Zucker Das dicke Geschäft

Zucker macht glücklich, dick und nicht selten krank. Wegen Zucker laufen Lobbyisten Sturm, bricht auf Karibikinseln die Wirtschaft zusammen, werden in Kambodscha Dörfer plattgewalzt. Jetzt bekommt er Konkurrenz von einem Kraut - sind die Tage des Konfliktstoffs gezählt?

DPA

Elisabeth I. von England (1533 bis 1603) hätte mehr Äpfel essen sollen. Dann wäre ihr einige Häme erspart geblieben. Ein Reisender aus Deutschland traf die eitle Königin fünf Jahre vor ihrem Tod - und sparte in seinem Bericht an die Daheimgebliebenen nicht mit Details: "Sie hat eine leichte Hakennase, ihre Lippen sind schmal und ihre Zähne schwarz." Der Gast aus deutschen Landen mag medizinisch bewandert gewesen sein, denn eine Erklärung für die verfaulten Zahnstümpfe der Monarchin lieferte er gleich mit: "Ein Mangel, an dem die Engländer deshalb zu kranken scheinen, weil sie allzu viel Zucker verwenden."

Recht hatte er. Karies, der ominöse "Zahnwurm", war im 16. Jahrhundert eine Oberschichtenkrankheit. Während das niedere europäische Volk Schwarzbrot, Kartoffeln und Äpfel kaute, griffen die Reichen zu einer exquisiten Zutat aus den karibischen Kolonien - Zucker. Wer zum Dinner Zucker reichte, hatte es zu etwas gebracht. Das änderte sich mit der Zeit. Zuerst war nur der Adel süchtig nach dem Süßen, dann die ganze Welt.

Heute sind die paar Körner Zucker, die Königin Elisabeth in ihren Tee rieseln ließ, kaum der Rede wert. Zuletzt wurden weltweit jedes Jahr etwa 150 Millionen Tonnen Zucker erzeugt, fast hundert Mal mehr als zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts. Jeder Deutsche isst pro Jahr durchschnittlich 35 Kilogramm, das sind etwa 20 Teelöffel am Tag. Die Menschen sind vernarrt in Zucker, schon Säuglinge lächeln, wenn man ihnen eine süße Lösung auf die Zunge träufelt.

Wegen Zucker laufen deutsche Lobbyisten in Brüssel Sturm

Um dieses zuckersüße Glück wird rund um den Globus ein erbitterter Kampf geführt. Wegen Zucker laufen deutsche Lobbyisten in Brüssel Sturm. Wegen Zucker bricht auf der Karibik-Insel St. Kitts und Nevis die Wirtschaft zusammen. Und wegen Zucker walzen in Kambodscha schwere Maschinen ganze Dörfer platt. Und wofür das alles? Für eine ausgewogene Ernährung braucht der menschliche Körper Saccharose, den Zucker aus Rübe und Rohr, jedenfalls nicht.

Gerade geht es wieder einmal in Europa hoch her. Mitte Oktober verkündete die EU-Kommission öffentlich, was Insider schon lange munkelten: Ab 2015 soll es keine Zuckerquoten mehr geben. Damit stürzt eine Schutzmauer ein, die die europäische Zuckerindustrie viele Jahrzehnte lang vor der Konkurrenz aus Südamerika abschottete. Wenn es keine Abnahmegarantien für den heimischen Rübenzucker mehr gibt, bricht auch für Rübenbauern und Zuckerhersteller in Deutschland eine harte Zeit an. Wie zu erwarten war, schlägt der "Verein der Zuckerindustrie", der Dachverband der deutschen Zuckerhersteller, Alarm: Ohne Marktregulierung gebe es keinen Schutz vor den Preisturbulenzen auf dem Weltmarkt; die Zuckerversorgung der Bevölkerung sei in Gefahr.

Die Branche macht jedes Jahr Milliardenumsätze; verständlich, dass sich ihre Lust auf mehr freien Wettbewerb in Grenzen hält - und nun hat obendrein die EU-Kommission grünes Licht für die Zulassung von Stevia gegeben, einem pflanzlichen Konkurrenzprodukt. Als hätten die Konzerne nicht längst genug andere Sorgen: das schlechte Image des eigenen Produkts als Dickmacher zum Beispiel, gegen das der größte Player auf dem deutschen Markt, Südzucker, geradezu verzweifelt anwirbt - Zucker, so einer der Slogans, sei "als Teil einer modernen Ernährung Balsam für die Seele."

Mit ähnlichen Verheißungen wehrte sich die Industrie schon früh gegen Vorwürfe von Gesundheitsaposteln. Zu einer Zeit, als in Deutschland noch in Sütterlinschrift geschrieben wurde, lockte die Zuckerfabrik Brühl mit folgendem Slogan: "Am Zucker sparen, grundverkehrt - der Körper braucht ihn, Zucker nährt!" An diesem Spruch war so ziemlich alles grundverkehrt. Denn bis vor wenigen Jahrhunderten war Saccharose bestenfalls eine Randerscheinung in der Ernährungsgeschichte der Menschheit - den für den menschlichen Stoffwechsel brauchbaren Bestandteil davon, die Glukose, kann der Körper auch aus etlichen anderen Nahrungsmitteln gewinnen.

Süßes verheißt Genuss

Man muss nur lange genug auf einem Stück Brot herumkauen, so lange, bis es süßlich schmeckt. Schon im Mund wird die im Brot enthaltene Stärke in Glukose gespalten. Damit kann dann vor allem das menschliche Gehirn etwas anfangen. Es ist das einzige Organ, das ausschließlich Glukose als Treibstoff verwendet. Aber ihm ist egal, ob die Glukose aus einer Kartoffel oder einer Sahnetorte stammt. Dem Menschen allerdings nicht. Der bekommt den richtigen Kick erst dann, wenn etwas auch süß schmeckt.

Wer trotz fester Vorsätze immer wieder in die Gummibärentüte greift, der sei getröstet. Evolutionäres Erbe und Gene lassen sich nicht so einfach mit gutem Willen austricksen. Bei Bitterem und Saurem auf der Zunge blinken im Gehirn virtuelle Signalleuchten auf, gemeinhin reagiert der Mensch mit Abscheu. So wurden ehedem die Steinzeitmenschen vor unreifen und giftigen Früchten gewarnt. Süßes hingegen verheißt Genuss. Im Gehirn werden allein beim Anblick von etwas, das guten Geschmack verspricht, unter anderem Endocannabinoide ausgeschüttet. Das klingt nicht zufällig ähnlich wie das Wort "Cannabis". Genau wie Hanf dopen die Moleküle den Menschen mit einem Schuss Glückseligkeit.

Ob Zucker allerdings süchtig macht, darüber streiten Ernährungswissenschaftler. "Wenn man einem Alkoholiker den Alkohol wegnimmt, bekommt er Entzugserscheinungen. So etwas bewirkt Zucker nicht", sagt Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährung. Das Gegenteil wollen Wissenschaftler der US-amerikanischen Princeton-Universität bewiesen haben. Sie erkannten bei ihren zuckerverwöhnten Laborratten Symptome des Entzugs: Zähneklappern, Schüttelfrost und Depressionen.

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