Wettkampf mit Flüchtlingen Die wollen auch nur laufen

Weil Achim Achilles kaum Flüchtlinge kennt, nimmt er am Berliner Run for Refugees auf dem Tempelhofer Feld teil. Danach muss er sein Weltbild überdenken.

Flüchtlinge am ehemaligen Flughafen Tempelhof, Berlin
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Flüchtlinge am ehemaligen Flughafen Tempelhof, Berlin


Wo bleiben denn Ali, Wasim und Farhad? Es ist 8.57 Uhr. In drei Minuten startet der Run for Refugees, aber von denen fehlt ein halbes Dutzend. Vor 20 Minuten haben immerhin die Afghanen angerufen, nachdem sie am "Platz der Luftbrücke" aus dem U-Bahn-Dunkel aufgetaucht waren. Seither irren sie um den ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Eine Fahrradspäherin macht sich auf die Suche. Die Eritreer fehlen auch. "Immer Columbiadamm lang" hatte Olli erklärt, der sich seit Monaten um die afrikanischen Jungs kümmert, starke Läufer, die in einer Unterkunft am Grunewald untergekommen sind und eifrig Deutsch lernen.

Man könnte jetzt Halbgebildetes über den Pünktlichkeitsbegriff in anderen Kulturen zum Besten geben. Andererseits: Mit Deutsch und Englisch wäre ich an einem Samstagmorgen in Eritreas Hauptstadt Asmara zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln und Straßenschildern wahrscheinlich auch ziemlich verloren, wenn ich einen eher gefühlten Treffpunkt irgendwo auf den Weiten eines Flugfeldes finden müsste.

Junge Menschen werden in Eritrea automatisch eingezogen und bleiben oft lebenslänglich beim Militär, einem gigantischen Knast mit reduzierter Lebenserwartung. Als ehemaliger Verweigerer kann man nur Respekt haben für Teenager, die ihr Leben riskieren, um ihr Leben zu retten, um in einem fremden Land mit nichts anzufangen.

Was mögen sie von einem Land halten, in dem mittelbegabte Läufer die neueste Klamotten- und Schuhkollektion am Leib tragen, ein Edel-Handy im Armhalfter und Edelkopfhörer ums Haupt sowie am Stirnband eine GoPro-Kamera, weil kilometerlange Betonpisten filmisch hochspannend sind, jedenfalls für Wim Wenders?

Entspannend, wenn mal keiner Zeichen setzen will

Paff! Der Startschuss, abgegeben von Doreen, die diesen Lauf organisiert hat, ohne Geld, aber mit Startnummern und sogar Sicherheitsnadeln, Preisen, Urkunden, Medaillen.

Startgeld? Eine freiwillige Spende. Teilnehmer: Gut fünfzig Berliner, die Lust haben mit etwa ebenso vielen Geflüchteten in der kühlen Morgendiesigkeit zehn Kilometer zu rennen, einfach so, weil gemeinsamer Sport noch nie geschadet hat.

Es wird ja viel geredet über Menschen mit Fluchthintergrund und wie sie so seien, dabei kennt man ja kaum welche, mal abgesehen von denen aus der eigenen Familie. Erstes Fazit: Die wollen auch nur laufen. So wie die Ureinwohner. Entspannend, wenn mal keiner Zeichen setzen, die Welt retten, Balkanroutenalternativen durchplappern will. Nichts mit Medien.

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke
Diskret steht abseits ein blauer Plastiksack mit Laufklamotten. Manche haben halt nur einen Pullover. Es ist eine AfD-freie Welt, in der nicht immer gleich die niedersten Instinkte regieren - es sei denn, es geht ums Laufen. Da sind sie dann, diese Testosteronbomber, die sich ungeniert im Schritt schaben, überall hinspucken, hemmungslos in der Botanik das Wasser abschlagen und sich von Frauen niemals überholen lassen würden - womit der deutsche Durchschnittsläufer wohl ziemlich zutreffend beschrieben wäre.

Jeder ist irgendwie Erster

Na endlich. Von Ferne winken Afghanen und Eritreer. Die Radspäherin hat sie gefunden. Das Feld ist knapp zehn Minuten auf der Strecke. Hinterher? Oder einfach mal kulturell Neuland wagen und stracks querfeldein abkürzen, um dem Feld zu begegnen. Und los. Die Eritreer haben den afrikanischen Stil im Bein, wo höchstes Tempo wie Trimm-Trab aussieht. Sie entschwinden bald am Horizont.

Einer der Afghanen rennt in Ermangelung von Laufschuhen in schweren Leder-Boots und schafft dabei den Kilometer locker in vier Minuten, zehn Sekunden. Schrecklich, wenn wir diesen Menschen eines unserer zwölf Paar Laufschuhe abgeben müssten.

Manche haben noch nie an einem Wettlauf teilgenommen, weil das Leben bislang andere Prioritäten bereit hielt, und machen typische Anfängerfehler: Losrennen wie verrückt, pumpend ein paar Schritte gehen und wieder loswetzen. Im Prinzip eine Vorarbeit zur Galloway-Trainingsmethode.

Wir trudeln ins Ziel. Und jeder ist irgendwie Erster. Der erste Veganer. Der erste Syrer. Der Erste in Lederstiefeln. Der Erste, der noch nie zehn Kilometer am Stück gerannt ist. Die ersten Frauen unter Führung von Katharina von der RunBase Berlin. Es war einfach unmöglich, diese drei Frauen noch einzuholen. Der erste Ü50 (ich). Als Preise gibt es Freistarts beim Halbmarathon, Sportartikel, Handgezeichnetes im Rahmen. Die Flüchtlinge bedanken sich und schütteln Hände. Offenbar halten sie die Deutschen für angenehme Sportsfreunde, gebildet, kulturell und offen.

Kongo oder Sudan?

Natürlich haben die Eritreer gewonnen, was aber nicht zählt, da wir ja abgekürzt haben.

Der reguläre Sieger ist ein großer Schwarzer; sieht nach Kongo aus oder Sudan. Ich möchte ein Zeichen der Anteilnahme setzen und frage in solidarischem Radebrech, wie er denn nach Deutschland gekommen sei. Jetzt bitte eine dramatische Flucht-Story, mit der ich beim Lauftreff punkten kann.

Meist nehme er das Flugzeug, erklärt der Sieger höflich, er sei Student aus Großbritannien und eher im Sprint zu Hause. Aha, na klar, vielen Dank. Dann wollen wir mal wieder unser Welt- und Menschenbild überdenken.


Achim Achilles hat jetzt einen Podcast

Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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