Achilles' Verse Todesfalle Fahrrad

Radfahren ist ja so gesund - aber nur wenn der Radler auch lebendig ins Ziel kommt. Es ist höchste Zeit für Kooperation statt Konflikt zwischen Freizeitradler und Autofahrer. Achim Achilles erklärt die häufigsten Missverständnisse.

Radfahrer im Straßenverkehr (in München): Das Feindbild des Autofahrers ist bunt und unberechenbar
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Radfahrer im Straßenverkehr (in München): Das Feindbild des Autofahrers ist bunt und unberechenbar


Eine ganz normale Radfahrt zur Arbeit. In unserer engen Altbaustraße parkt ein Umzugslaster. Von hinten naht ein SUV, viel zu breit für diesen Kiez. Ich strecke den Arm vorschriftsmäßig raus, um am Laster vorbeizufahren. Der SUV-Pilot hupt wie irre. Er findet, dass ich zu warten habe, um ihn passieren zu lassen.

Endlich beginnt der Radweg, leider ist er dauernd blockiert. Erst eine geöffnete Beifahrertür, dann eine Horde vertrottelter Halbwüchsiger, schließlich Baumwurzeln, die die Pflastersteine angehoben haben. Die Radspur endet im Nichts. Noch zwei flotte Rechtsabbieger ohne Schulterblick, dann wären die sechs Kilometer geschafft. Wieder mal lebendig, immerhin.

Am Wochenende dann aufs Rennrad. Mental vom Start weg auf Brüllhupe direkt am Ohr einstellen. Nichts tut der Sonntagsfahrer ja lieber, als Radler zusammenzutröten, was übrigens zu Schreckzucken führt und oft zum spontanen Verreißen des Lenkers.

Wird irgendwo eine Statistik geführt über Hup-Unfälle? Wohl nicht. Was die Statistiker allerdings wissen: 396 Radfahrer kamen 2014 im Straßenverkehr ums Leben, knapp zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Fast jeder Achte von 3377 Verkehrstoten fiel vom Rad. Der Trend zum Velo birgt Gefahren. Wir haben Angst vor Terror, Ebola und Dioxin-Hühnern - aber echtes Sterberisiko lauert im Sattel.

Und Radeln dürfte noch riskanter werden. Kein Verkehrsmittel diversifiziert sich derart rasch wie das Rad. Auf den Straßen drängeln sich Lasten- und Liegeräder, tiefergelegte Zeitfahrmaschinen, Segways, E-Bikes, Fixies ohne Bremsen und Freilauf, hochgerüstete Tech-Bikes und Retro-Möhren von Herkules und Batavus - das Feindbild des Autofahrers ist bunt und unberechenbar.

Der Radler wiederum fühlt ähnlich wie Läufer ethische Überlegenheit: Klimaschutz, Fitness, Kampf dem Übergewicht und wenig Platzverbrauch. Radmenschen weisen Automenschen ständig auf deren Unzulänglichkeiten hin, was wiederum mit Motorengeheul, Gehupe und Unflätigkeiten beantwortet wird. So drehen sich die beiden Gruppen in einem herzlich hasserfüllten Täter-Opfer-Teufelskreis.

Nur wenige Städte wie Münster versuchen, die Streithähne durch kluge Verkehrsführung zu entspannen. Da die Politik auf gesellschaftliche Entwicklungen erfahrungsgemäß erst mit ein, zwei Generationen Verzögerung reagiert, wird es höchste Zeit für freiwillige Kooperation, vor allem aber Verständnis füreinander. Hier ein paar Erklärungsversuche.

  • Was Autofahrer zu Recht empört

1. Rollende Bomben

Jeder Mensch darf jedes Rad erwerben, ganz ohne Tauglichkeitsprüfung. Kaum ist Elternzeit, entdecken Sportmuffel das entschleunigte Rollen mit dem Nachwuchs und schaffen ein Lastenrad an, ohne jede Ahnung, wie man solch ein Gefährt steuert. Schlimmer sind Fixies mit fester Hinterradnabe, gern von jungen Männern mit Dutt und Bart benutzt, deren vermeintliche Tribal-Tattoos oft die Narben von Radunfällen sind. Am schlimmsten jedoch sind E-Bikes, die meist von Zeitgenossen angeschafft werden, die schon vorher wenig Lust hatten, sich zu bewegen. Moped-Tempo bei mangelndem Fahrgefühl ist eine heikle Mischung.

Was treibt solche Menschen? Selbstüberschätzung? Heimliche Sucht nach Suizid? Wenn schon keine Führerscheinprüfung, dann bräuchten die meisten dieser Freizeitkapitäne wahrscheinlich einen psychologischen Test.

2. Verkehrssicherheit

Mal ehrlich: Wer fährt ein zu 100 Prozent verkehrssicheres Rad, mit funktionierender Klingel, genügend Profil auf den Reifen, Licht, Reflektoren?
Eben.

Autos und Motorräder müssen zum TÜV, Räder nicht. Entsprechend schraddelige Bikes rollen durchs Land. Und wenig regelbewusste Piloten dazu. Wer je im nächtlichen Nieselregen fast einen Radler überrollte, der in schwarzen Klamotten ohne Licht, dafür aber schwer angesäuselt über die rote Ampel fuhr, der weiß, was Adrenalin ist.

  • Was Autofahrer nicht verstehen:

1. Reifenkiller Radweg

Gerade am Sonntagmorgen, wenn der Freizeitsportler seine kostbare Karbonmaschine ausführt, kommt es zum Konfliktklassiker: Trotz Radweg saust der Rennradler auf der Straße. "Verboten!" - glaubt der Autofahrer (und manchmal auch der Radfahrer). Warum radelt niemand auf dem Radweg? Weil am Samstagabend trunksüchtige Kids den Radweg mit Bierflaschen beworfen haben. Die schmalen, teuren Rennreifen aber vertragen keine Scherben. Außerdem sind viele Radwege holperig. Und das Trainingstempo sinkt, wenn man schlingernde Sonntagsradler überholen muss. Der glatte Asphalt der Straße ist einfach ein Geschenk. Autofahrer: Zeigt Freude über so viel Sportsgeist und zieht einfach entspannt dran vorbei.

2. Die Technik

Wo wir gerade beim Rennrad sind: Viele Freizeitpedaleure tragen spezielle Schuhe, deren Sohle mit einer Klickverbindung fest mit der Pedale verbunden sind. Absteigen ist lästig. Deswegen rollen Rennradler bisweilen langsam über rote Ampeln, weniger aus kriminellem Impetus als vielmehr aus Bequemlichkeit.

3. Angst

Je nach Reifenstärke und -druck ruht das Fahrrad auf zweimal zwei Quadratzentimetern. Ungeübte Zeitgenossen wackeln, Regen schafft Rutschgefahr, Schlaglöcher zwingen zu hektischen Schlenkern. Kein Wunder, dass Radfahrer erschrecken, wenn panzerartige Geländewagen aus Einfahrten oder Seitenstraßen schießen. Muss ja nicht sein.

Tipp für Autofahrer: Einfach vorstellen, jeder Radler sei ein Schmetterling. Bunt genug sind sie ja.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes entstand der Eindruck, dass Radfahren auf der Straße generell verboten sei, wenn ein Radweg vorhanden ist. Das stimmt so nicht. Die Benutzungspflicht von Radwegen nur, wenn ein blaues Schild diesen ausweist. Außerdem dürfen Fahrradfahrer auf die Straße ausweichen, wenn ein ausgeschilderter Radweg objektiv unbenutzbar ist. Wir bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 205 Beiträge
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Seite 1
marcw 02.09.2015
1.
In meiner Gegend gibt es breite, frisch geteerte, kilometerlange Radwege, die dennoch von den Hobbyradrennfahrern nicht genutzt werden. Wenn das gewünschte Trainingstempo nicht ohne Verkehrsbehinderung und -gefährdung aufrecht erhalten werden kann, dann fahrt halt auf der Radrennbahn (5 km entfernt). Gruppen von Hobbysportlern haben auf der Landstraße nichts zu suchen.
stefanmargraf 02.09.2015
2. Ich, wie viele, fahre beides.
Ein wesentlicher Faktor scheint mir: der Radler bremst zu spät (wenn überhaupt), da er die erstrampelte Energie behalten möchte. Wenn Autos einparken oder Leute die Tramverlassen wartet man, gewöhnlich nicht der Radler. Gefahren werden nicht antizipiert (Kleinkinder, Hunde) und mit viel zu hoher Geschwindigkeit passiert. Auf engen Radwegen sind Pedelecs ohnehin zu schnell. Und Radrennfahrer auf der Strassen ohne Rand sind ein ernstes Problem (ohnehin verboten)!
tkosi 02.09.2015
3. Wieder mal?
Jede Seite hat natürlich ihre Beispiele. Autofahrer regen sich auf über Nebeneinander radelne Rennräder und Rotfahrer. Radfahrer über Drängler, Vorfahrtnehmer und Huper. Problem liegt aber woanders, wie oben im Artikel angedeutet. Es sind einfach zu viele Fahrzeuge für die Strasse. Autos werden nicht weniger und Fahrräder immer mehr. Ich mutmaße auch das die meisten beide Fahrzeuge haben und "Switcher" sind. Auf dem Rad regen sie sich über bornierte Autofahrer auf und auf dem Rad werden sie zu bornierten Ökoradlern :-). Im Kopf sollte man haben: Rammt ein Rad ein Auto gibt es idR eine Beule...rammt ein Auto ein Rad, dann gibt es oft eine Leiche. Ich denke mit Tempo 30 in der Innenstadt und Abschaffung der radwege hätte man das Problem gelöst...hier also meine Vorlage für seriös tuende Blödbacken...legt mal los
o.schork 02.09.2015
4. jo
In vielen Punkten stimme ich überein. Was mir noch fehlt wäre der Wunsch nach einer Polizei mit echt präventiven Kontrollen. Warum nicht mal Morgens vor den Schulen alle Räder ohne Licht rausholen und eine Verwarnung schreiben. In Kooperation mit einem Fahrradverein oder dem TÜV könnte der "Übeltäter" dann binnen einer angemessenen Frist Verkehrstüchtigkeit seines Fahrrades nacheweisen, tut er es nicht kostet es empfindlich Flocken.
bora33 02.09.2015
5. Null Verständnis....
... habe ich (selber sehr viel auf dem Rad unterwegs) in Zeiten von Nabendynamo und LED-Technik für die Dunkelfahrer. Strafen hierfür drastisch rauf und bei Erwischen das Rad konfiszieren und zu Fuß weiterschicken! Das Argument, wegen Klickpedalen, bei Rot über die Ampel rollen zu müssen ist ebenfalls an Dämlichkeit kaum zu überbieten! Ich hab übrigens selber Klickies.
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