Erreichbarkeit Freizeit und Arbeit verschmelzen immer mehr

Nach Feierabend noch mal schnell die E-Mails checken, am Sonntag ein kurzes Telefonat führen: Arbeitnehmer ziehen immer seltener einen klaren Strich zwischen Arbeit und Freizeit, zeigt der AOK-Fehlzeitenreport. Dadurch schaden sie ihrer Gesundheit.

Telefonieren mit Kind auf dem Schoß: Immer mehr Arbeitnehmer sind auch nach Feierabend verfügbar
Corbis

Telefonieren mit Kind auf dem Schoß: Immer mehr Arbeitnehmer sind auch nach Feierabend verfügbar


Berlin - Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher. Zum Beispiel die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen. Wenn es zu Opas Zeiten "Feierabend!" hieß, wurde in vielen Betrieben der Stift fallen gelassen. Heute zücken manche Arbeitnehmer noch Stunden nach Feierabend das Smartphone, um ihre E-Mails abzurufen. Die "Entgrenzung von Arbeit und Freizeit" nennt Wolfgang Panter das. Er ist Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW).

Wie weit die Entgrenzung der Arbeit inzwischen vorangeschritten ist, zeigt der neue Fehlzeitenreport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, der am Donnerstag vorgestellt wurde und auf einer repräsentativen Umfrage basiert. Mehr als jeder Dritte der befragten Erwerbstätigen gab an, in den letzten vier Wochen häufig berufliche Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit erhalten zu haben. Ebenfalls knapp jeder Dritte macht regelmäßig Überstunden. Rund jeder Achte der Befragten nimmt Arbeit mit nach Hause. Mehr als jeder Zehnte arbeitet auch sonn- und feiertags. Auch sind immer mehr Menschen mobil und pendeln täglich mindestens eine Stunde zu ihrer Arbeit oder sind für ihre Arbeit umgezogen.

Die fehlende Trennung zwischen Arbeit und Freizeit kann der Psyche und der Gesundheit schaden, zeigt der Report. So leiden etwa Menschen, die häufig am Sonntag oder an Feiertagen arbeiten oder wegen des Jobs private Aktivitäten verschieben, häufiger unter Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen, Nervosität oder Reizbarkeit als Arbeitnehmer, die dies selten oder gar nicht machen. Seit 1994 hat die Zahl der psychischen Erkrankungen um insgesamt 120 Prozent zugenommen.

Selbstschutz: Klare Regeln setzen und das Handy ausschalten

Für eine deutliche Trennung von Arbeit und Freizeit sei es hilfreich, sich selbst klare Regeln zu geben, sagt der Mediziner Panter. So sollte etwa das Einloggen ins Firmennetzwerk am Wochenende definitiv tabu sein und das Handy abends ausgeschaltet werden. E-Mails noch kurz vor dem Einschlafen zu lesen, sei ohnehin nicht zu empfehlen, sagt Panter.

Vielen Arbeitnehmer fällt dies schwer, da der Druck am Arbeitsplatz zunehmend steigt. Verlässliche Daten darüber, wie stark der Stress am Arbeitsplatz zugenommen hat, gebe es kaum, sagt Birgit Köper von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. "Stress ist auch ein subjektives Phänomen." Grundsätzlich sei die Zunahme psychischer Belastungen und psychischer Erkrankungen aber unstrittig. Während sich beim Thema Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit viel getan habe, seien die Betriebe bei der Prävention der neuen Gesundheitsrisiken noch ganz am Anfang.

Erst am Montag hatte ein weiterer aktueller Report gezeigt, dass die Deutschen immer häufiger wegen psychischer Leiden krankgeschrieben werden. Auch Männer haben demnach zunehmend mit psychiatrischen Diagnosen wie Angststörungen und Depressionen zu kämpfen. Die Einschätzung der Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin stützt die Ergebnisse. Statistisch gesehen entstehen demnach rund 12,5 Prozent aller Fehltage durch psychische Beschwerden. Vor allem die Zahl der Krankentage wegen Burnout-Symptomen hat erheblich zugenommen: Waren es 2004 nur 0,6 Fehltage pro 100 Versicherte, stieg die Zahl 2011 auf neun Tage an.

Arbeit zum Teil immer komplexer

Ein Grund für die Entwicklung ist laut Panter eine zunehmende Verdichtung der Arbeit: Erwerbstätige müssen häufig immer mehr in immer weniger Zeit schaffen. Hinzu komme, dass viele Arbeiten immer komplexer werden. Dies treffe vor allem Handwerksberufe: Konnte früher jeder Elektriker Schaltpläne problemlos lesen, seien diese inzwischen so kompliziert geworden, dass sie den ein oder anderen überforderten. "Wir hatten in den vergangenen zehn oder 15 Jahren insgesamt eine rasante technologische Entwicklung", sagt Panter.

Ein weiteres Problem seien Handys, durch die viele Arbeitnehmer einfacher auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar seien: "Wer früher im Urlaub war, der war weg, den konnte man nicht anrufen", sagt Panter. Längst gebe es eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit. Wer erst einmal ein Smartphone hat, mit dem er ständig seine E-Mails abrufen kann, der nutzt es auch. Lebt der Vorgesetzte zudem vor, ständig erreichbar zu sein, vermittelt er diese Haltung auch im Betrieb.

"Wenn es einfach zu viel wird, sollte man das ansprechen - auch wenn die Hemmschwelle hoch ist", rät Svenja Hofert, die als Coach in Hamburg arbeitet. "Am besten gegenüber dem direkten Vorgesetzten." Viele trauten sich das jedoch nicht. Zu einem guten Arbeitsverhältnis gehöre deshalb auch, dass Vorgesetzte kritisch hinschauen, wenn die Arbeitsbelastung für einzelne oder insgesamt zunimmt. Jeder Chef kann auch ganz direkt dazu beitragen, den Stress zu verringern - durch "intelligentes Informationsmanagement", wie Panter es nennt: "Man kann sich zum Beispiel fragen, ob ich wirklich jede Mail schreiben muss - und ob sie an jeden gehen sollte, an den ich sie bisher üblicherweise geschickt habe."

Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 5 bis 12 Prozent der Männer sowie 10 bis 25 Prozent der Frauen im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für einen Großteil der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist für Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich beispielsweise Hilfe bei einem Arzt, Psychiater, Psychologen oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Bielefeld. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Webseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst zu einer Depression neigt, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

irb/dapd/dpa

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insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gibsonmann 16.08.2012
1. ^^^^^^^
Zitat von sysopCorbisNach Feierabend noch mal schnell die Mails checken, am Sonntag ein kurzes Telefonat führen: Arbeitnehmer ziehen immer seltener einen klaren Strich zwischen Arbeit und Freizeit, zeigt der AOK-Fehlzeitenreport. Dadurch schaden sie ihrer Gesundheit. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/0,1518,850397,00.html
Ich bekomme jede Menge Mails außerhalb meiner Arbeitszeiten, aber entscheidend ist ja, ob sich lese und beantworte :) Ansonsten kann ich aber schon zustimmen: die Grenzen verschieben sich in der Tat, insbesondere wenn (wie bei mir) zusätzlich ein Ehrenamt, eine Nebentätigkeit und eine Promotion bearbeitet werden wollen. Trotz (nach eigener Einschätzung) guter Strukturen, kommt es manchmal dazu, dass in der Freizeit noch was geleistet werden will. Aber dank Gleitzeiten kann man sich das ganze ja wieder zurückholen. 16:00 Feierabend und Stift fallen lassen hat aber sicher auch etwas reizvolles ....
unixv 16.08.2012
2. Freizeit und Arbeit verschmelzen ?
Nein, es wird vom Arbeitgeber erwartet, so sieht es mittlerweile aus! Aber bitteschön 24/7 und 365 Tage im Jahr! Ohne Entgelt, natürlich! Wir wundern uns das immer mehr " vor allem ältere Arbeitnehmer!" an der Last zu Grunde gehen? wie kommt das nur? Aber auch hier gibt es eine Erklärung dafür...Die Märkte erwarten das von uns! Das gute ist, fallen die alten um, bekommen sie weniger Rente! Tolle neue Welt, Willkommen im 21 Jahrhundert, sie dachten im Mittelalter gab es Sklaverei? nun, die gibt es jetzt auch wieder, nur etwas perfider und hinterhältiger als jäh zuvor!
fort-perfect 16.08.2012
3. Völlige Idiotie
Die Leute sind doch völlig krank. Bei ihrer Einstellung haben sie einen Arbeitsvertrag unterschrieben, in dem höchstwahrscheinlich eine Regelarbeitszeit pro Woche aufgeführt war. Diese Zeit ist das Mass der Dinge. Ab und an Überstunden abzuleisten ist ok, wenn diese a) angeordnet werden und b) auch entsprechend abgegolten werden.... alles Andere ist Augenwischerei.... Es ist nicht hipp, in irgendwelchen Büros bis zum Abwinken zu programmieren, zu entwickeln oder sonst etwas zu tun, ohne Rücksicht auf den Körper oder die Familie. Das soziale Leben findet keinesfalls in der Firma statt, sondern zu Hause. Die Einzigen, die von dieser Dämlichkeit der immer Erreichbarkeit profitieren, sind die Firmeneigentümer / Shareholder oder wie man das auch immer nennen mag. An dem Tag, an dem ein solcher MA durch diese Selbstausbeutung umfällt, wird er sofort durch den nächsten Dummen ersetzt.... da gibt es kein "oh wie schlimm" oder gar ein "Dankeschön".... 8 Stunden / Tag sind das Mass der Dinge und wenn Arbeit in dieser Zeit längerfristig nicht erledigt werden kann, sollte man sich entweder vom "Acker" machen, oder es sollten zusätzliche MA eingestellt werden.....
flusser 16.08.2012
4. Schwachsinn
Was für ein Schwachsinn! Selbständige keinen auch keinen Arbeitsschluß und werden deshalb nicht krank. Sowas blödsinniges kann nur einer kranken Beamten oder gewerkschaftlich verblödeten Angestelltenseele entsprungen sein!
Moridin 16.08.2012
5. Im Gegenteil: Mich befreit das...
...da ich in der Gestaltung meiner Arbeit freier bin - so schreibe ich diesen Beitrag jetzt, während meiner "Arbeitszeit", da ich eben auch mal in meiner "Freizeit" arbeite. Wenn mal eine Deadline naht und die Zeit knapp wird, ist es doch toll, wenn man sich aussuchen kann, ob man lieber wochentags länger arbeitet oder lieber am Wochenende. Wer damit nicht umgehen kann und sich nur mehr Arbeit aufhalsen lässt, ist doch dafür selbst verantwortlich.
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