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Buch "Allererste Liebe": Es sind nicht die Gene

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Streitendes Paar mit Kind: In den ersten Lebensjahren zählt vor allem die Beziehung zur Mutter, so Autorin Anne-Ev Ustorf Zur Großansicht
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Streitendes Paar mit Kind: In den ersten Lebensjahren zählt vor allem die Beziehung zur Mutter, so Autorin Anne-Ev Ustorf

Wie gut Menschen in der Welt zurechtkommen, hängt vor allem von den Bindungserfahrungen in den ersten drei Lebensjahren ab. Die zentrale These des neuen Buches "Allererste Liebe" hat das Zeug, Eltern zu verunsichern. Leider werden sie mit diesem Gefühl allein gelassen.

Menschen erleben im Leben eine Menge Enttäuschungen. Sie werden von Partnern verlassen, müssen Stress aushalten, Niederlagen bewältigen. Manche stecken solche Erfahrungen problemlos weg. Andere hadern monatelang oder werden sogar krank. Was unterscheidet Menschen, die den Tücken des Lebens mit einem Schulterzucken begegnen, von solchen, die von ihnen erdrückt werden? Es sind die frühen Bindungserfahrungen, schreibt die Journalistin Anne-Ev Ustorf in ihrem neuen Buch.

Der Untertitel "Wie Babys Glück und Gesundheit lernen" zeigt, wo die Weichen nach Ansicht der Autorin gestellt werden: Im Mutterleib und in den ersten drei Lebensjahren. Denn in dieser Zeit ist das Gehirn besonders formbar. Die Erfahrungen, die das Kind sammelt, prägten sich direkt in die sich aufbauenden Gehirnstrukturen ein. "Gute Erfahrungen im Mutterleib führen zu einer vermehrten Bildung von Synapsen für Glück und Zufriedenheit, belastende Erfahrungen im Mutterleib stellen einen Risikofaktor für spätere psychische Erkrankungen dar", so Ustorf.

Zwischen Mutter und Kind bestehe bereits ein "vorgeburtlicher Bindungsraum" zitiert Ustorf einen ungarischen Psychoanalytiker - einen von vielen Experten, die zu Wort kommen. Freue sich die Mutter auf ihr Baby, verspüre auch das Ungeborene ein Gefühl des Gewollt-Seins. Andersherum bedeute das aber: Lehne die Mutter ihr Kind vor der Geburt ab, könne das tragische Folgen haben.

Damit ist Ustorf bei ihrem zentralen Thema: Der Bindung. Die Beziehungserfahrungen in den ersten Lebensjahren entschieden maßgeblich darüber, ob es einem Kind gelingt "zufrieden und seelisch gesund durchs Leben zu gehen", so Ustorf. Doch warum spielt die Bindung eine so wichtige Rolle? Ustorf beschreibt anschaulich, wie das Baby in der Interaktion mit Mutter oder Vater seine Gefühle kennenlernt. Erst durch die feinfühlige Reaktion des Erwachsenen könne es sein diffuses Unwohlsein als Angst, Hunger oder Müdigkeit deuten. Und erst die sanften Worte und Bewegungen der Mutter zeigten ihm, wie Beruhigung funktioniert - eine wichtige Voraussetzung, um sich künftig selbst helfen zu können. Durch Körperhaltung, Stimme oder Gesichtsausdruck der Mutter lerne das Kind, Gefühle anderer zu erkennen und darin zu lesen.

Lebt ein Kind in Angst, prägt sich die Erfahrung für das Leben ein

Erlebt das Kind die Mutter als verlässlich und liebevoll, schreibt sich diese Erfahrung in sein Gehirn, so Ustorf. Die Nervenzellen würden entsprechend verknüpft. Durch Wiederholungen verfestigten sich die Verknüpfungen und geben bis ins Erwachsenenalter Halt. Lebt ein Kind dagegen in Angst, präge sich auch diese Erfahrung ein. "Es ist dann prädestiniert für Ängste und Angsterkrankungen."

Unsicher gebundene Menschen haben es im Leben also deutlich schwerer. Für diese These führt die Autorin zahlreiche Beispiele an. Doch die sind teilweise drastisch gewählt. Erzählt wird von einer Schwangeren, die regelmäßig von ihrem Partner verprügelt wird und ständig in Angst lebt. Oder von den vernachlässigten Waisenkinder in den Heimen des Ceausescu-Regimes in Rumänien. Dass solche Extrem-Erfahrungen die kindliche Entwicklung beeinträchtigen, legt bereits der gesunde Menschenverstand nahe.

Wo liegt die Grenze zwischen richtig und falsch? Immerwährende Harmonie schade dem Kind ebenfalls, schreibt die Autorin. Es brauche Frustrationen, um zu lernen, damit umzugehen. Was ist genug und wo gehen Eltern zu sehr auf ihr Kind ein? Mit diesen Fragen lässt die Autorin den Leser weitgehend allein.

Das gilt umso mehr für Eltern, die wenig Glück im Leben haben. "Schätzungen zufolge erleben 25 Prozent aller Frauen im Verlauf einer Schwangerschaft starken Stress oder Ängste", schreibt Ustorf. "Mindestens ein Viertel aller in Deutschland geborenen Kinder kommt folglich mit einer Veranlagung für psychische Krankheiten oder emotional-kognitive Beeinträchtigungen auf die Welt." Zum einen wäre an dieser und etlichen anderen Stellen des Buches eine genaue Quellenangabe wichtig. Zum anderen können solche Aussagen betroffene Mütter zusätzlich belasten - legen sie doch nahe, dass diese ihrem Kind möglicherweise ein Leben lang schaden.

Schließlich wendet sich Ustorf der Frage zu, wie die frühen Bindungserfahrungen das Erwachsenenleben prägen. Unsicher gebundene Menschen hätten eher Probleme, sich auf Beziehungen einzulassen. Auch die Sexualität sei häufig beeinträchtigt. Die Betroffenen hätten aber Chancen, "nachzureifen", so Ustorf. Besonders geeignet sei eine Psychotherapie. Allerdings brauche es viel Zeit, vorhandene Hirnstrukturen zu überschreiben und damit dauerhaft zu ändern.

Mut macht das Eltern nicht. Sie lesen, was sie in den ersten Lebensjahren alles falsch machen können und welche schwerwiegenden Folgen das für ihr Kind haben kann. Dieses Wissen macht die Erziehungsarbeit nicht einfacher: Dabei schreibt Ustorf selbst bereits im Vorwort: "Eine grundlegende Verunsicherung scheint viele Familien im Griff zu haben."

Interview mit Autorin Anne-Ev Ustorf
Für Mobilnutzer: Klicken sie hier um das Interview zu lesen.

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insgesamt 37 Beiträge
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1.
les2005 08.10.2012
Man sollte vielleicht mal den Blick zurückschweifen lassen zur Kriegsgeneration, wo Menschen viele Jahre lang in Todesangst lebten, Hunger herrschte, Tod und Elend allgegenwärtig waren und sich dann nochmal fragen wie traumatisch es vergleichsweise ist, wenn die Mutter das Kleinkind bei der Suche nach dem Schlüssel im Bücherrgal nicht alles richtig gemacht hat. Und auch die Groß/Elterngeneration hat es irgendwie geschafft, Beziehungen aufzubauen, und diese hielten deutlich länger als das heute üblich ist. Hallo? Für Psychologen ist vermutlich der einzig akzeptable Zustand, daß man sein Leben streßfrei und in Harmonie verbringt. Der Rest der Welt muß damit leben, daß das Leben nicht perfekt ist -und er kann es auch ganz gut. Wer von uns kann denn behaupten, nicht das eine oder andere Traume er- und überlebt zu haben? Ich denke, die menschliche Seele ist wesentlich robuster, als einem hier manchmal eingeredet wird
2.
xmix 08.10.2012
Zitat von les2005Man sollte vielleicht mal den Blick zurückschweifen lassen zur Kriegsgeneration, wo Menschen viele Jahre lang in Todesangst lebten, Hunger herrschte, Tod und Elend allgegenwärtig waren und sich dann nochmal fragen wie traumatisch es vergleichsweise ist, wenn die Mutter das Kleinkind bei der Suche nach dem Schlüssel im Bücherrgal nicht alles richtig gemacht hat. Und auch die Groß/Elterngeneration hat es irgendwie geschafft, Beziehungen aufzubauen, und diese hielten deutlich länger als das heute üblich ist. Hallo? Für Psychologen ist vermutlich der einzig akzeptable Zustand, daß man sein Leben streßfrei und in Harmonie verbringt. Der Rest der Welt muß damit leben, daß das Leben nicht perfekt ist -und er kann es auch ganz gut. Wer von uns kann denn behaupten, nicht das eine oder andere Traume er- und überlebt zu haben? Ich denke, die menschliche Seele ist wesentlich robuster, als einem hier manchmal eingeredet wird
Ähhhhm, und genau die Traumata, die Sie da ansprechen, haben extrem viele Familien extrem unglücklich gemacht. NUr weil man das damals nicht "posttraumatische Belastungsstörung" genannt hat, waren diese Schäden durchaus vorhanden. Und nur weil äußerer Zwang, die Familien zusammengehalten hat, heisst das noch lange nicht, dass in der "guten alten Zeit" alles so wahnsinnig gut war. Und darauf, dass das mit dem Schlüssel ein Beispiel für ein meineserachtens durchaus vernünftiges Konzept ist, sind sie sicher auch gekommen, oder?
3. Ernst nehmen?
felix_bach 08.10.2012
Zitat von les2005Man sollte vielleicht mal den Blick zurückschweifen lassen zur Kriegsgeneration, wo Menschen viele Jahre lang in Todesangst lebten, Hunger herrschte, Tod und Elend allgegenwärtig waren und sich dann nochmal fragen wie traumatisch es vergleichsweise ist, wenn die Mutter das Kleinkind bei der Suche nach dem Schlüssel im Bücherrgal nicht alles richtig gemacht hat. Und auch die Groß/Elterngeneration hat es irgendwie geschafft, Beziehungen aufzubauen, und diese hielten deutlich länger als das heute üblich ist. Hallo? Für Psychologen ist vermutlich der einzig akzeptable Zustand, daß man sein Leben streßfrei und in Harmonie verbringt. Der Rest der Welt muß damit leben, daß das Leben nicht perfekt ist -und er kann es auch ganz gut. Wer von uns kann denn behaupten, nicht das eine oder andere Traume er- und überlebt zu haben? Ich denke, die menschliche Seele ist wesentlich robuster, als einem hier manchmal eingeredet wird
Die Autorin is journalistin, die Geschichte und Kunstgeschichte studiert hat und wohl kaum als Kometenz in Sachen Psychologie, Genetik und Neurwissenschaften gelten darf. Wir sollten das Buch also nicht allzu Ernst nehmen.
4. Schau da...
BettyB. 08.10.2012
Prägung in den ersten Lebensjahren. Das haut den Menschen um. Ich dachte schon man lert erst ab 30, alles andere wären Gene.... Tolle Erkenntnis...
5. Alles Bekannt...
AcrossTheUniverse 08.10.2012
...zumindest was hier steht im Artikel ist durch Büchern wie "Die Kunst des Liebens", "Die Angst vorm Glück" und "Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner" längst bekannt.
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    Carina Frey, studierte Soziologin, arbeitet nach Stationen bei "Frankfurter Rundschau" und dpa als freie Journalistin. Ihre Schwerpunkte sind Verbraucher- und Wissenschaftsthemen.
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