Autismus "Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert"

Menschen mit Nummern: Vielen Autisten fällt es schwer, Gesichter zu erkennen
Corbis

Menschen mit Nummern: Vielen Autisten fällt es schwer, Gesichter zu erkennen

Von Cinthia Briseño

2. Teil: Christine Preißmann, Psychotherapeutin: "Ohne feste Strukturen kann ich meinen Alltag kaum bewältigen"


"Ohne feste Strukturen kann ich meinen Alltag kaum bewältigen"

Christine Preißmann, 42, Asperger-Autistin, promovierte Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie

"Die Diagnose Asperger-Syndrom erhielt ich erst mit 27 Jahren. Das ist nicht ungewöhnlich, häufig wird Asperger-Autismus erst im Erwachsenenalter festgestellt. Für mich war die Diagnose eine große Erleichterung, denn erstmals konnte ich Antworten auf viele Fragen in meinem Leben finden. Auch der Kontakt mit meinem Umfeld wurde einfacher, da sich nun viele Verhaltensweisen von mir erklären ließen. Mein sehr penibles Beharren auf vereinbarte Uhrzeiten etwa. Zuvor legten andere Menschen es oft als bewusste Provokation aus, wenn ich sie nach nur ein paar Minuten Verspätung kritisierte. Dabei war es kein böser Wille, der mich so handeln ließ, sondern vielmehr das starke Bedürfnis nach Struktur, Routine und Ritualen.

Inzwischen richte ich mein Leben so ein, dass es nicht nur erträglich, sondern erfüllt ist. Das war nicht immer so. Seit der Asperger-Diagnose weiß ich aber um meine Auffälligkeiten. Partys und Disco-Besuche etwa bedeuten nur Stress und überfordern mich völlig. Und ohne feste Strukturen könnte ich auch heute meinen Alltag kaum bewältigen.

Ich habe gelernt, meine Stärken bei der Arbeit gezielt zu nutzen: Mir fällt es leicht, an der Arbeit zu bleiben, ohne dass ich dauernd Pausen mit Kollegen einlegen muss. Ein Nebeneinander mehrerer Tätigkeiten verwirrt mich. Ich kann mehr leisten, wenn ich Aufgaben strukturiert und nacheinander erledige.

Romane und Filme: Zu viele Personen, zu verwirrend

Ebenso bin ich sehr aufmerksam für Details. Für mein Medizinstudium, für das ich sehr viele Fakten lernen musste, war das sehr hilfreich. Dafür fällt es mir oft schwer, übergeordnete Zusammenhänge zu erkennen. Deshalb lese ich keine Romane und schaue keine Filme, in denen viele Personen auftreten.

Leicht war der Schritt nicht, dennoch war es für mich ein großer Befreiungsschlag, als ich meine Diagnose bei der Arbeit offenbarte. Einmal kam eine wütende Kollegin zu mir und sagte: "Ich könnte in die Luft gehen!" Daraufhin fragte ich sie nach ihren Urlaubsplänen und wohin sie gerne fliegen würde. Dass sie sich über einen Patienten geärgert hatte, habe ich nicht gemerkt. Asperger-Autisten nehmen Aussagen oft wörtlich. Die Kollegin wusste über mich Bescheid und nahm meine befremdliche Reaktion gelassen.

Seit einigen Jahren unterstützen mich eine Psycho- und eine Ergotherapeutin. Mit ihnen kann ich zum Beispiel Probleme beim Kontakt mit anderen besprechen. Dadurch bin ich viel lebendiger geworden. Vor einiger Zeit war ich auf einem Jugendstilfest. Früher hätte ich große Menschenmassen nicht ertragen und wäre lieber zu Hause geblieben. Doch als ich nun über die Anlage schlenderte und mir die tollen Gebäude ansah, konnte ich mich sogar darüber freuen.

Mein Ziel ist es, auch andere Betroffene zu ermutigen, sich dem Leben mit allen seinen Herausforderungen zu stellen. Deshalb halte ich Vorträge und schreibe Bücher über Autismus."

Veranstaltungshinweise
9. März 2013 München
Beginn: 14.00 Uhr
Info: Autismus Oberbayern e.V.
Poccistraße 5
80336 München
Telefon: 089 746541-94
E-Mail: mail@autismus-oberbayern.de
12. März 2013 Ravensburg
Schwörsaal, Marktplatz 28
Info: Veranstaltungsmanagement der Stadt Ravensburg
Telefon 0751 82-216
E-Mail: patricia.della-monica@ravensburg.de
14. März 2013 Bornheim bei Bonn
Beginn: 19.00 Uhr
VHS-Gebäude
Alter Weiher 2
53332 Bornheim
13. April 2013 Rendsburg
Info: Autismus Nord e.V.
E-Mail: michael-loetzke@autismus-nord.de
19. und 20. April 2013 Freiburg
Info: Autismus Südbaden e.V.
E-Mail: info@autismus-freiburg.de

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insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
seedistel 27.01.2013
1. Hfa
Da ist ihnen leider ein grober Fehler unterlaufen. HFA (Hochfunktionaler Autismus gehört nicht zum Asperger sondern zum Kanner Autismus, also zum sog. klassischen Autismus. Die beiden Begriffe Asperger und HFA werden leider immer noch miteinander verwechselt, bzw. als austauschbar angesehen. Miet freundlichem Gruss, Seedistel
asperix 27.01.2013
2.
Worüber ich mich aufrege? Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman. Verbände und Vereine im Bereich Autismus bemühen sich um Aufklärung und haben es in den letzten zehn Jahren immerhin schon geschafft, dass nicht jeder sagt "Du kannst kein Autist sein, du sprichst ja." wenn man sich outet. Ein echter Fortschritt nach Briseños Griff ins Klo vor Weihnachten wäre gewesen, sie hätte einen repräsentativen Querschnitt gebracht. Nicht Superbrain, promovierte Ärztin und überdurchschnittliche Schüler. Was soll das? Wer aufklären möchte (und das war am 18.12.12 ja so angekündigt: In den kommenden Wochen plant SPIEGEL ONLINE, das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist.), sollte eine Sache so darstellen, wie sie ist und nicht wie das Privatfernsehen auf sensationsheischende Weise einen außergewöhnlichen Aspekt herausgreifen. Das "hintergründiger" ist hiermit (wie zu erwarten) in die Hose gegangen. Es ist wieder ein Beitrag dazu, das Leben und den Alltag von durchschnittlichen Autisten zu erschweren. Vielleicht gibt es ja noch einen Artikel, in dem tatsächlich dargestellt wird, was Autismus für Autisten bedeutet. Und wenn eine Journalistin ihre Berufsbezeichnung verdient hat, kann sie auch daraus einen interessanten Artikel machen.
Boandlgramer 27.01.2013
3. optional
Asperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu. Ich denke sogar, dass Autismus eine eigentlich normale Variante menschlichen Fühlens und Verhaltens ist - was nichts an der Dringlichkeit ändert, dass die Betroffenen einen Weg finden müssen, wie sie damit umgehen können. Wir leben in einer menschenfeindlichen Gesellschaft, die jedem Individuum signalisiert, dass es ausgestoßen werden wird, wenn es nicht den Normen entspricht. Die Normen werden vollkommen gedankenlos von Idioten und Ökonomen gesetzt und durch permanente Wiederholung verfestigt. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, wie er sich davon wieder freimacht - sofern er nicht nicht ohnehin der Meinung ist, er gehört zu den Gewinnern der Selektion. Medienkonsum ist ein Weg, Verweigerung ein anderer. Kindern steht aber dieser Katalog aus Selbstreflektion und mehr oder weniger bewusster Verhaltensänderung nicht zur Verfügung, sie flüchten in scheinbar irrationale Verhaltensweisen; reimen sich ihre eigenen kruden Wahrheiten zusammen und leben dann danach. Auch viele Erwachsene tun sich damit schwer: Einerseits haben sie sich jahrzehntelang als Arbeitnehmer mit ihrem Dasein als Ameise arrangiert und angefreundet - und dann gibt es eine Störung in dem Ökosystem. Die Ameise verliert total die Orientierung - bei höheren Tieren gibt's dann Übersprungshandlungen. Je nach innerem Gerüst braucht's gar nicht so viel und die Menschen brechen innerlich zusammen. Aber an der Pathologisierung verdienen ja Viele - und sie entspricht dem Konsens von Gewinnern mit guter Bildung und richtiger innerer Einstellung und dem restlichen Schei*haufen. Es bräuchte einen Konsens darüber, dass es in Ordnung ist, faul zu sein, nicht lebenslang zu lernen. Aber ausnahmslos alle haben in einer reichen Gesellschaft wie unserer ein Recht auf ein Dasein - nicht bloße Existenz. Und das werden die bezahlen müssen, die von dieser reichen Gesellschaft profitieren. Tun sie's nicht, werden die Armen und Kranken die Gesunden und Wohlhabenden einfach auffressen - es gibt keine natürliche Grenze in dieser Entwicklung. Der Manchesterkapitalismus ist jederzeit wiederholbar.
UnitedEurope 27.01.2013
4. Titellos
Zitat von asperixWorüber ich mich aufrege? Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman. Verbände und Vereine im Bereich Autismus bemühen sich um Aufklärung und haben es in den letzten zehn Jahren immerhin schon geschafft, dass nicht jeder sagt "Du kannst kein Autist sein, du sprichst ja." wenn man sich outet. Ein echter Fortschritt nach Briseños Griff ins Klo vor Weihnachten wäre gewesen, sie hätte einen repräsentativen Querschnitt gebracht. Nicht Superbrain, promovierte Ärztin und überdurchschnittliche Schüler. Was soll das? Wer aufklären möchte (und das war am 18.12.12 ja so angekündigt: In den kommenden Wochen plant SPIEGEL ONLINE, das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist.), sollte eine Sache so darstellen, wie sie ist und nicht wie das Privatfernsehen auf sensationsheischende Weise einen außergewöhnlichen Aspekt herausgreifen. Das "hintergründiger" ist hiermit (wie zu erwarten) in die Hose gegangen. Es ist wieder ein Beitrag dazu, das Leben und den Alltag von durchschnittlichen Autisten zu erschweren. Vielleicht gibt es ja noch einen Artikel, in dem tatsächlich dargestellt wird, was Autismus für Autisten bedeutet. Und wenn eine Journalistin ihre Berufsbezeichnung verdient hat, kann sie auch daraus einen interessanten Artikel machen.
Der Artikel besteht ausschließlich aus vier Teilstücken, in denen Menschen mit Asperger (oder mit Asperger-verwandten Snydromen) ihre Geschichte erzählen. Machen Sie doch diesen Menschen oder den Eltern einen Vorwurf, dass sie nicht tiefer eingehen. Ich persönlich fande diesen Artikel sehr interessant, zeigt er doch die Sichtweise der "Betroffenen". Ganz besonders den letzten Teil fande ich ermutigend: Es ist schön zu sehen, dass wir vor 70 Jahren Menschen die wir nicht verstanden oder die nicht der Norm entsprachen vergasten, während wir uns heute aktiv bemühen, auch solchen Menschen einen geregelten, Mobbing-freien Tagesablauf zu ermöglichen. "Den Zustand einer Gesellschaft kann man daran erkennen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht."
asperix 27.01.2013
5. Boandlgramer
Zitat von BoandlgramerAsperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu. Ich denke sogar, dass Autismus eine eigentlich normale Variante menschlichen Fühlens und Verhaltens ist - was nichts an der Dringlichkeit ändert, dass die Betroffenen einen Weg finden müssen, wie sie damit umgehen können. Wir leben in einer menschenfeindlichen Gesellschaft, die jedem Individuum signalisiert, dass es ausgestoßen werden wird, wenn es nicht den Normen entspricht. Die Normen werden vollkommen gedankenlos von Idioten und Ökonomen gesetzt und durch permanente Wiederholung verfestigt. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, wie er sich davon wieder freimacht - sofern er nicht nicht ohnehin der Meinung ist, er gehört zu den Gewinnern der Selektion. Medienkonsum ist ein Weg, Verweigerung ein anderer. Kindern steht aber dieser Katalog aus Selbstreflektion und mehr oder weniger bewusster Verhaltensänderung nicht zur Verfügung, sie flüchten in scheinbar irrationale Verhaltensweisen; reimen sich ihre eigenen kruden Wahrheiten zusammen und leben dann danach. Auch viele Erwachsene tun sich damit schwer: Einerseits haben sie sich jahrzehntelang als Arbeitnehmer mit ihrem Dasein als Ameise arrangiert und angefreundet - und dann gibt es eine Störung in dem Ökosystem. Die Ameise verliert total die Orientierung - bei höheren Tieren gibt's dann Übersprungshandlungen. Je nach innerem Gerüst braucht's gar nicht so viel und die Menschen brechen innerlich zusammen. Aber an der Pathologisierung verdienen ja Viele - und sie entspricht dem Konsens von Gewinnern mit guter Bildung und richtiger innerer Einstellung und dem restlichen Schei*haufen. Es bräuchte einen Konsens darüber, dass es in Ordnung ist, faul zu sein, nicht lebenslang zu lernen. Aber ausnahmslos alle haben in einer reichen Gesellschaft wie unserer ein Recht auf ein Dasein - nicht bloße Existenz. Und das werden die bezahlen müssen, die von dieser reichen Gesellschaft profitieren. Tun sie's nicht, werden die Armen und Kranken die Gesunden und Wohlhabenden einfach auffressen - es gibt keine natürliche Grenze in dieser Entwicklung. Der Manchesterkapitalismus ist jederzeit wiederholbar.
Bitte sprechen Sie vor einer weiteren Pauschalaussage über Autismus oder Asperger-Syndrom mit Menschen, die das haben. Monotropismus, Fehlen intuitiver(!) sozialer Interaktion, mangelnder bis fehlender Bezug zur Umwelt und die mit teilweise extrem empfindlichen Sinnen einhergehende Reizüberflutung sind mehr als eine "Normvariante". Das ist durchaus pathologisch, auch wenn man das selber nicht so gerne hört. Wenn Sie den Austausch mit Autisten wünschen, kann ich Ihnen ein paar Anlaufstellen nennen. Gruß Lasse von Dingens
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