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Wildkräuter in der Stadt: Essen vom Grünstreifen

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Wildkräuter: Essbares Grün in der Stadt Fotos
DPA

Neuer Trend in Berlin, Hamburg, Frankfurt: Städter sammeln in Parks Wildkräuter. Die Pflanzen schmecken gut und kosten nichts - aber sind sie auch gesund?

Wie unterscheidet man einen Gartenkerbel von der Hundspetersilie? Was ist der Unterschied zwischen Bärlauch und einer Herbstzeitlosen? Unter Städtern wächst das Interesse an diesen Fragen - und mit ihm die Zahl der Teilnehmer an entsprechenden Kräuterkursen und Spaziergängen. "Es gibt ein großes Bedürfnis der Stadtbewohner, die Natur in ihrem Umfeld zu entdecken und auch zu nutzen", sagt die Wildkräuterexpertin Regine Ebert. Die Phytotherapeutin bietet im Rhein-Main-Gebiet Führungen und Seminare rund um das Thema Wildkräuter und Heilpflanzen an.

Regelmäßig führt Ebert Gruppen über den Hauptfriedhof von Frankfurt, mit seinen rund 70 Hektar Fläche eine der größten grünen Inseln der Stadt. Auch das ehemalige Gelände der Bundesgartenschau, Stadtparks, wilde Gärten und Stadtrandgebiete gehören zu den Exkursionspfaden der Expertin.

Nicht einfach drauflospflücken

Am einfachsten zu finden sind Brennnesseln, Löwenzahn und Giersch. "Das sind Pflanzen, die überall wachsen und leicht zu erkennen sind", so Ebert. Und denen allerlei wohltuende Wirkungen nachgesagt werden: Die Brennnessel sei besonders reich an Vitamin C und Eisen, schmecke gedünstet, in der Suppe und im Smoothie. "Löwenzahnblätter, vor allem die jungen, sind lecker im Salat, mit Giersch kann man ein Risotto oder Pesto machen, Gänseblümchen schmecken pur auf Brot", sagt Ebert. Über 1800 wildwachsende Pflanzenarten sind allein für den Frankfurter Stadtraum nachgewiesen.

Nicht nur für den Gaumen sind Wildkräuter eine Bereicherung, ihnen werden auch gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt. Brennnesseltee etwa wirkt harntreibend, Spitzwegerich wurde von Wissenschaftlern der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2014 gewählt, weil er Husten lindern soll. Gänseblümchen-Öl wiederum soll gegen blaue Flecken helfen und Gundermann-Sud entzündungshemmend bei Hauterkrankungen sein.

Grüne Städte
Schon in den Siebzigerjahren zeigten Studien, dass die Pflanzenvielfalt in der Stadt oft höher ist als auf dem Land. Erklärungen dafür gibt es einige (s. PDF): Die Stadt hat viele geschützte Nischen, bietet vielseitige Lebensräume und bekommt durch das hohe Verkehrsaufkommen immer neue gebietsfremde Arten eingeschleust. In ländlichen Gebieten erschweren Monokulturen und der hohe Einsatz von Spritzmitteln das Wachstum von Wildkräutern.
Einfach drauflospflücken sollten Sammler aber nicht: "Man muss schon wissen, wie die Pflanzen aussehen, sonst droht Verwechslungsgefahr", warnt Ebert. Sammler würden immer wieder Bärlauch mit Maiglöckchen verwechseln. Mit fatalen Folgen: Die Blätter der Maiglöckchen enthalten herzwirksame Glykoside, die die Herzfrequenz verringern und Rhythmusstörungen verursachen können. Auch Doldenblütler, wie die Wilde Möhre oder Kerbel seien leicht mit giftigen Verwandten wie der Hundspetersilie oder Schierling zu verwechseln.

Deshalb rät Regine Ebert Einsteigern, erst mal nur zwei bis drei gut bekannte Kräuter zu sammeln und jede Neuentdeckung gründlich zu prüfen. Im Zweifel gilt eine einfache Grundregel: Gegessen wird nur, was sich eindeutig bestimmen lässt. "Alles, was zudem extrem bitter oder brennend und scharf schmeckt, ist nicht gut."

Verunreinigte Kräuter

Auch wenn Städte eine große Pflanzenvielfalt bieten: überall sollten Sammler nicht ernten. So haben Untersuchungen am Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin gezeigt, dass Obst und Gemüse aus innerstädtischem Anbau zum Teil erheblich mit Schadstoffen belastet ist. "Diese Ergebnisse können auch auf Wildkräuter übertragen werden", sagt die Ökotrophologin Gesa Maschkowski vom Bonner Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz (aid). "Vor allem Pflanzen, die in der Nähe von verkehrsreichen Straßen wachsen, sollten besser nicht gepflückt werden." Mindestens sieben, besser zehn Meter Abstand sollten eingehalten werden. In Stadtrandlagen wiederum bekämen Wildkräuter in Feldnähe oft Spritzmittel ab.

"Perfekt sind natürlich biologisch-bewirtschaftete Felder, wilde Gärten oder Obstbaumwiesen", sagt Ebert. Großräumig umgehen sollte man hingegen viel frequentierte Plätze und Hundewiesen. "Hier sind die Kräuter häufig durch Müll und Hundekot verunreinigt", sagt Ebert. Da besteht auch die Gefahr einer Infektion mit dem Fuchs- und Hundebandwurm - auch wenn das Risiko für eine solche Echinokokkose gering ist. Das Robert Koch-Institut zählte 2014 in Deutschland 35 Fälle. "Vor dem Verzehr sollten die gesammelten Kräuter aber trotzdem gut gewaschen werden", sagt Ebert.

Wildwuchernde Pflanzen wie Löwenzahn oder Brennnesseln können großzügig geerntet werden. Bei allen anderen gilt Schonung, sagt Ebert: "Damit auch andere Sammler noch fündig werden, sollte nie der ganze Bestand einer Wildpflanze geerntet werden."

Zur Autorin
  • Bettina Levecke
    Bettina Levecke ist freie Journalistin und schreibt über Familien- und Gesundheits­themen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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    Seite 1    
1. guten Hunger,
messwol 25.09.2015
solange es kein Kreuzkrautsalat ist.
2. Vor allem fressen die Leute den letzten Wildtieren,
bekassine 25.09.2015
die sich auch des Nahrungsmangels in der agrarindustriellen Einöde wegen, der zubetonierten Landschaft und den strunzöden Gärten der ordnungsliebenden Gartenbesitzer in Großstädte geflüchtet haben, die letzte natürliche Nahrung weg. Das auch noch möglichst, bevor die Pflanzen Samen abwerfen konnten. Merkt Ihr eigentlich nicht, wie gedankenlos solche hippen Trends sind und wie schädlich?!
3.
ka117 25.09.2015
So weit ist es also schon gekommen, dass die Menschen in Deutschland Grünzeug essen, das sie am Strassenrand finden können!
4. Als passionierte Kräuterhexe
Pfaffenwinkel 25.09.2015
würde ich nie in einer Großstadt Kräuter sammeln, da sie alle von den Autoabgasen schwer belastet sind. Leider.
5. Zumindest Glyphosat
sverris 25.09.2015
haben die Grünstreifen wohl eher nicht abbekommen, während ich mir im Supermarkt dessen kaum sicher sein kann...
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