Achilles' Ferse: Der lange Lauf gegen das HI-Virus
Laufen mit HIV: Geht das? Hält das geschwächte Immunsystem einen Marathon aus? Ralph Ehrlich dachte, Aids beträfe ihn nicht - bis er sich mit dem HI-Virus infizierte. Im Interview mit achim-achilles.de spricht er darüber, wie der Sport ihm den Schrecken vor Aids nahm.
SPIEGEL ONLINE: Herr Ehrlich, wie reagieren die Leute, wenn sie erfahren, dass Sie Marathon laufen, obwohl Sie HIV-positiv sind?
Ehrlich: Die meisten sind völlig überrascht, skeptisch und dann sehr neugierig. Vor allem HIV-Positive bewundern den Mut, seinem eigenen Körper so eine Leistung zuzutrauen. Ihnen wird ja ständig vermittelt: Mach mal langsam. Überanstreng dich nicht. Dein Immunsystem ist schwach.
SPIEGEL ONLINE: Zu Recht. Die HIV-Infektion ist eine Krankheit, die das Abwehrsystem des Körpers so stark schwächen kann, dass man sich eine zusätzliche Schwächung durch eine weitere Erkrankung nicht leisten sollte. Beim Marathon gehen aber viele weit über ihre körperlichen Grenzen hinaus. Ist es da nicht verrückt, als HIV-Positiver 42 Kilometer zu laufen?
Ehrlich: Mir ist schon bewusst, dass ein Marathon generell nicht gesund ist. Es gab auch vor dem Start viele Ärzte, die der Meinung waren: Man läuft als HIV-Positiver in den Tod. Die haben behauptet: HIV und Marathon - das geht nicht. Mein Hausarzt hat auch erst zugestimmt, nachdem er meinen Trainingsplan gesehen hat.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Marathon zu laufen?
Ehrlich: Der Aktivist Joachim Franz hat vor fünf Jahren erstmals 20 HIV-Positive gesucht für sein Projekt "42kmplus". Da habe ich mich beworben. Wir haben gemeinsam für den Berlin-Marathon trainiert.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn vorher viel gejoggt?
Ehrlich: Überhaupt nicht. Ich war kein besonders sportlicher Typ. Ich hatte nicht mal ein Fahrrad. Den Berlin-Marathon kannte ich nur als Zuschauer an der Strecke. Erst in dem Projekt habe ich richtig Laufen gelernt. Wir wurden ein Jahr lang intensiv vorbereitet. Die Sporthochschule Köln hat uns unterstützt, ich hatte einen Helferläufer, und es gab Laufseminare. 2008 bin ich dann meinen ersten Marathon in Berlin gelaufen.
SPIEGEL ONLINE: Und wie lief es?
Ehrlich: Ich konnte diese Euphorie früher nie richtig nachvollziehen und habe immer alle Marathonläufer für verrückt erklärt. Aber als ich am Start stand, hat es gekribbelt wie bei der allerersten Liebe. Jedes Mal, wenn ein Block Läufer loslief, ging ein Adrenalinschwall durch meinen Körper. Ein Jahr lang hatte ich dafür gearbeitet und die ganze Zeit so eine große Angst vor diesen 42 Kilometern. Und dann war plötzlich so eine Leichtigkeit da.
SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Hatten Sie keine Angst, dass etwas schiefgeht?
Ehrlich: Ich habe mich natürlich ständig gefragt: Ist das gut für dich? Was passiert mit dir? Aber ab Kilometer 38 habe ich mir gesagt: Von dieser blöden Krankheit lässt du dich nicht unterkriegen. Daran stirbst du nicht. Die ganzen Unkenrufe und Befürchtungen - alle weg.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch ins Ziel gekommen?
Ehrlich: Die Gefühle, die ich hatte, als ich im Ziel war, kann man nicht beschreiben. Ich habe nur geweint und jeden umarmt. Diese Glücksgefühle haben noch zehn Tage angehalten. Auch heute noch ist diese Medaille eine Art Antidepressivum für mich. Wenn es mir mal nicht so toll geht, nehme ich sie in die Hand und erinnere mich daran, dass man als HIV-Positiver genauso viel leisten kann wie alle anderen auch.
SPIEGEL ONLINE: Heutzutage hat Aids den Schrecken der Anfangsjahre verloren. Anfang der neunziger Jahre galt die Krankheit noch als klares Todesurteil. Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie infiziert sind?
Ehrlich: Das war vor 17 Jahren. Ich hatte eine schwere Erkältung mit Fieber, mir ging es sehr schlecht. Im Krankenhaus fragte mich der Arzt, ob ich zu einer Risikogruppe gehören würde, also entweder homosexuell oder drogenabhängig wäre. Ich sagte: Ja, ich bin homosexuell. Der HIV-Test war positiv. Ich war 32.
SPIEGEL ONLINE: Was waren Ihre ersten Gedanken?
Ehrlich: Ich dachte nur: Das kann nicht sein. Wie die meisten Mitte der neunziger Jahre war ich der Meinung, dass mich Aids nicht betrifft. Der Bestätigungstest bei meinem Hausarzt war allerdings auch positiv. Er sagte nur: Gehen Sie mal davon aus, dass Sie noch drei bis fünf Jahre zu leben haben. Dann schickte er mich aus dem Sprechzimmer. Das war's.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Leben verändert?
Ehrlich: Wenn du eine Immunschwäche hast, musst du aufs Umfeld achten. Gerade im Winter, wenn alle um dich herum husten und schniefen, muss man aufpassen, dass man nicht krank wird. Das kann sehr gefährlich werden. Aber ich habe schon früh gemerkt: Ich kann nur mit dem Positivsein leben, wenn ich auch positiv damit umgehe. Zudem hatte ich das Glück, dass es Mitte der neunziger Jahre, als ich die Diagnose bekam, neue hoffnungsvolle Medikamente gab. Damals musste ich zwölf bis 15 Tabletten und Pillen am Tag nehmen. So viele sind es heute nicht mehr.
SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren andere Läufer auf Ihre Krankheit?
Ehrlich: Viele Sportler sind verunsichert. Sie fragen mich: Darf ich einem HIV-Positiven ein Pflaster auf die Wunde kleben? Stecke ich mich an, wenn wir aus derselben Flasche trinken? Diese Fragen gibt es immer noch. Leider wissen viele nicht, dass man sich nicht über Schweiß oder Spucke mit HIV ansteckt. Das Virus überträgt sich nur durch Sperma und Blut, bei der Frau noch über die Scheidenflüssigkeit und die Muttermilch. Es gibt also keine Gefahr, mit HIV-Positiven Sport zu treiben. Da müsste man schon zwei große, tiefe, offene Wunden haben und sich gegenseitig das Blut reinreiben, um sich zu infizieren.
SPIEGEL ONLINE: Ihr erster Marathon war ein Höhepunkt. Hat das Laufen auch längerfristig positive Auswirkungen auf das Leben von HIV-Infizierten?
Ehrlich: Viele HIV-Positive haben das Problem, dass sie einen Virus in sich tragen, das sich nicht zeigt. Sie können es nicht sehen oder fühlen. Mit dieser Infektion hatte ich das Vertrauen in meinen Körper verloren. Durch das Laufen habe ich dieses Gefühl wieder zurückgewonnen. Ich weiß jetzt, dass ich meinen Körper belasten und mich auf ihn verlassen kann. Und wenn ich mich um mich kümmere und mein Leben in die Hand nehme, schaffe ich als HIV-Positiver sogar so etwas Außergewöhnliches wie den Marathon. Durch das Laufen habe jetzt nicht nur eine super Kondition gewonnen, sondern auch viel mehr Selbstvertrauen.
Das Interview führte Frank Joung
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- Donnerstag, 29.11.2012 – 12:03 Uhr
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- Ralph Ehrlich, Jahrgang 1963, arbeitet seit acht Jahren ehrenamtlich für die Berliner Aidshilfe. Ehrlich weiß seit dem 32. Lebensjahr, dass er mit dem HI-Virus infiziert ist. 2008 lief er mit 19 anderen HIV-Positiven seinen ersten Marathon in Berlin. Seitdem versucht er jedes Jahr, mindestens einen Marathon zu absolvieren. Seit 2009 organisiert er den Life Run in Berlin zugunsten der Berliner Aids-Hilfe.
Ralph Ehrlich - Homepage Life-Run (Berliner Aids-Hilfe e.V.)
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Beatrice Behrens
Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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- Statistik: Zahl der HIV-Infizierten erreicht Höchstwert (26.11.2012)
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