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Rauchen: "Die Zigarette ohne Zusätze ist eine Werbelüge"

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DPA

Zigaretten: Versteckte Additive in Papier und Filter

Ist Tabak ohne Zusätze weniger schädlich? Im Interview erklärt Krebsforscherin Martina Pötschke-Langer, warum sie die Werbeversprechen rund um die Zigaretten für irreführend hält - und wie wenig diese mit einem reinen Naturprodukt zu tun haben.

ZUR PERSON
Martina Pötschke-Langer leitet die Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und das WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle.
SPIEGEL ONLINE: Sind Zigaretten ohne Zusätze gesünder?

Pötschke-Langer: Die Tabakhersteller behaupten immer, Zusatzstoffe wären ungefährlich. Ende 2011 kam eine Studie heraus, die belegte, dass Philip Morris Daten zur Toxizität der Zusatzstoffe manipuliert und damit die Gefährlichkeit dieser Stoffe heruntergespielt hat.

SPIEGEL ONLINE: Philip Morris hat darauf sofort reagiert, aber der Vorwurf steht im Raum.

Pötschke-Langer: Zusatzstoffe wie Aromen, Zucker, Feuchthalte- und Klebemittel können beim Verbrennen krebserregende Verbindungen ergeben. Angenommen, Zigaretten "ohne Zusätze" enthielten tatsächlich keine Zusätze, dann wären sie tatsächlich auch weniger gefährlich. Der entscheidende Punkt aber wäre dann, dass sie viel unangenehmer zu rauchen wären. Der Einstieg wäre schwerer, und die Leute würden viel weniger rauchen.

SPIEGEL ONLINE: Also enthalten Zigaretten "ohne Zusätze" doch welche?

Pötschke-Langer: Auch Zigaretten "ohne Zusätze" enthalten Zusatzstoffe. Die Hersteller geben das auf ihren Webseiten auch offen an. Ich habe heute noch einmal auf der Seite eines großen Herstellers nachgeschaut: Der gab eine Menge Zusatzstoffe an - interessanterweise auch für die zusatzstofffreien Produkte. Eines wird häufig vergessen: Sie brauchen Papier und Filter - und die sind bereits durchtränkt mit Zusatzstoffen. Die Zigarette "ohne Zusätze" ist eine Werbelüge.*

SPIEGEL ONLINE: Die EU hat seit Beginn des Jahres einige Aromastoffe wie Menthol und Schokoladenaroma verboten. Aber bei weitem nicht alle. In Tabak soll es Hunderte Zusatzstoffe geben.

Pötschke-Langer: Wahrscheinlich sind es sogar mehr als 1000.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele finden sich in einer typischen Zigarette?

Pötschke-Langer: Je nach Hersteller und Marke können das einige Dutzend bis mehrere hundert sein.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte also nicht einfach die Blätter einer Tabakpflanze abschneiden, trocknen, kleinhäckseln, in Papier rollen und rauchen?

Pötschke-Langer: Das könnten Sie schon. Aber dann hätten Sie nicht die Marktzigarette, wie wir sie kennen, sondern ein vor sich hin bröselndes Ungetüm, das alles andere als angenehm schmeckt. Den Rauch zu inhalieren, würde Ihnen wehtun. Aromen machen ihn bekömmlicher. Daher sprechen wir uns für ein Verbot aller Aromen aus, nicht nur der paar, die jetzt von der EU untersagt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zusatzstoffe werden denn immer verwendet?

Pötschke-Langer: Zum Beispiel Paraffine, Wachse, Öle, Schellack, Feuchthaltemittel, Butylenglykol, Sorbit und abhängig vom Zuckergehalt der Pflanze meist auch Zucker, um die Reizung der Atemwege zu minimieren. Ohne Feuchtmittel würde der Tabak überhaupt nicht abrauchen, ohne Klebstoffe nicht aneinander haften. Der ganze Sinn hinter der jahrzehntelangen Entwicklung all dieser Zusätze war es, ein Produkt zu entwickeln, das so schmackhaft wie möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Fast alle großen Tabakhersteller haben mittlerweile Zigaretten ohne Zusätze im Programm. Meist findet man sie in Verpackungen, die die Bio-Bewegung ansprechen, beispielsweise brauner Packpapier-Look kombiniert mit Begriffen wie "natural", "organic" oder "free". Das suggeriert, dass man ein hochwertiges, gesundes Produkt bekommt. Was hat es damit auf sich?

Pötschke-Langer: In den vergangenen 20 Jahren hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Die Verbraucher sind einerseits sensibler geworden für die Zusatzstoff-Problematik, und andererseits boomt der Bio-Markt. Mit diesen Produkten will man ganz gezielt gesundheitsbewusste Raucher ansprechen, die mit ihrem Produkt ernsthaft hadern, es aber noch nicht geschafft haben aufzuhören. Zudem geht der Zigarettenkonsum in den Industrieländern stark zurück, vor allem bei den teuren Produkten. Das versuchen die Hersteller nun mit diesen neuen Premiumprodukten aufzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Auch junge Leute rauchen immer weniger. Zielen diese Zigaretten vor allem auf sie ab?

Pötschke-Langer: Wir haben dazu leider keine Daten, aber was wir wissen, ist, dass vor allem in Universitätsstädten wie Heidelberg, Freiburg und Tübingen verstärkt Zigaretten ohne Zusätze beworben werden - Gauloises ist hier sehr aktiv. Auch Natural American Spirit.

Das Ganze hat außerdem eine politische Dimension: Weil die Verwendung von Zusatzstoffen immer mehr eingeschränkt wird, wollen die Hersteller damit zeigen, dass sie etwas tun und sich um die Gesundheit ihrer Konsumenten bemühen. Man will weitere Regulierungsbemühungen ausbremsen.

SPIEGEL ONLINE: Natural American Spirit hat vor einigen Jahren versucht, seinen Tabak als "Bio-Tabak" zu bezeichnen - was gerichtlich untersagt wurde. Begründet wurde das mit dem Verstoß gegen das Tabakgesetz, das verbietet, "Bezeichnungen oder sonstige Angaben zu verwenden, die darauf hindeuten, dass die Tabakerzeugnisse natürlich oder naturrein seien".

Pötschke-Langer: Man muss da noch mal trennen. Der Begriff "Bio" steht ja für eine besondere Qualität eines landwirtschaftlichen Produktes. Es ist höchst problematisch, diesen Begriff in Zusammenhang mit einem Produkt zu verwenden, das seine Konsumenten umbringen kann, und es dadurch zu adeln. Die Angabe "ohne Zusätze" ist hingegen einfach nur eine Vorgaukelung falscher Tatsachen. Im Koalitionsvertrag steht, es bestehe ein Anspruch der Verbraucher auf Wahrheit und Klarheit. Dies trifft auch auf Tabakprodukte zu.


*SPIEGEL ONLINE hat Phillip Morris um Stellungnahme gebeten:

"Wie auf unserer Internetseite dargestellt ist, enthalten das Zigarettenpapier, der Nahtleim und die weiteren Nicht-Tabak-Bestandteile, die bei der Zigarettenherstellung verwendet werden, Zusatzstoffe.

Die Tabakmischungen für unsere Produkte 'ohne Zusätze' werden ohne Zusatzstoffe und ausschließlich mit Wasser behandelt. In der Kommunikation mit Konsumenten - wie auch auf der Verpackung der Produkte - stellen wir klar, dass sich die Bezeichnung 'ohne Zusätze' lediglich auf die Tabakmischung bezieht. Daneben erläutern wir, dass 'ohne Zusätze' nicht bedeutet, dass die Zigarette weniger schädlich ist. Entsprechend drucken wir auf sämtliche Marketing-Materialien und auf jede Zigarettenpackung folgenden Satz: 'Tabakmischung wurde ohne Zusatzstoffe und nur mit Wasser behandelt. Ohne Zusatzstoffe bedeutet nicht, dass die Zigarette weniger schädlich ist.'"

(Philip Morris druckt auf die Rückseiten der Zigarettenpackungen hinter der Angabe 'Ohne Zusätze' ein Sternchen. Dies verweist auf den genannten Hinweis im Kleingedruckten - d. Red.)

* SPIEGEL ONLINE hat auch Natural American Spirit um Stellungnahme gebeten:

"Unsere Aussage lautet grundsätzlich immer 'Tabak ohne Zusatzstoffe' und nicht wie von Ihnen angemerkt 'Produkte ohne Zusatzstoffe'. Dementsprechend können wir Ihnen versichern, dass unserem Tabak während des gesamten Produktionsprozesses keine Zusatzstoffe hinzugefügt werden (mit Ausnahme von Wasserdampf zur Verarbeitung des getrockneten Rohtabaks)."

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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1. und ziehen wir...
schelmig13 03.04.2014
uns wieder eine Kippe aus der Packung und denken an den Natural Smoke of Adventur und husten uns die Lunge Brötchen weise aus dem Hals.
2. optional
appenzella 03.04.2014
Jo, und der Marlboro Mann ritt so lange für Marlboro in die sinkende Sonne, bis er an Lungenkrebs starb.
3.
pigtime 03.04.2014
---Zitat von Pötschke-Langer--- Pötschke-Langer: Man muss da noch mal trennen. Der Begriff "Bio" steht ja für eine besondere Qualität eines landwirtschaftlichen Produktes. Es ist höchst problematisch, diesen Begriff in Zusammenhang mit einem Produkt zu verwenden, das seine Konsumenten umbringen kann und es dadurch zu adeln. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/zigaretten-ohne-zusatzstoffe-sind-nicht-weniger-schaedlich-a-961918.html ---Zitatende--- Warum kann man dann Bio-Wein kaufen?
4. optional
wechselmann 03.04.2014
Wenn eine "zusatzstofffreie" Zigarette nur mit Wasser behandelt wird, müsste sie dann nicht wie oben erwähnt ebenso wie reiner Tabak in der Lunge schmerzen? Oben steht ja dass aus dem Grund Zigaretten Zucker und andere Aromen zugefügt werden, die der zusatzstofffreien eben nicht beigelegt werden.
5. Null Informations Artikel
herr minister 03.04.2014
Also was jetzt? Gibt es nun Zusätze wie im Interview behauptet oder eben nicht wie der Hersteller behauptet. Gibt es Untersuchungen dazu, Tests, Analysen? Weder vom Experten oder vom Hersteller werden irgendwelche Belege erwähnt, nur leere Behauptungen, die nahelegen, dass hier einfach nur ganz billig die jeweilige Ideologie vertreten wird. Von der Industrie erwarte ich nichts anderes aber eine Krebsforscherin sollte da schon ein paar Daten parat haben. Immerhin gab sie ja zu, dass Tabak ohne Zusatzstoffe weniger gefährlich sind, was für einen Raucher schon eine wertvolle Information ist. Hier wird mal wieder nach dem Motto gehandelt: Den Idioten lieber nicht die Wahrheit sagen und alles verteufeln denn damit verbreitet man größtmögliche Angst und Schrecken zum Nutzen des Wahren und Guten.
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