Zeitumstellung "Wenn unsere innere Uhr falsch tickt, werden wir krank"

Wir ticken nicht richtig, sagt Thomas Kantermann. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der Chronobiologe, warum wir mehr auf unsere innere Uhr achten sollten - und weshalb Schichtarbeit, Zeitumstellung und früher Schulunterricht abgeschafft gehören.

Wer gegen seine innere Uhr lebt, fühlt sich oft müde und schlapp
Corbis

Wer gegen seine innere Uhr lebt, fühlt sich oft müde und schlapp


SPIEGEL ONLINE: Herr Kantermann, viele Menschen sind verwirrt, wenn die Zeit umgestellt wird, der eigene Rhythmus gerät durcheinander. Gibt es diese innere Uhr wirklich?

Kantermann: Die innere Uhr gibt es tatsächlich. Alle lebenden Organismen, vom Pilz über Pflanzen bis zu Tieren und Menschen haben sie.

SPIEGEL ONLINE: Wo sitzt die innere Uhr, und was hat sie für eine Aufgabe?

Kantermann: Sie besteht aus zwei reiskorngroßen Kernen mit jeweils 10.000 Neuronen und sitzt ungefähr zwei Zentimeter hinter dem Nasenrücken, im Gehirn. Sie regelt beinahe alles, was in unserem Körper vor sich geht. Unser Verhalten, Metabolismus, Schlaf-Wach-Rhythmus, unsere Stimmung - alles hängt mit der inneren Uhr zusammen. Wenn sie nicht richtig tickt, ticken wir nicht richtig.

ZUR PERSON
  • Thomas Kantermann
    Thomas Kantermann, Jahrgang, 1979, arbeitet an der Universität Groningen. Der Chronobiologe untersucht die Auswirkungen des modernen "24/7- Lifestyle" auf die innere Uhr, Schlaf und Gesundheit. Er ist ein Frühtyp.
SPIEGEL ONLINE: Leben wir Menschen im Einklang mit unserer inneren Uhr?

Kantermann: Die meisten Menschen leider nicht mehr. Wir haben uns fast komplett von der Natur abgekoppelt und uns eine Welt geschaffen, in der wir nur noch drinnen arbeiten und kaum noch draußen sind. Das wäre aber nötig, um unsere innere Uhr mit dem Außentag zu synchronisieren. Ich muss raus ans Tageslicht und sollte mich nach dem Sonnenuntergang möglichst wenig künstlichem Licht aussetzen. Was hinzukommt: Wir koppeln uns auch von Temperatur ab. Wir machen die Heizung an, wenn uns zu kalt ist, und die Klimaanlage, wenn uns zu warm ist. So entziehen wir uns Stück für Stück den natürlichen Rhythmen unserer Umwelt, denn wir Menschen sind - wie andere Tiere auch - eine saisonale Spezies. Diese Entkopplung führt zu Schlafmangel, Fettleibigkeit, Depression, Herz-Kreislauf-Problemen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt übertreiben Sie aber.

Kantermann: Das glaube ich nicht. Beispiel Schichtarbeit. Untersuchungen haben gezeigt, dass Schichtarbeiter bei allen Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf Probleme, Diabetes, Depression, Insomnie und sogar Krebserkrankungen auffällig häufig betroffen sind.

SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus: Schichtarbeit abschaffen?

Kantermann: Ja. Wir brauchen keine Schichtarbeit - zumindest nicht im produzierenden Gewerbe aus rein ökonomischen Aspekten. Wir benötigen sie nur für Polizei, Gesundheitswesen, Feuerwehr. Hier sollten Menschen arbeiten, die wirklich biologisch dafür geeignet sind. Denn die innere Uhr tickt bei jedem anders. Der eine wird erst um 3 Uhr in der Nacht müde und steht erst mittags auf, der andere fällt um 8 Uhr abends ins Bett. Die Verteilung der Chronotypen in der Gesellschaft geht so weit auseinander, dass sich die Extreme ein Bett teilen könnten, ohne sich jemals zu begegnen.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeitswelt hat sich ein Stück weit angepasst, es gibt Gleitzeit und Home Office, wie sieht es mit der Schule aus? Ist der frühe Schulbeginn angemessen oder nutzlos?

Kantermann: Das hängt vom Alter ab. In der Grundschule ist es okay. Für Teenager sollte der Unterricht frühestens ab 9 Uhr losgehen. Die innere Uhr verändert sich mit dem Alter. Menschen, die in Rente gehen, sind ungefähr wieder derselbe Chronotyp wie zu der Zeit, als sie eingeschult wurden. Dazwischen passiert eine Menge. Vor allem in den Teenager-Jahren sind wir biologisch so spät dran, dass unsere Schlafmitte da liegt, wo die Schule anfängt

SPIEGEL ONLINE: Das erklärt, warum Schüler ständig müde im Unterricht hocken.

Kantermann: Es gibt Studien aus den USA, die zeigen: Schüler sitzen mit offenen Augen im Klassenzimmer, schauen nach vorne - und schlafen. Anders gesagt: Je früher ihre innere Uhr getaktet ist, je besser also Schüler mit den frühen Aufstehzeiten zurechtkommen, desto besser ist ihr Abitur.

SPIEGEL ONLINE: Im Zuge der Umstellung auf Winterzeit wird uns eine Stunde geschenkt, die uns im Frühjahr aber wieder weggenommen wird. Wie sinnvoll ist das?

Kantermann: Die Zeitumstellung sollte man abschaffen. Vor allem die Umstellung im Frühjahr macht Probleme, weil wir nicht die Zeit umstellen, sondern nur die Uhr. Vor allem Spättypen können mit dieser extra Stunde Licht am Abend nicht umgehen. Es führt dazu, dass wir weniger schlafen und die innere Uhr gestört ist. Größerer Schlafmangel führt zu mehr Schlaganfällen, einer höheren Suizidrate und mehr Verkehrsunfällen. Sogar zu schlechteren Leistungen an der Börse. Wenn ich nicht ausgeschlafen bin, treffe ich nicht meine besten Entscheidungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkenne ich, welcher Chronotyp ich bin?

Kantermann: Das spiegelt sich in der Lebensführung wider. Die meisten suchen sich einen Beruf, der zu ihrem Chronotyp passt. Spättypen werden nicht Bäcker und Frühtypen keine DJs. Wenn ich mich die Woche über durchschleppe, einen Wecker zum Aufwachen brauche, der Schlafdruck immer größer wird und ich am Wochenende Schlaf nachholen muss, ist das ein klares Anzeichen dafür, dass ich gegen meine innere Uhr lebe.

WELCHER CHRONOTYP SIND SIE?
Finden Sie heraus, welcher Chrontyp Sie sind: Folgen Sie dem Link und füllen Sie den Chronotyp-Fragebogen der Ludwig-Maximilian-Uinversität München aus. Die Antwort erhalten Sie per Email.
SPIEGEL ONLINE: Das ist gefühlt bei drei Vierteln der Bevölkerung so.

Kantermann: Untersuchungen der LMU München zeigen, dass 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung an Arbeitstagen einen Wecker benutzen. Das heißt, 80 Prozent wachen nicht von allein auf, um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Wenn ich dazu gehöre, weiß ich, dass ich was falsch mache.

SPIEGEL ONLINE: Wir sollten uns also weniger auf technische Uhren und künstliches Licht verlassen und mehr auf unseren inneren Rhythmus hören?

Kantermann: Genau. Wir setzen künstliches Licht ein, wie und wo und wann wir es wollen. Und das macht Probleme. Und Ähnliches tun wir mit unserem Schlaf. Wir setzen ihn völlig selektiv ein und missachten, dass er an unsere innere Uhr gekoppelt ist. Aber der Schlaf ist überlebenswichtig und kann nicht einfach auf andere Zeiten gelegt werden. Wenn unsere innere Uhr falsch tickt, werden wir krank.

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Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
A.Lias 31.10.2013
1. Seltsam, dass eine Stunde
vor oder zurück so heiß diskutiert wird, während Millionen Menschen freiwillig im Urlaub innerhalb von ein paar Tagen sehr viel größere Zeitunterschiede bewerkstelligen. Irgendwie kann ich da den Chronobiologen nicht ganz ernst nehmen, wenn er so ein Problem nicht mal am Rande erwähnt.
dr.joe.66 31.10.2013
2. Da fehlt noch was...
Im Artikel fehlt aus meiner Sicht der Hinweis auf den Medienkonsum. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Schlafdauer nochmals deutlich reduziert, vor Allem wohl durch die erhöhte Nutzung digitaler Medien. Für fast alles, was wir "zivilisiert" nennen, zahlen wir einen sehr hohen Preis.
habeimmerrecht 31.10.2013
3. es darf gelacht werden...
Zur Arbeit erst gehen wenn man aufwacht ....so etwas, vielleicht sollte man einfach rechtzeitig ins Bett gehen..
dexter87 31.10.2013
4. optional
Bei mir trifft das "Weckerkriterium" nicht wirklich zu, obwohl ich meistens einen benötige. Das liegt einfach daran, dass mein Tag ohne Wecker ca. 24h:30 lang ist. Sieht man gut im Urlaub, die durchschnittliche Aufsteh- und Bettgehzeit verschiebt sich pro Tag etwa 30 min, bis es sich am Vormittag einpendelt.. Auf dem Mars wäre das ideal!
niklas_honig 31.10.2013
5. Ich benutze seit 4 Jahren keinen Wecker mehr ...
... weil ich immer um 6 Uhr morgens von meinen Kindern aus dem Bett geprügelt werde. Was rät der Experte da?
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