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26. Februar 2013, 15:46 Uhr

Achilles' Verse

Hilfe, mein Schlüsselbein ist gebrochen!

Ego sei unsere neue Religion, behauptet ein verschwörerischer Beststeller, ein kalter Krieg habe unsere Herzen erobert. Unsinn, sagt Freizeit-Havarist Achim Achilles. Das gute alte "Wir" gibt es reichlich und überall: Man muss sich nur mal auf die Schnauze legen - und das Schlüsselbein brechen.

Jetzt mal ökonomisch: Wenn Teilzeit-Irre in der Midlife Crisis im eisglatten Wald Radrennen fahren oder Sportlaien die schwarze Piste hinabdonnern, um mit einem Spiralbruch erst gen Tal und dann ins Spital zu fliegen, wenn Heranwachsende angeheitert mit den Schneidezähnen im Bordstein stecken, sollten wir sie liegen lassen, vor allem Wiederholungstäter - selbstverschuldet, persönliches Risiko, Eigenverantwortung.

Nein, diesen Trotteln helfen wir nicht, sondern machen Frühstückspause und legen unser Geld online an. Konsequenter Eigennutz wird die Welt beherrschen, behauptet Bestsellerautor Frank Schirrmacher in seinem wirren Werk "Ego". Eine globale Verschwörung habe Menschen in Monstren, ihre Herzen in Eisklötze verwandelt. Alles Ich.

Was muss früher beim kleinen Frank oder im großen Feuilleton schiefgelaufen sein, dass ihm ein gewaltiges Paralleluniversum verborgen geblieben ist? Denn neben dem "Ich" gibt es ein "Wir". Dort leben auch Menschen, ganz schön viele übrigens, denen übermäßiger Egoismus immer fremd bleiben wird.

Wie stark dieses "Wir" ist, durfte ich vergangenen Samstag erfahren. In einem weiteren Anfall von Selbstüberschätzung war ich bei einem Cross-Duathlon gestartet, um mich mit dem Mountainbike auf schneeglatter Piste prompt zu maulen. Schon im Aufprall signalisierte ein trockenes Knurschen, dass ein Knochen geborsten war.

Hundert Meter weiter stand eine Helferin seit über einer Stunde bibbernd im Schnee, Vereinsmitglied wahrscheinlich, für genau diesen Moment des Notfalls. Sie rief Hilfe. Nach fünf Minuten waren die Johanniter da, Freiwillige, und stützten mich. Ein Unbekannter schleppte derweil mein havariertes Rad ins Ziel. Die Sanis chauffierten mich samt dreckigem Rad im Sanitätswagen durch den Wald zum Auto und packten das Bike sorgsam in den Kofferraum. Trinkgeld? "Dürfen wir nicht." Dafür entschuldigten sie sich dreimal, dass es auf dem Waldweg so geruckelt habe. Erste Rührung.

Anteilnahme von überall

Meine Arzt-Freundin beriet mich umgehend telefonisch und sagte den wichtigsten Satz: "Halb so schlimm." Mona fuhr mich ins DRK-Klinikum Westend. Schwester Tina hätte meine Laufklamotten zerschneiden können, um an das geviertelte Schlüsselbein zu kommen, aber sie behielt die Sachen heil. Arzt, Röntgen, Schmerzmittel, Decke - von überall Hilfe, Hände und die ersten netten SMSen. Keine Spur von Ego-Welt. Stattdessen eine Welle des Wir.

Am nächsten Morgen die OP. Lustige Leute hier: der Assistenzarzt mit türkischem Namen, ein OP-Facharbeiter mit polnischen Wurzeln, ein heiterer Anästhesist verabreicht süffige Pharmazie. Unfallchirurg Kowalski meldet sich im Alba-Fleece zum Dienst. Super: Wer Basketball-Profis zusammenflicken kann, wird ein banales Schlüsselbein ja wohl hinkriegen.

Zum Dienstende schaut Kowalski rasch noch mal rein und erklärt Röntgenbilder. Die großartigsten Sportkameradinnen der Welt schauen nach dem Schwimmtraining vorbei, natürlich ohne jegliche Nahrung, "damit du nicht gleich wieder zulegst". Kohldampf um Mitternacht. Schwester Monika schiebt den zehnten Nachdienst in Serie und bereitet außerplanmäßig ein zweites Abendbrot, handgeschmiert. Mit dem Verzehr des Schinkenbrots habe ich zwar gegen mein Vegetarier-Gelübde verstoßen - aber das war's wert. Ego, wo steckst du? In einer einsamen Frankfurter W-Lan-Zelle?

Aber hier herrscht Wir. Sportsfreunde, Sanitäter, Krankenhauspersonal - überall vorwiegend heiteres Miteinander. Bekommt einer dieser vielen Menschen Boni oder Sozialprestige oder Applaus? Nein. Sie tun es einfach so. Weil die Welt nicht automatisch egoistisch ist, sondern so, wie wir sie sehen, wie wir sie wollen und wie wir sie gestalten. Hut ab dafür. Und danke.

Aufmunterungen, Gesundheitstipps und Besserwissereien nimmt Schlüsselbeinbruch-Patient Achim gerne auf seiner Facebook-Seite entgegen.

Haben Sie den Radiologenblick? Können Sie Röntgenbilder richtig deuten? Testen Sie es im Röntgenbilder-Quiz.

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