Wladimir Klitschko "In weißen Schuhen bist du schneller als in schwarzen"

Der entthronte Box-Weltmeister Wladimir Klitschko verabscheut das Laufen. Im Interview mit Fitness-Guru Achim Achilles erklärt der Ukrainer, wie er sich in Form bringt, um seinen Titel zurückzuerobern.

Wladimir Klitschko beim Training: "Kurz vor dem Kampf wird mein Leben viel intensiver. Ich rieche besser, ich höre besser."
AFP

Wladimir Klitschko beim Training: "Kurz vor dem Kampf wird mein Leben viel intensiver. Ich rieche besser, ich höre besser."


Wer richtig fit sein will, muss laufen. Am besten Marathon, meint Achim Achilles und stellt Prominenten 42 Fragen - für jeden geschafften Kilometer eine. Bei Wladimir Klitschko ging Achilles zwar schon bei Frage 1 K.o. Aber gelernt hat er: Auch mit Schwimmen, Kite-Surfen und Stand Up Paddling kann man sich bis hin zur Höchstleistung trainieren.

Frage 1: Wir Spitzenathleten wissen: Laufen ist gut für die Kondition. Wie oft schnürt ein Spitzenboxer die Laufschuhe?

Klitschko: Nie.

Frage 2: Wie bitte? Rocky Balboa ist dauernd gerannt.

Klitschko: Ich bin früher auch sehr viel gelaufen. Zu Schulzeiten habe ich sogar Medaillen gewonnen. Laufen war 15 Jahre Teil meines Trainings. Jeden Morgen habe ich mich wie ein Bekloppter auf den Weg gemacht, jeden Morgen ab in den Park, und das Jahr um Jahr. Und dann stand ich im Ring und habe mich regelmäßig gewundert, warum ich zwar super 20 Kilometer laufen kann, aber nicht die Kondition fürs Boxen habe.

Frage 3: Wie das?

Klitschko: Laufen und Boxen beanspruchen komplett unterschiedliche Muskeln. Du benötigst für beides völlig unterschiedliche Kondition. Laufen bringt mich beim Boxen nicht weiter.

Frage 4: Bauen Sie denn zumindest mal ab und zu eine kleine Laufeinheit in Ihr Ausdauertraining ein?

Klitschko: Nicht mal eine.

Frage 5: Wahrscheinlich ein Trauma weil Vitali schneller war?

Klitschko: Eher nicht. Er war schon sehr gut, aber ich war besser.

Frage 6: Bestzeit?

Klitschko: Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich die 400 Meter um eine Minute herum gelaufen. Ungefähr 1:05, 1:10 Min.

Frage 7: Wenn Sie gelaufen sind: Sind Sie unterwegs angefeindet worden?

Klitschko: Nur von Hunden.

Frage 8: Mussten Sie unterwegs mal Autogramme geben?

Klitschko: Einmal wurde ich beim Laufen angesprochen, ob ich nicht ein Auto signieren könnte. Derjenige wollte unbedingt meine Unterschrift auf dem Lack.

Frage 9: Haben Sie sich beim Laufen hinter Sonnenbrille, Basecap, Schal versteckt?

Klitschko: Ja.

Frage 10: Haben Sie Leggings getragen?

Klitschko: Nein, nicht mein Ding. Für mich sind Lauf-Leggings vergleichbar mit Badehosen: Beim Training im Becken sind sie okay, aber am Strand würde ich nie eine Badehose tragen, immer nur Shorts.

Frage 11: Gehörte Marathon nie zu Ihren Lebenszielen?

Klitschko: Ich habe damals darüber nachgedacht. Aber eigentlich ist es doch verrückt, 42 Kilometer zu laufen, wenn ich schon nach 20 Kilometern ziemlich fertig bin.

Frage 12: Welche Ausdauersportarten betreiben Sie sonst?

Klitschko: Schwimmen, Stand Up-Paddling, Kite-Surfen. Gerade Kite-Surfen ist für meine Kondition unglaublich gut. Nach zwei Stunden bin ich einfach platt.

Frage 13: Und? Schon mal von der Küstenwache gerettet worden?

Klitschko: Gerettet nicht, aber das ein oder andere Mal haben sich die Wege gekreuzt. Das passiert schon mal, wenn man große Strecken zurücklegt und zum Beispiel von Sylt nach Rømø kitet.

Frage 14: Mal ehrlich: Schwimmen ist noch langweiliger als Laufen?

Klitschko: Ich bin davon überzeugt, dass ich beim Schwimmen die beste Kondition bekomme. Jeder Muskel arbeitet, wirklich jeder. Vom Nacken bis zum Zeh.

Frage 15: Schwimmer berichten von meditativen Zuständen. Schon mal erlebt?

Klitschko: Absolut. Ich nutze Schwimmen nicht nur zur Kampfvorbereitung, sondern auch als Ausgleich. Schwerelosigkeit und Ruhe im Wasser helfen zu entspannen. Außerdem ist Schwimmen gut für die Wirbelsäule, die Knie – einfach für das komplette Knochenskelett und den Muskelapparat. Ich bin grundsätzlich eher für das Wasser als die Berge gemacht.

Frage 16: Werten Sie Ihre Trainingsdaten systematisch aus?

Klitschko: Das habe ich früher gemacht. Heutzutage kenne ich meinen Körper außerordentlich gut. Ich setze eher auf mein Körpergefühl als auf analytische Werte.

Frage 17: Welche modischen Grundregeln gelten bei Sportklamotten?

Klitschko: Hauptsache farbig. Und ganz wichtig: Weiße Schuhe. In weißen Schuhen läufst du schneller als in schwarzen. Im Boxring trage ich auch weiße Boxstiefel. Sie machen mich schneller. Ich kann es nicht erklären, aber es ist so.

Frage 18: Hat ja gegen Tyson Fury nicht so doll geklappt. Hatten Sie zu wenig trainiert?

Klitschko: Nein. Ich war körperlich perfekt vorbereitet.

Fotostrecke

14  Bilder
Wladimir Klitschko: Niederlage nach elf Jahren voller Siege
Frage 19: Sie sahen gehemmt aus. Wie hängen physische und psychische Faktoren zusammen?

Klitschko: Ich war physisch wirklich in allerbester Verfassung. Aber wenn der Kopf nicht mitspielt, wird es schwierig. Ich bin nicht in den Kampf reingekommen. Die Ursache hierfür habe ich analysiert und weiß, was ich künftig anders mache.

Frage 20: Und was?

Klitschko: Anders wird definitiv das Endergebnis sein.

Frage 21: Tut’s noch weh?

Klitschko: Nicht körperlich. Denn Gott sei Dank bin ich nur mit ein paar Cuts aus dem Ring gekommen. Ansonsten hatte ich keinerlei Verletzungen. Innerlich tut die Niederlage noch weh, klar. Ich habe ein großes Ego. Es ist mein Antrieb, aber es leidet natürlich bei einer Niederlage.

Frage 22: Wie gehen Sie psychisch mit Niederlagen um?

Klitschko: Ich sehe Niederlagen als Herausforderung. Durch sie werden wir stärker und besser. Es braucht natürlich seine Zeit, bis ich die Niederlage überhaupt realisiert habe. Man hofft ja zunächst, dass es nicht wahr ist. Danach kommen die Schmerzen, das Leiden. Niederlagen tun nun mal weh, und ich nehme mir diese Zeit, bevor ich mich dann an die Analyse mache. Diese erfolgt schonungslos offen und ehrlich. Ich suche nach den Gründen, warum ich eine Niederlage kassiert habe. Ich erstelle quasi eine Diagnose und mache mich im nächsten Schritt an die Behandlung. Was muss ich anders machen, damit ich das nächste Mal wieder erfolgreich bin? Welchen Weg muss ich gehen? Nur wenn ich die richtige Diagnose gestellt und die richtige Behandlung gefunden habe, werde ich das nächste Mal erfolgreich sein. Dies gilt übrigens im Sport- genauso wie im Geschäftsleben.

Frage 23: Verarbeiten Sie den Frust über eine Niederlage auch mit Bewegung?

Klitschko: Ich habe es genossen, ein paar Tage nach dem Kampf mal nicht zu trainieren. Aber der Körper schreit drei, vier Tage nach dem Kampf nach Bewegung, und ich gebe ihm diese auch.

Frage 24: Unter uns Models: Wie schaffen Sie es immer wieder, punktgenau Ihr Kampfgewicht zu erreichen?

Klitschko: Gewicht ist nur eine Zahl. Für mich ist wichtig, dass ich mich wohlfühle, nicht welche Zahl auf der Waage steht. Meist fühle ich mich mit ein bisschen mehr Gewicht sogar wohler, weil mehr Gewicht auch mehr Kraft bedeutet.

Frage 25: Und wie viel Gewicht verliert man in einem Kampf?

Klitschko: Das hängt von den Temperaturen in der Halle ab. Wenn es sehr warm ist und ich über zwölf Runden gehen muss, kann ich bis zu fünf Kilo verlieren.

Frage 26: Aktuelles Gewicht?

Klitschko: Das ist immer das Gleiche: 110 kg plus minus einem Kilo.

Frage 27: Was ist Ihr Lieblingskörperteil?

Klitschko: Mein breites Grinsen, wenn ich das als Körperteil bezeichnen kann. Ich mag meinen Körper im Ganzen und kann kein Körperteil besonders hervorheben.

Frage 28: Haben Sie auch eine Problemzone?

Klitschko: Ich habe vor Kurzem einen Beitrag von jemandem gesehen, der keine Arme und Beine hatte und hochmotiviert sein Leben meistert. Er macht alles, was wir auch tun, und arbeitet sogar als Motivationscoach. Wenn ich diese Person und seine positive Einstellung zum Leben sehe, kann ich mir bei meiner Gesundheit doch keine Sorgen über Problemzonen machen. Ich bin hochzufrieden mit mir.

Frage 29: Worüber machen Sie sich direkt vor dem Kampf am meisten Gedanken?

Klitschko: Ich liebe diese Zeit, weil ich derart fokussiert bin, dass ich alles viel intensiver wahrnehme. Im Alltag ohne Kampf werden die Sinne von so vielen unterschiedlichen Dingen abgelenkt. In der Zeit vor dem Kampf gibt es nur ein Thema: den Kampf. Durch diesen extremen Fokus wird mein Leben intensiver. Ich rieche besser, ich höre besser, nehme Dinge viel intensiver wahr, weil die Ablenkung nicht mehr da ist. Ich denke und verstehe in dieser Zeit auch anders. Ich bin einfach vollkommen klar und stressfrei.

Frage 30: Schon mal Doping probiert?

Klitschko: Nein. Von der ersten Liebe mal abgesehen. Ich kann mich erinnern, dass ich mich damals, als ich mich zum ersten Mal verliebt hatte, gefühlt habe wie Superman.

Frage 31: Wann gehen Sie vor einem Kampf ins Bett?

Klitschko: Um ein Uhr nachts.

Frage 32: Verzichten Sie auf Sex vor dem Wettkampf?

Klitschko: Es kann mit Sex gut gehen und es kann schief laufen. Das ist ein sehr komplexes Thema und hängt von vielen Faktoren ab.

Frage 33: Dazu hätten wir gern ein paar Details.

Klitschko: Es gibt ausreichend wissenschaftliche Belege und Literatur über die positiven und negativen Auswirkungen von Sex vor dem Wettkampf. Darin dürften alle wissenswerten Details zu finden sein.

Frage 34: Wer ist Ihr Lieblingsathlet? Haben Sie ein Vorbild?

Klitschko: Ich ziehe den Hut vor Roger Federer. Auch Usain Bolt beeindruckt mich. Wen ich ebenfalls als Sportikone betrachte, ist Tiger Woods, von seinen privaten Problemen abgesehen. Ich habe großen Respekt vor diesen Athleten, weil ich als Profisportler sehr gut einschätzen kann, was man leisten muss, um an der Spitze zu stehen. Erfolg hat so viele Komponenten, und alles muss passen. Wer das schafft, ist für mich ein Vorbild.

Frage 35: Haben Sie einen Motivationstrick?

Klitschko: Die größte Motivation ist immer der Erfolg, selbst wenn es am Anfang nicht gut läuft. Das erste gute Spiel, die erste gute Zeit oder der erste Sieg sorgen dafür, dass du dran bleibst. Beim Golfen zum Beispiel passt in 99 von 100 Runden dies oder das nicht, aber dann hast du eine Traumrunde. Und die lässt dich dran bleiben.

Frage 36: Woran denken Sie beim Sport?

Klitschko: Mir fallen dabei viele neue Dinge ein. Außerdem bekomme ich durch die Adrenalin-Ausschüttung positive Energie und gute Laune. Sport ist das beste Mittel gegen negative Gedanken.

Frage 37: Verraten Sie doch mal eine gute Idee.

Klitschko: Es sind nicht nur Ideen, sondern auch gute Gedanken, die durch die Glückshormone entstehen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mich als 19-Jähriger auf die Olympischen Spiele vorbereitet habe. Während meine Freunde alle feierten und das Leben genossen, arbeitete ich hart und lief im Training immer wieder diese eine Straße hinunter. Die Luxuskarossen überholten mich. Da kam mir der Gedanke: "Du gewinnst die Olympischen Spiele." Ich wusste, dass aus dem sportlichen Erfolg ein wirtschaftlicher werden würde und ich eines Tages diese Laufstrecke auch mit einem Auto fahren würde anstatt sie zu laufen.

Frage 38: Was frühstücken Sie vor dem Training?

Klitschko: Nichts. Mein Training ist zu intensiv. Ich stehe früh auf, mache meine Einheit und frühstücke danach.

Frage 39: Wie belohnen Sie sich nach einem harten Training?

Klitschko: Ich belohne mich mit einem Kompliment und sage mir selbst "gut gemacht". Und das ist eine große Belohnung, weil ich sehr selbstkritisch bin und es selten ist, dass ich mich lobe.

Frage 40: Nicht mal ein Fläschchen Krimsekt? Welcher kulinarischen Verlockung können Sie nicht widerstehen?

Klitschko: Alkohol stellt für mich keine Belohnung dar. Ganz anders ein Stück Käsekuchen, kurz vor Mitternacht, gemeinsam mit einer Tasse Grünem Tee – da sage ich nie Nein.

Frage 41: Was ist die härteste Entbehrung beim Training?

Klitschko: Die gibt es nicht. Mein Trainingscamp ist für mich wie ein Sanatorium. Ich mache ja zwei, drei Kampfvorbereitungen im Jahr. In dieser Zeit esse ich regelmäßig, trainiere regelmäßig, schlafe genug und konzentriere mich auf genau eine Aufgabe. Das ist erholsam – ganz im Gegensatz zu meinem normalen Alltag. Es sind zwei völlig unterschiedliche Welten.

Frage 42: Wenn Sie nicht Boxer geworden wären: Welche Disziplin wäre Ihr Favorit gewesen? Oder wären Sie dann hauptberuflicher Zauberkünstler geworden?

Klitschko: Ich wäre Arzt geworden. Dafür war ich, als ich es versucht habe, noch zu jung. Und dann kam das Boxen.

Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 13.01.2016
1. Grins
warum, lieber Achim, hab ich bei dem Artikel das Gefühl das er dich ganz schön hat stehen lassen?
dschinn1001 13.01.2016
2. Trainingstipp erlaubt ?
Unter Wasser boxen und Walking im Schwimmbecken (ich meine solche Becken wo normalerweise Kinder drin schwimmen) ?
metalslug 13.01.2016
3. Nochmal Grins
Tja Achim, wenn man die Vorliebe für Strumpfhosen nicht teilt, dann kann es auch nichts mit dem Interview werden. :-)
wolf11121949 13.01.2016
4. Fittnes...
...Fitness-Guru, Wunderathlet??? Ist das jetz ironisch gemeint, oder hat das viele Laufen ein wenig das Gehirn vernebelt? ;-)
l-39guru 13.01.2016
5. ?
"In weißen Schuhen bist du schneller als in schwarzen" Gaaaanz vorsichtig!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.