Psychiatrie-Kongress in Iran Angst kann uns einander näherbringen

Religion, Familie, Krieg: Was Angst auslöst und sie nimmt, darüber diskutierten Experten aus aller Welt bei einem Kongress in Teheran. Der Schweizer Psychiater Gregor Hasler war dabei - und schildert, wie schwer es ihm fiel, überhaupt loszufliegen. Aus Angst.

Verschleiertes Mädchen (in Malaysia): Wandel religiöser Dogmen löst Ängste aus
REUTERS

Verschleiertes Mädchen (in Malaysia): Wandel religiöser Dogmen löst Ängste aus


Was sind die Ursachen von Angststörungen? Warum nehmen sie zu? Mein Vortrag auf dem "Second International Anxiety Congress" Anfang Oktober in Teheran handelte von der Angst. Als ängstliches Kind musste ich mich früh mit dem Gefühl der Verunsicherung auseinandersetzen. Viele Menschen mit Angststörungen schämen sich und nehmen daher keine Hilfe in Anspruch. Dabei ist Angst evolutionsgeschichtlich ein überlebensnotwendiger Schutzmechanismus. Sie schärft die Sinne angesichts einer Bedrohung.

Wenige Tage vor meinem Abflug zum Kongress hatten islamistische Terroristen einen Briten vor laufender Kamera geköpft. Will ich jetzt wirklich in den Nahen Osten reisen?

Trotz jahrelanger Beschäftigung mit der Angst war ich beunruhigt, als ich zu der Veranstaltung geflogen bin. Doch mich freut, dass man in Iran meine Arbeiten über die Ursachen von Angststörungen schätzt. Es ist eine großartige Idee, sich als Europäer gemeinsam mit Amerikanern und Iranern über Ängste auszutauschen. Denn kulturelle Faktoren spielen bei der Entstehung von Angststörungen eine immer größere Rolle. Nur im kulturellen Vergleich kann man ihre Ursachen verstehen.

Ein scheinbar einfaches Mittel gegen die Angst

Beim Kongress hält ein Sprecher des iranischen Parlaments den ersten Vortrag. Er kennt ein einfaches Mittel gegen Angst: Religion. Im Glauben an Allah würden sich unsere Ängste auflösen. Er betont die große Bedeutung von Familie und Gemeinschaft. Die Angst sei ein Resultat der westlichen Kultur und unserer Ungläubigkeit. Er spricht schnell und laut, der Übersetzer verliert den Faden.

Wie er die Brücke von der Psychotherapie zur Religion geschlagen habe, frage ich die ältere Dame neben mir. Die Pionierin der Familientherapie in Teheran gibt zu, nicht zugehört zu haben. Es spiele auch keine Rolle - der Kongress werde vom Staat finanziert, nur deshalb rede der Parlamentssprecher.

Wie alle Frauen hier ist sie verschleiert. Auch eine US-Kollegin muss Schleier tragen. Sie sagt, die Kopfbedeckung störe, je länger, desto mehr. Eine Iranerin erklärt, dass man die Mädchen am besten ab dem fünften Lebensjahr an die Kopfbedeckung gewöhnen müsse. Der Schleier habe aber nicht nur Nachteile. Er reduziere die Rivalität unter Frauen. Eine britische Studie habe gezeigt, dass verschleierte Frauen ein positiveres Körpergefühl und weniger Angst hätten, äußerlich nicht zu genügen.

Die Jungen haben Zukunfts-, die Älteren Existenzängste

Ein erfahrener Forscher berichtet von seiner Studie zu Ängsten in Iran. Junge Leute hätten wegen schlechter Jobchancen Zukunftsängste, Ältere Existenzängste, weil sich die traditionellen sozialen Netze allmählich auflösten und die Altersabsicherung durch Institutionen gering sei. Zudem werde die Religion von der Führungsschicht laufend neu interpretiert. Religiöse Erziehung führe nicht zu mehr Sicherheit und sei bloß etwas Äußerliches, eine leere Hülle - auch das löse Ängste aus.

Genau wie Konflikte um die Rolle der Frau, sagt eine Iranerin. Viele seien gut ausgebildet, aufgeschlossen, freiheitsliebend und liberal. Zugleich seien sie in ihrer traditionellen Rolle eine wichtige Stütze der Familie. Bedeutsam sei dies vor allem in Familien, die vom Land in die Stadt ziehen. Das Aufeinanderprallen ländlicher Traditionen mit der zunehmend westlich geprägten städtischen Kultur überfordert viele: Sie entwickeln Angststörungen.

Eine andere Psychotherapeutin kritisiert starre religiöse Vorstellungen. Und fordert den Ausbau von Psychotherapien im Land. Nur so könnten Konflikte zwischen Tradition und Selbstverwirklichung gelöst werden. Die Vorstellung, dass Islam und Individualismus nicht zusammengehen, hält sie für ein Vorurteil des Westens.

Sie schildert, wie Gespräche mit der Großfamilie oft eine wichtige Wendung im Krankheitsverlauf bringen: Die verständnisvolle Meinung einer Großmutter könne ausschlaggebend sein. Im Westen kommt es selten vor, dass ein Klient den Wunsch hat, sein Problem mit seiner Großfamilie zu besprechen.

Gespräche über Angst und Schmerz bringen uns einander näher

Dann: Ein Workshop mit Fallbesprechungen. Unter den vorgestellten Patienten sind Überlebende des Iran-Irak-Krieges mit schweren posttraumatischen Störungen. Ärger, Wut und körperliche Beschwerden wie Nackenschmerzen und vermehrtes Schwitzen sind häufige Symptome. Die Teilnehmer reden langsam, wir verstehen uns. Es ist eigenartig: Gespräche über Tanz, Sex und Wein schaffen Distanz - zu verschieden sind die Kulturen, die Ansichten. Angst, Schmerz und Verletzung dagegen bringen uns einander näher.

Ein Schweizer Kollege flüstert mir zu, dass unsere Angstpatienten die iranischen Veteranen, die um ihre Existenz kämpfen, treffen sollten. Dies würde vermutlich das Koordinatensystem ihrer eigenen Ängste heilsam durcheinanderbringen.

Eine Teilnehmerin will wissen, wo sich die führenden Forschungsgruppen der Psychotraumatologie befänden - in Israel. Doch niemand wagt, das zu sagen. Da ist sie wieder, die Angst.

Am Schluss der Veranstaltung sprechen iranische Künstler. Ein Schauspieler sagt, er wisse nicht, was seine Rolle bei diesem Kongress sei. Der Anspruch der Veranstaltung, Westen und Osten, Kultur, Wissenschaft und Politik zusammenzubringen, um das globale Phänomen Angst zu besprechen, ist hoch. Wir sind erst am Anfang.

Was nehme ich aus Teheran mit? Angst ist universell. Die Ursachen mögen verschieden sein, das Gefühl ist das Gleiche. Wir sollten im internationalen Dialog nicht vergessen, über die Themen zu sprechen, die uns näherbringen. Dazu kann die Psychiatrie einen Beitrag leisten.

Zur Person
  • Gregor Hasler
    Gregor Hasler (46) ist Chefarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie Bern, ausserordentlicher Professor und Leiter der Abteilung für Molekulare Psychiatrie an der Uni Bern und Präsident der Schweizer Gesellschaft für Bipolare Störungen. Im Zentrum seiner Forschungstätigkeit stehen das Zusammenspiel sozialer, psychischer und biologischer Faktoren bei der Prävention und Behandlung psychischer Störungen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

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