Autismus Mädchen fallen durchs Raster

Mädchen haben deutlich seltener Autismus als Jungen. Dies könnte an Genen oder Hormonen liegen - zum Teil jedoch auch am Diagnose-System.

Autismus: Mädchen  können ihre Probleme besser tarnen, meint eine Medizinerin, die selbst betroffen ist
Corbis

Autismus: Mädchen können ihre Probleme besser tarnen, meint eine Medizinerin, die selbst betroffen ist


Süße Mitschüler, Make-up, romantische Filme: Für Mädchen mit Autismus sind das keine Themen mit hoher Priorität. Freundschaften machen einigen Angst. Kinofilme oder gesellige Abende überfordern sie. Zu laut, zu viele Menschen, zu wenig berechenbar. Auf Gleichaltrige wirkt das seltsam. Bis Eltern, Lehrer oder Kinderärzte hinter den Eigenarten eine autistische Störung vermuten, können Jahre vergehen.

"Es kommt erst langsam ins Bewusstsein, dass auch Mädchen an einer Autismus-Spektrums-Störung erkranken können", sagt die Psychologin Inge Kamp-Becker vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Ihre Forschungsgruppe an der Spezialambulanz Autismus-Spektrum-Störungen will mehr über betroffene Mädchen erfahren und sucht Probandinnen. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: Da Autismus bei Mädchen ohne kognitive Beeinträchtigung sehr selten ist, finden sich nur wenige Mädchen, die alle Kriterien des Störungsbildes erfüllen. Das Forschungslabor ist hier ein Spiegel der Realität. Denn Mädchen mit Autismus sind zum einen eine Minderheit, zum anderen ist ihre Störung auch schwieriger zu erkennen.

Probleme zeigen sich im sozialen Umgang

Von 1000 Kindern leiden etwa sechs bis sieben an einer autistischen Störung, Jungen viermal häufiger als Mädchen. Die Kinder haben starke Probleme im sozialen Umgang. Sie vermeiden Blick- oder Körperkontakt, können sich nicht in ihren Gegenüber einfühlen und entsprechend reagieren, spielen nicht mit anderen Kindern. Viele wiederholen bestimmte Bewegungen immer wieder. Einige lernen das Sprechen nur schwer. Andere haben spezielle Interessen wie Bahnfahrpläne, Fahrzeuge oder bei Mädchen Fantasiefiguren, denen sie mit viel Einsatz nachgehen.

Neurowissenschaftler, Mediziner und Psychologen wollen herausfinden, warum die Störung bei Jungen häufiger auftritt. Das habe vorwiegend biologische Ursachen, sagen US-Forscher in einer Übersichtsarbeit. Demnach gibt es erste Hinweise auf Risikogene, die Autismus begünstigen. Womöglich sind diese an das Geschlechtschromosom X geknüpft. Mädchen könnten das Vorliegen eines solchen Gens durch ihr zweites X-Chromosom ausgleichen, bei Jungen liefert das Y-Chromosom keine Ausgleichsmöglichkeit. Klare Befunde, die die Annahme stützen, fehlen aber bislang.

Extrem männliches Gehirn

Autismus scheint auch im Zusammenhang mit dem Sexualhormon Testosteron zu stehen, berichten die Forscher. Die Betroffenen haben demnach ein extrem maskulines Gehirn. Vermittelt durch einen erhöhten Testosteronpegel fällt es ihnen schwer, sich in andere einzufühlen und entsprechend zu reagieren - was Frauen im Durchschnitt eher liegt. Dafür handeln sie verstärkt nach Schemata und Regeln und verstehen diese ohne Aufwand - was Männern meist leichter fällt. Laut Studien wiesen Kinder, die als Föten einen erhöhten Testosteronlevel hatten, später mehr autistische Eigenschaften auf.

Dass Mädchen seltener die Diagnose Autismus erhalten, scheint einen weiteren Grund zu haben: Ihre Symptome unterscheiden sich mitunter von denen der Jungen, sodass sie womöglich eher durchs Diagnose-Raster fallen.

Niederländische Mediziner zeigten in einer Übersichtsstudie mit mehr als 4100 autistischen Kindern und Erwachsenen Abweichungen in der Symptomatik. Mädchen wie Jungen hatten die gleichen Probleme im sozialen Umgang und der Kommunikation mit anderen. Jungen zeigten aber deutlich mehr wiederholende Bewegungen und eingeschränkte Interessen als Mädchen im gleichen Alter.

Weibliche Form von Autismus

Die Forscher sehen ihr Ergebnis jedoch kritisch: Die Probleme von Autistinnen in sozialen Situationen würden vermutlich überschätzt. Sie kämen wahrscheinlich besser zurecht, als die Daten es zeigen. Die Mädchen und Frauen in den Untersuchungen hatten überwiegend einen sehr geringen IQ, was das Sozialverhalten und die Fähigkeit zu kommunizieren beeinträchtigt. Es fehlten in der Erhebung vor allem jene Autistinnen mit durchschnittlichen oder sehr guten geistigen Fähigkeiten. Andere Untersuchungen hatten das Fazit: Mädchen mit Autismus haben meist mehr Interesse am Umgang mit anderen Menschen als die Jungen.

"Die Behinderung wird bei Mädchen oft nicht erkannt, weil diese ihre Probleme gut tarnen können", sagt Christine Preißmann. Die Medizinerin ist selbst betroffen und hat das Buch "Überraschend anders - Mädchen und Frauen mit Asperger" geschrieben (hier bei Amazon erhältlich). "Autistische Mädchen sind in der Regel ruhiger und können ihr Verhalten besser kontrollieren. Bei ihnen stehen daher seltener die Aggression und das Stören des Unterrichts, sondern vielmehr passives Verhalten und Rückzug im Vordergrund", sagt Preißmann. Dass die richtige Diagnose erst mit Ende 30 gestellt wird, sei bislang nicht ungewöhnlich.

Autismus und vor allem subtilere Formen scheinen für Mediziner und Psychologen bei Mädchen schwerer zu erkennen zu sein als bei Jungen, erklärt auch ein britisches Forscherteam vom National Clinical Guideline Centre des Royal College of Physicians. Sie hatten Jungen und Mädchen mit einer Autismusdiagnose sowie ohne Diagnose aber mit vielen autistischen Eigenschaften untersucht. Ihr Fazit: "Es ist möglich, dass Mädchen mit stark ausgeprägten autistischen Eigenschaften, aber ohne intellektuelle oder Verhaltensprobleme nicht die Kriterien für eine Diagnose erfüllen, weil sie ihre Situation tatsächlich irgendwie besser meistern." Hilfe und Unterstützung benötigen sie dennoch.

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