Genie und Wahnsinn Wohl dem, der eine Macke hat

Ob ADHS, Asperger oder Legasthenie: Psychische Störungen sind längst nicht nur immer ein Nachteil - sondern Quell für Kreativität und ungewöhnliche Leistungen. Etliche erfolgreiche Künstler, Erfinder oder Unternehmer sind leuchtende Beispiele dafür.

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Selbstporträt von Vincent van Gogh: Postum attestierten Psychologen dem Künstler eine Reihe psychischer Störungen
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Selbstporträt von Vincent van Gogh: Postum attestierten Psychologen dem Künstler eine Reihe psychischer Störungen


Komponisten wie Brahms, Mozart und Wagner, Maler wie Rembrandt, van Gogh und Picasso, Dichter wie Goethe, Lessing und Schiller, oder Philosophen wie Kant und Nietzsche: Ihnen allen wurden Gemütskrankheiten nachgesagt. Es habe noch keinen großen Geist ohne Beimischung von Wahnsinn gegeben. Dieser Meinung war bereits der römische Philosoph Seneca vor etwa 2000 Jahren. Seither haben die Gelehrten immer wieder darüber spekuliert, ob Genialität und psychische Erkrankungen einander bedingen.

Mediziner sehen heute kreatives Denken und überschießende Produktivität häufig als Hinweise auf manische Episoden: Um einen ungewöhnlichen Einfall zu haben, ist es gut, wenn man außerhalb der Konventionen denken kann und seine Gedanken strömen lässt. Viele Hervorbringungen des manischen Geistes sind nicht der Rede wert - doch ist häufiger als bei normalen Menschen ein großer Wurf darunter.

Auf diese Weise kann der Wahn einem zum Genie verhelfen. Schon der berühmte Psychiater Eugen Bleuler (1857 bis 1939) sagte: "Selbst wenn nur milde Fälle Wertvolles hervorbringen, dass bei ihnen die Ideen rascher fließen und insbesondere dass die Hemmungen fallen, fördert die künstlerischen Fähigkeiten."

Verdächtig, sobald sie aus der Masse ragen

Auch Hinderk Emrich, lange Zeit Ordinarius für Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover, erklärte: "Ich kenne viele Künstler, die intensiver als ich mit ihrer Seele reden und die sagen, ohne diese paranormalen Fähigkeiten könnte ich nicht arbeiten." Gleichzeitig aber warnte Emrich: "Die Psychiatrie läuft heute in Gefahr, alles ungewöhnliche Seelenleben, das in der Romantik noch positive Nebenklänge hatte, als pathologisch zu etikettieren und zu bekämpfen." Es scheint das Schicksal kreativer Menschen zu sein, dass sie verdächtig erscheinen, sobald sie aus der Masse ragen.

Das Aufkommen des Computers hat sich für viele Menschen mit besonderen Verhaltensweisen als Segen erwiesen. Viele gute Programmierer haben Eigenschaften, die zu einer Diagnose des Asperger-Syndroms führen könnten: die Leidenschaft für Zahlen, Muster und Maschinen, den Zwang zur Wiederholung sowie das geringe Gespür für soziale Kontakte.

Buchtipp
Das Internet sei von und für Menschen erfunden worden, die "auf dem Spektrum sind", sagen Leute aus der Informationstechnik-Branche. Online könne man kommunizieren ohne die Qual, Leute treffen zu müssen. Dabei haben es viele Computerfreaks weit gebracht. Die Gründer vieler Internetfirmen haben autistische Züge. Über Mark Zuckerberg, den Gründer von Facebook, heißt es, er habe einen Zug von Asperger und seine Gesprächspartner wüssten nie, ob er ihnen überhaupt zuhöre.

Auch andere Unternehmer sind für ungewöhnliche Verhaltensweisen bekannt. Viele von ihnen haben deutlich größere Probleme mit dem Lesen und Schreiben als der Rest der Bevölkerung. Bekannte Legastheniker waren die Gründer der Firmen Ford, IBM, Ikea und General Electric sowie der Apple-Gründer Steve Jobs und der britische Unternehmer und Milliardär Richard Branson.

Ob die Erfolge damit zu tun haben, dass Legastheniker gerne Schularbeiten und andere lästige Aufgaben an andere delegieren, weiß niemand genau. Aber sie suchen sich Herausforderungen, bei denen formale Leistungsnachweise nicht so wichtig sind und halten sich fern von Verwaltungskram. Selbigen bearbeiten dann die Normalos.

Unter Strom zu stehen ist ebenfalls eine gute Voraussetzung dafür, etwas Besonderes zu leisten. Der aus dem Schwarzwald stammende Produktdesigner Hartmut Esslinger fiel als Kind dadurch auf, dass er scheinbar ruhelos bastelte und schnitzte und werkelte. Zum Glück gab es damals noch kein Ritalin - sonst wäre Esslinger wohl nicht zu einem in der ganzen Welt bewunderten Designer geworden, der unter anderem Apple-Computer entworfen hat. Fahrige, leicht ablenkbare Menschen taugen nicht zum Buchhalter, aber oftmals sind sie ein Quell neuer Ideen. Menschen mit ADHS-Diagnose machen sich viel häufiger mit einer eigenen Firma selbstständig als die Normalbürger.

David Neeleman, der die US-amerikanische Fluggesellschaft JetBlue gründete, drückt es so aus: Sein ADHS-Gehirn suche naturgemäß nach besseren Wegen, Dinge zu tun. Zusätzlich zur Lotterwirtschaft, zum Aufschieben, zur fehlenden Konzentrationsfähigkeit und anderen Eigenschaften, die mit ADHS verbunden seien, verfüge er aber über Kreativität und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Und Paul Orfalea, der die Kette Kinko's Copyshop gründete, fand sogar, es wäre für die Menschheit gut, wenn jeder Legasthenie und ADHS hätte - so wie er selbst.

Dieser Artikel beruht auf einem Auszug aus dem neuen Buch von SPIEGEL-Autor Jörg Blech: "Die Psychofalle - wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht." (S. Fischer)

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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der__Thomas 10.04.2014
1. wenig substantiell
Der Artikel ist leider wenig substantiell sondern eher eine werbe-Veranstaltung für das Buch des Autors. Schade drum, denn das Thema ist spannend und betrifft vermutlich einen durchaus nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung (nur ADHS berücksichtigend).
meinemeinung: 10.04.2014
2. Diagnosen?
Was bringt es Menschen in Kategorien einzuteilen und diesen in Form von Diagnosen ein Etikett zu geben? Was bedeutet es für den Menschen dem dies geschieht? Häufig ist es mit einer Stigmatisierung verbunden die Vorurteile und ein bestimmtes Selbstbild fördern, mit der Tendenz das der Mensch immer mehr zu dem wird, was dem Etikett entspricht das er bekommen hat. Dabei spielt es keine große Rolle ob die Vorurteile die damit verbunden sind positiv oder negativ ausfallen.In beiden Fällen ist es der Mensch der hinter den Vorstellungen und Urteilen verschwindet. Auch die Frage danach wie die eventuell vorhandenen Symptome sich überhaupt entwickelt haben wird dann nicht mehr gestellt. Es wird ein "Ist-Zustand" geschaffen, das den Menschen auf eine bestimmte Symptomatik festlegt und so wenig Chancen für Ursachenforschung, Verarbeitungsprozesse und Veränderung lässt. Oft ist selbst derjenige der ein solches Etikett bekommt erleichtert, denn er kann jetzt sagen das er nun mal krank sei und ein entsprechendes Verständnis erwarten, und jede Auseinandersetzung mit den Ursachen und Vorgängen im eigenen Inneren bleibt ihm so erspart. So verständlich ein solcher Wunsch ist,bleibt er doch mit den entsprechenden Nachteilen verbunden, den der Mensch droht so noch mehr den Kontakt mit seinem Inneren zu verlieren. Aus meiner Sicht ist es die Sprache der Diagnosen, die bereits Teil des Problems ist und so eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Ursachen verhindert.
psychologiestudent 10.04.2014
3.
Zitat von meinemeinung:Was bringt es Menschen in Kategorien einzuteilen und diesen in Form von Diagnosen ein Etikett zu geben? Was bedeutet es für den Menschen dem dies geschieht? Häufig ist es mit einer Stigmatisierung verbunden die Vorurteile und ein bestimmtes Selbstbild fördern, mit der Tendenz das der Mensch immer mehr zu dem wird, was dem Etikett entspricht das er bekommen hat. Dabei spielt es keine große Rolle ob die Vorurteile die damit verbunden sind positiv oder negativ ausfallen.In beiden Fällen ist es der Mensch der hinter den Vorstellungen und Urteilen verschwindet. Auch die Frage danach wie die eventuell vorhandenen Symptome sich überhaupt entwickelt haben wird dann nicht mehr gestellt. Es wird ein "Ist-Zustand" geschaffen, das den Menschen auf eine bestimmte Symptomatik festlegt und so wenig Chancen für Ursachenforschung, Verarbeitungsprozesse und Veränderung lässt. Oft ist selbst derjenige der ein solches Etikett bekommt erleichtert, denn er kann jetzt sagen das er nun mal krank sei und ein entsprechendes Verständnis erwarten, und jede Auseinandersetzung mit den Ursachen und Vorgängen im eigenen Inneren bleibt ihm so erspart. So verständlich ein solcher Wunsch ist,bleibt er doch mit den entsprechenden Nachteilen verbunden, den der Mensch droht so noch mehr den Kontakt mit seinem Inneren zu verlieren. Aus meiner Sicht ist es die Sprache der Diagnosen, die bereits Teil des Problems ist und so eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Ursachen verhindert.
mit einigem was Sie sagen haben Sie recht: Diagnosen können stigmatisieren, den Blick vom Individuum ablenken und von sinvollen Lösungen ab halten. Aber es gibt auch Gründe für ein Diagnosesystem. a) wir brauchen es für unser staatliches System. Eine Behandlung bekommt, wer sie braucht. Und das wird nun mal überprüft, schliesslich zahlt das die Allgemeinheit. b) wenn wir keine Diagnosen haben, reden alle Ärzte und Psychologen aneinander vorbei, durch Diagnosen kann man sich besser verständigen. c) Nur wenn man sich Fälle mit ähnlicher Symptomatik anschaut, kann man überhaupt Aussagen über die "übliche" Entstehung von spezifischen Problemen und evtl. biologische oder soziale Ursachen machen, und überlegen, wie man gesellschaftliche Änderungen herbeiführen kann d) nur wenn man sich ähnliche Fälle anschaut, kann man untersuchen, welche Therapiemethode wem hilft. Sie können ja auch bei somatischen Problemen nicht einfach wahllos mit Antibiotika um sich schmeissen Aber natürlich muss das ganze mit dynamischer Diagnostik und einem ganzheitlichen Bild vom Patienten verbunden sein. Das heisst: Die Entwicklung des Menschen sehen, nicht nur ein "gesund" oder "krank". Die spezifischen Lebensumstände, Probleme und Ressourcen registrieren und nutzen oder verändern. Zum Artikel: Der Herr Blech macht es sich sehr einfach. Natürlich gibt es erfolgreiche Menschen, die ungewöhnliche Wesenszüge haben. Aber 1.sind Diagnosen nur für Menschen, die seelisches Leid zeigen, d.h. ein supererfolgreicher Designer mit speziellen Fähigkeiten und mit einem intakten Privatleben hat kein ADHS, sondern ist gesund. 2. ist die Mehrheit der manisch-depressiven oder autistischen Menschen eben nicht erfolgreich und glücklich, sondern hat mit grösseren Problemen zu kämpfen als der Durchschnittsnormalo. Zudem sind die beschriebenen Fälle keine schweren, sondern leichte oder mittelschwere Fälle. Und die Annahme, dass z.B. van Goghs Auffälligkeiten besonders positiv für ihn gewesen wären (mal abgesehen von unserem Vorteil dass es seine Kunst gab) halte ich für gewagt.
Sique 10.04.2014
4.
Zitat von meinemeinung:Was bringt es Menschen in Kategorien einzuteilen und diesen in Form von Diagnosen ein Etikett zu geben? Was bedeutet es für den Menschen dem dies geschieht? Häufig ist es mit einer Stigmatisierung verbunden die Vorurteile und ein bestimmtes Selbstbild fördern, mit der Tendenz das der Mensch immer mehr zu dem wird, was dem Etikett entspricht das er bekommen hat. Dabei spielt es keine große Rolle ob die Vorurteile die damit verbunden sind positiv oder negativ ausfallen.In beiden Fällen ist es der Mensch der hinter den Vorstellungen und Urteilen verschwindet. Auch die Frage danach wie die eventuell vorhandenen Symptome sich überhaupt entwickelt haben wird dann nicht mehr gestellt. Es wird ein "Ist-Zustand" geschaffen, das den Menschen auf eine bestimmte Symptomatik festlegt und so wenig Chancen für Ursachenforschung, Verarbeitungsprozesse und Veränderung lässt. Oft ist selbst derjenige der ein solches Etikett bekommt erleichtert, denn er kann jetzt sagen das er nun mal krank sei und ein entsprechendes Verständnis erwarten, und jede Auseinandersetzung mit den Ursachen und Vorgängen im eigenen Inneren bleibt ihm so erspart. So verständlich ein solcher Wunsch ist,bleibt er doch mit den entsprechenden Nachteilen verbunden, den der Mensch droht so noch mehr den Kontakt mit seinem Inneren zu verlieren. Aus meiner Sicht ist es die Sprache der Diagnosen, die bereits Teil des Problems ist und so eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Ursachen verhindert.
Es bringt die Fähigkeit, darüber reden zu können. Was Sie nicht bezeichnen können, darüber können Sie nicht sprechen. Das gilt für jede Bezeichnung. Es gibt keine neutralen Wörter, alle sind konnotiert, mit Erfahrungen, Wertungen, Urteilen und Vorurteilen verknüpft. Das ist grundsätzlich so. Kein Mensch hat die Kapazität, weder zeitlich noch mental, sich auf jeden Menschen, dem er im Laufe seines Lebens begegnet, neu und individuell einzustellen. Überlegen Sie, wieviel Zeit Sie brauchen würden, um nur die Leute, die mit Ihnen im Bus fahren, individuell und einzeln kennenzulernen! Dabei interagieren Sie mit ihnen, schauen, neben wen Sie sich setzen, bitten jemanden, Sie zur Tür durchzulassen oder bieten jemandem Ihren Sitz an. All das läuft ausschließlich über Kategorisierung, Vor- und Werturteil ab. Und schon sind Sie mitten in der Wertung: "Es muss ja einen Grund haben, dass dieser Mensch so ist. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob ich ihm dafür die Schuld geben will, oder ob ich mich dadurch über ihn erhebe, dass ich ihm mein Mitleid aufdränge." Können Sie nicht einfach akzeptieren, dass dieser Mensch so ist, wie er ist, und dass Sie das ohne Rückgriff auf irgendeine Krankengeschichte beachten sollten? Ah! Sie geben ihm Sicherheitshalber doch die Schuld für sein So-Sein, und sie bürden ihm die Verantwortung auf, sein Ich soweit zurückzudrängen, dass Sie darauf nicht eingehen müssen. Dass der Mensch damit leben kann, wie er ist, und dass er die Frechheit besitzen könnte, nicht unter seinem Selbst zu leiden, ist Ihnen noch nicht in den Sinn gekommen?
vonwoderwestwindweht 10.04.2014
5. ***
Heute geht der Trend zur Norm, und zwar gnadenlos. Die Einzigen, die sich über mehr Toleranz im Vergleich zu früheren Jahrzehnten freuen dürfen, sind Homosexuelle. Heute gilt es flächendeckend als State of the Art zu erklären, das nicht durchschnittlich ist. Ein Fall wie Clara Schumann, die bis zu ihrem 6. Lebensjahr nicht sprach, aber später ganz ohne Therapie usw. eine Weltkarriere machte, einen Haufen Kinder in die Welt setzte, lange Zeit Alleinverdienerin war und sich um ihren schwer kranken Mann kümmerte - heute undenkbar. Sie hätte im Alter von sechs schon eine Reihe von fragwürdigen Therapien hinter sich, die zwar alle gut gemeint wäre, aber übersehen, dass ungewöhnliche Menschen sich Dinge eben nicht auf "normale" Weise aneignen. Die Tatsache, dass Clara Schumann die Welt zunächst ausschließlich hörend und nicht sprechend erfasst, war höchstwahrscheinlich ein wichtiger Baustein zur Entwicklung ihres ganz persönlichen musikalischen Konzepts - bei anderen ist es dann wieder anders. Es ist erschreckend, dass inzwischen selbst die geringsten "Abweichungen" sofort "wegplaniert" werden und man das auch noch für eine Leistung hält - ohne zu begreifen, dass solche Kinder oft instinktiv genau das für ihre Programmierung Richtige tun.
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