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Neue Leitlinie zu Angststörungen: So wollen Experten Angst, Panik und Phobien behandeln

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Furcht im Gesicht: Angst hat eine Schutzfunktion und gehört zum Leben dazu - manchmal wird sie jedoch krankhaft Zur Großansicht
Corbis

Furcht im Gesicht: Angst hat eine Schutzfunktion und gehört zum Leben dazu - manchmal wird sie jedoch krankhaft

Höhenangst, Panikattacken, soziale Phobien: Krankhafte Ängste sind weit verbreitet - und werden oft verschwiegen. Dabei sind sie meist mit geringem Aufwand gut zu behandeln. Jetzt haben Experten eine neue Behandlungsleitlinie vorgestellt.

Plötzlich scheint sich das Herz zu überschlagen, der Mund wird trocken, die Knie weich. Ein Herzinfarkt? Menschen, die aus dem Nichts heraus Panikattacken bekommen, denken häufig, mit ihrer Pumpe stimme etwas nicht. Manch einer lässt 20 bis 30 EKGs bei verschiedenen Ärzten machen, verbringt immer wieder Nächte in Notaufnahmen oder im Wartezimmer von Kardiologen - ohne wirklich einen Hinweis auf Herzprobleme zu bekommen. Der Gedanke, dass es sich um eine Panikstörung handeln könnte, kommt oft erst nach einer Odyssee durch das Versorgungsystem auf.

Das soll sich nun ändern. Mit einer neuen Behandlungsleitlinie für Angststörungen, die in Berlin vorgestellt wurde, wollen Vertreter von Psychiatrie, Psychotherapie, Allgemeinmedizin und Selbsthilfe die Versorgung von Menschen mit Angsterkrankungen verbessern und auf das Thema aufmerksam machen.

"Angst gehört zum Leben dazu, sie hat eine Schutzfunktion. Aber wie jede andere Emotion auch kann sie sich so entwickeln, dass sie krank macht", sagt der Psychiater Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Etwa jeder siebte Deutsche entwickelt laut "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS) vom Robert Koch-Institut (RKI) im Verlauf eines Jahres krankhafte Ängste.

Auch Alltagssorgen können krank machen

Am häufigsten sind demnach die sogenannten spezifischen Phobien, also eine übermäßige Angst vor Tieren, Blut, Höhen oder auch Naturphänomenen wie Gewittern. Eine spezifische Angst ergreift etwa zehn Prozent aller Deutschen. Etwa sechs Prozent aller Deutschen leiden unter einer Panikstörung, 2,7 Prozent fürchten soziale Situationen (soziale Phobie) besonders stark und etwa zwei Prozent machen sich extreme Sorgen um eine Vielzahl alltäglicher Gefahren (Generalisierte Angststörung).

Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, aber auch zu den sehr gut behandelbaren. "Richtig durchgeführt, setzt schon im ersten Therapieversuch bei 70 Prozent der Patienten eine Besserung ein", sagt der Psychiater Borwin Bandelow aus Göttingen. Er forscht seit Jahrzehnten zum Thema Angst und hat maßgeblich an der Leitlinie mitgewirkt. Bei manchen Patienten dauere es nur wenige Sitzungen, bis ihre Symptome spürbar zurückgingen. Vor allem spezifische Phobien könnten der Leitlinie zufolge je nach Schweregrad auch schon in einem bis fünf Terminen gelindert werden.

"Es gibt gut erforschte Standards für die Behandlung von Angststörungen. Doch die sind leider noch nicht so weit verbreitet, dass jeder Patient davon profitiert", sagt Sebastian Rudolf, der als Vertreter des Deutschen Fachverbands für Verhaltenstherapie an dem 275-Seiten-Werk mitgearbeitet hat.

Über sechs Jahre hinweg sammelten 20 Fachgesellschaften wissenschaftliche Daten zu Behandlungsmethoden bei Phobien und anderen Angsstörungen und werteten sie aus. Von Agora- bis zur Zahnarztphobie - folgende Standards empfiehlt die Leitlinie:

  • Psychotherapie: Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt als Top-Methode und sollte die erste Wahl sein. Zahlreiche hochwertige Studien bescheinigen dem Therapieverfahren Wirksamkeit. Nur wenn es der Wunsch des Patienten ist oder wenn die KVT nicht wirksam oder verfügbar ist, raten die Experten zur analytischen oder tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Diese Verfahren wirken, aber nicht so gut wie die KVT und die Studienlage dazu ist bisher nicht aussagekräftig genug. Auch zu Gruppentherapien gibt es wenige Erkenntnisse. Als Ergänzung einer Einzelbehandlung scheint sie aber sinnvoll.

  • Internettherapie: Online-Psychotherapien genießen zwar derzeit viel Aufmerksamkeit, doch Studien zu ihrer Wirksamkeit konnten das Expertengremium wegen methodischer Schwächen nicht überzeugen. Die Verfahren seien auch ethisch diskutabel, zudem würden Krankenkassen keine Methoden bezahlen, die komplett auf den persönlichen Kontakt von Therapeut und Patient verzichten. Für das Überbrücken von Wartezeiten bis zum Beginn der Face-to-Face-Therapie könnte ihr Einsatz jedoch hilfreich sein.

  • Medikamente: Bisher verschreiben Mediziner in mehr als der Hälfte aller Fälle Benzodiazepine gegen Angststörungen. Von diesen Schlafmitteln, die abhängig machen können, rät die Leitlinie jedoch ausdrücklich ab. Spezielle Antidepressiva werden stattdessen als Medikamente erster Wahl eingestuft. Oft wird angenommen, dass Medikamente die Wirkung der KVT herabsetzen könnten. Das bestätigt die Leitlinie nicht. Sie rät je nach Schwere der Erkrankung zu einer Kombination von Psychotherapie und Medikamenten.

"Die Leitlinie ist jedoch kein Kochbuch, nach dem nun jeder Therapeut strikt vorgehen muss", sagt Jürgen Matzat von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppe, der in dem Leitlinien-Gremium die Patienten vertrat. Vielmehr handele es sich um einen Korridor, in dem sich Therapeuten in Abstimmung mit den Patienten bewegen könnten.

Dass die Patienten durch Informationen zu mündigen Mitentscheidern in der Therapie gemacht werden, habe einen hohen Stellenwert - und sei auch in den Leitlinien verankert. "Patienten müssen sich selbst eine Meinung machen können, eigene Präferenzen auf der Suche nach der passenden Behandlung einbringen können", sagt er. Deshalb werde es auch in Kürze eine Version der Leitlinie nur für Patienten geben.

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1. Ich hab....
fatherted98 08.05.2014
...irrsinnige Angst vor an den Haaren herbeigezogenen Artikeln in SPON...ich glaub ich brauch auch ne Therapie....
2. Benzodiazepine
tzyschologe 08.05.2014
Sind keine Schlafmittel, auch wenn einige dazu verwandt werden (Ebenso als Relaxanz und zur Beruhigung). Nicht die Alltagssorgen machen Krank, sondern die Krankheit namens Generalisierte Angststörung zeichnet sich dadurch aus, das Alltagssituationen häufiger und stärker mit Angst beantwortet werden als bei den meisten Menschen. Die (multifaktorielle) Ursache der Krankheit muss durch Fachpersonal individuell erhoben werden.
3. Der letzte Abschnitt..
spotmakesmyday 08.05.2014
...in dem Artikel ist der wichtigste. Jede (Angst)Erkrankung ist total individuell, so sollte auch die Behandlung sein. Da paßt man dann aber hopplahopp nicht mehr ins Krankenkassenschema...
4.
psychologiestudent 08.05.2014
Zitat von tzyschologeSind keine Schlafmittel, auch wenn einige dazu verwandt werden (Ebenso als Relaxanz und zur Beruhigung). Nicht die Alltagssorgen machen Krank, sondern die Krankheit namens Generalisierte Angststörung zeichnet sich dadurch aus, das Alltagssituationen häufiger und stärker mit Angst beantwortet werden als bei den meisten Menschen. Die (multifaktorielle) Ursache der Krankheit muss durch Fachpersonal individuell erhoben werden.
stimmt, war mir gar nicht aufgefallen, guter Hinweis! Im Fließtext steht "etwa zwei Prozent machen sich extreme Sorgen um eine Vielzahl alltäglicher Gefahren (Generalisierte Angststörung). ", was ja korrekt ist, aber die Überschrift "Auch Alltagssorgen können krank machen" ist irreführend. Diese Patienten haben nicht immer mehr Alltagsprobleme als andere Menschen, sie gehen anders damit um. Ich habe aber generell das Gefühl, dass die Generalisierte Angststörung oft schlecht bekannt ist, entweder wird sie als ängstliche Depression fehldiagnostiziert, oder Patienten mit wiederkehrenden undefinierten Angstattacken bekommen die Diagnose, obwohl sie dafür nicht gedacht ist...
5. Bewegung, Bewegung, Bewegung!
doclocke 08.05.2014
Mich wundert, dass in diesem Artikel Bewegung als eine der Therapiemethoden überhaupt keine Erwähnung findet. 1 Stunde am Tag ordentliche Bewegung, und es gäbe in Deutschland nachweislich circa 50 % weniger psychisch Kranke. Adrenalin wird über mehrere Stunden abgebaut, die psychomotorische Unruhe (und der Blutdruck) sinkt. Abgesehen von 50 % weniger Demenzkranken, 75% weniger TypII Diabetikern, bis zu 40 % weniger Krebs, weniger Infektionen, geringeres Bedürfnis nach Alkohol Zigaretten, Süßem... Aber wir laufen ja lieber zum Arzt ;)
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Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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