Empfindung Mit Leib und Seele

Warum wir das Leben fühlen, schmecken, hören, tasten und riechen müssen, um es wertzuschätzen.

Hanna Lenz/ SPIEGEL Wissen

Von Kristina Maroldt


Eine gute halbe Stunde haben sie zusammen Weintrauben gewaschen und Bananen geschält, Äpfel geschnitten und Birnen gewürfelt. Jetzt türmt sich der Obstsalat in einer großen Schüssel, daneben sitzen 18 Erstklässler und blicken ihre Lehrerin erwartungsvoll an."Und was machen wir jetzt?", fragt Iris Brückner, 52, warme Stimme, lange blonde Haare. "Schnell aufessen!", ruft ein Junge. Brückner lacht. "Ich weiß was Besseres!" Sie zeigt auf die Teelichte und Servietten, die sie neben der Schüssel zurechtgelegt hat. "Bevor wir unseren Obstsalat essen, machen wir es uns erst mal so richtig hübsch!"

"Glück" heißt das Fach, das Brückner an diesem grauen Novembervormittag in der Grundschule Rönneburg in Hamburg-Harburg unterrichtet. Einmal pro Woche sollen die Kinder ihre Sinne schärfen für die Herrlichkeiten des Alltags: den Geschmack von frischem Obst, das Leuchten von Kerzen, das behagliche Gefühl, wenn man sich zusammen an einen liebevoll gedeckten Tisch setzt. Ein Heidelberger Oberstudiendirektor hat das Fach 2007 erstmals an seiner Schule eingeführt, inzwischen gibt es im deutschsprachigen Raum mehr als hundert Schulen, die es anbieten.

Die einzelnen Konzepte variieren, doch das Ziel ist stets dasselbe: Die Kinder sollen lernen, auch unter schwierigen Bedingungen den Blick für die schönen Seiten des Lebens zu bewahren. Vor allem sinnliche Erfahrungen spielen in Brückners Unterricht deshalb eine große Rolle. Sie musiziert und tanzt viel mit den Kindern, kocht und isst mit ihnen und zeigt ihnen, wie entspannend es sein kann, wenn einem jemand den Rücken massiert. Wer gelernt habe, solche Augenblicke bewusst zu genießen, glaubt sie, der sei in der Lage, auch in Krisenzeiten Lebensfreude zu spüren. "Diese Momente helfen uns, das Leben zu meistern."

Mit Obstsalat zum sinnerfüllten Leben?

Die meisten Philosophen, die sich mit der Ethik des guten Lebens beschäftigen, würden jetzt wohl protestieren. Sinnlichkeit gilt vielen von ihnen höchstenfalls als Begleiterscheinung eines sinnvollen Lebens, nicht jedoch als geeigneter Weg, es zu erreichen. Das flüchtige Glück eines köstlichen Mahls oder einer liebkosenden Berührung, darin sind sich Philosophen von Aristoteles bis Wilhelm Schmid einig, sei schließlich nicht vergleichbar mit einem übergeordneten Lebenssinn, der einen auch durch dunkle Zeiten trage.

Psychotherapeuten sehen das anders. Durch Konzepte wie positive Psychologie oder euthyme Therapie hat der bewusste Genuss gerade in den letzten Jahrzehnten in der Psychologie an Bedeutung gewonnen. Selbstfürsorge nennen Therapeuten die Fähigkeit, auch in Stress- und Krisenzeiten das eigene Wohlbefinden nicht aus dem Blick zu verlieren. Und wer etwa in der Lage ist, sich an Geschmack oder Klängen bewusst zu erfreuen, hat dafür schon mal ein gutes Rüstzeug.

So üben Patienten mit Depressionen oder Burn-out-Symptomen zum Beispiel schon seit den Achtzigerjahren in "Genusstrainings" gezielt, ihre fünf Sinne zu gebrauchen: Sie schnuppern an Zimtstangen oder lassen ein Stück Schokolade auf der Zunge zergehen, spazieren mit gespitzten Ohren durch einen Wald oder konzentrieren sich minutenlang auf die Kühle eines Seidentuchs. Das für Emotionen zuständige limbische System wird durch die angenehmen Sinnesreize positiv getriggert, Glückshormone wie Dopamin fluten den Körper.

Vielen Patienten erscheint das Leben danach erstmals wieder schön und sinnvoll.

Doch man muss nicht erst eine Therapie machen, um von den positiven Effekten von Klängen, Berührungen oder Düften zu profitieren.

Aus SPIEGEL WISSEN 6/2015
Dass Musik der "Recreation des Gemüths" dient, wusste schon Johann Sebastian Bach. Und die belebende oder entspannende Wirkung von Melodien kennt jeder, den der passende Song im Radio schon mal über einen Verkehrsstau hinweggetröstet hat. Eine wissenschaftliche Erklärung für die seelenschmeichelnde Wirkung der Musik lieferte vor einigen Jahren der Berliner Hirnforscher Stefan Koelsch: Wurden Patienten fröhliche Kompositionen wie irische Tanzweisen oder das Allegro aus Bachs Viertem Brandenburgischen Konzert vorgespielt, sank bei ihnen die Konzentration des Stresshormons Kortisol im Blut. Sie wurden ruhig und entspannt, während einer Operation brauchten sie weniger Narkosemittel.

Da das Hören von Musik zudem die Ausschüttung von schmerzlindernden Endorphinen fördert, wird sie inzwischen in manchen Praxen oder Kliniken sogar eingesetzt, um bei Operationen oder zahnarztbehandlungen Angst oder Schmerzen zu mindern.

Mehr Musik, weniger Schmerzmittel

Offenbar mit Erfolg: Bei einer Auswertung von 73 Studien stellte ein britisches Forscherteam kürzlich fest, dass Musik, egal welcher Art, das Schmerzempfinden und die Angst von Patienten nach einem Eingriff deutlich reduzierte - und somit auch die Verwendung von Schmerzmitteln sank.

Berührungen können ebenfalls Unruhe und Ängste lindern. Nehmen einen Angehörige oder Freunde in Stresssituationen in den Arm, hilft das oft mehr als viele Worte. Ursache ist das "Kuschelhormon" Oxytocin.

Seine Ausschüttung im Gehirn steigt an, wenn sich einander nahestehende Menschen berühren; sie fühlen sich sicher, geborgen und dem Gegenüber eng verbunden.

Berührt einen ein fremder Mensch, ist die Oxytocin-Ausschüttung zwar in der Regel geringer. Wenn der Druck der Berührung fest genug ist, etwa bei einer Massage, verlangsamt sich trotzdem der Puls, die Muskelspannung nimmt ab, Stress und Unruhe weichen, schon nach wenigen Minuten fühlt man sich leicht und entspannt. Nicht nur bei Gesunden sorgen Massagen daher für Wohlbehagen und Gelassenheit, auch Kranken können sie helfen - weil sie beispielsweise die Schmerzwahrnehmung senken und die Symptome von Depressionen oder Angststörungen lindern.

Verwendet der Masseur dabei ein duftendes Öl, kann das den Effekt sogar noch steigern - oder aber ganz zunichtemachen.

Die Nase ist nämlich mit jenen beiden Hirnzentren verknüpft, die Emotionen und Erinnerungen steuern. Ob einen der Geruch von Rosen oder Lavendel eher beruhigt oder erregt, hat daher viel mit der Situation zu tun, in der man ihn zum ersten Mal wahrgenommen hat. Hat man seinen Lieblingsduft gefunden, kann der in Stressmomenten als Refugium und Energiespender dienen.

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Noch vielschichtiger wirken sinnliche Erlebnisse freilich, wenn der Mensch sie selbst mitgestaltet. 2009 erlitt die irische Bestsellerautorin Marian Keyes einen Nervenzusammenbruch.

Eine Depression wurde diagnostiziert, Keyes fand trotz Antidepressiva, Therapien und Klinikaufenthalten monatelang nicht aus ihrem Seelentief heraus. Bis sie einer Freundin eine Geburtstagstorte backte. Das Abwiegen und Mischen von Eiern, Mehl und Butter, das Dekorieren und Verschenken machte ihr so viel Freude, dass es für sie der erste Schritt zurück in ein normales Leben wurde.

Das Backen habe sie nicht geheilt, beschrieb sie ihre Erfahrungen später in einem Buch. "Aber es hilft mir durchzuhalten. Durch das Backen achte ich auf das, was sich direkt vor meiner Nase befindet. ich muss mich konzentrieren. ich finde es beruhigend und beglückend, denn im Prinzip ist es Magie: Man fängt mit den einzelnen zutaten an, und am Ende wird daraus etwas völlig Neues. Und Köstliches."

Wer sich bei Stress, Trauer oder Verzweiflung ins Töpfern, Malen oder Klavierspielen flüchtet, berichtet von ähnlichen Erfahrungen: von der inneren Ruhe, sobald man sich voll und ganz auf das Einstudieren eines Musikstücks oder das Formen einer Vase konzentriert. Vom Glück, die Wirksamkeit des eigenen Tuns zu spüren. Von der Energie und Lebenslust, die man dabei gewinnt.

Kein Wunder, dass Manchen schon das regelmäßige Malen oder Musizieren allein genügt, um das Dasein als sinnerfüllt zu erleben. Anderen kann es zumindest dabei helfen, den großen Themen ihres Lebens auf die Schliche zu kommen.

Musikmachen in der Psychiatrie

Ein kleiner Raum in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Bethesda Krankenhauses Bergedorf in Hamburg, vor dem Fenster herbstlich bunte Sträucher, drinnen Flöten, Trommeln, Saiteninstrumente.

Zweimal pro Woche trifft sich hier eine Gruppe psychisch kranker, meist depressiver Männer und Frauen zum Musikmachen.

Schon die Wahl der Instrumente, sagt Diplommusiktherapeutin Gitta Strehlow, verrate viel über die Muster, die das Leben ihrer Patienten bestimmten.

Da ist zum Beispiel Herr V., ein ehemaliger Seemann: Fast immer greift er zum Schifferklavier und stimmt alte Schlager an, weil er damit seine Sehnsucht nach Geborgenheit zumindest für kurze Zeit stillen kann. Oder der schüchterne Herr G.: Am liebsten schnappt er sich ein kaum hörbares Zupfinstrument. So ist das Risiko nicht so groß, beim gemeinsamen Improvisieren den Rhythmus vorgeben zu müssen.

Strehlow lässt ihre Patienten meist erst mal gewähren. Später weist sie ihnen zum Experimentieren aber auch ganz bewusst neue instrumente und Rollen zu. "Die Patienten sollen ihre Lebens- und Beziehungsmuster erforschen", sagt sie. "Das geht beim gemeinsamen Musizieren besonders gut, weil man sich ganz schnell mit einem Gegenüber auseinandersetzen muss. Psychisch Kranken hilft das, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Gesunde können besser erkennen, was ihnen im Leben wichtig ist."

In der Grundschule Rönneburg haben Iris Brückners Erstklässler auf diese Frage übrigens eine erstaunlich klare Antwort gefunden: Über den Köpfen der Kinder spannen sich Wäscheleinen, daran hängen die "Glückstore" der Schüler. In die darf jeder etwas malen, das ihn momentan besonders glücklich macht. Die Bilder sind völlig unterschiedlich, vom Legoschiff bis zum Schmetterling ist alles dabei. Nur eines haben fast alle Zeichnungen gemeinsam: Mindestens ein Mensch ist darauf zu sehen.

Oder, wie bei der sechsjährigen Emma, der Name der besten Freundin, umrahmt von Herzen und Blumen. Dinge, die glücklich machen, gebe es im Leben schließlich viele, erklärt das Mädchen sein Bild: "So richtig schön ist es aber erst, wenn einer dabei ist, den man mag."



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