Weltweite Studie Wo die Bewegungsmuffel wohnen

Deutschland, Irak, USA - in vielen Ländern bewegen sich die Menschen zu wenig, das gilt vor allem für Frauen. Die Weltgesundheitsorganisation warnt: Etwa 1,4 Milliarden Menschen drohen Gesundheitsschäden.

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Auto fahren, fernsehen, am Computer arbeiten: In reichen Ländern steigt die Zahl der Menschen, die sich nicht genug bewegen, deutlich an. Einer globalen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge waren 2016 im Durchschnitt 37 Prozent der Erwachsenen in Nationen mit hohem Einkommen Bewegungsmuffel. In Deutschland lag die Quote demnach bei 42 Prozent, in Kuwait sogar bei 67 Prozent.

Insgesamt hat sich die körperliche Aktivität der Weltbevölkerung zwischen 2001 und 2016 kaum verändert: Weltweit ist fast jeder Dritte (28 Prozent) nicht aktiv genug - damals wie heute. Für die WHO ist das Grund zur Besorgnis, hatte sie doch für das Jahr 2025 das Ziel ausgesprochen, den Anteil der Bewegungsfaulen um mindestens zehn Prozent zu reduzieren.

Fünf Stunden Sport pro Woche

Nach Ansicht der WHO ist körperlich ausreichend aktiv, wer sich pro Woche zweieinhalb Stunden bewegt oder 75 Minuten Sport treibt. Für die Gesundheit optimal wären aber mindestens fünf Stunden Bewegung pro Woche oder zweieinhalb Stunden Sport.

Denn Bewegungsmangel ist mit verantwortlich für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und bestimmte Krebserkrankungen. Der Analyse zufolge sind somit mehr als 1,4 Milliarden Menschen durch die fehlende körperliche Aktivität gesundheitlich gefährdet.


Die Untersuchung:

  • Der WHO-Bericht basiert auf 358 Studien aus 168 Ländern mit rund 1,9 Millionen Studienteilnehmern.
  • In 65 der 168 Ländern lagen mindestens zwei Studien aus verschiedenen Jahren vor, bei denen der gleiche Fragebogen und das gleiche Auswertungsmuster genutzt wurden. Für diese Länder sind im WHO-Bericht entsprechende Langzeitaussagen getroffen worden.
  • Die Datenbasis war bei Langzeitauswertungen für einkommensstarke Länder besser als für ärmere Länder.

Auffallend sind die deutlichen regionalen Unterschiede, die sich zeigten, als die Wissenschaftler um Fiona Bull von der University of Western Australia die Daten bündelten: Demnach sind 39 Prozent der Erwachsenen in Lateinamerika und der Karibik körperlich zu inaktiv, was die Forscher auf die rasante Verstädterung insbesondere in Ländern wie Argentinien, Brasilien und Kolumbien zurückführen.

Auch in einkommensstarken, westlichen Nationen (wie etwa Deutschland, Frankreich, Schweiz, Neuseeland oder USA) bewegen sich insgesamt 37 Prozent der Menschen über 18 Jahren zu wenig. Zu viele fahren mit dem Auto zur Arbeit und sitzen dort am Schreibtisch, körperliche Arbeit tritt immer mehr in den Hintergrund, auch in der Freizeit bewegen sich die Menschen zu wenig. Am größten sind diese Probleme nach Kuwait in Ländern wie Saudi-Arabien (53 Prozent) und dem Irak (52 Prozent).

Aktivere Männer

In Ozeanien dagegen bewegen sich nur 16 Prozent der Menschen über 18 Jahren zu wenig. Bei der Betrachtung einzelner Länder zeigt sich zudem, dass es in armen Ländern wie Uganda, Mosambik oder Lesotho nur sehr wenig Menschen gibt (jeweils 6 Prozent), die sich nicht ausreichend bewegen.

In fast allen Ländern und Regionen wird außerdem deutlich, dass wesentlich mehr Frauen als Männer sich zu wenig bewegen. Während global betrachtet 23 Prozent aller Männer Bewegungsmuffel sind, sind es bei den Frauen 32 Prozent. Die größten Unterschiede gab es diesbezüglich in Bangladesch (16 zu 40 Prozent), Eritrea (14 zu 31 Prozent) und Indien (25 zu 44 Prozent).

Zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern schreiben die Autoren: "Kulturelle Normen, traditionelle Rollenbilder und ein Mangel an sozialer Unterstützung könnten dazu führen, dass Mädchen und Frauen weniger an körperlichen Aktivitäten teilnehmen." Dies müsse bei der Planung von Bewegungsangeboten in den unterschiedlichen Ländern berücksichtigt werden.

Die WHO fordert die Politik auf, die körperliche Aktivität der Bevölkerung zu fördern und Anreize zu schaffen. In einem Aktionsplan schlägt die Organisation unter anderem vor, die Sicherheit für Fußgänger und Fahrradfahrer im Straßenverkehr zu verbessern, mehr Sportangebote und Sportstätten einzurichten und auch am Arbeitsplatz Möglichkeiten für körperliche Aktivität anzubieten.

Mit Material von dpa



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fatherted98 05.09.2018
1. jeder...
....hat einen Kopf auf den Schultern und kann selbstständig denken. Wer sich nicht bewegt ist selber Schuld....wird fett und krank.....daran ändern solche Studien wenig bis nichts. Es liegt bei jedem Einzelnen sich halbwegs gesund zu ernähren und sich halbwegs moderat zu bewegen.....
roithamer 05.09.2018
2. Sitzen ist nicht immer nötig
Ich habe einen Bürojob und sitze fast den ganzen Tag. Dabei könnte ich auch sehr gut im Stehen am Computer arbeiten, das wäre auch für meine Augen besser, doch leider habe ich keinen Schreibtisch, den man per Knopfdruck hoch- und runterfahren kann. Aber für die zukünftige Generation erwarte ich, dass solche Möglichkeiten Standard werden.
Olaf 05.09.2018
3.
Ich kann mir vorstellen, dass sich dieses Problem in den nächsten Jahren noch verschlimmert. Die Schwellenländer holen auf, d.h. auch dort steigt die Anzahl der Bürojobs mit wenig Bewegung. In den Industrieländern wird durch Digitalisierung und KI ebenfalls der Anteil der sitzenden Arbeit mehr werden. Einkaufen gehen fällt als kleiner Bewegungsausgleich auch immer mehr weg, weil bis hin zu den Lebensmitteln alles von Amazon und Co. direkt ins Haus geliefert werden. Man wird also immer bewusster selbst auf einen Bewegungsausgleich achten müssen. Wichtig wäre ein vernünftiger Sportunterricht in der Schulen, der dem entgegenwirkt. Leider ist dieser aber meist ein Totalausfall.
CancunMM 05.09.2018
4.
Zitat von roithamerIch habe einen Bürojob und sitze fast den ganzen Tag. Dabei könnte ich auch sehr gut im Stehen am Computer arbeiten, das wäre auch für meine Augen besser, doch leider habe ich keinen Schreibtisch, den man per Knopfdruck hoch- und runterfahren kann. Aber für die zukünftige Generation erwarte ich, dass solche Möglichkeiten Standard werden.
Aber da Sie ja nicht 24 h am Tag arbeiten, können Sie sich ja nach der Arbeit ausreichend bewegen. Nicht immer andere verantwortlich machen. Schweinehund überwinden und raus in die Natur.
nachdenklichunderstaunt 05.09.2018
5. Was ist denn Bewegung?
Was mir bei diesen Berichten fehlt, ist die Definition von Bewegung. Wird dabei zum Beispiel jeder Schritt gezählt? Ist die Basis die eigene Bewertung? Wie zählt stehen? Ich habe einen Schrittzähler und bin oft überrascht, wie viel ich mich bewegt habe. Meist mehr als ich dachte. Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen subjektiv unterschätzen, wie viel sie sich bewegen. Ohne Geschlechter-Klischees zu unterstützen, es kümmern sich noch immer mehr Frauen um Kinder als Männer. Und nur hier hinterher zu bleiben, erfordet jede Menge Bewegung. Wurde das zum Beispiel mitberücksichtigt? Wenn die Definition nicht klar ist, ist so ein Artikel für mich leider nur sehr grob aussagekräftig.
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