An Weihnachten allein "Einsamkeit ist lebenswichtig"

Familie, Geborgenheit, Liebe? Millionen Deutsche verbringen Weihnachten allein. Ein Psychologe verrät, wie das Fest trotzdem schön wird und warum man einen Selbstfindungstrip eher in den Sommer verschieben sollte.

Einsame Frau vor Weihnachtsbaum
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Einsame Frau vor Weihnachtsbaum

Ein Interview von


Zur Person
  • Peter Pulkowski
    Manfred Beutel, Jahrgang 1955, ist Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Mainz.

SPIEGEL ONLINE: Herr Beutel, ich arbeite lieber an Silvester als an Weihnachten. Für nur zwei Tage fahre ich 600 Kilometer, quetsche mich in einen überfüllten Zug und schleppe zwei Koffer mit Geschenken. Und das alles nur, damit ich Weihnachten nicht allein zu Hause sitze - unsinnig oder?

Beutel: Wie Ihnen geht es wahrscheinlich vielen und das Verhalten ist auch nicht unsinnig. Das Weihnachtsfest ist emotional überfrachtet. Es ist das Fest der Liebe, der Besinnlichkeit, der Geborgenheit. Die Erwartungen sind dementsprechend hoch. Ständig werden wir mit Bildern strahlender Kinderaugen in der Werbung konfrontiert. Fast alle bereiten sich auf Weihnachten vor, kaufen Geschenke, besorgen den Weihnachtsbaum. Es ist fast unmöglich, sich den Erwartungen an Weihnachten zu entziehen, deshalb will kaum jemand allein sein.

SPIEGEL ONLINE: Laut einer repräsentativen Umfrage verbringen drei Prozent der Deutschen zwischen 14 und 75 Jahren Weihnachten allein zu Hause. Hochgerechnet sind das etwa 2,4 Millionen Menschen. Sind die alle einsam?

Beutel: Nur, weil man allein ist, heißt das nicht, dass man einsam ist. Als einsam gilt nur jemand, der das Alleinsein als schmerzhaft empfindet, der sich isoliert oder nirgendwo zugehörig fühlt. Dabei ist das Gefühl der Einsamkeit nicht per se etwas Schlechtes, es ist sogar lebenswichtig. Einsamkeit treibt uns an, bringt uns dazu, uns neu zu organisieren. Ohne das Gefühl von Einsamkeit würden wir wahrscheinlich alle nur noch vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Smartphone hocken.

Studie zur Einsamkeit
    Beutel hat gemeinsam mit anderen Psychologen Daten von 15.000 Menschen aus Rheinland-Pfalz auf deren Einsamkeit hin untersucht. An der Studie nahmen zu gleichen Teilen Frauen und Männer zwischen 35 und 74 Jahren teil. Sie wurden zwischen 2007 und 2012 wiederholt zu ihrem Gesundheitszustand und ihrem Wohlbefinden befragt. Jeder Zehnte gab an, häufig einsam zu sein, wenig Kontakt zu haben und darunter zu leiden. Häufiger betroffen sind demnach Frauen, Alleinstehende und Kinderlose. Die Einsamkeit hat offenbar auch gesundheitliche Auswirkungen. Betroffene seien wesentlich häufiger depressiv und führten einen ungesünderen Lebensstil. Die Studie wurde 2017 im Fachblatt "BMC Psychiatry" veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Das tun doch bereits viele?

Beutel: Der Medienkonsum hat zwar in unserer Gesellschaft zugenommen, aber dennoch suchen wir auch immer wieder Kontakt zu anderen Menschen. Das ist ein Urinstinkt. Technik kann uns im Übrigen auch dabei helfen, Einsamkeit zu überwinden. Ich würde die physische Anwesenheit eines Menschen aber immer vorziehen, am zweitbesten ist wahrscheinlich die Kommunikation über Video, weil man da sein Gegenüber zumindest sieht. Telefonieren und Chatten ist weniger persönlich.

SPIEGEL ONLINE: Sollten nicht viel mehr Menschen einfach an Weihnachten allein zu Hause bleiben?

Beutel: Die frei gewählte Einsamkeit kann sehr heilsam sein, beispielsweise wenn jemand sein Leben neu überdenken will oder wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Die Einsamkeit kann helfen, sich neu zu organisieren. Von einem Selbstfindungstrip an Weihnachten würde ich jedoch abraten. Wenn möglich sollte man den in den Sommer verschieben. Weihnachten ist einfach zu emotional aufgeladen. Ansonsten könnte man am Ende doch traurig allein zu Hause sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Schützt allein die Anwesenheit anderer Menschen vor Einsamkeit?

Beutel: Es gibt Menschen, die sich sogar einsam fühlen, obwohl sie einen Partner haben. Das betrifft vor allem Frauen. Sie sehnen sich eher danach, verstanden zu werden. Kann das der Partner nicht, fühlen sie sich häufiger isoliert. Auch das Zusammensein mit der Familie bedeutet nicht unbedingt, dass man sich weniger einsam fühlt. In einer solchen Situation könnte man auch überlegen, lieber mit Freunden als mit Verwandten zu feiern.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder kann frei entscheiden, ob er allein oder mit der Familie feiert. Fast 2,9 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, viele leben im Altersheim. Manche Familien lassen Omi oder Opi über Weihnachten ins Krankenhaus einweisen, weil sie verreisen wollen oder eine Verschnaufpause brauchen. Macht Alter einsam?

Beutel: Unsere Analysen zeigen, dass die Einsamkeit mit dem Alter sogar abnimmt. Das könnte daran liegen, dass die Jüngeren noch nicht in ihrem Leben angekommen sind. Sie sind häufig mobiler und haben noch keine Familie gegründet. Wir haben allerdings nur Menschen bis 74 Jahre untersucht. Andere Studien zeigen, dass die Einsamkeit besonders im hohen Alter zunehmen kann - vor allem wenn ein Partner stirbt.

SPIEGEL ONLINE: Ab wann wird Einsamkeit zum Problem?

Beutel: Jeder fühlt sich hin und wieder einsam. Wenn das Gefühl jedoch anhält, häufig auftritt und zur Belastung wird, sollte man handeln. Ein absolutes Warnsignal sind auch Gedanken wie: Mein Leben hat keinen Sinn; oder: Ich bin meines Lebens überdrüssig.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft, um die Einsamkeit zu vertreiben?

Beutel: Jeder menschliche Kontakt ist hilfreich, auch wenn er oberflächlich ist. Ich erlebe das oft bei Witwen oder Witwern. Wenn der Partner stirbt, melden sie sich bei der Volkshochschule an oder freunden sich mit den Nachbarn an. Das kann die Beziehung zum Partner nicht ersetzen, vertreibt aber das Gefühl der Isolation. In so einer akuten Situation von Einsamkeit kann es hilfreich sein, bei der Wahl der Gesellschaft nicht allzu wählerisch zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es Menschen, die an Weihnachten allein sind. Was empfehlen sie denen?

Beutel: Wer Weihnachten allein ist, sollte sich trotzdem auf das Fest vorbereiten und schon vorher Pläne machen. Das kann ein Buch sein, das man schon lange lesen wollte oder ein Film. Auch ein Weihnachtsbaum oder ein besonderes Weihnachtsessen können helfen. Dadurch bekommt man eher das Gefühl aktiv sein, das vertreibt die Einsamkeit. Es kann auch heilsam sich, sich der Einsamkeit zu stellen. In einigen Fällen bemerken die Betroffenen dann, dass das Alleinsein keine Katastrophe ist.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
RalfBukowski 24.12.2017
1. Weihnachten...
...wird doch nur noch für Kids und alte Leute gefeiert. Und morgen muss ich zur Familie und da geht es nur um meine alte Mutter (über 80). Ich halte diesen Weihnachtskram für völlig überholt. Stört nur und kostet Zeit und Geld. Wobei - Bachs Weihnachtsoratorium ist schon ein nettes Stück Musik, muss man auch mal sagen.
geotie 24.12.2017
2.
So viel Freundlichkeit kann ganz schön nerven, ich wäre am Weihnachten am Liebsten mit meiner Frau allein. Die wiederum kann es nicht voll genug sein. Egal wie viel Streß für Sie das bedeutet. Naja, ich lass ihr die Freude, ist eben Weihnacht. Frohe Weihnachten an ALLE!
MADmanOne 24.12.2017
3. Bin alleine. Nicht einsam
Also ich verbringe Weihnachten (und auch Sylvester) fast immer alleine und genieße das sehr. Allerhöchstens bin ich mal einen halben Tag bei der Familie, aber das empfinde ich meistens sogar als eher stressig, wenn das Familientreffen also ausfällt, dann verbessert sich meine Laune sogar etwas. Ich habe auch nicht vor mein Leben zu überdenken oder sonstwas zu ändern, ich bin einfach so und ich bin gerne so. Daher fühle ich mich auch nicht einsam, ich bin lediglich meistens alleine, weil ich mich so wohler fühle, da ich ein Einzelgänger bin und nicht viel Gesellschaft brauche. Obwohl ich aus einem christlichen Elternhaus komme und wir früher immer gefeiert haben, verbinde ich mit Weihnachten trotzdem keine speziellen Emotionen, habe keine Erwartungen und erfülle auch keine. Und ich lasse mich da auch nicht fremdsteuern. Da ich eh kaum TV gucke, Einkaufsbummel, Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte nicht mag, werde ich wenig mit entsprechender Werbung konfrontiert. Von daher ist es für mich relativ leicht von Weihnachten nicht unter Durck gesetzt zu werden. Meine sozialen Kontakte pflege ich eher unter dem Jahr, ich nutze dafür keine Feste, gerade weil man damit leicht Erwartungen verknüpfen kann, die nicht immer erfüllbar sind. Das wäre für mich ein Rezept zum Scheitern. Bin damit bisher immer gut gefahren. Ich genieße die freien Tage an Weihnachten immer sehr, weil ich da noch mehr Ruhe habe, da jeder mit Feiern beschäftigt ist. Ich kann dann ungestört lesen, basteln, am PC spielen oder was mir sonst noch so einfällt. In dem Sinne wünsche ich allen "allein feiernden" ruhige und erholsame Tage.
jamguy 24.12.2017
4. emotional aufgeladen
Was is an Wheinachten schon toll?Schon in der zeit davor erlebt man praktisch nur diese tiersische Vorbereitungshektik die genau überlegt nicht Sachbezogen über die Bühne geht und rein kommerziellen Charakter hat ,also viel Theater um 1-2Stunden Zusammenkunft um wieder halt an irgend Was reicher in den Alltag zurück zu kehren unverständlich für mich die Psychose für Den oder Die ,Die sich daran aufhängen.
hobbyastronaut 24.12.2017
5. Soso,
dass "Fast 2,9 Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig" sind, halte ich für eine sehr optimistische Aussage.
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