Psychologie Schimpfen Sie mit Ihrem Wecker? Dann sind Sie einsam!

Auf einmal hat der Wecker einen freien Willen. Forscher haben untersucht, unter welchen Umständen Menschen Gegenständen menschliche Charakterzüge wie Eifersucht, Dickköpfigkeit oder Eitelkeit zuschreiben.

Extremer Anthropomorphismus: Chuck Noland und Wilson (l.) in "Cast Away - verschollen"
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Extremer Anthropomorphismus: Chuck Noland und Wilson (l.) in "Cast Away - verschollen"


Der Morgen nach dem Sturm. Wo ist Wilson? Ist er vom Floß gefallen und ertrunken? Nein, Wilson treibt einige Wellentäler vom Floß entfernt im Meer. Chuck Noland springt ins Wasser, um seinen Freund retten. Doch Wilson ist zu weit weg und die Strömung zu stark. Noland muss den Rettungsversuch abbrechen.

"Wilson, es tut mir leid!", schreit Noland, gespielt von Tom Hanks, im Film "Cast Away - Verschollen". Doch Wilson kann keine Wut oder Trauer oder Enttäuschung empfinden, denn Wilson ist ein alter Volleyball mit Haaren aus Gras.

Anthropomorphismus

Der fiktive Fall von Noland ist typisch für einsame Menschen: Sie schreiben Gegenständen oder Tieren menschliche Eigenschaften zu, Psychologen nennen das Anthropomorphismus. Ein Experiment von Forscher der McGill-Universität im kanadischen Montreal bestätigt diesen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Anthropomorphismus.

Dabei muss die Situation nicht so extrem sein wie im Film - Noland ist alleine auf einer Südseeinsel gestrandet und behandelt den Ball mehr und mehr wie einen Menschen. Der Effekt lässt sich auch für ganz alltägliche Gefühle von Einsamkeit feststellen.

Szene aus "Cast Away - Verschollen"

Wecker verfügen über "freiem Willen"

Die Forscher fragten zunächst allgemein, ob die 178 Teilnehmer der Studie unglücklich darüber sind, gewisse Dinge alleine zu tun oder ob sie manchmal das Gefühl haben, dass sie sich an niemanden wenden können - das ist die sogenannte Einsamkeitsskala. Danach sollten die Teilnehmer Gegenstände beschreiben. Die Forscher prüften, wie oft Begriffe fielen, die sonst nur im Zusammenhang mit Menschen üblich sind.

Das Ergebnis ist eindeutig: Einsame Menschen geben deutlich öfter an, dass diese Gegenstände menschliche Eigenschaften haben. Sie behaupteten zum Beispiel, dass bestimmte Wecker über einen "freien Willen" verfügen - die Geräte rollen beim Klingeln weg und verstecken sich, damit die Schläfer aufstehen müssen, um sie auszuschalten .

Erinnerung an gute Freunde dämpft Anthropomorphismus

Nicht nur allgemeine Einsamkeit hat einen starken Einfluss auf die Art und Weise, wie Menschen mit Gegenständen umgehen, sondern auch die momentan empfundene Einsamkeit.

Die Wissenschaftler fragten einen Teil der Studien-Teilnehmer nach guten Freunden und gemeinsamen Momenten mit ihnen, bevor sie ihnen den Wecker und andere Gegenstände zeigten. Bei der Kontrollgruppe fragten die Forscher nur nach losen Bekannten.

Auch hier gibt es ein klares Ergebnis: Die Befragten, die zuvor nach Freunden gefragt wurden, schreiben Gegenständen und Tieren deutlich seltener menschliche Eigenschaften zu. Die Forscher vermuten deshalb, dass die Erinnerung an einen guten Freund die Einsamkeit dämpfen kann - und damit auch den Anthropomorphismus.



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