Gesundheit

Achtsamkeit

"Es ist eine leise Revolution im Gange"

"Viele Menschen laufen auf Autopilot", sagt Andreas de Bruin. Der Psychologe lehrt Achtsamkeit und Meditation. Er ist überzeugt, dass beides nicht nur Einzelnen guttut, sondern die Gesellschaft bereichert.

Ein Interview von

Marco Gierschewski

Achtsamkeitstraining im Freien

Mittwoch, 28.12.2016   11:21 Uhr

SPIEGEL: Professor de Bruin, warum sind Meditation und Achtsamkeit derart populär?

De Bruin: Forschung hat gezeigt, dass Meditation und Achtsamkeit positive Effekte haben: Steigerung der Konzentration, Stressreduzierung, höhere emotionale Ausgeglichenheit. Das begeistert die Leute. Zudem sind beides wirkungsvolle und gesunde Methoden, mit der Hektik des Alltags besser umzugehen.

SPIEGEL: Weshalb sehnen sich so viele Menschen nach innerer Ruhe?

De Bruin: Wir haben uns zu weit von uns selbst entfernt, und dies wird uns allmählich bewusst. Bestimmte innere Werte haben wir verloren: Güte, Freundlichkeit mit sich und anderen, ein Gefühl für den eigenen Lebenssinn. Befragt man Sterbende, was sie am meisten bedauern, erfährt man, dass sie sich gern mehr Zeit genommen hätten für sich und für geliebte Menschen und dass sie ihre wahren Gefühle gern öfter ausgedrückt hätten. Ein großes Problem ist, dass viele Menschen heute voll und ganz damit befasst sind, ihren Lebensstandard zu sichern, sie laufen quasi täglich wie auf Autopilot und kommen gar nicht auf die Idee, sich für Geistesschulung zu interessieren.

SPIEGEL: Geht es bei Achtsamkeit und Meditation darum, sich selbst besser kennenzulernen?

De Bruin: Achtsamkeit und Meditation sind nicht das Gleiche. Achtsamkeit bedeutet, den Augenblick bewusst wahrzunehmen, zu beobachten, nicht zu urteilen, beim Kochen, Essen, Spazierengehen, bei Alltagsbeschäftigungen. Wir können auch unsere Reaktionen im Körper sowie unsere Gedanken und Emotionen beobachten. Bei dieser Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation ist das Ziel, den Fluss der Gedanken und Emotionen zu betrachten und so mehr Verständnis für deren Mechanismus und Vergänglichkeit zu erlangen. Die Meditationsformen hingegen, die auf innere Versenkung abzielen, betrachten die Gedanken- und Gefühlswelt gar nicht. Hier spricht man von Meditation, Kontemplation, Intuition und Inspiration. Sie bringen die Dynamik der Außenwelt zum Stillstand. Die Stille, die dadurch entsteht, schafft Raum für Impulse aus dem Inneren. Beide tragen also dazu bei, sich besser kennenzulernen.

SPIEGEL: Können wir durch mehr Meditation die Gesellschaft verändern?

De Bruin: Tatsächlich ist eine leise Revolution im Gange. Zum analytisch-vernunftgesteuerten Denken kommt immer mehr der Wunsch, nach innen zu gehen, der Wunsch nach Selbsterforschung, nach einem Zugang zur eigenen Seele. Die Menschheit entwickelt sich meiner Meinung nach immer mehr in diese Richtung, und deshalb ist es nur logisch, dass Meditation auch an Hochschulen und Universitäten gelehrt wird. Meditation ist weit mehr als ein flüchtiger Trend. Sie bereichert die Gesellschaft.

SPIEGEL: Was lernen Ihre Studenten?

De Bruin: Im Mittelpunkt stehen praktische Übungen. Wir machen zum Beispiel Sitzmeditationen, fokussieren uns dabei auf den Atem, auf den Bereich zwischen den Augenbrauen oder auf das innere Rezitieren eines Mantras. Weitere Übungen sind etwa der Bodyscan, die Mitgefühlsmeditation, die Gehmeditation und reine Achtsamkeitsübungen, wie bewusstes Kochen und Essen. Zur Theorie gehören die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, Hintergrundwissen über die verschiedenen Meditationsansätze und das Ausarbeiten von Konzepten, die Meditation später im beruflichen Kontext sinnvoll anzubieten.

SPIEGEL: Wie bewerten Sie den Fortschritt Ihrer Studenten?

De Bruin: Kriterien für die Benotung sind: Anwesenheit, aktive Mitarbeit, selbstständiges Durchführen der Meditationspraxis, Führen eines Meditationstagebuches, persönliche Endreflexion sowie eigene Überlegungen und Vorschläge, wie Meditation im späteren Berufsfeld eingesetzt werden kann. In den Meditationstagebüchern kann ich lesen, wie es den Studenten bei den Übungen geht.

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SPIEGEL: Was tun Sie, wenn Kursteilnehmer flunkern bei den Angaben zu ihrer häuslichen Praxis?

De Bruin: Ach, das merke ich sofort. Aber das passiert nicht. Wer zu mir kommt, der nimmt die Sache ernst und merkt schnell, dass ihm das Meditieren guttut. Ich predige auch keine Weltflucht, im Gegenteil, ich bin dafür, die anstehenden Probleme energisch anzugehen.

SPIEGEL: Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Ihren Studenten?

De Bruin: Die Studierenden sagen, sie könnten besser mit der eigenen Gedankenflut umgehen, sie würden sich weniger aufregen und gelassener reagieren. Die Selbstwirksamkeit nimmt zu, und viele berichten auch, dass sie abends besser einschlafen können. Die Hochschule Coburg hat meine Lehrveranstaltungen evaluiert. 86,1 Prozent der Teilnehmer wünschen sich weitere Angebote dieser Art.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Meditation in Ihrem Leben?

De Bruin: Eine sehr wichtige! Seit 1991 meditiere ich zweimal 20 Minuten am Tag und wöchentlich drei mal zwei Stunden abends. Dazu kommen noch die vielen Unterrichtsstunden mit den Studierenden sowie die Betreuung vieler Meditationsprojekte. Meditation hilft mir sehr, alles unter Dach und Fach zu bringen. Sie tankt mich auf und gibt mir die notwendige Energie und Klarheit.

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