Eissprays bei der WM Wie funktioniert die Wunderheilung auf dem Rasen?

Ein übel gefoulter Spieler steht plötzlich wieder auf, als sei nichts passiert: Bei der WM kommt oft ein Spray zum Einsatz, das Schmerzen in null Komma nichts verpuffen lässt. Was hat es damit auf sich?

Serbiens Luka Milivojevic wird beim Spiel gegen die Schweiz mit Spray behandelt
imago/ ITAR-TASS

Serbiens Luka Milivojevic wird beim Spiel gegen die Schweiz mit Spray behandelt

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Gerade noch wälzt sich der Spieler mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden, hält sich mit der einen Hand das Knie, die andere schlägt auf den Rasen. Die Schmerzen scheinen kaum aushaltbar, doch die Rettung naht. Einen prall gefüllten Arztkoffer in der Hand trabt der Mediziner aufs Spielfeld - dabei würde oft eine Spraydose ausreichen. Schnell lässt der Arzt das Knie im weißen Spraynebel verschwinden, und schon wenige Sekunden später steht der Spieler wieder - und kann weitermachen.

Was ist das für ein Spray?

In den Dosen verbirgt sich fast immer kühlendes Eisspray, das bei Prellungen oder umgeknickten Knöcheln schnelle Linderung verspricht. "Ich benutze das auch gerne", sagt Ingo Tusk von den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken, der als Mannschaftsarzt der Frauennationalmannschaft arbeitet.

Für die Kälte sorgt ein Gemisch aus Chemikalien wie Butan, Propan und Pentan, das durch den Druck in den Dosen flüssig bleibt. Wird es auf die Haut gesprüht, verdunstet es innerhalb kürzester Zeit, wobei es seiner Umgebung Wärme entzieht. Das Prinzip ist dasselbe, mit der auch der Körper beim Schwitzen abkühlt. Während Schweiß allerdings vergleichsweise wenig kühlt, erzeugen die Eissprays für kurze Zeit Temperaturen von um die minus 40 Grad.

Was macht die Kälte mit dem Körper?

Auch wenn das Prozedere auf dem Platz oft nach Hokuspokus aussieht - Kälte ist bei Prellungen die beste Medizin. Bei stumpfen Verletzungen etwa durch einen Tritt oder Schlag platzen winzige Gefäße in der Haut, das Blut läuft aus und gerinnt. "Die Kälte führt dazu, dass sich die Gefäße zusammenziehen", sagt Tusk, der auch als Vizepräsident der Deutschen Sportärzte (DGSP) tätig ist. Dadurch fließt weniger Blut ins Gewebe, Beule oder Bluterguss fallen milder aus. Je schneller gekühlt wird, desto schneller klappt es mit der Genesung.

Außerdem lindert die Kühlung den Schmerz. Dafür entwickelte der Forscher René Descartes schon im 17. Jahrhundert eine Erklärung: In der Haut befinden sich freie Nervenenden, die etwa auf einen Schlag reagieren und unserem Gehirn melden, dass es wehtut. Durch die Kälte reagieren die Nerven nicht mehr richtig und leiten Reize langsamer weiter. "Die Kälte macht die Schmerzrezeptoren in der Haut unempfindlicher", sagt auch Tusk. "Viele kennen das von den tauben Fingerspitzen im Winter."

Also bewirken die Sprays tatsächlich Wunder?

Auch wenn das Spray wirkt und die Spieler sicherlich Schmerzen haben - die ganze Wunderheilung kann es nicht erklären. Das hat schon damit zu tun, wie Fußballspieler die Verletzungen oft zelebrieren. "Im Männerfußball kugeln sich die Spieler schon viel dramatischer als bei den Frauen", sagt Tusk, der Mannschaftsarzt der Frauennationalmannschaft.

Untersuchungen dazu lieferten eine psychologische Erklärung: "Wird ein Mann umgehauen, ist das eine Demütigung - und muss natürlich die Folge einer schweren Verletzung sein", sagt Tusk. Komme der Arzt anschließend auf den Platz, habe das allein schon eine Wirkung. "Das Gefühl, jetzt ist Eis drauf, jetzt war der Doktor da, jetzt geht's viel besser, hilft schon", so Tusk. In anderen Fällen hat das Kugeln mit anschließender Wunderheilung natürlich auch einen sehr banalen, oft sehr offensichtlich Grund: etwas Zeit schinden. "Da spielen die Ärzte auch mal ein bisschen mit", sagt Tusk.

Trotzdem, so ein Spray will ich auch! Gibt es das einfach zu kaufen?

Ja! Tatsächlich kann man Eisspray ohne Rezept im Internet oder in der Apotheke kaufen, es kostet nur wenige Euro. Allerdings sollten die Sprays eigentlich nicht genutzt werden, um den Schmerz nur zu betäuben und dann weiterzumachen. Wer eine Prellung oder einen Bluterguss wirklich schnell loswerden möchte, sollte sich stattdessen an die komplette PECH-Regel halten: sofort pausieren (P), kühlen mit Eis (E), Kompression mit einem Verband (compression: C) und hochlegen (H).



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
YoRequerrosATorres 02.07.2018
1. Grandioses Zeug
Ich liebe Eisspray. Ich nutze es eigentlich bei Spocht und Gartenarbeit dauernd. Doof ist das Zeug nur bei fetten Muskelverletzungen (z. B. bei Faserrissen). Dann merkt man nix und später dauert die Heilung des Muskels viel länger...
Anna156464641156 02.07.2018
2. Das Spray ist wirksam, hat aber nichts mit den Wunderheilungen zu tun
Nach meinem Bauchgefühl sind mindestens 75% aller "Verletzungen" taktischer Natur. Wir sehen es ja jetzt bei der WM wieder. Wenn es in der Schlußphase hektischer wird und die Zeit davon läuft, gibt es Wunderheilungen ganz ohne Ärzte. Auch bei einem Konter stehen die Kicker nach dem sie bemerken der Schiri pfeift doch nicht, urplötzlich und können wieder wie ein junges Reh rennen. Das hat erst mal nichts mit dem Spray zu tun, sondern viel mehr mit der Angewohnheit durch theatralisches Fallen und Verletzung vortäuschen sich einen Vorteil, einen Elfmeter oder eine Gelbe Karte für den Gegner oder was auch immer, rauszuholen.
paps 02.07.2018
3. Schauspieler
Der Spieler kann wieder aufstehen, weil er nicht verletzt ist. Er schauspielert. In anderen Sportarten liegen die Spieler auch nicht solange rum. Das Chloräthyl macht nur eine Oberflächenanaesthesie, zu nichts anderem ist es auch zugelassen. Wird es im Übermaß auf die Haut gesprüht, gibt es schöne Erfrierungen. Am besten einen feuchten Lappe auf die Verletzung, dann das Eisspray drauf.
g.wessels 02.07.2018
4. Wunderheilung ???
Die "Heilungsquote" von ca. 90 % ist einzig und allein darauf zurückzuführen, dass mindestens die Hälfte der angeblich Verletzten einfach nur eine Show abziehen um einen Freistoß herauszuschinden oder Zeit zu gewinnen-
BerndBrot 02.07.2018
5. auch wenn Klugscheißer keiner leiden kann....
...verdampft das Gemisch auf der Haut, da überhalb der Siedetemperatur von Butan/Propan/Pentan. Verdunsten ist immer unterhalb der Siedetemperatur, wie z.B. Schweiß auf der Haut. Daher kommt es auch, dass ersteres besser kühlt als letzteres.
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