Autismus: "Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert"

Von Cinthia Briseño

3. Teil: Bastian Hamer, Berufsschüler: "Es macht mit wütend, wenn Mitschüler mich anlügen"

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Menschen mit Nummern: Vielen Autisten fällt es schwer, Gesichter zu erkennen

"Es macht mich wütend, wenn Mitschüler mich anlügen"

Bastian Hamer*, 16, Asperger-Autist, Schüler

"Ich bin im ersten Schuljahr einer kaufmännischen Berufsfachschule. Oft loben mich die Lehrer für meine überdurchschnittlichen Leistungen. In der großen Pause gehe ich normalerweise direkt ins nächste Klassenzimmer und warte dort bis der Unterricht weitergeht.

Witze, die meine Klassenkameraden erzählen, verstehe ich häufig nicht. Mit Ironie kann ich genausowenig umgehen. Ich nehme alles gleich ernst. Das verstehen die anderen nicht. Es nervt mich, wenn mich Mitschüler dumm anmachen oder vor anderen über mich und meine Verhaltensweisen herziehen, dann neige ich zu Wutausbrüchen. Die Diagnose Asperger-Syndrom bekam ich Mitte 2009, da war ich 13. Besonders erschreckt hat mich das aber nicht. Denn eigentlich wusste ich schon, dass ich anders als 'normale' Menschen bin.

Umarmungen sind unerträglich

Freunde in der Schule habe ich nicht. Denn obwohl meine Mitschüler wissen, dass ich Asperger-Autist bin, verstehen sie nicht genau, was das ist und wie sie damit umgehen sollen. Vor einigen Wochen wollte mich ein Klassenkamerad freundschaftlich umarmen. Ich habe das aber nicht zugelassen, denn ich kann das nicht ab. Das ist typisch für Asperger-Autisten, wir mögen körperliche Nähe nicht.

Einmal haben mich zwei Mitschüler nach der Schule verfolgt. Sie stiegen in den gleichen Zug und liefen mit etwas Abstand hinter mir her. Bis vor meine Haustüre. Als ich sie am nächsten Tag darauf ansprach und fragte, warum sie das getan hätten, taten sie so, als ob sie von nichts wüssten. Das war natürlich gelogen. Das gefällt mir gar nicht und macht mich wütend. Da ich nicht lügen kann, wie eigentlich alle Autisten, kann ich diese Handlungsweise nicht verstehen.

Demnächst wird ein Beratungslehrer von der Schulpsychologischen Beratungsstelle in die Klasse kommen. Er wird den Schülern und Lehrern genau erklären, was das Asperger-Syndrom ist und warum ich mich so verhalte. Bis Ende 2012 habe ich auch Stunden bei einer Heilpädagogin genommen. Für das Training mit der Pädagogin habe ich jetzt aber keine Zeit mehr, denn in meiner Freizeit mache ich sehr viel Musik: Ich spiele Klavier und Orgel und habe vor kurzem auch noch mit Gesangsunterricht angefangen. Musik ist meine große Leidenschaft. Dafür lebe ich."

*Name geändert

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insgesamt 167 Beiträge
seedistel 27.01.2013
Da ist ihnen leider ein grober Fehler unterlaufen. HFA (Hochfunktionaler Autismus gehört nicht zum Asperger sondern zum Kanner Autismus, also zum sog. klassischen Autismus. Die beiden Begriffe Asperger und HFA werden leider immer [...]
Da ist ihnen leider ein grober Fehler unterlaufen. HFA (Hochfunktionaler Autismus gehört nicht zum Asperger sondern zum Kanner Autismus, also zum sog. klassischen Autismus. Die beiden Begriffe Asperger und HFA werden leider immer noch miteinander verwechselt, bzw. als austauschbar angesehen. Miet freundlichem Gruss, Seedistel
asperix 27.01.2013
Worüber ich mich aufrege? Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman. Verbände und Vereine im Bereich [...]
Worüber ich mich aufrege? Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman. Verbände und Vereine im Bereich Autismus bemühen sich um Aufklärung und haben es in den letzten zehn Jahren immerhin schon geschafft, dass nicht jeder sagt "Du kannst kein Autist sein, du sprichst ja." wenn man sich outet. Ein echter Fortschritt nach Briseños Griff ins Klo vor Weihnachten wäre gewesen, sie hätte einen repräsentativen Querschnitt gebracht. Nicht Superbrain, promovierte Ärztin und überdurchschnittliche Schüler. Was soll das? Wer aufklären möchte (und das war am 18.12.12 ja so angekündigt: In den kommenden Wochen plant SPIEGEL ONLINE, das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist.), sollte eine Sache so darstellen, wie sie ist und nicht wie das Privatfernsehen auf sensationsheischende Weise einen außergewöhnlichen Aspekt herausgreifen. Das "hintergründiger" ist hiermit (wie zu erwarten) in die Hose gegangen. Es ist wieder ein Beitrag dazu, das Leben und den Alltag von durchschnittlichen Autisten zu erschweren. Vielleicht gibt es ja noch einen Artikel, in dem tatsächlich dargestellt wird, was Autismus für Autisten bedeutet. Und wenn eine Journalistin ihre Berufsbezeichnung verdient hat, kann sie auch daraus einen interessanten Artikel machen.
Boandlgramer 27.01.2013
Asperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu. Ich denke [...]
Asperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu. Ich denke sogar, dass Autismus eine eigentlich normale Variante menschlichen Fühlens und Verhaltens ist - was nichts an der Dringlichkeit ändert, dass die Betroffenen einen Weg finden müssen, wie sie damit umgehen können. Wir leben in einer menschenfeindlichen Gesellschaft, die jedem Individuum signalisiert, dass es ausgestoßen werden wird, wenn es nicht den Normen entspricht. Die Normen werden vollkommen gedankenlos von Idioten und Ökonomen gesetzt und durch permanente Wiederholung verfestigt. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, wie er sich davon wieder freimacht - sofern er nicht nicht ohnehin der Meinung ist, er gehört zu den Gewinnern der Selektion. Medienkonsum ist ein Weg, Verweigerung ein anderer. Kindern steht aber dieser Katalog aus Selbstreflektion und mehr oder weniger bewusster Verhaltensänderung nicht zur Verfügung, sie flüchten in scheinbar irrationale Verhaltensweisen; reimen sich ihre eigenen kruden Wahrheiten zusammen und leben dann danach. Auch viele Erwachsene tun sich damit schwer: Einerseits haben sie sich jahrzehntelang als Arbeitnehmer mit ihrem Dasein als Ameise arrangiert und angefreundet - und dann gibt es eine Störung in dem Ökosystem. Die Ameise verliert total die Orientierung - bei höheren Tieren gibt's dann Übersprungshandlungen. Je nach innerem Gerüst braucht's gar nicht so viel und die Menschen brechen innerlich zusammen. Aber an der Pathologisierung verdienen ja Viele - und sie entspricht dem Konsens von Gewinnern mit guter Bildung und richtiger innerer Einstellung und dem restlichen Schei*haufen. Es bräuchte einen Konsens darüber, dass es in Ordnung ist, faul zu sein, nicht lebenslang zu lernen. Aber ausnahmslos alle haben in einer reichen Gesellschaft wie unserer ein Recht auf ein Dasein - nicht bloße Existenz. Und das werden die bezahlen müssen, die von dieser reichen Gesellschaft profitieren. Tun sie's nicht, werden die Armen und Kranken die Gesunden und Wohlhabenden einfach auffressen - es gibt keine natürliche Grenze in dieser Entwicklung. Der Manchesterkapitalismus ist jederzeit wiederholbar.
UnitedEurope 27.01.2013
Der Artikel besteht ausschließlich aus vier Teilstücken, in denen Menschen mit Asperger (oder mit Asperger-verwandten Snydromen) ihre Geschichte erzählen. Machen Sie doch diesen Menschen oder den Eltern einen Vorwurf, dass [...]
Zitat von asperixNicht dass ich erwartet hätte, dass es nach dem letzten mehr als unglücklichen Artikel jetzt eine Kehrtwende hätte geben können... Mit ungeahnter Unsensibilität pflügt sie sich wieder durch ein Thema, zu dem ihr offensichtlich immer noch der Zugang fehlt. Worüber ich mich aufrege? Zuerst wird Asperger kurz vor Weihnachten mit Massenmord in Verbindung gebracht und jetzt (wieder mal) mit außergewöhnlichen Kunststückchen im Stile von Rainman. Verbände und Vereine im Bereich Autismus bemühen sich um Aufklärung und haben es in den letzten zehn Jahren immerhin schon geschafft, dass nicht jeder sagt "Du kannst kein Autist sein, du sprichst ja." wenn man sich outet. Ein echter Fortschritt nach Briseños Griff ins Klo (haha ich kann kein Autist sein, ich verwende Redewendungen haha) vor Weihnachten wäre gewesen, sie hätte einen repräsentativen Querschnitt gebracht. Nicht Superbrain, promovierte Ärztin und überdurchschnittliche Schüler. Was soll das? Wer aufklären möchte (und das war am 18.12.12 ja so angekündigt: In den kommenden Wochen plant SPIEGEL ONLINE, das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist.), sollte eine Sache so darstellen, wie sie ist und nicht wie das Privatfernsehen auf sensationsheischende Weise einen außergewöhnlichen Aspekt herausgreifen. Das "hintergründiger" ist hiermit (wie zu erwarten) in die Hose gegangen. Es ist wieder ein Beitrag dazu, das Leben und den Alltag von durchschnittlichen Autisten zu erschweren. Vielleicht gibt es ja noch einen Artikel, in dem tatsächlich dargestellt wird, was Autismus für Autisten bedeutet. Und wenn eine Journalistin ihre Berufsbezeichnung verdient hat, kann sie auch daraus einen interessanten Artikel machen. Der ursprüngliche Artikel (Verstoß gegen Artikel 12 des Pressecodex) Adam Lanza: Litt der Amokläufer von Newtown am Asperger-Syndrom? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/adam-lanza-litt-der-amoklaeufer-von-newtown-am-asperger-syndrom-a-873088.html) Ein erstes Zurückrudern und die Ankündigung von der ausgebliebenen Besserung: Newtown-Berichterstattung: Autisten verurteilen Stigmatisierung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/newtown-berichterstattung-autisten-verurteilen-stigmatisierung-a-873364.html)
Der Artikel besteht ausschließlich aus vier Teilstücken, in denen Menschen mit Asperger (oder mit Asperger-verwandten Snydromen) ihre Geschichte erzählen. Machen Sie doch diesen Menschen oder den Eltern einen Vorwurf, dass sie nicht tiefer eingehen. Ich persönlich fande diesen Artikel sehr interessant, zeigt er doch die Sichtweise der "Betroffenen". Ganz besonders den letzten Teil fande ich ermutigend: Es ist schön zu sehen, dass wir vor 70 Jahren Menschen die wir nicht verstanden oder die nicht der Norm entsprachen vergasten, während wir uns heute aktiv bemühen, auch solchen Menschen einen geregelten, Mobbing-freien Tagesablauf zu ermöglichen. "Den Zustand einer Gesellschaft kann man daran erkennen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht."
asperix 27.01.2013
Bitte sprechen Sie vor einer weiteren Pauschalaussage über Autismus oder Asperger-Syndrom mit Menschen, die das haben. Monotropismus, Fehlen intuitiver(!) sozialer Interaktion, mangelnder bis fehlender Bezug zur Umwelt und [...]
Zitat von BoandlgramerAsperger gehört imo zu den sinnlosen Pathologisierungen, die von der Norm abweichende Sozialisierungen den Anstrich einer behandelbaren Krankeit geben. Da gehören AD(H)S und vermutlich die meisten Depressionen dazu. Ich denke sogar, dass Autismus eine eigentlich normale Variante menschlichen Fühlens und Verhaltens ist - was nichts an der Dringlichkeit ändert, dass die Betroffenen einen Weg finden müssen, wie sie damit umgehen können.
Bitte sprechen Sie vor einer weiteren Pauschalaussage über Autismus oder Asperger-Syndrom mit Menschen, die das haben. Monotropismus, Fehlen intuitiver(!) sozialer Interaktion, mangelnder bis fehlender Bezug zur Umwelt und die mit teilweise extrem empfindlichen Sinnen einhergehende Reizüberflutung sind mehr als eine "Normvariante". Das ist durchaus pathologisch, auch wenn man das selber nicht so gerne hört. Wenn Sie den Austausch mit Autisten wünschen, kann ich Ihnen ein paar Anlaufstellen nennen. Gruß Lasse von Dingens
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  • Sonntag, 27.01.2013 – 10:58 Uhr
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Was ist Autismus?
Störungen innerhalb des sogenannten Autismus-Spektrums sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Es wird zwischen frühkindlichem Autismus, dem Asperger-Syndrom und dem Atypischen Autismus unterschieden. Weil in der Praxis zunehmend leichtere Formen der einzelnen Störungsbilder diagnostiziert werden und die Unterscheidung in der Praxis immer schwerer fällt, werden die unterschiedlichen Ausprägungen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.

Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Deshalb sind ihre Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen selten angemessen, und sie haben Schwierigkeiten, ihr Verhalten an eine soziale Situation anzupassen.

Auch die Entwicklung des Sprachgebrauchs und des Sprachverständnis ist betroffen: Autistischen Menschen fällt es schwer, etwa ihre Sprachmelodie oder ihre Tonlage an die Situation anzupassen. Ebenso gebrauchen sie kaum Gestik, um den Sinn einer Aussage zu unterstreichen.

Alltägliche Aufgaben führen Autisten meist starr und routiniert aus. Typisch sind sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Kinder beschäftigen sich beispielsweise gerne häufig mit Fahrplänen oder anderen Datensammlungen. Veränderungen von Handlungsabläufen oder etwa der Wohnungseinrichtung können Autisten Probleme bereiten und für teils heftige Reaktionen sorgen.





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