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ADHS: Zappelphilipp wird erwachsen

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Corbis

Kopf raucht: Erwachsene mit ADHS können sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren

Sie können sich schlecht konzentrieren, lassen sich leicht ablenken und haben oft Probleme im Job: Viele Kinder mit ADHS leiden auch später als Erwachsene an der Aufmerksamkeitsstörung. Doch erst langsam beginnt die Fachwelt, die Diagnose und die Behandlung für die Älteren anzupassen.

Albert Einstein soll darunter gelitten haben. Jamie Oliver spricht offen darüber, und jüngst bekannte sich auch der Berliner Pirat Christopher Lauer dazu. Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gilt als Erkrankung der Politiker und Promis, der Kreativen und Chaoten. Sie lässt manche Menschen verzweifeln und feuert andere zu spektakulären Leistungen an. Sie treibt die Patienten an wie ein Motor, der niemals Ruhe gibt. Ihr Leben lang.

Was früher als Leiden von Kindern und Jugendlichen galt, was im Laufe des Lebens verschwinden sollte wie bei Babys der sogenannte Storchenbiss (ein kleiner roter Fleck, den viele Kinder haben), begleitet tatsächlich viele Erwachsene bis zum Tod. Fast ein Viertel aller Patienten, bei denen als Kind oder Jugendlicher ADHS festgestellt wird, leidet auch später unter der Erkrankung. Ein weiteres Drittel streift die Symptome ab, und ein weiteres Drittel zeigt noch Anzeichen des Leidens, ohne unbedingt einer Behandlung zu bedürfen.

"Viele Patienten haben im Erwachsenenalter noch massive Probleme", sagt Alexandra Philipsen, Leiterin der Arbeitsgruppe ADHS im Erwachsenenalter an der Uni-Klinik Freiburg. Schätzungen zufolge leiden rund zwei Prozent aller Erwachsenen in Deutschland an ADHS, weltweit belaufen sich die Schätzungen auf bis zu fünf Prozent.

ADHS bei Kindern und Erwachsenen
Diagnose
Bei Kindern und Jugendlichen wird ADHS von Kinder- und Jugendpsychiatern oder -psychotherapeuten mit Hilfe von speziellen Testverfahren und Fragebögen diagnostiziert. Zusätzlich werden noch neurologische Untersuchungen und Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Bei Erwachsenen sind die Kriterien für eine Diagnose im Wesentlichen die gleichen. Hinzu kommt, dass bei Erwachsenen die Symptome aber bereits das ganze Leben über schon bestehen.

Etwa ein Drittel aller ADHS-Kinder behalten die Störung ein Leben lang. Schätzungen zufolge leiden etwa drei Prozent aller Erwachsenen an der Aufmerksamkeitsstörung. Allerdings wandelt sich die Störung im Laufe der Jahre: Überaktivität und Impulsivität verschwinden meist mit der Zeit - Betroffene leiden dafür häufig unter einer allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwäche.

Die Kriterien für die Diagnose sind im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung sowie im Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt. Die Neuauflage des DSM (DSM-5) soll die Kriterien künftig besser an die Beschwerden der Erwachsenen anpassen.
Symptome
Menschen mit ADHS haben oft erhebliche Schwierigkeiten im Alltag: Ihre Aufmerksamkeit ist gestört, besonders in Gruppen fällt es ihnen schwer, dem Gespräch zu folgen. Beim Lesen haben sie häufig Schwierigkeiten, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und ihn auch zu behalten. Binnen kürzester Zeit vergessen sie ganze Passagen oder müssen eine Seite immer wieder von vorne beginnen.

Betroffene lassen sich auch leicht ablenken, haben einen starken Rededrang und schweifen gerne vom Thema ab - es ist auch schwer, sie zu unterbrechen. Ein fehlendes Zeitgefühl, Desorganisation, Unordnung können ebenfalls zu den klassischen Auffälligkeiten zählen. Manche Betroffene neigen dazu, diese Verhaltensmuster durch einen zwanghaften Perfektionismus überzukompensieren.

Weil ihre Gedanken häufig "kreuz und quer" laufen, arbeiten Erwachsene mit ADHS auch sehr langsam oder ihnen unterlaufen viele Flüchtigkeitsfehler. Betroffene gelten daher auch als besonders unfallgefährdet.

Die für die Kindheit typische Hyperaktivität kompensieren Erwachsene häufig durch ein großes Verlangen, Sport zu treiben. Bei anderen verwandelt sie sich dagegen in eine innere Unruhe - sich zu entspannen, fällt ihnen schwer.

Stimmungsschwankungen können die Folge sein. Ungeduld, Unsausgeglichenheit, Niedergeschlagenheit oder Euphorie wechseln sich häufig ab, die Betroffenen haben ihre Emotionen nur schlecht im Griff. Ebenso ist ihre Stresstoleranz eher gering. Da ihr Verhalten oft unberechenbar ist, haben Menschen mit ADHS häufiger Beziehungskonflikte.

Oft ziehen die ADHS-Symptome andere psychische Erkrankungen nach sich: Vor allem Frauen mit ADHS leiden häufig unter Depressionen.
Hilfe
Erwachsene werden ebenso wie Kinder mit dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) behandelt, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Allerdings gibt es bisher nur wenige Studien zu den Langzeiteffekten einer solchen Therapie. Dennoch lassen sich die Symptome mit Hilfe der Medikamente deutlich lindern. Insbesondere der Leidensdruck, den viele ADHS-Betroffene spüren, verringert sich dadurch. Doch erst seit April 2011 ist das Medikament auch für die Behandlung Erwachsener zugelassen. Allerdings dürfen nur Spezialisten den Wirkstoff verschreiben.

Auch psychotherapeutische Behandlungen können die Symptome mindern. In Einzeltherapien lernen die Patienten etwa, ihre Selbstwahrnehmung zu verändern und so wieder mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu gewinnen.

Nur allmählich setzen sich die neuen Erkenntnisse durch. So soll die Neuauflage des Katalogs für psychische Störungen DSM die Diagnosekriterien künftig besser an die Beschwerden der erwachsenen ADHS-Patienten anpassen. In der - durchaus umstrittenen - neuen Version des Manuals sollen künftig vier statt sechs Symptome für die Diagnose einer ADHS genügen. Vor allem erwachsene Patienten könnten so besser erfasst werden, glauben die Befürworter der Änderung. Denn Erwachsene zeigen weniger Symptome, sind weniger impulsiv und weniger hyperaktiv als junge Patienten. Älteren macht vor allem ihre ständige Unaufmerksamkeit zu schaffen. "Für sie ist es enorm anstrengend, sich über längere Zeit auf etwas zu konzentrieren", sagt Philipsen.

Das bringt häufig Probleme im Job mit: Menschen mit der Aufmerksamkeitsstörung fällt es beispielsweise schwer, sich auf Gespräche oder auch auf Texte zu konzentrieren. Gerne verlieren sie sich in Tagträumereien oder lassen sich leicht ablenken. Weil sie Schwierigkeiten damit haben, eine Arbeit gezielt zu Ende zu bringen, wechseln sie häufiger den Job, werden aber auch häufiger gekündigt. Oft sind sie eher als Freiberufler tätig.

Nur Spezialisten dürfen Medikamente verschreiben

Zur Linderung der Symptome können Ärzte ihren erwachsenen ADHS-Patienten seit April 2011 den Wirkstoff Methylphenidat verschreiben - jenes Medikament, das Kindern und Jugendlichen oft unter dem Markennamen Ritalin verordnet wird. "Die Zulassung des Medikaments war ein wichtiger Meilenstein in der Versorgung dieser Patienten", sagt Esther Sobanski, Leiterin der Arbeitsgruppe ADHS bei Erwachsenen am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

In diesem Jahr hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Kliniken und Krankenkassen (GBA) in seiner Arzneimittelrichtlinie neu geregelt, welcher Mediziner Methylphenidat verschreiben darf und wer nicht. "Die Arzneimittel dürfen nur von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Erwachsenen verordnet werden", heißt es im Beschluss des GBA. Nur in Ausnahmefällen dürfen Hausärzte diese Aufgabe übernehmen.

Für die Betroffenen gerät die Behandlung ihrer Symptome aber häufig zum Problem: Bisher brechen viele junge Erwachsene die Therapie ab, weil sie genug davon haben - oder auch, weil sie nicht wissen, an welchen Spezialisten sie sich nun wenden sollen. Wie eine Erhebung der Techniker Krankenkasse ergab, lassen sich die Patienten später mal beim Hausarzt, mal beim Psychiater oder in einer Klinik behandeln, während sie früher zum Kinderarzt oder Kinderpsychiater geschickt wurden. "In dieser Übergangsphase gehen oft wichtige Informationen verloren", sagt Sobanski. Schließlich kennt der Kinderarzt oder Kinderpsychiater seinen Patienten oft seit Jahren und kann seine Eindrücke an die Kollegen weitergeben.

ADHS-Stationen für Erwachsene

Darum haben manche psychiatrische Kliniken in Deutschland bereits Stationen speziell für Patienten im Alter von 16 bis 25 Jahren eingerichtet. "Dort arbeiten Kinder- und Jugendpsychiater mit Erwachsenenpsychiatern eng zusammen", berichtet Sobanski. Und können so den Patienten besser helfen, ihr Leben künftig zu meistern. Aus Erhebungen weiß man, dass ADHS-Patienten häufiger arbeitslos sind als andere Menschen, sich häufiger scheiden lassen, ihre Ausbildung häufiger abbrechen. Manchen jedoch gelingt es, ihr persönliches Potential zu entfalten - mit Hilfe von Psychotherapie und von Medikamenten, mit deren Hilfe sie sich besser auf ihre Aufgabe konzentrieren können.

Das erhoffen sich auch manche Gesunde - und nehmen ebenfalls Methylphenidat ein. Allzu verlockend erscheint es, mit einer Tablette seine geistigen Fähigkeiten zu steigern. Eine Befragung von fast 3000 Studenten an der Universität Mainz im Jahr 2011 ergab, dass 20 Prozent der Befragten allein in den zwölf Monaten zuvor Koffeintabletten oder medikamentöse Stimulantien zur Leistungssteigerung eingenommen hatten, darunter auch das ADHS-Medikament Methylphenidat.

Dass die Tabletten bei Gesunden einen starken Effekt haben, ist allerdings nicht bewiesen. "Tatsächlich", sagt Studienleiter Klaus Lieb von der Universitätsmedizin Mainz, "dürfte die Wirkung kaum stärker sein als jene von ein paar Tassen Kaffee".

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1. Jaja die Chemie
Leser161 05.10.2012
Finde die Argumentation absolut schlüssig, viele grosse Sportler konnten ihr wahres Potenzial auch erst nach Einnahme von Medikamenten entfalten. Ich denke da an Ben Johnson oder Jan Ullrich. Warum sollte das nicht auch für uns Normalos gelten? Ob das gesund oder sinnvoll ist bleibt dahingestellt.
2. Tip
zufriedener_single, 05.10.2012
Man möge es versuchen mit a) gesunder Ernährung b) Meditation c) Massiv Ausdauersport d) Eine Kombination von a,b und c --> ADHS mag es geben, aber man durchaus etwas "dagegen" tun - siehe oben.
3. Olala
sajuz 05.10.2012
Na hat da jemand 50 shades of grey gelesen? Machen Sie mit uns bitte ein Safewort aus, bevor Sie Ihre Rohrstock-Phantasien auf die Welt loslassen. Zum Thema. Ein enger Freund litt unter ADHS in seiner Jugend. Hat seine Bildungslaufbahn definitiv verzögert. War vielleicht eine Nebenwirkung vom Kiffen, das ihn immer gut beruhigt und fokussiert hat. Und eine Exfreundin auch, es war sehr anstrengend mit ihr zu diskutieren, wenn sie ihre Mittel nicht genommen hatte. Streiten konnte man dann total vergessen. ADHS ist wirklich ein Zustand, der die betroffenen Beeinträchtigt. Egal ob es als Krankheit betrachtet oder nicht. Darum ist es gut, wenn man den Betroffenen nun Hilfe anbietet, falls sie (oder zuvor ihre Eltern) diese Hilfe wünschen.
4. Immer her mit den Drogen
Archimedes_da_Siracusa 05.10.2012
Tagträume bei stinklangweiligen Arbeitskonferenzen, abgelenkt beim dritten 150 Seiten Memo des Tages, da helfen nur Designerdrogen! Schon schlimm dass die Menschen hier nicht funktionieren wie Roboter, in Nordkorea geht es doch auch! (Vorsicht, dieser Kommentar könnte Ironie enthalten. Bei einer Überdosis einfach flach auf den Boden legen und auf Hilfe warten.)
5. Endlich mal ein vernünftiger Artikel zu ADHS
M_3000 05.10.2012
Prima. Nicht die übliche "ADHS ist nur erfunden - Ritalin ist Gift" - Leier von "Journalisten" wie Jörg Blech oder Schwätzern wie Hüther die hier normalerweise zu Wort kommen. Leider wird in den Kommentarspalten jetzt der Mob toben und genau das behaupten, schreien dass Sport und Disziplin reichen, behaupten dass Big Pharma alles steuert ... gute Güte die Leute sollten sich mal mit Betroffenen unterhalten. Aber Einstein und ADHS? Halt ich für ein Gerücht.
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Zur Autorin
  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.

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