Extremläufer Ahansal Barfuß beim Wüsten-Ultramarathon

Mohamad Ahansal ist einer der erfolgreichsten Wüstenläufer aller Zeiten. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der 41-jährige Marokkaner, wie er das Laufen nutzte, um seiner Heimat, der Wüste, zu entfliehen - und warum er wieder dorthin zurückkehrte.

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Zur Person
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    Mohamad Ahansal, geschätzter Jahrgang 1973 - sein genaues Geburtstdatum kennt niemand. Ahansal ist einer der erfolgreichsten Ultraläufer der Welt. Er gewann fünfmal den prestigeträchtigen Marathon des Sables in der Sahara und hält den Weltrekord für die schnellste Wüstendurchquerung. Aber auch in den Bergen hat sich Ahansal einen Namen gemacht. Er gewann bereits den Swiss Alpine Marathon, den Zugspitz Extrem-Berglauf und den Vulkanmarathon in Chile. Am 10. August wird er beim Fire & Ice Trail in Island starten (250 km). Mohamad Ahansal und sein Bruder Lahcen organisieren Sport- und Trekkingreisen in Marokko und den Trans Atlas Marathon.
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  • Homepage Trans Atlas Marathon
SPIEGEL ONLINE: Herr Ahansal, Sie sind in der Wüste geboren. Wie wäre Ihr Leben ohne den Laufsport verlaufen?

Ahansal: Ganz anders. Unsere Familie sind immer Nomaden gewesen. Mein Vater verstarb früh, und als ich sieben war, zog meine Mutter mit mir und meinen vier Geschwistern zu meinem Großvater in die Stadt, nach Zagora. Das war die vielleicht wichtigste Entscheidung für mein Leben.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Ahansal: In der Stadt konnten wir zur Schule gehen. Dort haben mein zwei Jahre älterer Bruder Lahcen und ich auch viel Sport treiben können. Wir waren immer unter den Besten, haben immer gute Noten bekommen und viele kleinere Wettkämpfe gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie da zum ersten Mal mit dem Laufsport in Verbindung gekommen?

Ahansal: Wir sind als Kinder immer viel gelaufen - meist hinter Ziegen und Schafen her (lacht). Wir haben von den Tieren gelebt. Immer wenn wir Geld für Schulbücher brauchten, haben wir eins verkauft. Ganz ehrlich, wir hatten keine Ahnung vom Laufsport.

SPIEGEL ONLINE: Bis der Marathon zu Ihnen kam.

Ahansal: Ja, der Marathon des Sables startete oder endete in Zagora, meiner Heimatstadt. Wir haben den Teilnehmern zugesehen und sind auch manchmal ein Stück mitgelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Der Lauf gilt als eines der kräftezehrendsten Wüstenrennen der Welt und dauert mehrere Tage.

Ahansal: Ich erinnere mich daran, dass ich manchmal rund 160 Kilometer gelaufen bin, nur um beim Start des Marathons dabei zu sein und zuzuschauen. Ich war zwei, drei Tage allein in der Wüste unterwegs (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wann reifte der Wunsch, da mal mitzulaufen?

Ahansal: Am Anfang haben wir uns gewundert, dass die Teilnehmer so langsam laufen - es sollte doch ein Wettkampf sein. Mein Bruder Lahcen und ich hatten das Gefühl, da ohne Probleme mithalten zu können. Anfang der Neunziger hat mein Bruder einfach teilgenommen, ohne sich anzumelden. Er hat auf das Startzeichen gewartet und sich an die Spitzenläufer gehängt. Vor dem ersten Etappenziel war er unter den Ersten, flog aber auf, und sie haben ihn gestoppt. Aber der Direktor erkannte sein Talent und versprach, sich fürs nächste Jahr um einen Sponsor zu kümmern. Denn die Startgebühr für den Ultramarathon ist sehr hoch.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit liegt sie bei rund 3000 Euro. Lief es für Ihren Bruder gleich zu Beginn gut?

Ahansal: Der erste Lauf war kompliziert. Man benötigt viel Material, und da mein Bruder das nicht hatte, bekam er Strafen aufgebrummt. Er wurde trotzdem auf Anhieb Dritter. Wir wussten beide früh, dass wir den Marathon gewinnen können. Das größte Problem war, einen Sponsor zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Marathon lange dominiert. Ihr Bruder Lahcen hat das Event zehnmal gewonnen, Sie fünfmal.

Ahansal: Ja, ich bin 1996 zum ersten Mal an den Start gegangen und bin Vierter geworden, 2013 habe ich zuletzt gewonnen. Man muss klar sagen: Ohne Sponsoren hätten wir das nie geschafft. Und unser größtes Glück war, dass wir andere Läufer aus Europa getroffen und kennengelernt haben. Sie haben uns viel geholfen und uns mit Kleidung, Material und Schuhen unterstützt. Anfangs sind wir noch barfuß gelaufen (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Woran denken Sie, wenn Sie durch die Wüste laufen?

Ahansal: Wenn die Hitze kommt, wenn ich müde werde, denke ich immer an meine Kindheit, die sehr hart war. Dann erscheint mir nichts mehr schwierig. Diese Erinnerungen geben mir Kraft, weiterzulaufen und zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Sind afrikanische Läufer deswegen so erfolgreich: Weil sie durch ihre Herkunft eine andere Motivation zum Laufen haben?

Ahansal: Ich denke schon, dass da was dran ist. Ich sehe oft einen Unterschied zwischen afrikanischen und westlichen Läufern. Wir hatten als Kinder einen harten Alltag. Wir sind nicht mit dem Bus zur Schule gefahren und hatten nicht viel. Aber wir haben uns viel bewegt und sind immer viel gelaufen. Das Barfußlaufen hat sicher auch unsere Muskeln gestärkt. So oder so, die Basis zum Erfolg liegt oft in der Kindheit. In Europa gibt es auch sehr gute Läufer.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie hatten vielleicht mehr Gründe, gut sein zu müssen...

Ahansal: Ja, vielleicht ist es so, dass afrikanische Läufer stärker motiviert sind. Für mich war das Laufen nicht nur ein sportlicher Zeitvertreib. Damals hatte ich nicht nur das Ziel, den Marathon des Sables zu gewinnen, sondern auch, aus der Wüste rauszukommen. Ich wollte um die Welt reisen, andere Sprachen erlernen, Erfahrungen sammeln. Deswegen musste und wollte ich schnell sein.

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie geschafft.

Ahansal: Ja, und jetzt will ich mein Erbe weitergeben. Ich habe hier eine Schule aufgebaut, um den Kindern eine Chance zu geben, so wie ich damals eine Chance bekommen habe. Ich habe meinen Traum verwirklicht. Ich bin durch die Welt gelaufen und wieder in die Wüste zurückgekehrt. Meine Mutter sagt immer: "Ich habe dafür gekämpft, dass ihr aus der Wüste rauskommt und jetzt seid ihr wieder Nomaden - aber moderne Nomaden."

Das Interview führte Frank Joung

insgesamt 3 Beiträge
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Heimatlos 08.08.2014
1. Toll
Es gibt Interviews, die sind einfach Wunderbar. Da kann man nicht viel sagen, da will man nur seine Bewunderung fuer den Interviewten ausdruecken. Ein so sympatischer Mensch und Sportler! Wunderbar.
ka117 08.08.2014
2. Unheimlich sympathisch! So positiv.
Ein guter, kluger, ehrlicher Mensch. Guter Stoff für einen Movie?
papadoc3 09.08.2014
3. Eine wundervolle Geschichte!
.. möge es mehr Menschen wie Mohamad Ahansal geben, die mit soviel Idealismus ihren Mitmenschen etwas von dem zurück geben was sie erlebt haben und damit so viel Gutes tun! Weisheit, Klugheit und viel menschliche Wärme kommen aus den Worten dieses beeindruckenden Menschen!Es ist wunderschön. etwas so Positives und Wertvolles zu lesen! Danke für diesen selten schönen Bericht und danke Mohamad Ahansal für dieses Wirken!
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