Wir machen uns mal frei: Der Glücksritter

Reiter mit Pferd: Der sichere Umgang mit Pferden fordert Erfahrung, um Unfälle zu vermeiden Zur Großansicht
Corbis

Reiter mit Pferd: Der sichere Umgang mit Pferden fordert Erfahrung, um Unfälle zu vermeiden

Eigentlich ist Kolumnist Jens Lubbadeh total allergisch gegen Pferde. Trotzdem hat er eine Woche lang Reiturlaub in der Camargue gemacht. Dabei lernte er die Tücken des Reitsports kennen. Zum Glück bewahrte ihn eine gutmütige Pferdemutti vor dem Schlimmsten.

Es fühlte sich gar nicht an wie bei Rosamunde Pilcher: Guappas Hufe ließen das Wasser am Strand aufspritzen. Und ich zerrte wie ein Irrer an ihren Zügeln, um sie einigermaßen im Zaum zu halten. Guappa, eine fünffache Pferdemutti, wollte hier am Strand der Camargue endlich mal richtig Gas geben. Kann man ihr nicht verdenken, nach fünf Schwangerschaften und dem ganzen Rumstehen auf der Weide.

Ich fühlte die rohe Kraft von einem PS. Und das, obwohl Guappa schon wieder schwanger war. Aber das wusste ich nicht, als ich mich schniefend (ja, ich bin Pferdeallergiker) am Knauf des Westernsattels festkrallte, um nicht von ihrem Rücken heruntergewirbelt zu werden. Womöglich hätte ich sonst Hemmungen gehabt, an ihren Zügeln zu ziehen. Ich wollte nicht, dass Guappa sich vorkam, als würde sie vom Teufel geritten.

Bei Rosamunde Pilcher oder Winnetou sieht das Reiten immer so leicht und unbeschwert aus. Ist es aber gar nicht. Schritt ist leicht, Traben ist auch ok, wenn es sich auch anfühlt wie Dauer-Arschtritt. Galoppieren aber ist Rodeo. Am nächsten Tag hat man die Wahl: Im Bett bleiben, weil man ohnehin nicht mehr laufen kann. Oder sofort wieder rauf aufs Pferd. Ein Wahnsinns-Muskeltraining. Ich fragte nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, dass ich die ganze Woche gebucht hatte...

Überhaupt war es ja eigentlich eine Schnapsidee, dass ich als Allergiker Reiturlaub machte. Das ist ungefähr so irre, wie wenn ein Erdnussallergiker sich dazu entschließt, bei Ültje anzuheuern. Aber meine Freundin, eine passionierte Reiterin, träumt seit Kindheitstagen davon, einmal auf den wilden Pferden der Camargue zu reiten.

"Die meiste Zeit steht man neben dem Tier"

Saß ich erst mal auf dem Tier, ging's. Schließlich war ich an der frischen Luft. Aber die Hälfte der Zeit steht man neben dem Tier im Stall: striegeln, Hufe auskratzen, trensen, satteln. Kennen Sie noch diesen großartigen "Slime" aus den Tiefen der achtziger Jahre? Ein Glas künstlicher Schleim, meistens mit Gummiwürmern drin. Damit bewarf man sich damals als Jugendlicher gegenseitig. Nach fünf Minuten hätte ich mindestens ein Glas vollgekriegt, allerdings mit echtem Slime.

Dass Reiten gefährlich ist, dämmerte mir ziemlich schnell. "Wickel niemals das Seil als Schlinge um deine Hand", warnte mich eine Mitreiterin, als wir morgens unsere Pferde von der Weide holten. "Ich kenne Leute, denen alle Finger abgerissen wurden." Sigrid machte mit der linken Hand eine schneidende Bewegung über die Finger ihrer rechten. "Zack und ab." Weitere Warnungen folgten: Beim Striegeln niemals einfach so um das Pferd herumlaufen - es könnte austreten und einem mal eben beide Beine brechen. Auch nicht gut: sich über den Kopf des Pferdes beugen. Es könnte hochschnellen und einem mindestens den Kiefer zertrümmern. Es wunderte mich dann auch nicht mehr, dass Sigrid nur noch mit Airbag-Weste aufs Pferd stieg.

Dass Reiten so blutig sein kann, möchte man gar nicht glauben, wenn man in diese lang bewimperten, braunen Pferdeaugen blickt. Und doch blieb ich seltsam unängstlich. Wenn ich eine Skipiste hinunter soll, bade ich jedes Mal in Adrenalin und Schweiß. Über den Rücken des höchsten Berges der Vulkaninsel La Palma brachten mich auch keine zehn Pferde. Aber auf den Rücken eines solchen stieg ich freiwillig - und fühlte mich sicher. Und gut. Denn Reiten macht einfach einen Höllenspaß. Wie heißt es doch so schön? Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Dabei flößen mir Tiere eigentlich Respekt ein. Dieser steigt proportional mit der Größe. Wobei ich auch kleine Tiere respektiere. Spätestens nachdem ich mal beobachtet habe, wie meine Freundin beim Tauchen von einem Clownfisch gebissen wurde.

"Guappa ließ sich von meiner Nervosität nicht anstecken"

In unserer Gruppe hatten wir eine feste Reihenfolge. Vor mir ritt ein Mädchen, das gut reiten konnte. Aber ihr Pferd war unsicher, gehorchte nicht und zappelte ständig herum. Sogar Guappa war von dem wackelnden Hintern in ihrem Gesicht schon total genervt. Sie blieb ruhig und ließ sich auch von meiner Nervosität nicht anstecken. Nett war auch, dass sie meine Unerfahrenheit auch nicht so schamlos ausnutzte wie andere Pferde, die ständig irgendwo anhielten, um sich am Wegrand mit Hafer vollzufressen. Obwohl ich das verstehen kann. Wenn ich irgendwo durch die Pampa traben müsste, mit einem schweren Anfänger auf dem Rücken, der ständig rumrutscht und einfach nur nervt, und überall am Wegrand lägen Snickers-Riegel herum - ich glaube, dann hätte ich auch besseres zu tun, als zu gehorchen. Vor allem, wenn ich schwanger wäre.

Jedenfalls glaube ich, dass Guappa mich beschützt hat. Denn ich war in der Reihenfolge eigentlich immer hinter dem Mädchen. Den ganzen Tag hatte Guappa gehorcht und war brav hinter ihrem anstrengenden Vorpferd hinterher getrottet. Doch nach der Mittagpause scherte sie ganz plötzlich aus und überholte drei Pferde. Nun gut, sie war eine reife Frau, die weiß was sie will, dachte ich. Doch kurze Zeit später, bei einem Galopp, strauchelte das Pferd des Mädchens und warf es ab. Infolge des Dominoeffekts stürzten auch die beiden Pferde hinter ihr. Das Mädchen brach sich die Hand, den anderen Reiterinnen passierte glücklicherweise nichts. Hätte Guappa nicht kurz vorher ihre Position verlassen, es hätte mit Sicherheit auch uns erwischt. Vielleicht hat sie gespürt, wie unsicher das Pferd des Mädchens war und wollte mich schützen. Ich würde sie wirklich gerne fragen, ob es so war. Aber ich bin kein Pferdeflüsterer, sondern nur ein Glücksritter.

Wie gefährlich ist Reiten?
Für Mobilnutzer: Über diesen Link erfahren Sie mehr den Reitsport und dessen Risiken!

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Oscar Wilde
Hugh 28.11.2012
Zitat von sysopEigentlich ist Kolumnist Jens Lubbadeh total allergisch gegen Pferde. Trotzdem hat er eine Woche lang Reiturlaub in der Camargue gemacht. Dabei lernte er die Tücken des Reitsports kennen. Zum Glück bewahrte ihn eine gutmütige Pferdemutti vor dem Schlimmsten. Wir machen uns mal frei: Reiturlaub in der Camargue - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/wir-machen-uns-mal-frei-reiturlaub-in-der-camargue-a-869454.html)
Oscar Wilde über Pferde: vorn und hinten gefährlich und in der Mitte ungemütlich. ;-)
2. Was ist nicht gefährlich...............
Blickvonaußen 28.11.2012
Reiten ist eine der schönsten Sportarten, wobei ich nicht das dümmliche im Kreise zockeln in der Reithalle oder dem Außengelände meine, sondern Ausritte in der Natur, bei der man Geist und Seele baumeln lassen kann und sich eine Einheit zwischen Tier und Mensch ergibt. Leider sind die meisten deutschen Reit- und Fahrvereine spießige Klubs der gegenseitigen Bewunderung, in denen Geld, Position, Ausstattung, Pferdepreise und vielerlei idiotischer Ergeiz im Vordergrund stehen. Ich habe es da besser: 7 eigene Pferde, einen fest angestellten Pferdepfleger für alle damit verbundenen Arbeiten und Landschaft satt um mich herum. Allerdings nicht in Europa.................
3.
lessings 28.11.2012
Vielen Dank!!! Was für ein toller Artikel! Muss man sich doch sonst als passionierte Reiterin von den Kumpels anhören, dass Reiten nicht anstrengend sei...
4. War das nicht anders?
bafibo 28.11.2012
Zitat von HughOscar Wilde über Pferde: vorn und hinten gefährlich und in der Mitte ungemütlich. ;-)
Das kenne ich eher als "vorne beißt es, hinten schlägt es und in der Mitte ist es glatt", um nicht zu sagen "Pferde sind auf beiden Seiten abschüssig und trachten dem Reiter nach dem Leben"
5. optional
fx33 29.11.2012
Witzig. Ich kam auch in der Camargue zum ersten Mal mit Pferden in Kontakt. Und war sofort infiziert. Zuhause nahm ich dann Reitunterricht. Aber nur kurz. SO wollte ich nicht reiten, sondern so wie in der Camargue. Inzwischen (seit mehr als 20 Jahren) habe ich ein eigenes Pferd, das ich obendrein auch noch selbst eingeritten und ausgebildet habe. DAS ist Reiten.
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