Wir machen uns mal frei: Lass knacken, Alter

Jede Kniebeuge klingt, als würde jemand einen Stapel Dokumente zusammentackern: Jens Lubbadehs Körper knackt - laut, extrem, alle dreißig Minuten. Mit den Geräuschen verstört er regelmäßig seine Mitmenschen. Doch er ist nicht allein.

Spezialgymnastik: Immer wieder Kopf, Nacken und Rücken entknacken Zur Großansicht
Corbis

Spezialgymnastik: Immer wieder Kopf, Nacken und Rücken entknacken

"Hören Sie jetzt mal genau hin", sage ich, auf allen Vieren, in Unterhose. Ich strecke gleichzeitig den rechten Arm und das linke Bein von mir. Langsam. Es knackt einmal, ich strecke weiter, knack, ein zweites Mal. Dann ein drittes Mal: knack. Mein Physiotherapeut runzelt die Stirn. "Machen Sie das noch mal", sagt er. Dieses Mal strecke ich den linken Arm und das rechte Bein aus. Wieder beginnt es zu knacken. Nur lauter. "Diese Seite ist noch stärker", sage ich. Er kratzt sich am Kopf. "Sowas habe ich tatsächlich noch nie erlebt", sagte er. "Ich muss mich mal mit meinem Kollegen beraten." Er verschwindet, hinter der Tür höre ich Stimmen. Ich sitze in meiner Unterhose auf der Liege und seufze.

In den letzten Jahren ist mein Körper zunehmend zu einem Instrument geworden - zur Gelenkbratsche. Es begann mit den Knien. Bei jeder Kniebeuge klang es, als würde jemand einen Stapel Dokumente zusammentackern. Dann ging es weiter im Nacken. Dann folgten die Schultern. Und nun also noch der Rücken.

Etwa alle dreißig Minuten kann ich das Gelenkknacken reproduzieren. Ich entknacke mich regelmäßig, vor allem den Nacken und die Schultern (dass das überhaupt nicht gut ist, weiß ich erst jetzt). Dazu muss ich komische Verrenkungen machen: Zuerst ziehe ich die Schultern zu den Ohren hoch. Das verursacht ein multiples Knacken in den Schultergelenken. Dann kippe ich den Kopf erst zur linken, dann zur rechten Seite und spanne die Nackenmuskeln an. Das knackt noch mal ordentlich in beiden Strängen. Manchmal will es nicht sofort, dann muss ich den Kopf wild hin- und herrollen.

Das Knacken verursacht Angst und Schrecken

Wir Knacker erkennen uns auf der Straße. Immer häufiger fallen mir Männer auf - meistens sind es Männer, warum auch immer -, die ihren Kopf in der gleichen seltsamen Verrenkung bewegen. Es ist unser irrer Gruß: "Lass knacken, Alter." - "Jo. Muss."

Die Geräusche sind mir allerdings etwas unangenehm. Meine Freundin bekommt Gänsehaut, wenn ich zu Hause Gymnastik mache. Im Kino muss ich immer auf die Actionszenen warten, sonst drehen sich verstört die Leute um. Und bei der Arbeit wundern sich meine Kollegen über die vermeintlich defekte Stuhlhydraulik.

Ich nahm das Phänomen lange Zeit mit Humor, es hatte eine morbide Faszination angenommen. Doch als dann noch mein Rücken anfing zu knacken, wurde ich nervös. Hatte ich überhaupt noch Knorpelgewebe? Oder rieb schon Knochen auf Knochen? Würde ich morgen im Rollstuhl laut vor mich hinknacken und mit dem Stock den Kindern drohen, die mir dauernd "Alter Knacker!" hinterherriefen? Ab zum Spezialisten, dachte ich mir. Und jetzt das.

Verschleiß ist normal

Nach seiner Beratung kommt mein Physiotherapeut wieder herein. Aus seinem Gesicht spricht noch immer die Ratlosigkeit. Er stammelte ein wenig vor sich hin und sagt was von Verschleißerscheinungen und Gelenken und Unterdruck. Aber so richtig bringt mich das nicht weiter.

Zwei Orthopädenbesuche und drei Röntgenaufnahmen später weiß ich, dass ich tatsächlich Verschleißerscheinungen in der Wirbelsäule habe. Mit 39 Jahren will man so etwas nicht hören, auch wenn der Orthopäde betont, dass das normal und kein Grund zur Beunruhigung sei. Aber ob die Verschleißerscheinungen das Knacken verursachten, kann er mir nicht sagen. Beziehungsweise kann ich ihn das in der maximal 30-sekündigen Unterhaltung nicht fragen. Dann ist der vielbeschäftigte Weißkittel schon wieder aus dem Zimmer geeilt.

Von der Medizin alleingelassen, knacke ich weiter einsam vor mich hin. Vor einigen Monaten habe ich mit Krafttraining angefangen. Vor der Kulisse des Fitnessstudios falle ich mit meinen Körpergeräuschen glücklicherweise nicht so auf, wenn Eisen auf Eisen haut und Schnaufer auf Ächzer trifft. Ich mache viele Übungen für die Schulter- und Nackenmuskulatur, das hat die Lage etwas entspannt. Trotzdem ist das Knacken noch da. Mein einziger Trost ist, dass es im Alter vermutlich weggehen wird - weil die Gelenke dann steif werden. Das ist beknackt, aber immerhin bin ich mit dem Problem nicht allein.

Knackende Gelenke

Corbis

Was verursacht Gelenkknacken?

Ab wann sollte man damit zum Arzt gehen?

Wie wird man das Knacken wieder los?

Lesen Sie im Experteninterview das Wichtigste über knackende Gelenke.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
HannyBanny 17.04.2013
Auch ich (w, 28) habe dieses "Problem". Ich grusele regelmäßig meine Umgebung damit, dass ich "knacke" bzw. "einrenke". Ich möchte der lustigen Reihe an Knackbewegungen noch eine hinzufügen: Den "Knie-Dance", wie ich ihn liebevoll nenne. Irgendwas verrutscht da und tut weh und dann muss ich den "Knie-Dance" aufführen, damit es knackt - und dann ist alles wieder in Ordnung. Auch das hat schon zu diversen Missverständnissen am Arbeitsplatz geführt - zuletzt wurde ich gar bezichtigt, den "Gangnamstyle" aufzuführen -.-' Bei mir scheint das allerdings in der Familie zu liegen - auch mein Bruder zeigt dieses Phänomen. Mir wurde vom Hausarzt erklärt, das seien überbewegliche Bänder.
2.
manolis84 17.04.2013
Das ist interessant. Bei mir knacken auch der Rücken und die Schultern. Mein Orthopäde meinte auch zu mir, dass ich Hyperbeweglich bin und das Knacken irgendewie damit zusammen hängt. Als "Therapie" wurde mir dann Muskelaufbau empfohlen, um den Körper zu stützen. Dadurch sollten dann weniger Verspannungen auftreten, welche durch ein Knacken gelöst werden.
3.
Fr4ge 17.04.2013
Ich kenne dieses Problem auch. Vorallem knacke ich mit den Nacken und der WS. Ich betreibe auch Kraftsport GK-Training drei mal die Woche und ich knacke genauso wie vorher sehe nur dabei besser aus. :)
4. Tipp: chinesische Bewegungsübungen.
diskantus 17.04.2013
Qi-Gong, Tai-Chi. Unbedingt mit Anleitung eines erfahrenen Trainers/Meisters lernen und regelmässig, also täglich (!) üben. Dabei immer entspannen, locker bleiben, nicht übertreiben: nicht die Stärke oder Dauer macht es aus, sondern die Regelmässigkeit des Praktizierens. Das Knacken ist in östlicher Medizin nicht einfach nur Verschleiß, sondern Qi-Blockade. Durch tägliches Qi-Gong-Praktizieren werden (auch) die Gelenke Qi-durchlässiger, so dass sich das Knacken reduziert. Ich habe ein Knacken in der Schulter - und das ist, nach mehrjährigem Qi-Gong-Üben, deutlichst (!) gemildert, so dass ich glaube, dass es irgendwann ganz verschwunden sein wird.
5. Prof. Dr. rer. nat. phil.
KobiDror 17.04.2013
Zitat:*Mir wurde vom Hausarzt erklärt, das seien überbewegliche Bänder* Das "Problem" kenne ich auch. Bei mir sind es Schultern und Knöchel. Auch ich habe dasselbe zu hören bekommen. Springende Sehnen nannte es mein Orthopäde. Blöd, aber kein Grund zur Besorgnis. Ich war im selben Alter, wie Sie als ich die Diagnose bekam. Heute (5 Jahre später) hat sich nichts verändert. Jedes Mal, wenn ich die Treppe hinunter laufe, macht es auf den ersten zwei Stufen knack knack. Null Schmerzen, keine Beeinträchtigung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness
RSS
alles zum Thema Wir machen uns mal frei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Jens Lubbadeh

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: