Autismus: "Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert"
4. Teil: Meike und Horst Brendel, Eltern: "Ihr Kind spricht in der Schule nicht"
"Ihr Kind spricht in der Schule nicht"
Meike und Horst Brendel*, 59 und 63, Eltern einer 17-jährigen Asperger-Autistin
"Als Annika* drei Jahre alt war, fiel uns auf, wie schwer ihr das Sprechenlernen fiel. Im Kindergarten war sie sehr schüchtern und fand kaum Anschluss. Aber eine dreijährige Sprachtherapie brachte Besserung. Annika konnte alle Buchstaben richtig aussprechen und sich mit uns unterhalten, auch wenn sie oft Zeit brauchte, um zu überlegen, was sie sagen wollte. Bis zur Einschulung schien sie Dank der Therapie ihre größten Probleme überwunden zu haben.
Dann kam der Schulalltag - und mit ihm die Verwunderung der Lehrer und der Mitschüler: Mitunter brauchte Annika mehr als zehn Sekunden, bis sie auf eine Frage antwortete. Ihre Lehrerin schimpfte sie oft aus und drängte sie dazu, mehr zu reden. Annika aber stellte das Reden in der Schule schließlich völlig ein. Vier Jahre lang bekamen wir immer wieder zu hören: 'Ihr Kind spricht in der Schule nicht.' Dabei redete sie zu Hause sehr viel und war an allem interessiert.
Telefongespräche üben
Auch auf dem Gymnasium sprach unsere Tochter kaum. Und so suchten wir eine Gruppen-Sprachtherapie für sie. Dort übte sie zum Beispiel Telefongespräche oder Gesprächssituationen beim Einkaufen. Das stärkte ihr Selbstbewusstsein. Schließlich begann sie in der siebten Klasse allmählich, auch in der Schule zu reden.
Vieles blieb dennoch schwierig, auch für uns: Es tat weh zu sehen, wie Annika von ihren Mitschülern oft gemobbt wurde. Nur selten war sie zu Geburtstagsfeiern von anderen eingeladen. Wenn wir bei uns zu Hause ihren Geburtstag feierten, bekam sie viele Absagen. Dennoch ermutigten wir Annika stets, über Schüler-VZ oder andere Foren Kontakt mit ihren Mitschülern aufzunehmen. Auf diese Weise fand sie sogar eine Freundin, mit der sie öfter die Nachmittage zusammen verbrachte.
Erst als Annika 14 war, stellten Psychologen die Diagnose 'hochfunktional autistisch'. Beim hochfunktionalen Autismus ist im Gegensatz zum Asperger-Syndrom die allgemeine Sprachentwicklung verzögert. Dennoch liegt die Störung im Autismusspektrum im Bereich des Asperger-Syndroms und hat damit viele typische Symptome gemein, wie etwa motorische Probleme oder Schwierigkeiten bei der Erkennung von Mimik und Gestik. Für uns war die Diagnose eine große Erleichterung. Endlich waren alle Besonderheiten unserer Tochter erklärbar.
Eine Schulbegleiterin half bei der Integration
Nach der Diagnose setzten wir uns dafür ein, dass Annika eine Schulbegleiterin bekommt. Sie half ihr bei der Integration in die Klasse und konnte sie auch vor Angriffen der Mitschüler schützen. Inzwischen ist unsere Tochter 17 Jahre alt und im zweiten Jahr der Oberstufe eines technischen Gymnasiums.
Wir haben uns für eine Schule entschieden, in der es noch Klassen statt Kurse gibt. So muss sie sich nicht andauernd an wechselnde Personen gewöhnen. Annika ist gesichtsblind. Das heißt, ihr fällt es sehr schwer, Klassenkameraden oder Lehrer wiederzuerkennen.
Manche Mitschüler empfinden es zwar als unfair, wenn Annika beispielsweise mehr Zeit für Klausuren bekommt oder teilweise anders benotet wird. Doch wir schätzen es sehr, dass die Schulleitung bereit ist, neue Wege zu gehen, die in der Politik viel erwähnte Inklusion zu fördern.
Mit den üblichen Smalltalk-Themen von Teenagern über Mode oder Freunde kann Annika nach wie vor nichts anfangen. Aber es gibt Schülerinnen, die sogar sehr gerne mit ihr zusammenarbeiten, weil es besonders produktiv ist. Unsere Tochter ist auf dem besten Weg, sowohl in der Schule als auch im Alltag selbständiger zu werden. Fremden Menschen fällt es kaum noch auf, dass sie 'anders' ist.
*Namen geändert
Protokolle: Cinthia Briseño
- 1. Teil: "Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert"
- 2. Teil: Christine Preißmann, Psychotherapeutin: "Ohne feste Strukturen kann ich meinen Alltag kaum bewältigen"
- 3. Teil: Bastian Hamer, Berufsschüler: "Es macht mit wütend, wenn Mitschüler mich anlügen"
- 4. Teil: Meike und Horst Brendel, Eltern: "Ihr Kind spricht in der Schule nicht"
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- Christine Preißmann:

Asperger - Leben in zwei Welten
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Follow @SPIEGEL_GesundMenschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Deshalb sind ihre Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen selten angemessen, und sie haben Schwierigkeiten, ihr Verhalten an eine soziale Situation anzupassen.
Auch die Entwicklung des Sprachgebrauchs und des Sprachverständnis ist betroffen: Autistischen Menschen fällt es schwer, etwa ihre Sprachmelodie oder ihre Tonlage an die Situation anzupassen. Ebenso gebrauchen sie kaum Gestik, um den Sinn einer Aussage zu unterstreichen.
Alltägliche Aufgaben führen Autisten meist starr und routiniert aus. Typisch sind sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Kinder beschäftigen sich beispielsweise gerne häufig mit Fahrplänen oder anderen Datensammlungen. Veränderungen von Handlungsabläufen oder etwa der Wohnungseinrichtung können Autisten Probleme bereiten und für teils heftige Reaktionen sorgen.
Häufig sind Menschen mit Asperger-Syndrom motorisch ungeschickt. Die meisten von ihnen besitzen eine normale allgemeine Intelligenz; in Teilgebieten kann ihre Intelligenz besonders hoch sein. Oft wird die Diagnose Asperger-Syndrom erst im Jugend- oder Erwachsenenalter gestellt.
Autistische Kinder können zunächst keine Geste, kein Lächeln, kein Wort verstehen. Sie ziehen sich zurück und kapseln sich ab. Jede Veränderung in Ihrer Umwelt erregt sie stark. Autistische Kinder können nicht spielen und benutzen ihr Spielzeug in immer gleicher, oft zweckentfremdeter Art und Weise. Sie entwickeln Stereotypien: etwa das Drehen und Kreiseln von Rädern und anderen Dingen, das Wedeln mit Fäden oder Papier.
Autistische Kinder haben häufig vom Säuglingsalter an Probleme beim Essen und beim Schlafen und entwickeln selbststimulierende Verhaltensweisen, die bis zur Selbstverletzung reichen können. Sie bestehen zwanghaft auf ganz bestimmte Ordnungen. Sie weigern sich beispielsweise, bestimmte Kleidung zu tragen, wiederholen immer wieder bestimmte Verhaltensweisen oder sprachliche Äußerungen oder Sammeln exzessiv bestimmte Gegenstände. Oft bringen sie damit ihre Eltern zur Verzweiflung.
Die intellektuelle Begabung autistischer Kinder ist sehr unterschiedlich. Sie reicht von geistiger Behinderung bis hin zu normaler Intelligenz. In Teilbereichen entwickeln die Kinder häufig erstaunliche Fähigkeiten, etwa in technischen Disziplinen oder der Musik.
Schätzungen zufolge sind in Europa, Kanada und den USA ein bis zwei von tausend Kindern von frühkindlichem Autismus betroffen. Verlässliche Zahlen, wie häufig die Störung in Deutschland auftritt, gibt es bisher nicht. Zwar können autismusbedingte Beeinträchtigungen mit Hilfe von speziellen Therapien und Trainings gebessert oder kompensiert werden. Eine Heilung ist aber nicht möglich. Die meisten Menschen mit Autismus benötigen lebenslange Hilfe und Unterstützung.
Trotz umfangreicher Forschungsergebnisse gibt es bisher kein Erklärungsmodell, das vollständig und schlüssig die Entstehungsursachen des frühkindlichen Autismus belegen kann.
Quelle: autismus Deutschland e.V.
- Autismus-Therapie: Der Weg ins fast normale Leben (28.01.2013)
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