Agoraphobie und Platzangst Wie kann man Panikattacken erkennen - und was hilft?

Die U-Bahn, der Fahrstuhl - vieles wirkt plötzlich bedrohlich: Weit mehr als eine Million Menschen in Deutschland leiden unter Panikattacken und anderen Angststörungen. Wer ihnen entkommen will, muss sich seiner Furcht stellen.


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Angst zu haben, rettet das Leben. Sie warnt uns vor bedrohlichen Situationen und war in der Frühzeit des Menschen extrem wichtig, um bei Gefahr Flucht auszulösen. Krankhafte Angst aber macht das Leben zur Qual. Wie sich das anfühlt, hat Petra Jüngst*, 36, Mutter von zwei Kindern, am eigenen Körper erlebt.

Als Erstes begann ihr Herz zu hämmern. Als sie ihre Kinder zum Kindergeburtstag brachte, im Stau stand, oder einfach nur auf dem Sofa saß - immer wieder spürte Petra das Rasen in ihrer Brust. Sie fürchtete um ihr Leben, dachte, ihr Herz sei krank. Eine körperliche Ursache aber fanden die Ärzte nicht. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, dass Panikattacken ihren Körper quälten.

Was die Menschen dabei spüren, ist nichts anderes als die Reaktion des Körpers auf eine enorme Gefahr. "Das sind Anzeichen eines Notfallprogramms", sagt Borwin Bandelow von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Oft begleiten Brustschmerzen, Luftnot, Zittern, Schwindel, Übelkeit, Schwitzen oder Hitzewallungen das Herzrasen.

Das Problem: Das Notfallprogramm setzt bei Panikattacken ein, ohne dass eine reale Gefahr droht. Das macht es für die Betroffenen noch schwerer, das Gespürte zu deuten. Wie kann man die Krankheit also erkennen - und was hilft?

Als sich das Herzrasen häufte, entwickelte Petra Angst davor, dass kein Arzt da ist, der ihr helfen kann. Dass sie die Kontrolle verliert. Dass sie in der Öffentlichkeit hilflos liegen bleibt, sich blamiert. Selbst ihr Mann, ein Arzt, erkannte nicht, was ihr Problem war. Stattdessen schickte er sie zu einem Kollegen, der ebenfalls nichts finden konnte.

Oft vergehen Jahre, bis eine Angsterkrankung richtig erkannt wird. Dann droht eine Kettenreaktion: Aus Angst vor der Angst beginnen die Betroffenen, sich zurückzuziehen. Auch Petra schränkte sich immer mehr ein, sie vermied alles, was ihr Angst macht. Menschenmengen, geschlossene Räume, Kinos und Fahrstühle, sogar die Schulaufführung des ältesten Sohnes wurden zur Qual.

Zum Friseur und Frauenarzt traute sie sich nur noch, wenn ihr Mann sie begleitete. Erst als sie Rat bei einem Psychiater suchte, stellte dieser die richtige Diagnose: Sie hatte eine sogenannte Agoraphobie, eine Platzangst, verbunden mit einer Panikstörung. In zwei Drittel der Fälle führt das eine zum anderen.

Dabei beschreibt eine Agoraphobie nicht die Angst vor engem Raum, an die viele beim Begriff Platzangst denken. Anders als bei einer solchen Klaustrophobie, einer Raumangst, ist eine Agoraphobie eine Angststörung, die durch bestimmte Orte und Situationen wie weite Plätze oder Menschengedränge ausgelöst wird.

Wie Petra geht es vielen Menschen: Agoraphobie und Panikstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Agoraphobie, einer Panikstörung oder beidem. Frauen entwickeln sie mehr als doppelt so häufig wie Männer. "Die Angststörungen fangen oft im Alter von 29 Jahren an und sind mit 36 Jahren am ausgeprägtesten", sagt Bandelow.

Dass Frauen so viel häufiger betroffen sind als Männer, ist vermutlich genetisch bedingt. "Frauen mussten in der Frühzeit für die Nachkommen sorgen und waren deshalb ängstlicher. Ohne Nachkommen wäre der Stamm ausgestorben", erklärt sich Bandelow das Phänomen. "Die Männer mussten Tiere jagen und Nahrung herbeischaffen. Wer mutiger war und genügend Mammutschnitzel herbeischaffte, bekam eher eine Partnerin."

Bei etwa der Hälfte aller Patienten liegt die Ursache laut dem Experten im Erbgut. "Die anderen 50 Prozent sind durch belastende Lebensereignisse, Trennungssituationen oder Schädigungen zum Beispiel durch Alkohol verursacht", sagt Bandelow, der die Leitlinie zu Angststörungen verfasst hat.

Wie es körperlich zu einer Panikstörung kommt, ist noch nicht ganz geklärt. "Jeder Mensch hat das beschriebene Notfallprogramm, wenn er Gefahr wittert", so der Psychiater. "Beim einen ist die Hemmschwelle aber höher als beim anderen. Möglicherweise ist bei Patienten mit Angststörung der Serotoninhaushalt im Gehirn gestört."

Wer eine Agoraphobie hat, sollte Hilfe bei einem Experten suchen. Als Behandlung kommen eine Psychotherapie oder Medikamente infrage, sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, mitunter auch beides. Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine reduzieren Ängste zwar sehr schnell, können aber abhängig machen und sind deshalb nur in Ausnahmefällen ratsam.

Therapeuten empfehlen bei der Erkrankung meist eine Verhaltenstherapie, bei der sich die Betroffenen gezielt den gemiedenen Situationen aussetzen müssen, um zu lernen, dass die Angst unbegründet ist. "Eine Konfrontationstherapie kann dem Spuk ein Ende bereiten", sagt Bandelow. "Dazu gehört es, mit dem Bus oder Aufzug zu fahren, einzukaufen, ein Konzert zu besuchen und vieles mehr."

Mit logischen Erläuterungen sei der Angst nicht beizukommen, sagt Bandelow und vergleicht: Jener Part im Gehirn, der mit Angststörungen assoziiert ist, sei mit einem Huhn auf eine Stufe zu stellen. "So wie man einem Huhn nicht Schach beibringen kann, hilft auch im Zusammenhang mit Angststörungen nur die Holzhammermethode", so Bandelow. "Und das ist die Konfrontation."

Petra kann das bestätigen. Die Verhaltenstherapie hat ihr in Kombination mit Antidepressiva sehr geholfen. Ein halbes Jahr nach dem Beginn der Behandlung geht es der jungen Mutter wieder gut.

*Name geändert - d. Red.



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