gerade steht und ob es neue Herausforderungen braucht.
  • - Vermeiden Sie jedoch Überforderung: Kinder nicht mit anderen vergleichen, sie nicht zu Dingen zu drängen, zu denen sie (noch) nicht bereit sind!
  • - Schreiten Sie ein, wenn weniger bewegungsbegabte Kinder ausgelacht werden. Vermitteln Sie, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat.
  • - So oft wie möglich raus in die Natur! Kinder lieben "Matschen", Klettern, Bauen und Verstecken. Je abwechslungsreicher die Umgebung, desto besser.
  • - Wichtig sind zweckmäßige Kleidung und Schuhe, die nass und dreckig werden dürfen.
  • - Packen Sie beim Ausflug in den Wald Bindfäden, Seile, Schnitzmesser ein. Stellen Sie jedoch feste Regeln für den Gebrauch auf und werkeln Sie gemeinsam mit kleineren Kindern!
  • - Väter, spielt mit euren Kindern! Tendenziell lassen Männer mehr Risiko, mehr Dreck, mehr Aufregung zu. Das tut den Kleinen gut.
  • - Bekanntschaften im Wohnumfeld schließen: Je mehr Leute Sie kennen, desto leichter ist es, das Kind einfach hinauszuschicken.
  • - Immer dran denken: Beulen und Schrammen sind kein Drama - Überbehütung schon!


(Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V. (BAG) und andere)


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