Angst vor Handy-Strahlen: Kühlen Kopf bewahren

Von Frederik Jötten

Hitzewallungen beim Ferngespräch, Stahlenbelastung durch die ständige Erreichbarkeit: Elektrosensible Menschen haben es im Handy-Dickicht schwer. Dabei haben die vermeintlichen Technikfolgen harmlose Ursachen - der Mobilfunk ist unschuldig.

Mobiltelefon: Erwärmung des Ohres höchstens im Zehntelgradbereich Zur Großansicht
Corbis

Mobiltelefon: Erwärmung des Ohres höchstens im Zehntelgradbereich

Ich muss mich ausziehen beim Telefonieren. Nicht ganz, aber zumindest eine Schicht Kleidung, denn ich bekomme Hitzewallungen. Ist das der Ärger über Familienmitglieder, die nicht richtig spuren am andern Ende der Verbindung? Oder die Freude über das Sprechen mit alten Freunden? Allerdings wird mir auch bei emotional belanglosen Telefonaten heiß. Ein Hinweis, dass die elektromagnetische Strahlung meinen Körper aufheizt? Zu Hause telefoniere ich mit einem schnurlosen Festnetztelefon und unterwegs mit dem Handy, beide senden Strahlung aus.

Wenn ich darauf achte, wie es mir geht beim Telefonieren, besonders mit dem Handy, kann ich es spüren: Diese Hitze also, dazu Kopfbrummen und ein Druckgefühl hinter dem Ohr. Außerdem fühle ich ein Ziehen in den Hoden, wenn ich das Mobiltelefon in der Hosentasche trage. Elektrosensibel nennt man Menschen, die diese Symptome haben und wenn ich es zuließe, könnte ich mich in diese Gruppe einordnen, kein Problem. Ich bin schließlich sensibel für alles, von Ananas bis Zugluft.

Aber ich glaube jetzt einfach mal der Wissenschaft, dass die elektromagnetischen Strahlen, die Handys aussenden, nicht gefährlich sind. Es sind so viele Handys in Betrieb, dass man eine tödliche Gefahr doch längst entdeckt haben müsste - ein Mantra, das ich mir immer dann vorbete, wenn ich eine halbe Stunde mit dem Handy telefoniert habe.

Mailboxtyrannen in der Verwandtschaft

Klar, es bleibt ein Restrisiko, immerhin stuft die WHO Handystrahlen als "möglicherweise krebserregend" ein. Deshalb versuche ich, wenn immer möglich, mit Headset oder Freisprechanlage zu telefonieren. Es gibt natürlich auch noch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel kann man aus Angst vor Strahlung das Handy grundsätzlich abgeschaltet lassen.

In meiner Verwandtschaft gibt es einen Menschen, der mich damit zum Wahnsinn treibt. Jedes Mal, wenn ich ihn erreichen will, ist sein Mobiltelefon ausgeschaltet. Stattdessen meldet sich die Mailbox, selbst wenn wir verabredet hatten, zu telefonieren. Die Mailbox hört er gelegentlich ab - und ruft dann, wenn er es für nötig erachtet, zurück.

Jemanden nicht erreichen zu können, nervt - und zusätzlich ärgert mich der Egoismus. Denn ich und alle anderen Handynutzer sind ja ständig den Strahlen ausgesetzt - schließlich wären Mobiltelefone ja sinnlos, wären alle Geräte immer abgeschaltet. Mein Verwandter setzt also darauf, dass andere sich voll der Strahlung aussetzen, während er sich perfekt schützen will. Der Gedanke macht mich wütend, mein Blutdruck steigt - damit auch mein Herzinfarktrisiko. Dieses eine abgeschaltete Handy jedenfalls schadet meiner Gesundheit mehr als alle eingeschalteten dieser Erde.

Woher kommen aber meine elektrosensiblen Beschwerden? Auf keinen Fall sind sie psychisch! Ich schätze, das Ziehen in den Hoden, wenn ich das Telefon in der Hosentasche trage, rührt daher, dass diese verdammten Smartphones immer größer werden. Dadurch spannt die Hose im Schritt! Die Kopfschmerzen sind Folge der Hitze - und die hat laut Experten nichts mit der elektromagnetischen Strahlung zu tun. Die könne die Haut-Temperatur nur um ein Hundertstel bis höchstens ein Zehntel Grad Celsius erhöhen.

Nein, Schuld an der Hitzewallung ist nicht das Handy, sondern das Ohr! Vom Körper etwas abstehend und gut durchblutet, gibt es ständig Wärme ab - normalerweise. In der Biologie gibt es die Allen-Regel, die besagt, dass Körperanhänge, wie zum Beispiel Ohren, umso größer sind, je heißer die Heimatregion einer Art ist. Ohren können dann mehr Wärme an die Umgebung abgegeben und so den Körper kühlen.

Ich bin wohl ein Südtier, ich brauche meine großen Ohren, um meinen Körper zu kühlen. Das funktioniert nicht mehr, wenn ich ein Telefon dagegen presse, klar, dann bleibt die Hitze im Kopf. Noch ein Grund mehr für die Freisprechanlage.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie im richtigen Leben
bold_ 22.05.2013
gilt auch beim Telefonieren mit Handys und Schnurlosen, daß es auf die Dosis ankommt. So stark kann die aber gar nicht sein, denn die Batterie ist leer, bevor sich die Ohren oder gar der Kopf erwärmen könn(t)en. Fast 50 Tausend Studien habe bisher nicht belegen können, daß es gefährlich ist, auf diese Weise zu telefonieren. Rot werden die Ohren, wenn man das Telefon zu sehr andrückt. Gegenmittel: Ohren waschen oder Lautstärke anpassen...
2. Sendeleistung
Layer_8 22.05.2013
Zitat von sysopHitzewallungen beim Ferngespräch, Stahlenbelastung durch die ständige Erreichbarkeit: Elektrosensible Menschen haben es im Handy-Dickicht schwer. Dabei haben die vermeintlichen Technikfolgen harmlose Ursachen - der Mobilfunk ist unschuldig. Angst vor Handy-Strahlen: Furcht vor Elektrosmog beim Telefonieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/angst-vor-handy-strahlen-furcht-vor-elektrosmog-beim-telefonieren-a-901165.html)
P = dE/dt, Energieverbrauch pro Zeit (Akku!). Allzugroß kann daher die Sendeleistung des Handys ja nicht sein. Bei W-Lan z.B. hier in D sind es max. 100 mW (Milliwatt) direkt am Sender. Selbst da werden manche Leute hysterisch :-)
3.
khaja 22.05.2013
Zitat von Layer_8P = dE/dt, Energieverbrauch pro Zeit (Akku!). Allzugroß kann daher die Sendeleistung des Handys ja nicht sein. Bei W-Lan z.B. hier in D sind es max. 100 mW (Milliwatt) direkt am Sender. Selbst da werden manche Leute hysterisch :-)
Zumal es ja auch nur Mikrowellen sind - das reicht halt nur zum Erwärmen, die ionisierende Strahlung befindet sich am anderen Ende des EM-Spektrums (wenn man den sichtbaren Bereich des Lichts als "Mitte" nimmt).
4. ...
Newspeak 22.05.2013
Zum Glück war der Urmensch noch nicht elektrosmogsensibel. Bei den Unmengen an elektromagnetischen Strahlen, die uns natürlicherweise umgeben (Kernfusion in der Sonne, kosmische Höhenstrahlung, Strahlung, die durch Gewitter freigesetzt wird, natürliche Radioaktivität, usw. usw.) wäre das kaum auszudenken gewesen. Eine Korrelation ist allerdings streng erfüllt. Jeder, der glaubt er leide unter Elektrosmog, hat kaum naturwissenschaftliche Bildung genossen.
5. optional
Rushki 22.05.2013
Soso, Headset & Freisprechanlage um die Strahlung zu vermeiden? Und wie kommen die Daten in die entsprechenden Geräte? Bestimmt nicht mit Magie! Da ist also auch wieder Strahlung vorhanden :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Psychologie
RSS
alles zum Thema Wir machen uns mal frei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 50 Kommentare
  • Zur Startseite
Frederik Jötten

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: