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Weltrekordhalter Christian Hottas: "Ich laufe drei bis vier Marathons die Woche"

Von

Marathonläufer Hottas: Laufen ist Fleißaufgabe Fotos
Verena Liebers

42,195 Kilometer - um diese Strecke dreht sich alles im Leben von Christian Hottas. Der Hamburger Arzt hat die Marathondistanz mehr als 2000 Mal zurückgelegt. Im Interview spricht er über Qual und die sanfte Art des Laufens.

ZUR PERSON
Christian Hottas, 57, ist Arzt für Allgemein- und Sportmedizin in Hamburg. Er hat mehr als 2100 Marathonläufe zurückgelegt. Seinen ersten absolvierte er im April 1987 in Hamburg, den 2000. über die 42,195 Kilometer finishte er im Mai 2013 in Hannover. Hottas läuft etwa 150 Marathons und Ultramarathons im Jahr, zwei bis drei pro Woche. Seit dem 3. August 2011 führt er die Weltrangliste (World Megamarathon Ranking) bei der Anzahl der absolvierten Marathonläufe an.
SPIEGEL ONLINE: Herr Hottas, Sie haben weit mehr als 2000 Marathonläufe absolviert. Wovor laufen sie weg?

Hottas: Ich laufe vor gar nichts weg. Laufen ist für mich Lifestyle und Lebensqualität, weniger Leistung, mehr Fleißaufgabe. Andere gehen ins Theater oder in die Kneipe, meine Freunde und ich laufen. Bis 1993 war ich leistungsorientiert und lief auf Zeit. Als ich mich dann als Arzt niedergelassen hatte, ging das nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Viele halten Sie für verrückt. Warum tut man so etwas?

Hottas: Mein Körper kann durch das jahrelange Training diese Leistung relativ leicht abrufen. Es kommt mir nicht auf die Zeit an, es ist eher die sanfte und gesellige Art des Laufens. Manchmal mache ich zwischen 300 und 400 Fotos pro Strecke, brauche fünf bis sechs Stunden für einen Lauf.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Spaß an der Qual, oder?

Hottas: Bei den normalen Marathons muss ich mich nicht quälen, auf den Ultraläufen kann das schon sein. Das kann ich dann richtig gut. Wenn etwas wehtut, habe ich als Mediziner Vorteile, denn ich kenne den Körper gut. Solange die Gesundheit nicht gefährdet ist, laufe ich weiter.

SPIEGEL ONLINE: An welchen Marathon haben Sie eine besondere Erinnerung?

Hottas: Der schönste Landschaftsmarathon auf der Straße ist der Connemara-Marathon in Irland. Da bin ich 2005 den Ultra über 63,3 Kilometer gelaufen und durfte am Vortag schon gratis den normalen Marathon laufen. Und der Marathon du Ballon d'Alsace ist eine wunderschöne Strecke durch Bergwiesen mit toller Aussicht. Den habe ich dreimal auf dem Heimweg vom 100-Kilometerlauf in Biel eingebaut. Sehr emotional ist für mich der Marathon in Jelcz-Laskowice bei Breslau, den ich mit meiner verstorbenen Partnerin gegründet habe. Ich habe ihr vor acht Jahren auf dem Sterbebett versprochen, dass ich da mitlaufe, solange es ihn gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Körper mit der Zeit verändert?

Hottas: Ich fing ursprünglich an zu laufen, weil ich bei 1,71 Meter 99 Kilogramm gewogen habe. Am Anfang waren das so 30 bis 40 Kilometer pro Woche. Dann bin ich meinen ersten Marathon in 4:30:39 Stunden gelaufen und habe mich gesteigert bis zu meiner Bestzeit von 2:59 Stunden im April 1990. Mein Blutdruck liegt heute bei 120 zu 70, ich wiege um die 90 Kilogramm. Cholesterin- und Blutzuckerwerte sind perfekt, mein Zehn-Jahres-Herzinfarkt-Risiko liegt unter einem Prozent. Trotzdem esse ich ganz normal, nasche auch mal gerne.

SPIEGEL ONLINE: Trainieren Sie überhaupt noch?

Hottas: Meinen letzten Lauf unterhalb der Marathondistanz habe ich ungefähr 1999 absolviert. Oft laufe ich drei bis vier Marathons die Woche, da bleibt keine Zeit für kürzere Läufe. Trainingspläne habe ich abgeschafft, seitdem ich nicht mehr auf Geschwindigkeit laufe.

SPIEGEL ONLINE: Jedem Läufer schmerzen nach einem Marathon die Knie. Wie halten das Ihre Gelenke aus?

Hottas: Das Geheimnis, um verletzungsfrei zu bleiben, ist die Langsamkeit. So werden die Gelenke nicht so stark belastet, es wirken nicht so große Kräfte. Außerdem haben sie sich im Laufe der Jahre an die Belastung gewöhnt, es hat sich Muskulatur gebildet.

SPIEGEL ONLINE: Nach einer Faustregel soll man nach knapp tausend Kilometern seine Laufschuhe wechseln. Wie viele Paare verschleißen Sie pro Jahr?

Hottas: Nur zwei bis vier Paar. Ich laufe mit konventionellen Schuhen ohne Air- und Gel-Polster oder irgendwelchen Schnickschnack, letztere verschleißen zu schnell. Meine Lieblingsschuhe gibt es leider nicht mehr, die haben auch mal 7000 Kilometer gehalten. Mein Jahresetat für das Laufen mit Reisekosten und Startgeldern liegt bei ungefähr 2000 Euro, da muss man gut kalkulieren.

SPIEGEL ONLINE: Unter Läufern sind gerade Schuhe mit wenig Dämpfung im Trend. Was halten Sie vom Natural Running?

Hottas: Das funktioniert nur, wenn Sie auf einem natürlichen Untergrund laufen und ein leichter bis untergewichtiger Typ sowie Vorfußläufer sind. Auf Asphalt werden die Leute damit über kurz oder lang Gelenkprobleme kriegen, ich halte schon geschotterte Parkwege für gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten als Allgemein- und Sportmediziner in Hamburg. Raten Sie auch Ihren Patienten, so viel zu laufen?

Hottas: Nein, es geht um den Spaß an der Bewegung, nicht darum, einen Marathon zu laufen. Ich ermutige jeden, so viel zu laufen, wie er kann und mag. Laufanfänger, die in meine Praxis kommen, unterstütze ich aber gerne. Leistung ist immer subjektiv. Nachdem bei meiner Partnerin der Krebs ausgebrochen war, war schon ein kurzer Trainingslauf ein Geschenk. Früher wäre sie unter der Marathondistanz gar nicht erst losgelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie häufig brechen Sie Läufe ab?

Hottas: Das waren über die Jahre nur eine Handvoll, zum Beispiel bei Infekten mit plötzlichem zusätzlichen Fieber. Blasen an den Füßen sind kein Grund. Aber kein Lauf ist es wert, seine Gesundheit dafür zu riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wollen Sie das noch machen?

Hottas: Solange es mir Spaß macht und solange die Gesundheit mitmacht. Der Älteste in unserer Clique, Günter Heyer aus Kiel, ist 76 Jahre alt, hat mit 61 angefangen. Der läuft in Hannover jetzt seinen 300. Marathon. Vielleicht mache ich die 2500 noch voll. Aber das ist nicht wichtig, und so weit plane ich auch gar nicht. Das Marathonlaufen ist ein schönes Parallelleben. Aber das echte Leben ist immer noch wichtiger.

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Der Lebenslauf ...
susiwolf 13.04.2014
Wovor laufen Sie weg, Herr Doktor ? ... Doch nicht vor dem 'echten Leben' ! Letzteres ist nicht immer Spass ... das stimmt !
2. Finishte??????
lucie 13.04.2014
Finishte, er finishte???? Unfassbar!
3. Sport ist Mord
oelli 13.04.2014
Sein Körper wird sich rächen. Früher oder später.
4. 90 kg?
gebit 13.04.2014
ich kann mir nicht vorstellen dass der Herr bei 171 cm 90kg wiegt und diese laufleistung erbringt. das kann nicht stimmen.
5.
Rubeanus 13.04.2014
Hut ab! Aber wie schafft man es, bei einer Körpergröße von 171 cm ein Körpergewicht von 90 kg zu halten, bei 2 bis 3 Marathonläufen in der Woche?
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ZUM AUTOR
  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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