Angst vor Handys: "Bei schlechtem Empfang ist die Strahlung stärker"

Gefährden Handys die Gesundheit? Derzeit gibt es keine Hinweise, dass Mobiltelefonieren zum Beispiel Hirntumoren auslöst. Im Interview erklärt Sarah Drießen von der Uni Aachen, was die Wissenschaft über gesundheitliche Folgen der Handystrahlung weiß.

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Mobiltelefon: Unbegründete Ängste

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich vor Handystrahlung schützen, indem man ein Headset verwendet?

Drießen: Ja, damit verringert man die Strahlung, die das Hirn abbekommt. Allerdings können dann andere Körperteile exponiert werden, je nachdem, wo sich das Handy befindet.

SPIEGEL ONLINE: Ist es schädlich, das Handy in der Hosentasche aufzubewahren?

Drießen: Erwiesen ist das nicht. Es gibt ein paar Studien, die die Fertilität des Mannes untersucht haben, weil das Handy in der Hosentasche in der Nähe des Hodens ist. Tierstudien zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Beim Menschen wurden oft Männer befragt, die wegen Fertilitätsstörung in Behandlung waren. Sie hat man gefragt, ob sie das Handy in der Hosentasche getragen haben - das ist natürlich kein Beweis, sondern allenfalls ein Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang.


Sarah Drießen arbeitet am Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (FEMU) der Uni-Klinik Aachen, wo Studien zum Thema Mobilfunk und Gesundheit ausgewertet und für die Öffentlichkeit aufbereitet werden.


SPIEGEL ONLINE: Ist man auf der sicheren Seite, wenn man das Handy in die die Gesäßtasche steckt?

Drießen: Nach heutigem Kenntnisstand ist man auch auf der sicheren Seite, wenn man das Handy in der Hosentasche trägt. Aber wer sich Sorgen macht, kann die Exposition des Hodens weiter minimieren, wenn er das Handy in die Gesäßtasche packt.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es, wenn man während des Rufaufbaus, das Handy nicht am Ohr hält, sondern weiter weg?

Drießen: Als vorsorgliche Maßnahme ist Abstand zum Handy zu halten immer ein geeigneter Weg. Die Leistung, mit der das Handy sendet, richtet sich nach der Qualität der Verbindung zur nächsten Basisstation. Wenn die nächste Basisstation nah ist, ist die ausgesendete elektromagnetische Strahlung gering. Bei schlechtem Empfang dagegen muss das Handy mehr Leistung aufbringen, um eine Verbindung herzustellen und zu halten - damit ist man als Telefonierender auch der Strahlung deutlich stärker ausgesetzt. Der Grenzwert darf natürlich auch dabei nicht überschritten werden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, es ist sogar strahlungsärmer, möglichst nah an einem Sendemast zu sein?

Drießen: Ja, wenn man nahe am Sendemast ist und einen guten Empfang hat, wie durch die Empfangsbalken angezeigt wird, ist die Sendeleistung des Handys deutlich geringer. Sitzt man im Auto oder ist der Empfang durch dicke Betonwände von Häusern eingeschränkt, kann das schon wieder ganz anders aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Wo kann ich erfahren, wie stark mein Handy strahlt?

Drießen: Der Grenzwert für Mobiltelefone beträgt 2 Watt pro Kilogramm. Das ist die sogenannte spezifische Absorptionsrate, SAR. Dieser Wert muss für jedes Handy im Handel angegeben werden. Die SAR-Werte der aktuell erhältlichen Handys und Smartphones liegen unter diesem Grenzwert. Das Bundesamt für Strahlenschutz erhebt seit 2002 regelmäßig bei den Herstellern von Mobiltelefonen die SAR-Werte der marktüblichen Handys und veröffentlicht die Werte in Listen im Internet.

SPIEGEL ONLINE: Strahlt ein Smartphone mehr als ein Handy ohne Internetempfang?

Drießen: Aus der Übersicht beim Bundesamt für Strahlenschutz geht hervor, dass Smartphones nicht zwingend mehr Leistung haben als herkömmliche Handys und dass die für den Menschen relevante spezifische Absorptionsrate demzufolge auch nicht höher ist. Dies ist vielmehr geräteabhängig. Wer die Exposition minimieren möchte, sollte zu einem Handy oder Smartphone mit niedrigem SAR-Wert greifen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass sich das Gehirn während eines Telefonats erwärmt?

Drießen: Der thermische Effekt der hochfrequenten Felder, wozu auch die Handystrahlung zählt, ist der einzige, der nachgewiesen ist. Die Sendeleistung des Handys ist aber aufgrund des Grenzwertes so gering, dass er sich im Bereich von hundertstel bis höchstens einem Zehntel Grad bewegt. Das Ohr wird beim Telefonieren vor allem deshalb warm, weil erstens der Akku sich erwärmt. Zweitens blockiere ich mit dem Handygehäuse die Wärmeabgabe des Kopfes an dieser Stelle. Unter jedem Gegenstand, den ich mir ans Ohr halte, wird es wärmer als am Rest des Kopfes.

SPIEGEL ONLINE: Kopfschmerzen nach Handytelefonaten, ist das Einbildung oder kann da etwas dran sein?

Drießen: Kopfschmerzen sind ein sehr unspezifisches Symptom, das viele Ursachen haben kann. Im Zusammenhang mit den von Handys ausgesendeten elektromagnetischen Strahlen spricht man von Elektrosensibilität. Dazu zählen weitere Symptome wie Schwindel, Übelkeit und Hautreizungen. Aber Elektrosensibilität ist kein medizinisch definiertes Krankheitsbild - und vor allem gibt es keinen Nachweis, dass elektromagnetische Felder dafür die Ursache sind. Man hat in vielen Studien Freiwillige, die sagten, dass sie elektrosensibel sind, gezielt Feldern ausgesetzt und zwar im Doppelblindversuch, also weder Studienleiter noch Teilnehmer wussten, ob ein Handy an- oder abgeschaltet war. Es hat sich dann gezeigt: Die Probanden konnten nicht statistisch signifikant sagen, ob sie einem elektromagnetischen Feld ausgesetzt waren.

SPIEGEL ONLINE: Aber seit 2011 stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO die Strahlung von hochfrequenten Feldern, wozu auch Mobiltelefone zählen, als möglicherweise krebserregend ein - warum?

Drießen: Wegen weniger epidemiologischer Studien. In manchen hat man festgestellt, dass es in kleinen Untergruppen eventuell ein erhöhtes Auftreten von Hirntumoren geben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber sehr vorsichtig formuliert.

Drießen: Weil andere Studien dieses Ergebnis nicht bestätigen konnten und weil die Beobachtungszeit noch nicht lang genug war. Tumorerkrankungen entwickeln sich sehr langsam über einen Zeitraum von vielen Jahren, und der Beginn der intensiven Nutzung von Handys gegen Ende der neunziger Jahre lässt noch keine eindeutigen Rückschlüsse auf einen Zusammenhang zwischen Ursache und eventueller Wirkung zu. Bei der WHO hat man die einzelnen Hinweise dann aber doch so ernst genommen, dass man gesagt hat: möglicherweise könnten Handystrahlen krebserregend sein. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie richtig oder falsch das ist.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht eben beruhigend. Sie haben den Überblick, wie ist es denn wirklich?

Drießen: Es gibt tatsächlich wenige epidemiologische Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Hirntumoren und Handystrahlung herstellen - selbst in den dort untersuchten Personengruppen sind aber nur sehr wenige Menschen erkrankt. Bei Menschen, die das Handy über viele Jahre sehr oft und intensiv benutzt haben, zeigen diese Studien eine minimal höhere Rate an Hirntumoren als die Normalbevölkerung. Allerdings ist die Anzahl dieser Menschen in den bislang vorliegenden Untersuchungen sehr gering, es ist nicht klar, ob der Effekt wirklich auf die Handystrahlung zurück geht. Außerdem zeigt die Mehrzahl der Studien eben gerade keinen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunk und der Entstehung von Hirntumoren und anderen Krebsarten.

SPIEGEL ONLINE: Die Studien, die den Zusammenhang angeblich belegen sind Einzelbefunde?

Drießen: Die meisten Studien, in denen etwas gefunden wurde, kommen von einer schwedischen Forschergruppe um Lennart Hardell - und der ist umstritten. Er wird kritisiert für seine Methoden. Die Krebsforschungsagentur der WHO wollte Hardell aber nicht ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird Hardell kritisiert?

Drießen: Weil er häufig die gleiche Gruppe von Menschen heranzieht und immer wieder neu auswertet für seine Ergebnisse. So dass es im Prinzip so aussieht, als hätte er viele Studien durchgeführt, aber er untersucht immer wieder die gleiche Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt kein klares Bild im Moment.

Drießen: "Möglicherweise krebserregend", das ist die Einstufung der WHO und mehr kann man dazu mit der momentanen Datenlage nicht sagen. Die Hinweise aus der Epidemiologie sind zu schwach für eindeutigere Aussagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie benutzen Sie Ihr Handy?

Drießen: Ich telefoniere ohnehin nicht so viel damit, aber ich mache mir auch keine Sorgen, dass ich deshalb einen Hirntumor bekommen könnte. Das ist eine sehr seltene Erkrankung - ich sorge mich schließlich auch nicht darüber, vom Auto überfahren zu werden, wobei hier im Vergleich zum Handytelefonieren sogar ein genau bezifferbares Risiko vorliegt. Aber das ist nur meine ganz persönliche Einschätzung.

SPIEGEL ONLINE: Müsste die Anzahl der Hirntumore nicht extrem angestiegen sein, nach dem Handyboom der letzten 15 Jahre?

Drießen: In den bisher durchgeführten Studien über die Jahrzehnte hinweg, wurde kein Anstieg der Erkrankungsrate an Hirntumor beobachtet, obwohl die Nutzung von Handys exponentiell angestiegen ist. Es dauert zehn bis 30 Jahre nach einem auslösenden Ereignis, bis ein Hirntumor auftritt. Aber es ist eine sehr seltene Erkrankung: Pro 100.000 Einwohner gibt es in Deutschland pro Jahr sechs neue Fälle des Glioms, der häufigsten Hirntumorart. Wenn es durch Handys eine um 40 Prozent erhöhte Rate an Hirntumoren geben würde, hieße das: In Deutschland gäbe es dann statt sechs Patienten acht pro 100.000 Einwohner.

Interview: Frederik Jötten

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Sensibilität ?
iandiwolf 22.05.2013
Ich denke die grösste Gefahr bei all diesen angewandten Experimenten, -denn was sonst können wir das nennen, besteht in der Desensibilisierung unserer psychosomatischen Fähigkeiten, also der allgemeinen Volksverdummung. Allein unsere Abhängigkeit von diesen Dingen Zeugt von einer unbeschreiblichen verwahrlosung unserer sozioökonomischen Intelligenz. Unser blindes Vertrauen in ‘Wissenschaft’ & Technik und der tiefe Glaube an die Führung unser Kultur hat uns ja weiss Gott in eine prekäre Situation gebracht. Und wenn wir das Ganze quantum-physikalisch betrachten ergibt sich wiederum ein ganz anderes Bild... #HomoSociopathis
2. Das größte Problem...
les2005 23.05.2013
Aufgrund der langen Zeit, die vergeht bevor sich erhöhte Krebsraten statistisch niederschlagen, wird das größte Problem die korrekte Zuordnung zur Ursache sein, wenn es denn endlich soweit ist: Sind die zwei zusätzlichen Krebstoten pro Jahr jetzt auf Handystrahlung zurückzuführen? Oder auf Mikrowellenherde? Denn erinnern wir uns, dieselben Leute die jetzt glauben, daß Handystrahlen sie umbringen, waren 15 Jahre vorher davon überzeugt, daß Mikrowellenherde ihr Essen verseuchen. Und nochmal 15 Jahre davor hatten sie wahrscheinlich Angst vorm Fernseher...
3. Warum spricht niemand vom Nutzen der Handys?
karlvalentinmuc 23.05.2013
Im Vergleich zu den potentiell zwei Hirntumorfällen mehr auf 100k Menschen wäre doch einmal die Zahl an Menschen interessant, die Dank eines verfügbaren Mobiltelefons und einer guten Verbindung (Handymast in der Nähe!) vor dem sicheren Tod gerettet werden konnten. Dazu zählen Verkehrsunfälle bei Nacht und Nebel, Stürze von Senioren, Kinder die am Badeweiher ansonsten ertrunken wären usw. Auch die Schlaganfälle, bei denen jede Minute zählt, sollte man berücksichtigen.
4. Nachtrag
felisconcolor 23.05.2013
Zitat von sysopGetty ImagesGefährden Handys die Gesundheit? Derzeit gibt es keine Hinweise, dass Mobiltelefonieren zum Beispiel Hirntumoren auslöst. Im Interview erklärt Sarah Drießen von der Uni Aachen, was die Wissenschaft über gesundheitliche Folgen der Handystrahlung weiß. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/angst-vor-handy-strahlung-schlechter-empfang-verstaerkt-die-strahlung-a-901196.html
smartphones die per UMTS ins Netz gehen haben einen anderen Verbindungsaufbau als rein GSM basierte Systeme. GSM Geräte arbeiten beim Verbindungsaufbau mit einer relativ hohen Leistung die dann Schritt für Schritt nach unten korrigiert wird. Hier macht es Sinn das Gerät in den ersten Sekunden des Verbindungsaufbaus noch nicht am Kopf zu halten. Rein technisch (der Kopf ist ja auch eine Abschirmung) geht der Verbindungsaufbau dann auch schneller und das schont den Akku. UMTS Geräte tasten sich beim Verbindungsaufbau von unten an die optimale Sendeleistung heran. Hier liegen die SAR Werte noch um ein vielfaches niedriger. Gerätehersteller haben immer das Problem mit den Akkulaufzeiten. Und deshalb liegt es schon im Interesse der Hersteller die abgestrahlte Leistung so niedrig wie möglich zu halten.
5.
datura2 23.05.2013
Nehmen wir eine erhöhte Tumorrate durch Mobiltelefone an. Durch den Straßenverkehr und auch schon durch Unfälle im häuslichen Rahmen sterben jährlich mehr Menschen, als in den nächsten Jahren an strahlungsinduzierten Tumoren. Aber hören die Menschen deswegen auf, irgendwelche Hocker als Steighilfe im Haushalt zu benutzen anstelle einer guten Leiter? Oder hören auf, mit dem Auto zu rasen oder Fahrrad ohne Helm zu fahren? Nein, über die viel greifbareren Gefahren macht sich der Mensch keinen Kopp, weil er sonst schlicht wahnsinnig und lebensunfähig würde...
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